Rasmus summt die Titelmelodie einer Fernsehserie aus seiner Kindheit vor sich hin und blättert in Jason Nervanders Instagram-Fotos. Nervander hat über tausend Bilder veröffentlicht, und Rasmus hat sie schon mehrmals durchgesehen. Trotzdem kann es sein, dass ihm etwas entgangen ist. Vor einer Stunde hat er die offizielle Bitte eingereicht, die Fotos, die von Lisa Yamamotos Instagram-Account entfernt wurden, wiederherzustellen.
Er blickt sich um, bevor er die beiden Golfbälle aus der Tasche holt und seine Füße daraufstellt. Er muss die Anweisungen, die er bekommen hat, regelmäßig befolgen, wenn er will, dass seine Verkrampfung sich löst.
Moment mal.
Irgendetwas auf dem Bildschirm nimmt seine Aufmerksamkeit gefangen. Er hat das Bild nur kurz gesehen und scrollt nun wieder nach oben. Das Foto, das im Juli dieses Jahres bei Sonnenschein gemacht wurde, zeigt Jason, einen Mann mit kräftigem Kinn und attraktivem Gesicht, der in Shorts und mit nackten Füßen auf einem weißen Fußboden sitzt, der bei näherer Betrachtung wie ein Bootsdeck aussieht. Rasmus erinnert sich, das Foto schon vorher gesehen zu haben, aber wegen des knappen Bildausschnitts hat er damals nicht genau darauf geachtet. Über das Boot, wenn es denn eins ist, lässt sich nichts Genaueres sagen.
Jason hat kein Boot. Das haben wir schon überprüft.
Rasmus öffnet die Kommentare zu dem Foto. Es sind Dutzende, und sie sind mit Smileys oder Herzen gespickt. Typische Instagram-Äußerungen, vermutlich von Menschen, die Jason nicht persönlich kennen oder ihm zumindest nicht besonders nahestehen.
Einer der Kommentare hebt sich jedoch von den anderen ab.
War ein schöner Tag! Müssen wir mal wiederholen.
Rasmus klickt das Profil des Kommentators an und stellt erleichtert fest, dass es nicht privat ist. Es gehört einem jungen Mann, der – nach der Menge der Fotos zu schließen – in den sozialen Medien emsig zugange ist. Rasmus scrollt nach unten, bis er die Postings vom Juli findet.
Bitte, bitte. Sei da. Sei …
Er kaut an seinem Daumennagel, lässt die Füße immer heftiger über die Golfbälle rollen, und da sieht er es. Ein im Bootshafen Katajanokka, mitten in Helsinki, aufgenommenes Foto von einem großen Motorboot, auf dessen Deck eine Gruppe junger Männer steht.
»Harjula!«, ruft Rasmus. Nur einige Meter entfernt streckt der Kollege den Kopf über seine Stellwand.
»Was?«
»Kannst du dir das mal ansehen? Du kennst dich doch mit Autos und Booten aus.«
Harjula baut sich mit verschränkten Armen hinter Rasmus auf. »Was für ein Boot ist das?«
Harjula blickt auf den Monitor. »Ist das das einzige Foto?«
»Bisher ja.«
Eine kurze Stille folgt. Rasmus spürt, wie sich die Enttäuschung in ihm ausbreitet. Auf dem Foto ist einfach nicht genug zu sehen.
»Ich verstehe, wenn du es aus diesem Winkel nicht …«
»Ein neun Meter langer Aquador 28C. Baujahr 2006, würde ich sagen.« Harjula drückt Rasmus’ Schulter. »Ein tolles Boot.«