Jusuf hält am Straßenrand. Die Scheinwerfer hat er schon vorher ausgeschaltet. Zehn Meter weiter beginnt eine asphaltierte Zufahrt, die zwischen zwei roten Reihenhäusern verläuft. Vor dem Eingang zur letzten Wohnung steht ein grauer Toyota Prius, der an die Ladestation angeschlossen ist. In der oberen Etage brennt Licht.
»Das ist Hellus Hybrid«, sagt Jusuf und steckt sich ein Kaugummi in den Mund.
Jessica sieht sich um und wirft einen Blick auf ihre Uhr. Halb eins in der Nacht.
»Warum zum Teufel meldet sie sich nicht?«, murmelt sie.
»Die Sache stinkt gewaltig, Jessi.« Jusuf schaltet den Motor aus.
Eine Weile sitzen sie nur da und betrachten den Hof und die Zufahrt, die von einigen Lichtsäulen nur schwach beleuchtet werden. Keine Menschenseele ist zu sehen. In keiner der anderen Wohnungen brennt Licht. Die kahlen Hecken zittern im Wind.
Die Siedlung ist ein Idyll für junge Familien. Neben jeder zweiten Tür liegen Kinderspielzeug und Sportartikel. Laufräder, Schaufeln, Eishockeyschläger und Tore aus Plastik. Stiga-Schlitten, Rutschteller und Rodelschlitten, die in diesem Winter noch nicht allzu oft zum Einsatz gekommen sind.
»Gehen wir hin und klingeln?«, fragt Jusuf.
»Und was sagen wir dann? Hallo Hellu, entschuldige, dass wir um halb eins nachts hier aufkreuzen, zumal du mich von dem Fall abgezogen hast, aber ist Lisa Yamamotos geheimes Handy zufällig bei dir, und wenn ja, warum hast du es keinem erzählt?«
»Na verdammt, es ist doch hier! Das hat Rasse ja eben erst gesagt!« Jusuf schlägt aufs Lenkrad.
»Selbst wenn, können wir Hellu nicht zwingen, es zuzugeben.« Jessica reibt sich die Stirn.
Da sieht sie eine Bewegung am Fenster in der oberen Etage.
»Guck mal«, sagt sie, ohne sicher zu sein, ob sie Hellu oder jemand anderen gesehen hat. »Da ist sie.«
Jusuf richtet den Blick auf das Fenster. Im selben Moment geht auch im Erdgeschoss Licht an. Bald darauf öffnet sich die Haustür.
Jessica hält den Atem an.
»Jemand kommt raus. Ist das Hellu?«
»Nein«, sagt Jessica.
Die Gestalt trägt einen schwarzen Wintermantel und einen Hut.
Sie geht an dem grauen Prius vorbei und macht sich auf den Weg zur Straße und zu dem Auto, in dem Jessica und Jusuf sitzen.
»Wer zum Teufel ist das?«, flüstert Jusuf und hört auf zu kauen.
»Es ist ein Mann.«
Der Mann geht langsam, aber zielstrebig. Die Hände in den Manteltaschen, den Blick gesenkt. Die breite Hutkrempe verdeckt sein Gesicht. Das kann nicht …
»Runter«, sagt Jessica. Sie drücken sich tiefer in ihre Sitze, um nicht gesehen zu werden.
Der Wind weht unter den Hut, der Mann muss ihn festhalten, damit er nicht davonfliegt.
»Was zum Teufel!«
Da hebt der Mann den Blick und sieht sich um. Wie eine Gazelle in der Savanne, die die Anwesenheit eines Raubtiers spürt, scheint er zu wissen, dass etwas nicht stimmt. Er geht langsamer und bleibt schließlich stehen.
Dann lässt er die Hutkrempe los und hebt das Kinn, um besser zu sehen.
»Er sieht uns«, sagt Jusuf und greift nach dem Zündschlüssel.
Jessica hört seine Worte, ist aber zu sehr auf ihre eigene Erkenntnis konzentriert, um zu antworten. Sie sieht das von den Hoflampen beleuchtete Gesicht jetzt besser und begreift, dass sie es schon oft betrachtet hat. Die spitzen, blassen Backenknochen, den grausamen, zusammengepressten Mund.
Eine kalte Welle zieht durch ihren Körper, gerade so, als hätte ihre Mutter eine Hand auf ihre nackte Haut gelegt.
Jessica tastet nach ihrer Waffe, erinnert sich dann aber, dass ihre Pistole nach Franks Selbstmord zur kriminaltechnischen Untersuchung gebracht worden ist.
Es ist völlig still, sie hört nicht einmal Jusufs Atem.
»Das Gespenst, es ist das Gespenst«, flüstert sie.
Und in derselben Sekunde erblickt der Mann sie, sieht, dass sie ihn sehen, tritt einen Schritt zurück und macht auf dem Absatz kehrt. Der Saum des langen schwarzen Mantels verbirgt die Bewegungen seiner Beine, der Mann gleitet über den Hof wie ein Geist.