Jessica blickt zu den Spotlampen auf, die in die Decke eingelassen sind und in zwei geraden Linien durch die Wohnung verlaufen. Wenn auch nur eine der Birnen ausfiele, würde Hellu sie zweifellos in Sekundenschnelle auswechseln.
»Am selben Abend, als ich die Bestätigung bekam, dass vom Hotel aus tatsächlich bei Lisa angerufen wurde, setzte ich mich mit ihr in Verbindung. Das war am Freitag«, berichtet Reddick. »Am Telefon habe ich mich auf das Kunstprojekt berufen und sie um ein weiteres Treffen gebeten. Ich hatte die Absicht, die Karten auf den Tisch zu legen und sie zum Reden zu bringen.«
»Habt ihr euch getroffen?«, fragt Jessica.
Reddick seufzt.
»In einem Café am Marktplatz von Töölö, in dem außer uns niemand saß. Ich habe ihr meinen Dienstausweis gezeigt und gesagt, dass ich über die masayoshi.fi-Seite informiert bin und weiß, dass sie in die Sache verwickelt ist. Dass viele Menschenleben gefährdet sind und dass sie selbst nichts zu befürchten hat, wenn sie mir alles verrät.«
»Wie hat sie reagiert?«
»Sie hat sich unwissend gestellt. Dann ist sie aufgestanden und gegangen. In dem Moment war ich überzeugt, dass ich in eine Mine getreten war, einen entsetzlichen Fehler gemacht hatte. Dass ich unbedingt in Helsinki um Amtshilfe hätte bitten und einen Haftbefehl für Lisa Yamamoto erwirken müssen. Und dass sie sofort James anrufen und ihm erzählen würde, dass die Polizei ihnen auf der Spur ist. Dann wäre alles vorbei. Sie würden die Frauen allesamt umbringen.«
Reddick seufzt schwer und blickt Jessica in die Augen. Er sieht plötzlich müde aus.
»Ich bin ihr nachgelaufen, habe sie an der Tür eingeholt und gesagt, dass sie doch bestimmt nicht alle diese Menschenleben auf dem Gewissen haben will. Dass sie mich anrufen soll, wenn sie zur Vernunft kommt. Aber sie hat gesagt, ich wäre verrückt, und ist gegangen.«
»Deine kühne Strategie hat sich gerächt«, meint Jusuf.
»Ich war mir sicher, dass Lisa erpresst wurde. Nur hatte ich keine Ahnung, womit. Bis Hauptkommissarin Lappi mir vorhin erzählt hat, dass Lisas Vater ein ehemaliger Krimineller ist. Jetzt passt plötzlich alles zusammen. Sie haben Lisa gedroht, ihren Vater zu töten, wenn sie nicht mitmacht.«
»Aber an dem Punkt hattest du noch nicht aufgegeben«, merkt Jessica an. »Du hast dir den Einlass zur Veröffentlichung des Albums von Kex Mace’s erschwindelt.«
»Ich habe Lisa weiterhin abgehört. In den paar Tagen hat sie die Veröffentlichungsparty mehrmals erwähnt, und zwar auf Englisch. Wie sich herausstellte, sprach sie mit dem Restaurantchef des Fenix.« Bei Reddicks letzten Worten spürt Jessica einen Stich in der Brust.
»Den hast du auch persönlich getroffen«, sagt sie.
»Am Samstagmorgen. Ich war zu dem Schluss gekommen, dass nur einzelne Mitarbeiter von James wussten. Alles andere wäre ein unnötiges Risiko gewesen. Deshalb ging ich davon aus, dass der Restaurantchef von der ganzen Sache nichts ahnte. Diese Annahme stützte sich auch darauf, dass Lisa in ihren Telefonaten mit Dominis meine Kontaktaufnahme mit keinem Wort erwähnt hat. Wenn Dominis zu der Bande gehört hätte, hätten sie sicher nicht über dieses und jenes geplaudert.« Jessica fühlt sich erleichtert, als wäre ihr gerade eine schwere Last von den Schultern genommen worden. Gleichzeitig überlegt sie jedoch, warum Frank sich für einen so radikalen Schritt entschieden hat, wenn er nicht in den Fall verwickelt war.
»Meinst du, dass Frank Dominis in keiner Weise an der Tätigkeit der Bande beteiligt war?«, fragt Jusuf Reddick, dreht sich zur Seite und sieht Jessica an.
Reddick schüttelt langsam den Kopf. »Ich glaube nicht, dass er dabei war.«
»Warum hast du dich dann am Samstagmorgen mit ihm getroffen?«
»Weil ich Zutritt zu der Party brauchte. Ich musste unbedingt noch einmal mit Lisa sprechen. Sie nahm meine Anrufe nicht mehr an, und ich vermutete, dass sie bald von der Bildfläche verschwinden würde.«
»Und so kam es dann ja auch«, sagt Jessica. Reddick nickt.
»Ich habe Frank Dominis kontaktiert und mich für Samstagmorgen mit ihm verabredet. Vorher habe ich die Kollegen in Den Haag gebeten, seinen Hintergrund zu überprüfen. Es stellte sich heraus, dass er ein ehemaliger Unteroffizier der Infanterie aus Alaska war. Und dass Ermittlungen über den internationalen Schmuggel und Vertrieb von Ecstasy ergeben hatten, dass die Spuren in Helsinki geradewegs zum Fenix führten. Es war klar, dass der Chef des Nachtclubs in die Sache verstrickt war. Bei dem Treffen habe ich Dominis erklärt, dass er mir Zutritt zu der Party von Kex Mace’s verschaffen müsse. Nicht mehr und nicht weniger, andernfalls würde er sofort verhaftet.«
Jessica sieht Reddick aus glasigen Augen an.
Sie hätte Lust, ihm das Wasserglas ins Gesicht zu schleudern, presst ihre zitternden Finger aber um die Armlehne des Sofas. Frank war nicht das Monster, für das du ihn einen Moment lang gehalten hast, Jessica. Aber er war ein Drogendealer, der wusste, dass er für lange Zeit ins Gefängnis wandern würde.