Es dauert eine Weile, ehe Jessica begreift, dass das Geräusch von ihrem Handy kommt, das immer noch in der Jeanstasche auf dem Fußboden neben dem Bett steckt.
»Jusuf … Ich hab dir doch gesagt …«
»Schläfst du schon?« Jusufs Stimme klingt erregt.
Jessica blickt auf ihre Armbanduhr, deren Ziffernblatt im dunklen Zimmer kaum zu erkennen ist. »Ja, wieso?«
»Dominis!« Der Name schallt laut aus dem Lautsprecher des Handys, und Jessica beeilt sich, es leiser zu stellen.
»Äh, warte mal«, sagt sie und steht vorsichtig auf.
Frank Dominis hebt den Kopf vom Kissen.
»Dienstlich«, flüstert Jessica ihm zu, das Handy an die Brust gedrückt.
Sie eilt ins Bad und schließt die Tür.
Dominis weiß, dass ich nicht mehr bei der Polizei arbeite.
Jessica betrachtet sich im Spiegel, das Handy am Ohr. Ihr Herz hämmert heftig.
»Was hast du gesagt?«, fragt sie, unsicher, ob Jusuf tatsächlich gerade den Namen Dominis genannt hat. Sie hofft von ganzem Herzen, dass sie sich verhört hat. Oder dass Jusuf nur anruft, um sie aufzuziehen.
»Frank Scheiß Dominis, Jessi«, wiederholt Jusuf.
Jessicas Finger schließen sich fester um das Handy. »Was … Was ist mit ihm?«
»Er hat sich mit dem Gespenst getroffen«, sagt Jusuf. »Ich wusste, dass er in die Sache verwickelt ist. Angeblich hat er den Typ nicht erkannt, als wir ihm das Foto gezeigt haben. Obwohl er wusste, dass wir ihn dringend suchen!«
Jessica hat das Gefühl zu fallen. Jede Zelle in ihrem Körper befindet sich im Alarmzustand.
Das kann nicht sein. Sekundenlang ist sie wütend auf Jusuf, der sie zum Abschluss eines perfekten Abends geweckt hat, um einen Mann zu verunglimpfen, der ganz einfach nichts mit Lisas Verschwinden zu tun haben kann. Das wurde doch schon überprüft.
»Hörst du, Jessi? Sie haben sich getroffen. Letzten Samstag, am Tag der Party von Kex Mace’s, um 12:06 Uhr, vor dem Fenix. Ich dachte, das solltest du trotz allem wissen …«
»Warte«, sagt Jessica und dreht den Wasserhahn auf. Sie hofft, dass ihre Stimme vom Rauschen des Wassers übertönt wird und nicht aus dem Bad dringt.
Ihr müdes Gehirn verarbeitet das, was Jusuf gerade gesagt hat. Aber es erscheint ihr so absurd, dass es einfach nicht stimmen kann. »Was redest du da, Jusuf? Wieso …«
»Wir haben eine Videoaufnahme. Das Gespenst und Dominis gemeinsam auf der Straße. Kein Zweifel. Der Mistkerl hat uns die ganze Zeit verarscht, er weiß haargenau, wer das Gespenst ist und warum es Zutritt zu der Party von Kex Mace’s hatte«, sagt Jusuf. Jessicas Herz setzt einen Schlag aus. »Und Sahib Alem weiß es auch. Wir haben das Gespenst nicht auf der Gästeliste gefunden, weil es nicht draufstand! Dominis hat Sahib angewiesen, den Mann einzulassen, ohne Fragen zu stellen. Rasse und ich haben uns noch einmal die Szene angesehen, als das Gespenst an die Garderobe kommt: Sahib tut nur so, als würde er einen Namen auf der Liste abhaken. Erst beim nächsten Kunden knipst er den Kugelschreiber auf. Das ist ein Detail, das mir bisher nicht aufgefallen war.«
»Um Himmels willen«, flüstert Jessica mit bebender Stimme. Sie spürt, wie das kleine Badezimmer sich zu drehen beginnt wie ein Karussell.
»Schicken wir eine Streife zu Dominis und lassen ihn holen.«
»Jusuf«, sagt Jessica leise und legt eine Hand an die Stirn.
Die Wahrheit erscheint ihr nun gleichzeitig grauenerregend und peinlich. Die Angst ist jedoch größer als die Scham.
»Ja?«
»Er ist hier.« Jessica hält die rechte Hand unter das warme Wasser.
Jusuf schweigt, es klingt, als hielte er den Atem an. »Was?«
»Er ist hier. Bei mir in Töölö«, flüstert Jessica und verriegelt die Tür.
»Was zum Teufel, Jessica …«
Jessica hört das Blut in ihren Ohren rauschen. Sie denkt an den Mann in ihrem Bett, mit dem sie vorhin Sex hatte.
Sie denkt an tätowierte Fingerknöchel, dichtes Haar und einen Mund, der nach gelebtem Leben schmeckt. Alles geschieht erneut. Colombano liegt wieder in ihrem Bett. Voglio fare l’amore con te, Zesika.
Plötzlich erscheint ihr die Entscheidung, sich mit Frank zu treffen, unbegreiflich. Eigentlich erinnert sie sich gar nicht mehr an den Moment, als sie beschlossen hat, sich von ihm verführen zu lassen. Es ist, als hätte sie einen Filmriss. Einen totalen Blackout.
»Komm her, Jusuf«, sagt sie. »Bitte. Sofort.«
»Okay, Jessi.«
Jessica dreht das Wasser ab, stützt sich auf den Rand des Waschbeckens und betrachtet ihr Spiegelbild. Die Aufregung beschleunigt alles, als würde ihr Herz den Takt zu der Metamorphose schlagen, die in ihrem Kopf abläuft: Im Nu beginnt die Wimperntusche über ihre Wangen zu laufen, die schwarzen Schlieren bilden Wirbel auf ihrer glatten Haut. Die Haut wird immer blasser, die Iris verschwinden ganz, bald sind ihre Augen völlig weiß. Und da begreift sie, dass die Flüssigkeit, die aus ihren Augen läuft, keine von Tränen aufgeweichte Mascara ist, sondern etwas viel Dickeres. Und wie so oft spürt sie den Eisengeschmack von Blut auf ihrer Zunge.
Ich habe es dir gesagt, Jessica, aber du wolltest nicht hören.
Was hast du gesagt?
Der Zauberer muss nur die Karte neben deiner kennen.
Ihre Mutter steht nun dicht hinter ihr und tut das, was Jessica früher so gefallen hat: Sie legt die Finger auf Jessicas nackte Schultern. Energie, Wärme und Liebe strömen von Haut zu Haut.
Jessica hört, wie hinter der Tür das Parkett knarrt, da, wo das Bett steht. Frank ist aufgestanden und geht durch das Zimmer. Die Tür des Küchenschranks wird zugeschlagen.
Die Frage ist, wer den Zauberer bestellt hat und warum.
Welchen verdammten Zauberer, Mama? Wovon redest du?
Der Zauberer ist derjenige, der dich dazu bringt, woandershin zu sehen, wenn du ihn anschauen müsstest. Seine Hände und seine Finger, das, was sie mit den Karten tun.
Jessica schließt die Augen, und als sie sie wieder öffnet, hat ihre Mutter den Duschvorhang zugezogen.
Zwischen dem Vorhang schauen nur die dünnen, knochigen Finger und die rissigen schwarz lackierten Nägel hervor.
Jessica betrachtet ihre zitternden Hände.
Dann hebt sie den Blick wieder zum Spiegel, aus dem ihr dieselbe Jessica entgegensieht, die gerade aus dem Bett aufgestanden ist. Die Wimperntusche ist ein wenig verschmiert, und die Augen sind gerötet.
Jessica beißt sich auf die Lippe und denkt fieberhaft nach. Sie könnte im Badezimmer bleiben. Die Dusche aufdrehen und warten. Aber irgendetwas hindert sie daran, sich zu verstecken. Es kann nicht sein. Wenn man gewagt hat, jemandem zu vertrauen, muss man auch wagen, sich der Wahrheit zu stellen, so schmerzhaft sie sein mag.
Jessica seufzt tief und öffnet den Riegel.
Sie drückt die Klinke und verlässt vorsichtig, mit angehaltenem Atem, das Badezimmer.
Es ist, als hätte sich die Luft in der Wohnung in den Minuten, die sie im Bad verbracht hat, elektrisch aufgeladen. Jessica glaubt ein leises Summen zu hören, wie von einer riesigen Fliege oder von einem Fernseher beim Testbild. Das alles existiert nur in deinem Kopf, Jessica.
Frank Dominis liegt nicht mehr im Bett, sondern sitzt in Unterhose an dem kleinen Tisch beim Fenster. Das gelbe Licht, das von draußen hereinfällt, lässt sein zerfurchtes Gesicht in dem ansonsten dunklen Zimmer beinahe malerisch wirken. Seine Miene ist jedoch alles andere als gelassen.
Jessica sieht, wie er eine Hand auf Gesichtshöhe hebt und den Kopf nach hinten neigt, dann hört sie ein dumpfes Geräusch, als das hohe Glas auf den Tisch gestellt wird. Er greift nach der Flasche und gießt sich nach. Die Whiskyflasche ist schon zur Hälfte geleert. Jessica hat sie im letzten Jahr von Fubu zu Weihnachten bekommen und ungeöffnet im Küchenschrank aufbewahrt.
»Frank«, sagt sie leise.
Da bemerkt sie ihr Holster auf dem Tisch und die Waffe in der linken Hand des Mannes.