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»Rasse hat diese Angaben gerade vom Operator bekommen«, sagt Jessica und verteilt Ausdrucke, auf denen es von Telefonnummern und Namen wimmelt.

»Was sind das für Nummern?«, fragt Harjula und zieht einen der Bögen zu sich heran.

»Lisa hatte die ganze Zeit ein geheimes Handy. Auf der Liste stehen die dort eingegangenen Anrufe. Und an eine Nummer hat sie Textnachrichten geschickt«, antwortet Jessica. »Aus den Kommunikationsdaten geht hervor, dass es sich um einen 2010 eröffneten Prepaid-Anschluss handelt, auf den im Oktober 2018 ein weiteres Guthaben aufgeladen wurde. Seitdem wurde der Anschluss aktiv benutzt, also seit gut einem Jahr.«

»Es ist immer dasselbe Schema: Lisa wurde von irgendeiner Nummer angerufen. Sie hat den Anruf nicht angenommen, dafür aber sofort eine SMS abgeschickt. Und zwar immer an ein und dieselbe Nummer«, erklärt Rasmus aufgeregt. »Es sieht also so aus, als wäre sie so eine Art Telefonzentrale gewesen.«

»Stimmt es, dass man den Inhalt einer SMS nachträglich nicht feststellen kann?«, fragt Harjula.

Jusuf nickt. »Ja, leider. Selbst Zwangsmaßnahmen helfen da nicht weiter. Wir könnten die Textnachrichten nur lesen, wenn wir irgendwie an das verfluchte Handy rankämen«, sagt er.

»Wahrscheinlich hat jetzt das Gespenst das Handy und ist mit ihm auf der Flucht«, seufzt Jessica. »Vielleicht ist der Typ gar nicht mehr in Finnland.«

»Moment, gehen wir mal einen Schritt zurück«, mischt sich Hellu ein und blickt auf ihre Smartwatch. Sie wirkt schlecht gelaunt, obwohl der Durchbruch so nah ist. »Was soll denn aus diesen Kommunikationsdaten hervorgehen?«

»Es sind zehn Telefonnummern. Wovon gibt es sonst noch zehn?«, antwortet Jessica mit einer Gegenfrage, was die Stimmung der Hauptkommissarin nicht zu bessern scheint.

»Instagram-Fotos, deren Markierung auf 358 endet«, sagt Harjula.

Jessica nickt. »Genau.«

»Wir haben auch eine Webseite von Lisa gefunden, www.masayoshi.fi, auf der noch vor zwei Monaten ein Katalog mit Mädchen stand. Wir vermuten, dass dort Prostituierte vorgestellt wurden«, sagt Rasmus, hüstelt und fährt fort: »Aber der Inhalt wurde später entfernt.«

»So ähnlich wie die Sekretärinnenschule?«, fragt Nina. »Sex zu kaufen oder zu verkaufen, ist in Finnland nicht illegal. Nur Kuppelei«, fügt sie hinzu, obwohl man annehmen sollte, dass die Anwesenden die Gesetzgebung kennen.

»Aber hier gibt es keine Kontaktdaten«, entgegnet Rasmus und projiziert das Bild von seinem Laptop an die weiße Wand. Nun betrachten alle sechs die jungen Frauen in Manga-Kleidung, die verführerisch in die Kamera lächeln. »Nur die Namen. Oder besser gesagt, die Rollennamen. Wie ihr seht, wurde die uns allen bekannte Ukrainerin Miyamoto getauft.«

»Keine Kontaktdaten?«, fragt Hellu stirnrunzelnd.

»Nein«, antwortet Rasmus. »Wie Nina schon gesagt hat, ist es kein Verbrechen, Sex zu verkaufen, aber dann müsste man auf so einer Escort-Seite die Telefonnummern oder Mail-Adressen der Frauen finden, die ihre Dienste anbieten. Wenn auf der Seite dagegen nur eine einzige Telefonnummer stünde …«

»… würde es sich um Kuppelei handeln«, führt Hellu seinen Satz zu Ende.

»Aber nicht einmal die gibt es hier«, fährt Rasmus fort und scrollt dabei vor und zurück. »Es handelt sich also um einen Katalog ohne Kaufmöglichkeit.«

»Was bedeutet, dass die Kommunikation zwischen dem Kunden und dem Zuhälter über einen anderen Kanal ablief«, erklärt Jessica.

Rasmus starrt an die Decke, wahrscheinlich versucht er, keine Sekunde länger auf seinen Bildschirm oder auf das Bild an der Wand zu schauen als unbedingt nötig.

»Ha«, stößt Harjula fast flüsternd hervor und dehnt seine Arme. Hochgestreckt erinnern sie an die Glieder eines Orang-Utans.

Jessica wendet den Blick von seinen Armen zu Hellu und sieht, wie die Hauptkommissarin Harjula mit einem zufriedenen Lächeln bedenkt.

»Es hat also den Anschein, dass Harjula mit seiner Theorie ins Schwarze getroffen hat. Olga Belousova war tatsächlich eine Prostituierte«, erklärt Hellu. Daraufhin wird es einen Moment lang ganz still im Raum. Jessica verschränkt die Arme. An Olgas Beruf hat nie jemand gezweifelt. Uneinig war man sich nur darüber, warum und unter welchen Umständen sie ihr Leben verloren hat.

»Jedenfalls hat Rasmus vor einer Dreiviertelstunde zusammen mit der technischen Abteilung angefangen, die Telefonnummern auf dieser Liste mit Hotels und Restaurants in Verbindung zu bringen. Die Anrufe kamen nicht direkt von den eigenen Anschlüssen der Unternehmen – eine nur zu verständliche Vorsichtsmaßnahme –, aber indirekte Verbindungen wurden schon für vier Objekte gefunden. Und ich bin sicher, dass wir bis morgen Beweise dafür haben, dass im Lauf des letzten Jahres von allen zehn mit #25119358 markierten Unternehmen aus Lisas geheimer Anschluss angerufen wurde. Von einigen öfter, von anderen nur einmal, wie die Anrufliste zeigt«, erklärt Jessica.

»Was war Lisa Yamamotos Rolle dabei?«, fragt Nina.

»Es sieht so aus, als wären die Freier über Instagram angeleitet worden, Dienstleistungen an bestimmte Orte zu bestellen, von wo dann Lisa angerufen wurde, die das Gespräch absichtlich nicht angenommen hat. Dann hat sie aus der Nummer des Anrufers geschlossen, wohin die Bestellung gehen sollte, und dem Zuhälter eine SMS geschickt«, sagt Jessica.

»Und das Escort-Mädchen wurde hingeschickt? In das Restaurant oder Hotel, wo der Freier angefragt hat?«, mischt sich Jusuf ein, der bisher mucksmäuschenstill war. »Verdammt nochmal, das macht doch keinen Sinn. Warum zum Teufel diese ganze Mühe, diese Geheimniskrämerei, wenn das Mädchen dann doch in Manga-Klamotten ins Hotel kommt. Das ist ja gerade so, als würde einer heimlich aus seiner Zelle ausbrechen und am Gefängnistor den Wächtern zurufen: Ich geh jetzt!«

»Na, darüber brauchen wir uns ja nicht den Kopf zu zerbrechen«, mischt sich Hellu mit bissiger Stimme ein und fährt fort: »Wenn wir doch wissen, von wo Lisa angerufen wurde. Fragen wir dort nach.«

Jessica nickt. Verdammt nochmal, genau das habe ich vor.

»Die Ersten werden gerade hergebracht. Wir haben mit dem Lokal angefangen, von dem mit Abstand die meisten Anrufe gekommen sind«, sagt sie.

»Und welches ist das?«

»Das Fenix.«