Jusuf betrachtet das gerahmte Schwarzweißfoto über dem Wasserautomaten. Der schräg lächelnde Mann in der Paradeuniform der Polizei gibt auf seine ehemaligen Untergebenen – und warum nicht auch auf andere – acht. Das hat Jessica gesagt, als sie gegen Ende des Sommers Ernes Bild dort aufgehängt hat.
Jusuf und Rasmus sitzen am Computer. Jusuf rümpft die Nase, denn Rasmus verströmt einen stechenden Schweißgeruch. Sein Deo hat wieder einmal versagt.
Jusuf lehnt sich auf seinem Stuhl zurück, während Rasmus so krumm vor dem Monitor hockt, dass man glauben könnte, sein Rückgrat würde in der nächsten Sekunde entzweibrechen. Auf dem Bildschirm laufen die Videodateien der Überwachungskameras des Fenix.
»Konnte Sahib keine genauere Zeitspanne angeben? Am Vormittag?«, fragt Rasmus.
»Zwischen zwölf und eins. An der unteren Tür«, antwortet Jusuf.
Urplötzlich lässt er sich mit dem Oberkörper auf den Tisch fallen und vergräbt sein Gesicht in den Armen, als hätte er gerade jeden Bezug zum Leben verloren.
»Verdammt nochmal, Rasse«, klagt er. Die Hemdärmel dämpfen seine Stimme.
»Was ist?«, fragt Rasmus, klickt eine neue Videodatei an und begrenzt die Suche anhand der Uhrzeit.
»Wozu sollen wir noch bis spät in die Nacht hier rumsitzen? Morgen früh kommen die Knallköpfe von der Zentralkripo und jagen alles in die Luft.« Jusuf betrachtet das Video, das über den Bildschirm läuft. Kistenweise Getränke und allerlei Requisiten für die Veröffentlichungsparty werden hereingetragen.
»Ich weiß, was du meinst«, sagt Rasmus und verschränkt die Arme. »Ist schon eine schwierige Situation … Aber interessiert dich die Wahrheit nicht? Ist sie letztlich nicht der einzige Grund, warum wir das hier machen?«
»Na, das Gehalt ist jedenfalls nicht der Grund. Aber es wäre schön gewesen, die Wahrheit selbst rauszufinden, statt hinter dem Rücken des großen Bruders zu stehen.«
»Wir wissen ja noch nicht, wie morgen die Rollen verteilt werden. Kann doch sein, dass wir weitermachen dürfen«, meint Rasmus, aber nun ist Jusufs ganze Aufmerksamkeit auf den Monitor gerichtet. Er spürt, wie ihm der Atem stockt.
»Guck mal«, sagt er. Der Bildschirm ist in vier große Felder geteilt, die jeweils eine Videoaufnahme von dem Tag zeigen, an dem das Album von Kex Mace’s veröffentlicht wurde. Die Uhr am oberen Rand zeigt sechs Minuten nach zwölf. Jusuf hat den Finger auf die Aufnahme gelegt, die das Gebiet vor dem Eingang beim Narinkkatori zeigt. Als er den Finger hebt, kommt darunter ein Mann in einem langen schwarzen Mantel zum Vorschein. Jusuf wirft einen Blick auf Rasmus, der völlig entgeistert aussieht.
»Ist das …«
»Das Gespenst«, sagt Jusuf leise, nimmt Rasmus die Maus weg und stoppt das Video.
Sie betrachten den asiatischen Mann, der auf den Eingang zum Fenix zugeht und ein paar Meter vor der Tür stehenbleibt, die Hände in den Taschen. Genau wie später bei der Party am selben Abend wartet er geduldig, ohne sich zu regen. Viele Minuten vergehen, in denen nichts geschieht. Dann hebt der Mann das Kinn und sieht sich um. Schließlich trifft sein Blick die Kamera, und sekundenlang könnte man glauben, dass er Rasmus und Jusuf direkt in die Augen starrt.
»Was zum Teufel tut er?«, fragt Jusuf leise.
»Als wollte er gesehen werden«, meint Rasmus.
Nach weiteren zwei Minuten tritt eine Gestalt in einem Anorak mit Kapuze aus der Tür. Sie gibt dem Japaner die Hand, dann gehen sie ein Stück zur Seite. Unter der Kapuze ist das Gesicht nicht zu erkennen, aber Körperbau und Kleidung lassen darauf schließen, dass es sich um einen mittelgroßen Mann handelt.
Rasmus vergrößert die Aufnahme, doch dadurch wird sie grobkörnig. Es hat den Anschein, dass das Gespenst dem Mann etwas reicht, aber was es ist, lässt sich nicht erkennen.
»Wer ist das?«, murmelt Jusuf.
»Zu schmächtig für Sahib Alem.«
Die Männer scheinen sich zu unterhalten. Eine Minute vergeht, noch eine. Dann richtet das Gespenst den Blick plötzlich nach links, zur Tür des Fenix und den parkenden Autos. Er bemerkt etwas, wendet das Gesicht ab und geht schnell weg.
»Der macht die Fliege. Was hat ihn erschreckt?«, fragt Jusuf aufgeregt. »Zeig die Aufnahme von vor dem Restaurant.«
Rasmus klickt einen anderen Bildwinkel an. Anfangs zeigt die Aufnahme nur den weißen Lieferwagen des Restaurants, der schon seit einiger Zeit dort steht. Doch dann kurvt ein schwarzer Mercedes-Jeep vor.
»Schau einer an«, sagt Jusuf. Es ist James.
Ein kräftiger Mann in dunklem Anzug und schwarzem Mantel steigt aus. Er hat ein riesiges Kinn und eine massive Nase. Der Mann sieht wirklich aus wie Klitschko.
»Ich wette, gleich kommt Sahib Alem ins Bild. Himmel, was für eine Versammlung«, sagt Jusuf.
»Das Gespenst wollte nicht von James gesehen werden.«
»Geh noch mal zurück zur vorigen Aufnahme.« Jusuf zieht eine Kaugummi-Packung aus der Tasche. Die Spannung lässt sein Kinn rastlos mahlen.
Rasmus klickt das vorige Video an. Der Mann, der mit dem Gespenst gesprochen hat, steht immer noch da, die Hände in die Hüften gestemmt, und blickt dem Davoneilenden nach.
»Dreh dich um, damit wir dich sehen, du Wichser«, sagt Jusuf und steckt sich ein paar Kaugummis in den Mund. Dreh dich schon um …
Und im selben Moment dreht der Mann sich um und geht zum Eingang zurück. Die Kapuze wirft einen schwarzen Schatten auf sein Gesicht, auf dem trotzdem eine starke Gefühlswallung zu lesen ist.
»Verdammt nochmal«, ruft Jusuf aufgewühlt und betrachtet den Mann, der ins Restaurant geht. »Ruf sofort Jessica an!«