Jessica schließt die Tür hinter sich. Hellus kleines Büro ist heute grauer und bedrückender als je zuvor. Vielleicht liegt es daran, dass Hellu, die über dieses fünfzehn Quadratmeter große Revier herrscht, verdächtig selbstsicher wirkt. Ihr Verhalten hat sich verändert: Es fehlt die von Unsicherheit zeugende Aggressivität, die Jessica natürlich geärgert, irgendwie aber auch beruhigt hat. Stattdessen verströmt nun jede Pore in Hellus Gesicht etwas, das Jessica nicht erkennt, die braunen Augen leuchten triumphierend, und sie hat sich zum ersten Mal die Lippen rot angemalt: für die Gala zurechtgemacht.
»Du hast mich hergebeten«, sagt Jessica und setzt sich Hellu gegenüber.
Hellu blättert nicht konzentriert in ihren Papieren und lässt Jessica nicht warten. Sie sitzt bequem auf ihrem Stuhl, die gefalteten Hände vor sich auf dem Tisch, und blickt Jessica tief in die Augen.
»Wir haben ein Problem«, beginnt sie mit neutraler Stimme. Im Gegensatz zu ihrem sonstigen Auftreten verrät ihre Sprechweise weder Hohn nach Schadenfreude.
»Was für eins?«, fragt Jessica und strafft sich.
»Bei den abschließenden Untersuchungen zu den Ereignissen vom Frühjahr sind ein paar alte Geschichten ans Licht gekommen. Die Zentralkripo und die Sicherheitspolizei haben vor allem Informationen über Mikael Kaariniemi ausgegraben, um zu klären, wie es möglich war, dass jemand aus dem Gewaltdezernat unbemerkt zu einem krankhaften und mordlüsternen Kult gehört hat. Gleichzeitig wollte man sich vergewissern, dass Mikael Kaariniemi der Einzige war, und klären, ob möglicherweise jemand von seinen Neigungen und psychischen Problemen wusste«, erklärt Hellu und öffnet den gelben Verschluss einer Mineralwasserflasche.
Erst jetzt merkt Jessica, dass zwei Gläser auf dem Tisch stehen. Und erst bei Hellus einladender Geste begreift sie, dass irgendetwas gewaltig faul ist. Der Sprudel mit Zitronengeschmack ist keine Geste der Solidarität, sondern eher das letzte Steak oder die letzte Zigarre eines zum Tode Verurteilten. Hellu will Jessica unzweifelhaft auf den elektrischen Stuhl setzen.
»Nein, danke«, sagt Jessica leise.
»Und schließlich, grande finale, wollte die Sicherheitspolizei klären, warum die Hexenbande gerade dich aufs Korn genommen hat, Niemi«, fügt Hellu hinzu. Die Art, wie sie den Familiennamen ausspricht, lässt an Anführungszeichen denken, die man in die Luft malt. Jessicas Herz setzt einen Schlag aus.
»Dafür muss es ja einen Grund geben, nicht wahr? Auch wenn du ihn deinen eigenen Worten nach nicht kennst«, fährt Hellu fort.
Jessica sieht ihrer Vorgesetzten in die Augen. Der Frau, die sie nicht als Chefin gewollt hat, die sie selbst nie für diesen Posten ausgewählt hätte. Sie gibt sich alle Mühe, hinter dem arroganten Blick einen Menschen zu sehen, der unter Druck steht und selbst einen miesen Vorgesetzten hat. Einen Menschen, den sie selbst in den letzten Wochen ein wenig unfair mit Erne verglichen hat. Und dabei versteht sie trotz der Wut, die in ihr kocht, dass die Initiative nicht von Hellu ausgeht, sondern von höherer Stelle kommt. Hellu trägt einen Staffelstab in der Hand. Jessica hätte dieselben Probleme, auch wenn ihr jetzt jemand anders gegenübersäße.
Eine Weile sehen sie sich in die Augen. Hellu weiß, dass Jessica weiß, was sie weiß. Es gibt keinen Ausweg. Nur bodenlose Scham.
Hellu öffnet die Mappe, die auf dem Tisch liegt. Sie entnimmt ihr einen Stapel Papiere und schiebt sie Jessica hin.
Jessica blickt darauf, sieht das Datum, die fettgedruckte Überschrift und die gelben Markierungen. Sie spürt, wie die quälende Erwartung sich in körperliche Übelkeit verwandelt. Sie nimmt ihre ganze Willenskraft zusammen, sie will stark bleiben, so kantig sein wie immer, gleichgültig von den Papieren aufschauen und Hellu fragen: Na und? Doch sie kann es nicht. Die Grube, die Hellu – oder eher das Leben selbst – ihr gegraben hat, ist zu tief, und durch ihr Schweigen hat sie das Geständnis bereits unterschrieben.
Hellu führt das Glas an die Lippen, trinkt und lässt Jessica Zeit. Und das macht die Situation nahezu unerträglich. Sie geht die Sache widerlich taktvoll an. Sie hat nicht vor, jemanden zu schlagen, der am Boden liegt.
»Was würdest du an meiner Stelle tun, Niemi?«, sagt sie schließlich.
»Wer hat das zu Gesicht bekommen?«, fragt Jessica. Ihre Stimme ist heiser geworden.
Hellu schüttelt den Kopf. »So gut wie niemand«, antwortet sie und fügt hinzu: »Dabei kann es auch bleiben.«
Dann steht sie auf und macht ein paar Schritte zum Fenster hin, als wolle sie die Dramatik der Situation steigern.
»Es ist nicht persönlich gemeint«, sagt sie, und Jessica weiß, dass es eine Halbwahrheit ist. »Aber es gibt äußerst selten eine für alle Beteiligten gleichermaßen günstige Lösung, so wie sie in diesem Fall möglich ist. Und ich hoffe, dass wir diese Möglichkeit gemeinsam ergreifen können.«