Jusuf und Jessica springen aus dem Auto, und Jusuf richtet seine Waffe auf den Rücken des Mannes, der sich immer weiter entfernt.
»Stop!«, brüllt Jusuf, doch das Gespenst dreht sich nicht um, sondern beschleunigt seine Schritte.
»Stehenbleiben!«, ruft Jessica und rennt ebenso wie Jusuf dem Mann nach. Ohne Waffe fühlt sie sich nackt, aber sie kann und will nicht zurückbleiben. Diesmal dürfen sie den Mann nicht entkommen lassen.
In Jessicas Kopf wirbeln die Gedanken durcheinander. Sie verfolgen einen Mann, der die ganze Zeit im Mittelpunkt der Ereignisse gestanden hat. Das Gespenst weiß, was mit Lisa passiert ist. Und mit Jason. Vielleicht hat dieser Mann auch Jose Rodriguez erschossen.
»Halt!«, ruft Jusuf noch fordernder als zuvor.
Das Reihenhausgebiet mit Dutzenden Wohnungen ist die allerschlechteste Umgebung für einen Waffeneinsatz, ganz gleich, ob es sich um einen Warnschuss handelt oder um den Versuch, den Flüchtigen zu verletzen. Auf der Schießbahn ist Jusuf ein Revolverheld, aber er kennt die Realität gut genug, um vorsichtig zu sein.
Der Mantel des Mannes flattert im Wind, er nähert sich Hellus Tür, wechselt dann abrupt die Richtung, springt über einen niedrigen Zaun und läuft auf die Teppichstange zu.
»Stehenbleiben«, ruft Jessica.
Im Nachbarhaus geht das Licht an.
Was zum Teufel hat das Gespenst bei Hellu getan? Hat es sie umgebracht? Warum?
Jessica beschleunigt das Tempo, sie hat beim Weggehen ihre Joggingschuhe angezogen und damit zufällig genau die richtige Wahl getroffen. Der Streusand knirscht unter den Schuhen, hier und da glitzern gefrorene Pfützen, als wollten sie vor ihrer eigenen Gefährlichkeit warnen. Ein Schritt auf die glatte Fläche könnte das Ende der Verfolgungsjagd bedeuten.
Jessica sieht, wie Jusuf den Lauf seiner Waffe nach oben richtet, offenbar will er nun doch einen Warnschuss abgeben. Da verschwindet der Mann urplötzlich aus dem Blickfeld, als hätte der Boden ihn verschluckt.
»Verdammt«, sagt Jusuf und verlangsamt sein Tempo, die Pistole immer noch zum Himmel gerichtet. Aus der Dunkelheit kommt ein leiser Klagelaut, der jedoch rasch im heulenden Wind untergeht.
»Wohin ist …«, beginnt Jessica, doch da taucht der Mann hinter der Streusandkiste auf. Er versucht aufzustehen, sackt aber wieder zu Boden und hält sich den Knöchel.
»Vorsicht, Jusuf«, warnt Jessica.
Vielleicht ist das eine Falle. Der Mann ist garantiert bewaffnet.
»Freeze«, ruft Jusuf hingebungsvoll, als hätte er sein Leben lang auf die Gelegenheit gewartet, den Befehl auf Englisch zu erteilen. Und jetzt sieht Jessica eine straff gespannte Wäscheleine neben der Teppichstange. Eine lebensgefährliche Falle, die im Dunkeln praktisch nicht zu erkennen ist. Es würde Jessica nicht wundern, wenn Hellu die Leine gespannt hätte, um lärmende Kinder zu Fall zu bringen.
»Wait«, sagt das Gespenst, als Jusuf sich ihm nähert. »I can explain.«
Jessica sieht sich um. In Hellus Obergeschoss brennt immer noch Licht. Der Mann, der auf der Erde hockt und sich das Bein hält, ist extrem gefährlich. Er hat Jusuf durch den Glastisch geworfen und Jessica einen kräftigen Schlag aufs Zwerchfell verpasst. Und ist davongelaufen. Immer wieder davongelaufen, aber jetzt haben sie ihn endlich.
»Siehst du das, du Arschloch?«, fragt Jusuf auf Englisch und hebt seine verbundene Hand hoch. »Du hast einiges zu erklären.«
Er nimmt die Handschellen vom Gürtel und wirft sie Jessica zu.
»Let me explain … Your boss«, sagt das Gespenst mit schmerzverzerrtem Gesicht. Offenbar hat er, als er gegen die Wäscheleine lief, einen ziemlichen Purzelbaum gemacht und ist mit seinem ganzen Gewicht auf seinem Fuß gelandet.
»Was ist mit ihr?«, fragt Jusuf.
Jessica geht an ihm vorbei, um dem Mann Handschellen anzulegen. Ihr Herz klopft wie wild.
»Vorsichtig, Jessi«, sagt Jusuf, als sie nach dem Handgelenk des Mannes greift.
Da hören sie eine bekannte Stimme hinter sich. Sie ist diesmal unerbittlich, aber vorsichtig.
»Wartet«, sagt Hellu seufzend. Sie hat ihre Haustür offengelassen und kommt auf die drei zu. Jusuf wirft einen Blick auf Hellu, lässt seine Waffe aber nicht sinken. Einen Moment lang sieht es so aus, als wolle er die Pistole auf seine Chefin richten.
»Was zum Teufel ist hier los, Hellu?«, fragt er.
»Ich weiß, dass es seltsam wirkt«, sagt Hellu und blickt sich unruhig um. »Gehen wir zu mir, dann hört ihr die ganze Geschichte.«
Jessica geht einen Schritt zur Seite. In was hat sich Hellu da verwickeln lassen? In der Nachbarschaft sind immer mehr Fenster erleuchtet.
Hellu stellt sich nun zwischen Jusuf und das Gespenst, und Jusuf tritt einen Schritt zur Seite, um das Gespenst nicht aus dem Blick zu verlieren.
»Steck die Waffe weg, bevor jemand die Polizei ruft«, faucht Hellu.
»Bevor jemand die Polizei ruft?«, wiederholt Jusuf spöttisch, die Waffe immer noch auf das Gespenst gerichtet. »Verdammt nochmal, hier sind doch schon drei Polizisten.«
»Nein, vier«, seufzt Hellu und fährt fort: »Die Waffe weg. Das ist ein Befehl.«