71

»Die Sache ist viel größer, als wir dachten. Viel, viel größer.« Hellus Stimme dringt aus den Lautsprechern im Wagen. Die Hauptkommissarin wirkt keineswegs aufgeregt, sondern im Gegenteil unglaublich beherrscht. »Harjula hat gestern am Fundort von Belousovas Leiche ein Notizbuch entdeckt, in dem drei Frauennamen standen. Ich bin der Sache nachgegangen, und dabei hat sich herausgestellt, dass es sich bei den Frauen um Prostituierte handelt, die in den letzten zwei Jahren in Russland, der Ukraine und den Niederlanden brutal ermordet wurden und – genau wie Olga Belousova – Manga-Kleidung trugen. Wir haben es also offensichtlich mit einem Serienmörder oder einem seltsamen Kult zu tun. Eine Verbindung zwischen den Fällen konnte nicht früher hergestellt werden, weil die Behörden der betreffenden Länder nicht ordnungsgemäß miteinander kommuniziert haben.«

Jessica und Jusuf sehen sich an.

»Was unseren Fall betrifft: Ich habe gerade mit Oranen gesprochen. Der Fall liegt ziemlich klar«, fährt Hellu fort. »Es ist offensichtlich, dass hinter der ganzen Geschichte ein internationaler Menschenhandelsring steht, der mit Hilfe der Instagram-Codes seine Fangarme nach ganz Skandinavien und offensichtlich auch nach Russland, in die Ukraine und die Niederlande ausgestreckt hat. Und die Vorfälle in Järvenpää – der Brief und der Selbstmordversuch von Lisas Vater – bestätigen ja deinen Verdacht, Niemi. Die Vergangenheit, die er abstreifen wollte, hat ihn eingeholt.«

»Aber das heißt nicht …« Jessica versucht, zu Wort zu kommen, doch Hellu stoppt sie mit einem lauten Räuspern und setzt ihren Monolog fort.

»Ich weiß, dass vieles noch ungeklärt ist. Aber zum jetzigen Zeitpunkt lässt sich mit einiger Sicherheit sagen, dass Lisa Yamamoto gegen ihren Willen in das Treiben hineingezogen wurde und dass die Kriminellen ihre Stellung als Influencerin nutzen wollten.«

»Meiner Meinung nach sind noch zu viele Fragen offen, als dass wir …«, beginnt Jessica erneut, aber Hellu unterbricht sie wieder, diesmal mit einem tiefen Seufzer, der in den Lautsprechern rauscht. Und in den zwei Sekunden Stille, die nun folgen, errät Jessica, was Hellu als Nächstes sagen wird. Dennoch durchbohren die Worte ihr Herz wie eine tödliche Beleidigung, die einem auf dem Schulhof ins Gesicht geschleudert wird.

»Die Zentralkripo übernimmt den Fall.«

»Was soll der Scheiß?«, schnaubt Jusuf. Jessica schlägt die Hände vors Gesicht.

»Sie schickt morgen Leute, um mit uns zu reden«, fährt Hellu fort. »Der Fall hat solche Dimensionen angenommen, dass das Gewaltdezernat der Helsinkier Polizei die Fäden nicht mehr in der Hand halten kann. Wir brauchen es gar nicht erst zu versuchen.«

»Jetzt gibst du es also zu? Dass du die Fäden nicht in der Hand halten kannst?«, faucht Jessica.

Hellu antwortet nicht, sie scheint den Kommentar ohne irgendeine Sanktion zu übergehen, was Jessica noch mehr aus der Fassung bringt. Die blöde Kuh gibt den Fall ab, ausgerechnet jetzt, wo die Basisarbeit bestens erledigt worden ist. Das ist Hellu natürlich ganz recht. Warum sollte sie kämpfen, um den Fall zu behalten? Als Ermittlungsleiterin kann sie ab jetzt nämlich nur verlieren, falls ihr Team trotz aller Anstrengungen scheitert. Hellu weiß das, sie ist im Grunde eine berechnende Politikerin, die ihren Fünfjahresplan verwirklicht. Sie hat es nicht nötig, das Gespenst zu erwischen oder herauszufinden, wo Lisa und Jason begraben sind. Ihr genügt es, dass Jens Oranen ihr seine große haarige Hand reicht und sagt, wie gut das Fundament der Ermittlung gelegt wurde.

»Ich weiß, dass ihr jetzt enttäuscht seid. Aber Europol hat die Zentralkripo schon kontaktiert. Und sehr wahrscheinlich werden sie uns irgendwie einbeziehen.«

»Uns einbeziehen?«, wiederholt Jessica.

»Die picken sich die Rosinen raus«, flüstert Jusuf, während Hellu ihren Monolog fortsetzt:

»Ich habe jetzt mit allen Mitgliedern des Teams gesprochen. Bis morgen früh machen wir normal weiter, dann sehen wir, ob wir irgendeine Rolle bei den weiteren Ermittlungen bekommen.«

»Hellu! Es ist doch wohl unerheblich, wie viele Leichen es in Russland oder den Niederlanden gibt! Wir haben schon vier Todesfälle, allesamt in Helsinki. Scheißegal, ob das mit irgendeinem geheimen Raumfahrtprogramm oder den Präsidentschaftswahlen in den USA zusammenhängt.«

»Wie gesagt, ich verstehe euren Ärger, aber es ist beschlossene Sache«, entgegnet Hellu kühl. Und gerade als Jessica den Blick nach draußen auf die grauen Felder richtet, gerade als sie denkt, dass die Situation nicht noch schlimmer werden kann, fügt Hellu hinzu: »Und Niemi, komm sofort in mein Büro, wenn ihr in Pasila seid.«