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Jusuf eilt den scheinbar endlosen grauen Flur entlang. Die im Schneeregen nass gewordenen Gummisohlen seiner Sneakers quietschen bei jedem Schritt. Gleich darauf bleibt er hinter Rasmus’ Schreibtisch stehen. Rasmus, der mit Kopfhörern vor seinem Monitor sitzt, hat sein Kommen nicht bemerkt und scheint auf Strümpfen einen Golfball hin und her zu schieben. Als er Jusuf sieht, zuckt er zusammen und tritt den Ball unter den Tisch. Komischer Kerl.

»Wo ist Jessica?«, fragt Jusuf außer Atem. »Sie geht nicht ans Telefon.«

Rasmus zuckt verwundert mit den Schultern und schlüpft in seine Schuhe. »Wart ihr nicht gerade …«

»Ja, sie musste zu Hellu, und jetzt ist sie nirgends zu finden«, erklärt Jusuf und setzt sich halb auf die Schreibtischkante.

»Was ist los?«

»Ich hab gerade einen Anruf bekommen«, sagt Jusuf. »Wir haben eine Augenzeugin für den Mord an Rodriguez. Eine Frau aus dem Nachbarhaus hat Fernsehen geguckt und ist beim Werbespot zum Rauchen auf den Balkon gegangen, gerade als Jose Rodriguez erschossen wurde. Ihr ist aufgefallen, dass hinter dem Schaufenster etwas geflackert hat, wie ein Blitzlicht.«

»Das Mündungsfeuer der Waffe?«, murmelt Rasmus.

»An so etwas hat die Frau in dem Moment natürlich nicht gedacht, aber sie hat gesehen, dass ein schwarz gekleideter Mann aus dem Laden kam und draußen an der Tür gerüttelt hat, ob sie auch wirklich zu ist. Er hatte zwei Tüten bei sich, in denen wahrscheinlich die Sachen waren, die wir dort vergeblich gesucht haben«, berichtet Jusuf.

Rasmus wirkt verwundert.

»Die Frau hat den Kerl nicht genau gesehen, sie konnte nur sagen, dass er nicht besonders groß war. Eher klein. Der Balkon ist im sechsten Stock, es war dunkel, und der Typ trug einen schwarzen Mantel mit Kapuze.«

»Klein … Könnte es eine Frau gewesen sein?«, fragt Rasmus.

»Die Frage habe ich auch gestellt, aber die Augenzeugin meint, es war ein Mann«, sagt Jusuf und steht auf.

Am Ende des Flurs ist Gelächter zu hören. Ein älterer Kollege, der fünfundzwanzig Jahre lang Fälle von Versicherungsbetrug untersucht hat, feiert heute seinen Abschied. Es gibt Kaffee und Kuchen, Blumen und Umarmungen.

»Ich hab auch ein paar Sachen. Die haben mit dem Brief zu tun. Der Experte für Japanisch und Kanji-Schriftzeichen, den ich kontaktiert habe, hat mich angerufen. Er hat die Zeichen genauer untersucht und gemerkt, dass sie zwar technisch ziemlich gut sind, aber mangelnde Routine verraten. Die Linien der Kanji-Zeichen werden in einer bestimmten Reihenfolge gezogen. Eine nach der anderen. Die Schreibweise wird analysiert, indem man überprüft, an welcher Stelle der Stift länger innegehalten und eine dunklere und breitere Spur auf dem Papier hinterlassen hat. In diesem Fall sind viele Zeichen in einer anderen Reihenfolge entstanden, als wären sie von einer Vorlage abgeschrieben.«

»Meinst du, der Briefschreiber kann in Wahrheit nicht japanisch schreiben?«

»Der Experte hält das für ziemlich sicher.«

»Was zum Teufel …«

»Und noch was, Jusuf«, sagt Rasmus. »Guck mal.«

Jusuf geht neben Rasmus in die Hocke und blickt auf den Bildschirm, auf dem die Aufnahme einer Überwachungskamera läuft.

»Der Brief, den Lisas Vater bekommen hat, wurde auf 220 Gramm schwerem hellblauem Spezialpapier geschrieben, das ich noch nie gesehen habe. Rechts am unteren Rand ist ein Wasserzeichen von Paper Poetry. Auch die schwarzen Briefumschläge sind ziemlich ungewöhnlich.«

»Du meinst, man kann sie zurückverfolgen?«

Rasmus nickt. »Sowohl das Papier als auch der Umschlag wurden wahrscheinlich am Dienstag früh in einem Bastelgeschäft am Tallinn-Platz gekauft und bar bezahlt.«

»Können wir den Käufer identifizieren?«

»Nein«, sagt Rasmus. Jusuf runzelt die Stirn. »Aber gleich neben dem Geschäft ist ein Briefkasten. Wir wissen, dass der Brief am selben Tag abgestempelt wurde, also können wir uns einfach die Aufnahmen der Überwachungskamera über dem Briefkasten ansehen. Ich hab gerade damit angefangen. Es könnte ja sein, dass der Absender den Brief irgendwo in der Nähe geschrieben und ihn dann gleich dort eingeworfen hat. Der Briefkasten wird werktags um 14 Uhr gelehrt, also muss der Brief davor dort eingeworfen worden sein.«

»Rasmus, selbst wenn es der richtige Briefkasten sein sollte, weißt du nicht, nach wem du suchen sollst. Wie viele werfen in dem Zeitraum dort Briefe ein? Hundert Leute?«

»Ein schwarzer Umschlag«, entgegnet Rasmus hoffnungsvoll.

Jusuf lächelt. »Stimmt. Sieht man die Farbe aus dem Winkel?«

»Ja«, sagt Rasmus und zeigt auf eine alte Frau, die einen weißen Umschlag einwirft.

Jusuf fasst Rasmus an den Schultern und drückt sie vorsichtig. »Dann such mal fleißig, Rasse. Hoffen wir, dass du recht hast. Ich versuch, Jessica zu finden.«