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Jessica stellt zwei Pappbecher auf den Tisch. Sie hat sich am Automaten Tee geholt. Lisas Vater hat um Wasser gebeten. Nicht eiskalt, sondern lauwarm. Danke.

Sie sitzen in einem Raum, den der Zoll für Befragungen verwendet, Jusuf spricht auf der anderen Seite des Flurs mit Lisas Mutter.

»Nehmen Sie bitte Platz«, sagt Lisa und wirft einen Blick auf den Pass, den der Mann auf ihre Bitte hin vorgelegt hat. Hirokazu Yamamoto.

Hirokazu streicht sich über die Fingerknöchel. Von Minute zu Minute wirkt er nervöser, misstrauischer und impulsiver. Dennoch kann Jessica sich schwer vorstellen, dass er die Beherrschung verliert: Sein gepflegtes Erscheinungsbild deutet auf einen Charakter hin, zu dem es einfach nicht passt, seine Gefühle offen zu zeigen.

»Lisa«, sagt Hirokazu und setzt sich, wobei die Beine des Aluminiumstuhls auf dem glatten Betonfußboden scharren. Seine schwarze Anzugjacke hat er über die Lehne gelegt. »Wo ist Lisa?«

»Wir tun unser Bestes, um …«

»Wir waren zwei Wochen weg«, erklärt Hirokazu, die Hände in den Schoß gelegt.

Jessica verschränkt die Finger auf dem Tisch und betrachtet den Mann. Hirokazu Yamamoto ist tatsächlich eine irgendwie bedrohliche Gestalt, nicht nur wegen seiner Körpergröße. Sie muss zwangsläufig an das denken, was Frank Dominis ihr erzählt hat: dass Lisa Angst vor ihrem Vater hat. Die Augen des Mannes sind wie bei einem Hai, sie sind tot und seelenlos. Wer sind Sie, Herr Yamamoto?

»Ich weiß«, sagt Jessica. »Es muss sehr schwer für Sie sein.«

Hirokazu nickt ein paar Mal.

»Ja«, sagt er und kratzt sich am Kopf. An der Schläfe ist eine dünne, lange Narbe zu sehen.

»Haben Sie irgendeine Idee, was mit Lisa passiert sein könnte?«, fragt Jessica und merkt, dass sie gespannt auf die Reaktion des Mannes wartet, darauf, was er als Nächstes sagt und wie.

Hirokazu scheint sich von der Frage jedoch nicht provozieren zu lassen, sondern schüttelt nur langsam den Kopf.

»Haben Sie oder Lisas Mutter Feinde?«, fährt Jessica fort.

Hirokazu sieht sie kurz an. »Die Lisa angegriffen hätten?«, fragt er zurück.

»Vorläufig wissen wir noch nicht, ob irgendwer irgendwen angegriffen hat«, antwortet Jessica und fügt hinzu: »Aber wir müssen es herausfinden.«

»Kennen Sie die Firma SuperServis?«

Jessica nickt. Sie hat sich gestern Abend mit den Informationen über Hirokazu vertraut gemacht.

»Eine Reinigung«, sagt Hirokazu. »Sieben Filialen. Helsinki, Tampere, Lahti, Kouvola, Oulu.« Er zählt die Städte an den Fingern seiner linken Hand ab. An sehr dicken Fingern.

»Ich bin ein Reinigungsunternehmer. Sagen Sie mir, wer einen Reinigungsunternehmer hasst«, fügt er hinzu und breitet die Arme aus. »Ich sage es Ihnen: Niemand. Es gibt keine Feinde.«

Jessica nickt. Diese Karte ist ausgespielt. Zeit, das As auf den Tisch zu legen.

»Sie sind 1998 nach Finnland gezogen, als Lisa drei war, nicht wahr?«, fragt sie.

Hirokazu nickt, langsam und nachdrücklich. Auf eine Art, die Jessica erst vor einigen Minuten zum ersten Mal gesehen hat, die sie von nun an aber immer wiedererkennen würde.

»Kondo«, sagt sie. In den Augen des Mannes stirbt etwas. Sie verlieren schlagartig ihre Selbstsicherheit, und die Pupillen färben sich leicht rötlich. Dann lächelt Hirokazu zum ersten Mal, gibt aber keine Antwort.

»Das ist der ehemalige Familienname von Lisa und Ihnen, nicht wahr?«, fährt Jessica fort.

Der Mann schweigt immer noch, lässt Jessica aber nicht aus den Augen. Sein Stolz verbietet es ihm wegzuschauen, selbst wenn er den Kampf verloren hat. Genau wie Jessica erwartet hat, wird Hirokazu keinem die Genugtuung geben, seine Niederlage einzugestehen.

»Nicht wahr?«, hakt sie nach.

»Was hat das damit zu tun, wo Lisa ist?«, fragt Hirokazu schließlich und kratzt sich am Handgelenk, an dem er eine goldene Uhr trägt.

»Das weiß ich nicht«, antwortet Jessica ruhig. »Aber wir müssen mögliche Verbindungen ausschließen können, auch wenn es vielleicht unangenehm erscheint. Deshalb bitte ich Sie, meine Fragen möglichst offen zu beantworten.«

Hirokazu blinzelt, als wären seine Augen bei dem langen Blickduell trocken geworden. Dann greift er nach seinem Becher und leert ihn. Es kracht, als der Pappbecher in der riesigen Faust verschwindet wie ein Schrottauto in einer hydraulischen Presse.

»Ein langer Flug. Zwei Flüge«, sagt er.

»Warum sind Sie mit Lisa nach Finnland gezogen? Und haben Ihren Nachnamen geändert? Hatten Sie in Japan Schwierigkeiten mit der Polizei?«

Hirokazu antwortet nicht. Jessica weiß, dass die Antwort trotzdem nicht lange auf sich warten lässt. Spätestens um die Mittagszeit werden sie von der japanischen Polizei Informationen über Hirokazu Kondo erhalten. Aber gerade jetzt ist jede Minute wichtig. Möglicherweise ist Lisa noch am Leben, und das müsste ihr Vater begreifen.

»Herr Yamamoto.« Jessica verwendet den Namen, den der Mann in Finnland für sich gewählt hat, um ihm Achtung zu erweisen. »Alle Fragen, die ich Ihnen stelle, dienen einzig und allein dem Zweck, Lisa zu finden. Was vor zwanzig Jahren in Japan passiert ist, interessiert mich oder die Polizei nicht im Geringsten.«

Der Mann antwortet nicht. Hinter der Tür ist eine Durchsage zu hören, in der die Reisenden ermahnt werden, ihr Gepäck im Auge zu behalten. Jessica nippt an ihrem Tee, der aber immer noch zu heiß ist.

Die Karten auf den Tisch, Hirokazu Yamamoto.

»Sie haben Lisa gesagt, dass sie nicht in den sozialen Medien aktiv sein soll. Warum?«

Hirokazu schüttelt den Kopf und räuspert sich. »Das stimmt nicht«, sagt er und hebt das Kinn einige Zentimeter höher.

»Wirklich nicht?« Jessica senkt den Blick auf ihre Notizen und bemüht sich um einen härteren Tonfall. »Sie haben also Ihre Tochter mitgenommen und sind ans andere Ende der Welt gezogen. Sie haben Ihren Namen gewechselt. Als Erstes haben Sie ein großes Blockhaus in Järvenpää gekauft. Ein gediegenes Zuhause, aber passenderweise ein wenig abseits gelegen. Sie haben geheiratet, eine Reinigung gegründet. Dann eine zweite. Kein Rampenlicht, nur Familie und Arbeit. Ihre Tochter wurde erwachsen und zog nach Helsinki. Fing an, ihren Lebensunterhalt als Influencerin zu verdienen. Zehn-, fünfzig-, hundert-, zweihunderttausend Follower. Sie begannen sich Sorgen zu machen. Warum? Mir scheint, Sie haben befürchtet, dass die moderne Informationstechnik alles zerstören würde, was Sie mühsam aufgebaut hatten. Dass Lisas Aktivitäten in den sozialen Medien Sie enthüllen würden. Dass irgendwer in Japan Lisa erkennen könnte. Natürlich nicht ihr Gesicht, sie war ja noch ein kleines Kind, als Sie Japan verlassen haben. Aber jemand konnte womöglich eins und eins zusammenzählen. Eine 24jährige Bloggerin, geboren in Japan. 1998 nach Finnland gezogen. Unwahrscheinlich? Ja, sehr. Möglich? Warum nicht. Und deshalb haben Sie Lisa befohlen aufzuhören. Warum ein unnötiges Risiko eingehen? Wieso könnte nicht einer von hunderttausenden Followern eine potenzielle Bedrohung sein …«

Im selben Moment spürt Jessica, wie der Aluminiumtisch unter ihren Händen wegrutscht und auf die weiße Betonwand zufliegt. Es knallt laut, und der rote Tee spritzt auf den Boden wie Blut aus einer Schusswunde. Jessica weicht zur Wand zurück, ihr Stuhl kippt um, und sie stolpert über ihn.

Ihre Hand tastet nach der Waffe.

»Sie wissen nicht, wovon Sie reden!«, brüllt Hirokazu. Er steht direkt vor Jessica und zeigt mit seinem dicken Zeigefinger auf sie. »Sie verstehen nichts!«

Jessica versucht aufzustehen, aber der Schatten des riesigen Mannes über ihr lässt sie zögern. Wenn Hirokazu jetzt zuschlägt, wenn er seine großen Hände um ihren Hals legt, würde er es zweifellos schaffen, sie zu erwürgen oder ihr das Genick zu brechen, bevor Jusuf oder irgendwer sonst ihr zu Hilfe eilen kann.

»Suchen Sie nur Lisa! Suchen Sie Lisa, verdammt!«, schreit Hirokazu. Speichel spritzt ihm aus dem Mund.

Aber er schlägt nicht zu. Und erwürgt sie nicht. Er wischt sich unsichtbaren Staub vom Hemd, weicht langsam zurück und greift nach seiner Anzugjacke.

Schwer atmend wie ein wütender Stier geht er zur Tür, reißt sie auf und steht Jusuf gegenüber, der gerade hereinstürmen will. Jusuf betrachtet Hirokazu, den umgefallenen Tisch, die an der Rückwand lehnende Jessica und die Teepfütze auf dem Fußboden.

»Was geht hier vor?«, fragt er, und einen Augenblick lang hat es den Anschein, als wolle Hirokazu ihn über den Weg rennen. Die beiden Männer sehen sich an wie Hähne im Hühnerstall, kampfbereit.

»Wir sind fertig, Jusuf. Bring Herrn Yamamoto nach draußen«, sagt Jessica und bemüht sich, ihren Atem unter Kontrolle zu bringen.

Und da sieht sie etwas, was ihr bisher völlig entgangen ist: Einer der dicken Finger ist kürzer als die anderen. Hirokazu fehlt mindestens die Hälfte des kleinen Fingers an der rechten Hand.