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Die Deckenlampen im Besprechungsraum sind ausgeschaltet, das Zimmer liegt im Halbdunkel. Nicht, damit das Bild, das der Projektor auf die Leinwand wirft, klarer zu sehen wäre, sondern lediglich deshalb, weil sich niemand aufraffen konnte, aufzustehen und das Licht anzuknipsen.

»Yamamoto?« Rasmus Susikoski hüstelt in die Handfläche. Dann kehren seine Hände auf den Tisch zurück, in die Gebetshaltung, die bei ihm eine Art Grundeinstellung ist. Die Ausgangsposition für seine typischen Gesten und Bewegungen, wie Nasekratzen und am Daumennagel kauen.

Rasmus ist der Kraftprotz des Gewaltdezernats, wenn man die Sitzmuskeln als Maßeinheit wählt. Der ausgebildete Jurist, der mit vierunddreißig immer noch bei seinen Eltern wohnt, ist sozial nicht sehr talentiert, dafür wurde er aber mit reichlich Grips geboren. Auf seinem Dienstausweis steht Sonderberater, und er bekleidet im Polizeigebäude in Pasila eine Zivilstelle. Jessica hat oft darüber nachgedacht, wieso Rasmus bei der Polizei und noch dazu im Gewaltdezernat gelandet ist. Vielleicht steht dahinter eine Art Berufung: der Versuch eines Jungen, der in der Schule gemobbt wurde, die Spirale des Bösen aufzuhalten. Oder etwas in der Art.

»Sie ist Halbjapanerin«, erklärt Jessica und klickt ein neues Bild an. Jusuf sitzt am Tischende, lässt seine Fingerknöchel knacken und betrachtet das Bild finster.

»Und eine Art Promi?«, erkundigt sich Rasmus.

»Ein Social-Media-Promi.«

»Nie von ihr gehört.«

»Hast du einen Instagram-Account?« Jessica klickt das nächste Foto an. Ein Bild nach dem anderen erscheint auf der Leinwand.

»Ich?« Rasmus sieht Jessica an, als wäre die Frage völlig absurd. »Nein. Aber ich bin bei Facebook.«

»Selbst wenn, würdest du sie trotzdem nicht kennen«, sagt Jessica. »Vier Fünftel von Yamamotos Followern sind junge Mädchen. Zehn Prozent junge Männer und der Rest wahrscheinlich Perverse oder asiatische Fake-Accounts.«

»Rasse würde also gut in das letzte Zehntel passen«, lacht Jusuf. »Und ich meine jetzt nicht die Fake-Accounts.«

»Ich bin auch sonst nicht aktiv …«

»Du hast garantiert einen Stalker-Account, über den du dir junge Mädchen anguckst, unter dem Namen Fasmus Nusikoski oder so«, sagt Jusuf und wirft seinem Kollegen einen Blick zu. Rasmus errötet zuerst, doch dann stiehlt sich ein kleines, anerkennendes Lächeln auf sein Gesicht. Der introvertierte Rasmus scheint es zu genießen, dass er seinen festen Platz als Ziel des groben Humors im Team hat. Außerdem versteht Jusuf sich darauf, intelligent zu sticheln, ohne boshaft zu werden, nie so weit zu gehen, dass sein Gegenüber unangenehm berührt wäre. Im Gegenteil, derjenige, den er verspottet, lacht immer mit. Jusuf ist ein Meister auf diesem Minenfeld, auch wenn Außenstehende sein Verhalten vielleicht als Mobbing einstufen würden.

»Na, Rasse?«, fährt Jusuf fort. »Ärsche, stimmt’s? Oder doch Titten?«

»Schluss jetzt, Jusuf«, seufzt Jessica, muss aber unwillkürlich lächeln.

»Oder Füße? Bist du ein feet guy, holst dir einen runter und …«

»Wenn ich wählen müsste, dann …«, beginnt Rasmus vorsichtig.

»Es reicht, Jungs«, fällt ihm Jessica ins Wort. »Konzentriert euch.«

Jusuf und Rasmus tauschen ein schnelles Lächeln, dann richten sie den Blick auf die große Leinwand, wo die Bilder wechseln, als Jessica Hunderte Posts durchblättert. Auf den meisten Fotos posiert die Halbjapanerin Lisa Yamamoto allein vor der Kamera: Die Bildqualität ist gut, die Frau trägt Trendkleidung bekannter Marken, gelegentlich wurde auch ein scheinbar alltäglicher Look angestrebt. Ein Teil der Bilder wurde im Ausland gemacht, und auf vielen Aufnahmen ist unter Palmen oder auf den Plätzen mitteleuropäischer Städte auch eine Freundesschar zu sehen. Das Profil und die Marke der Frau wurden mit großem Geschick gestaltet: Ungeachtet der wechselnden Kleidungsstücke, Frisuren, Orte und Cliquen sind Stimmung und Stil der Bilder einheitlich. Die Follower wissen genau, was sie bekommen, wenn sie die follow-Taste anklicken.

»Die Vermisstenmeldung hat Lisa Yamamotos Mitbewohnerin erstattet, die keine Ahnung hat, wo Lisa sein könnte und mit wem«, sagt Jessica und lässt die Maus los.

»Und der andere, dieser Jason Nervander?«, fragt Jusuf.

»Seine Eltern wohnen in Lappland, sie stehen sich wohl auch nicht sehr nah, jedenfalls kam die Vermisstenmeldung vom Pastor der Gemeinde Kallio, einem engen Freund von Jason.«

»Und was hat dieser Pastor gesagt?«

»Nichts weiter, als dass Jason sich seit ein paar Tagen nicht hat blicken lassen«, berichtet Jessica.

»Es gibt also in beiden Fällen keine bekannte oder wahrscheinliche Erklärung für ihr Verschwinden?«

»Wir fangen bei Null an.«

»Verdammter Mist«, seufzt Jusuf und stützt die Ellbogen auf den Tisch.

»Wer gehört zum Team?«, fragt Rasmus.

»Wir drei«, antwortet Jessica schnell.

»Hä? Nicht mal Nina oder …« Jusuf schluckt.

»Hellu hat betont, dass wir zwar ein Verbrechen vermuten, aber noch nicht genug Anhaltspunkte dafür haben. Also beginnen wir zu dritt und bekommen Verstärkung, sobald feststeht, dass mindestens einer der beiden tot ist«, erklärt Jessica und reibt sich die Augen. »Die Technik hilft uns allerdings schon jetzt.«

»Was ist mit deiner Hand passiert?«, fragt Rasmus plötzlich. Er starrt auf Jessicas Hand, die auf dem Tisch liegt.

Jessica antwortet nicht gleich. Sie wirft einen Blick auf ihren geschwollenen Handrücken, auf die bläulich verfärbten Fingerknöchel und zuckt mit den Schultern.

»Ein Betriebsunfall«, sagt sie dann, lehnt sich zurück und schiebt die Hand unter die Achsel. Sie betrachtet das Foto auf der Leinwand, auf dem Lisa Yamamoto bis zu den Knien in türkisblauem Wasser steht, mit dem Rücken zur Kamera und dem Gesicht zu dem Wasserfall im Hintergrund. Die nassen schwarzen Haare zeichnen den gebräunten Nacken und die Schultern nach. Jessica hört beinahe, wie die auf dem Bild gefangenen Tausende Liter Wasser sich in Bewegung setzen. Die strahlende Sonne lässt das Wasser überall da funkeln, wohin die Kraft des Wasserfalls nicht reicht, wo er die Oberfläche nicht aufwühlt.

»Jessica?« Jusuf reißt sie aus ihren Gedanken.

»Was?«

»Die Arbeitsteilung?«

Einige Sekunden vergehen, dann beginnt Jessica die Aufgaben zu delegieren. »Rasse, du gehst zusammen mit den Technikern beide Instagram-Accounts durch. Such nach verdächtigen Dingen.«

»Wie zum Beispiel Kommentare?«

»In erster Linie. Und generell verdächtige Follower …«

»… von denen die beiden insgesamt über vierhunderttausend haben«, setzt Rasmus Jessicas Satz fort. Jessica sieht ihn an, doch seine Miene verrät keine Spur von Aufmüpfigkeit, obwohl seine Bemerkung wie ein Protest klingt. So oder so, die Aufgabe ist riesig und gleicht der sprichwörtlichen Suche nach der Nadel im Heuhaufen.

»Fang mit den Kommentaren an. Wenn die Geschichte das ist, wonach sie aussieht, wenn also ein Irrer Lisa und Jason umgebracht und Lisas Account gekapert hat, finden wir da bestimmt irgendwas«, sagt Lisa und schaltet ihren Computer aus. »Jusuf und ich befragen Lisas Mitbewohnerin.«

»Was ist mit dem verdammten Leuchtturm?«, fragt Jusuf.

»Söderskär. Da hilft uns die Polizei von Ost-Uusimaa. Hellu hat gesagt, dass heute zwei Beamte mit dem Boot zu der Insel fahren und sich umsehen. Kann ja sein, dass sie etwas finden.«

»Leichen?«

»Ich glaub nicht, dass sie Froschmänner dabeihaben.«

»Wäre das nicht angebracht?« Jusuf blättert in den Papieren, die vor ihm liegen. »In ewigem Schlaf liegt sie so kalt, Eis und Schnee bedecken sie bald … Sie sollten doch Taucheranzüge mitnehmen, wenn sie was finden wollen.«

»Die wissen schon, was sie tun. Sie haben dieselben Fakten vorliegen wie wir«, sagt Jessica, steht auf und zieht sich den Mantel an. »An die Arbeit, Rasse. Und wir fahren jetzt zu Lisas Wohnung, Jusuf.«