Jessica lässt am Automaten eiskaltes Wasser in einen Plastikbecher laufen, setzt ihn an den Mund und spürt, wie die Kälte sich in ihre Schläfen bohrt. Brain freeze. Sie sieht Jusuf zwischen den Stellwänden näher kommen.
»Wie sieht’s aus?«, fragt sie.
»Alem gibt zu, die Nummer gewählt zu haben, wenn jemand nach einem gewissen James gefragt hat. Er wurde nur für diese Anrufe bezahlt und bestreitet, irgendetwas anderes über die Sache zu wissen.«
»Quatsch!«, sagt Harjula, der gerade von der Toilette kommt. »Wir sollten das ganze Personal des Restaurants festnehmen, wegen Zuhälterei.«
»Ich glaub dem Türsteher«, entgegnet Jusuf. »Gerade so funktionieren solche Organisationen. Die Helfer und die Krieger wissen über die Tätigkeit nur, was sie unbedingt wissen müssen. Alles andere wäre zu riskant.«
»Und die anderen im Fenix?«, fragt Jessica. Sie erschrickt selbst vor dem gleichzeitig hoffnungsvollen und ängstlichen Ton, der in ihrer Stimme mitschwingt.
»Sahib Alem sagt, außer ihm wüsste keiner davon«, antwortet Jusuf, und Jessica fühlt sich unendlich erleichtert. Nicht nur, weil es blöd gewesen wäre, wenn sich herausgestellt hätte, dass Frank Dominis, dessen Glaubwürdigkeit als Informationsquelle sie verteidigt hat, ein Teil des Musters ist. Sondern auch, weil er ihr schon bei ihrer ersten Begegnung sympathisch war, und sie hofft, dass ihre Intuition sie diesmal nicht in die Irre führt, wie früher.
»Glaubst du ihm?«, fragt sie scheinbar unbeteiligt, den Blick auf den Monitor geheftet.
»Ja. James-Wer-auch-immer braucht im Fenix nur eine einzige Kontaktperson. Eine, die immer im Dienst ist. Es wäre bestimmt ein unnötiges Risiko gewesen, den Restaurantchef in die Sache reinzuziehen, der schlimmstenfalls die ganze Geschichte gestoppt hätte«, erklärt Jusuf und setzt sich neben Jessica.
Frank ist sauber.
Jessica blickt zu Harjula auf, der alles andere als überzeugt zu sein scheint.
»Alem wird nach unten gebracht und wartet unter Aufsicht auf weitere Vernehmungen«, fährt Jusuf fort. »Rasse spürt mit ein paar Kollegen den anderen Nummern nach. Er sagt, bisher sind zwei weitere identifiziert worden.«
»Sechs von zehn«, flüstert Jessica.
»Und alle, die wir finden, werden sofort hergeholt. Aber irgendwie hab ich das Gefühl, dass auch von denen keiner mehr weiß als Sahib Alem.«
»Glaub ich auch«, sagt Jessica.
»Konnte der Türsteher diesen James beschreiben?«, fragt Harjula.
»Angeblich sieht er Wladimir Klitschko ähnlich. Vielleicht ein Russe.«
»Klitschko ist Ukrainer«, versetzt Harjula mit provozierendem Lächeln.
»Motherfucker«, sagt Jusuf verärgert. »Bringt das etwa die Ermittlung zum Scheitern?«
»Schluss jetzt«, faucht Jessica und steht auf. »Wurde James vor dem Fenix von irgendwelchen Kameras eingefangen?«
Jusuf nickt nachdrücklich.
»Er soll ungefähr sechs Stunden vor der Veranstaltung von Kex Mace’s da aufgekreuzt sein. Ich schlage vor, dass ich die Aufnahmen überprüfe«, sagt er. »Ich glaube, ich hab die Videos vom ganzen Tag auf meinem Computer.«
»Gut.« Jessica löst ihren Dutt und lässt die Haare auf die Schultern fallen. »Und ich möchte, dass alle bei ihrer Arbeit über Folgendes nachdenken: Was sollen wir von dem Ganzen halten? Von dem kompletten Gewirr, meine ich.« Sie holt Luft, bevor sie ihre eigene Frage beantwortet. »Alles hat mit Akifumi angefangen. Der maskierte Typ hat uns sowohl den Hinweis auf den Hashtag gegeben, mit dem die Lokale auf Instagram markiert sind, als auch auf die masayoshi-Seite.«
»Worüber sollen wir denn nachdenken?«, fragt Harjula.
»Darüber, wer zum Teufel Akifumi ist und weshalb uns diese Infos in einem Kommentar zum Foto geliefert wurden«, erklärt Jessica.
Im selben Moment kommt eine junge Frau, die Rasmus als Assistentin bei der Behandlung der Daten zugeteilt worden ist, hinter der Stellwand hervor. Sie wirkt schüchtern, wie wohl jede unerfahrene Hilfskraft, die ältere Kollegen bei einer Besprechung stören muss. Ihr Anliegen ist offenbar sehr wichtig.
»Was gibt’s, Riikka?«, fragt Jessica.
»Die Sicherheitspolizei hat angerufen, sie haben versucht, dich zu erreichen.«
Jessica spürt einen Stich in der Brust, als sie sich erinnert, dass ihr Handy stummgeschaltet ist. Verdammt. Die Männer, die Lisas Vater beschatten, haben versucht, sie zu kontaktieren.
»Hirokazu Yamamoto?«, fragt sie.
Die Ermittlungssekretärin nickt. »In Järvenpää. Er soll versucht haben, sich umzubringen.«