Jessica wartet darauf, dass sich die Aufzugtür schließt.
Sie muss raus. In die Tiefgarage.
Im dritten Stock steigen zwei Männer aus der Verwaltung zu und bringen den frischen Duft von Duschgel in die Kabine. Der eine hält eine schwarze Sporttasche in der Hand. Seine Haare sind nass.
Das Handy klingelt in der Tasche.
Die Entscheidung, deine Stelle aufzugeben, liegt allein bei dir. Und in dem Fall wurden diese Dokumente nie gefunden. Sie existieren nicht.
Jessica verzieht keine Miene.
Die Männer steigen in der ersten Etage aus. Der Seifengeruch hängt noch eine Weile in der Luft. Ebenso die Feuchtigkeit, die von der frisch geduschten Haut des Mannes ausging.
Der Aufzug erreicht die Tiefgarage.
Die Tür geht auf.
Jessica durchquert die nach neuen Autoreifen riechende Halle, stößt die Glastür auf und geht zwischen den Wagen hindurch zügig zur Rampe.
Sie spürt den Puls in ihren Ohren. Kalter Schweiß tritt ihr auf die Schläfen.
Lauf nicht weg, Jessica. Du darfst nicht fliehen.
Wer ist sie, wenn sie keine Polizistin ist? Was soll sie anderes tun als diese Arbeit?
Du bist bloß ein verwöhntes reiches Kind, bei dem im Kopf was nicht stimmt.
Das Handy klingelt.
Atme.
Sie ist im Begriff, eine ganze Welt zu verlieren. Plötzlich steigen ihr alle möglichen Gerüche in die Nase: die Zimtschnecken im Besprechungsraum, der frisch gekochte Kaffee und der fruchtige Hagebuttentee, Jusufs Deo, Ninas nach Solarium duftender Hoodie, Ernes Zigarette, das süßliche Pulver auf dem Schießstand und der Metallgeruch der warmen Patronenhülsen, der sich an die Hände heftet, Rasmus’ Schweiß und das Raumspray auf der Damentoilette. Auf den Boden geflossenes Blut, eine Leiche, die monatelang in einem Holzschuppen vermodert ist, vertrockneter Urin und Exkremente.
Jessica sieht das Kipptor am Ende der Rampe und das Licht, das unter ihm hereinfällt.
Sie wartet auf den Schmerz, sie ist sich sicher, dass er kommt, dass er ihren ganzen Körper überfällt und sie zwingt, sich auf den Boden der Tiefgarage zu legen, sich vor Qual zu krümmen wie ein verwundetes Reh, das darauf wartet, die Gewehrmündung des Jägers zu sehen, um das weiße Licht und den endgültigen Frieden zu finden.
Sie erwartet, die Stimme ihrer Mutter zu hören.
Doch der Schmerz kommt nicht, und ihre Mutter taucht nicht hinter ihr auf, niemand fasst sie an der Schulter.
Kein weißes Licht. Kein Friede.
Und da merkt Jessica, dass sie völlig starr ist.
Sie begreift, dass sie ganz allein ist.
Sie weint, doch die Tränen steigen ihr nicht in die Augen.
Nun hört Jessica eine Stimme, nicht die ihrer Mutter, sondern ihre eigene. Und diese Stimme sagt, dass sie gerade alles verloren hat, dass sie lieber den Schmerz entgegengenommen hätte, um wenigstens zu spüren, dass sie noch lebt.