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Jessica betrachtet das wartende Ermittlerteam.

»Es ist also klar, dass der Alleingang von Europol und Reddick dazu geführt hat, dass der Menschenhandelsring seine Sachen gepackt und seine Tätigkeit eingestellt hat. Übriggeblieben sind nur ein Gesicht auf einer Videoaufnahme, ein Mercedes-Jeep, der auf den Namen einer ausländischen Holdingfirma registriert ist, einige nützliche Telefonnummern, denen die Technik gerade nachspürt, und zehn Helfer, die den ersten Vernehmungen zufolge keinen Schimmer von der tatsächlichen Art der Tätigkeit haben. Einer von ihnen ist Sahib Alem aus dem Fenix«, sagt Jessica und sieht den Anwesenden der Reihe nach in die Augen. Nur Rasmus sitzt am Tisch, während Jusuf, Nina, Harjula und Hellu sich mit verschränkten Armen an die Rückwand lehnen. Neben ihnen steht die Frau von der Zentralkripo, deren Namen Jessica nicht gehört hat und die ab Mittag die Ermittlungsleitung übernehmen wird. Jens Oranen, der vor der offenen Tür steht, hat sich heute in seine blaue Paradeuniform geworfen.

»Das gesammelte Material und die Befragung der Zeugen geben Grund zu der Annahme, dass Lisa Yamamoto gezwungen wurde, Hilfsdienste für den Ring zu leisten. Wahrscheinlich wurde auch Jason Nervander auf irgendeine Art hineingezogen. Obwohl die Leichen noch nicht gefunden wurden, gehen wir davon aus, dass beide Blogger Opfer dieser sogenannten Manga-Liga geworden sind«, fährt Jessica fort. »Als Influencer in den sozialen Medien waren beide eine Art Lockvogel und Empfehler, mit denen junge Frauen sich gut identifizieren konnten. Kambo wurde als Heilmittel gegen alles angepriesen, und wie wir von Anfang an vermuteten, hat die aufgepeppte Version die Frauen daran gehindert wegzulaufen. Sarvilinna zufolge macht schon eine einmalige Dosis dieses Cocktails erschreckend süchtig.«

»Die Frauen durften sich also in Helsinki frei bewegen?«

»Das nehmen wir an. Vermutlich wohnten sie alle im selben Quartier und wurden von dort in das Bordell geholt.«

»Haben wir irgendeine Ahnung, wo sich das Bordell befindet?«, fragt Nina.

»Das hat Reddick leider nie herausgefunden. Die Technik klärt gerade ab, ob die Holdingfirma, der das Auto gehört, irgendwo in Helsinki Räumlichkeiten gemietet hat«, erklärt Jessica.

»Wenn alle diese Frauen als Schlachtvieh nach Helsinki gebracht wurden, was ist mit …«, beginnt Harjula. Jessica schüttelt den Kopf.

»Sieht nicht besonders gut aus.«

»Und Akifumi?«, fragt Nina. »Ohne Akifumi hätten wir gar nichts. Haben wir wirklich nicht herausgefunden, wer zum Teufel hinter dem Pseudonym steckt?«

»Wie du sagst, Nina«, beginnt Jessica, »war Akifumis Kommentar sehr nützlich für uns. Wer auch immer er ist, ihm muss daran liegen, dass die Liga gefasst wird. Aufgrund der Beobachtungen von Nathan Reddick können wir auch feststellen, dass Lisa sehr wahrscheinlich gegen drei Uhr in der Nacht zum Sonntag vor ihrem Haus gewesen ist. Reddick hat sie auf der Topeliuksenkatu aus den Augen verloren, wo sie entweder in ein Auto gestiegen oder in den Fahrradkeller des Hauses gegangen ist. Der Hausverwalter hat sich heute früh dort umgeschaut und keine Kampfspuren gesehen. Lisas Mitbewohnerin ist sicher, dass in der Nacht niemand an der Wohnungstür geklingelt oder geklopft hat.«

Jessica legt ihr Papier auf den Tisch und lehnt sich an die Wand. Als niemand etwas hinzufügt oder fragt, stößt Hellu sich von der Wand ab und baut sich am Tischende vor den anderen auf.

»Nathan Reddicks Befragung wird heute fortgesetzt«, erklärt sie. »Sein Vorgesetzter und der Leiter der verdeckten Operation kommen mit der nächsten Maschine nach Helsinki, um die Sache zu erörtern. Wie ihr alle schon wisst, organisiert die Zentralkripo vorher eine gemeinsame Besprechung, bei der die Rollen derjenigen festgelegt werden, die weiterhin an der Ermittlung teilnehmen. Wenn ihr irgendwelche Kommentare oder Fragen habt, meldet euch bei mir.«

Erwartungsvolle Stille breitet sich aus. Dann setzt sich Hellu an den Tisch, als wäre das ein vereinbartes Zeichen.

Jessica räuspert sich.

»Ihr habt gehört, was gestern passiert ist. Frank Dominis …«, beginnt sie und spürt, wie sich der Schmerz in ihren Schultern ausbreitet. »Der Grund, weshalb Dominis bei mir war, ist meine Privatangelegenheit.«

»Moment mal, was meinst du? Der ist doch vernommen worden«, sagt Nina.

Jessica betrachtet ihre Kollegen, deren neugierige Blicke an ihr hängen. Jens Oranen enthüllt seine eigene Rolle in der Sache, indem er sein Handy einsteckt und zur Tür hinausgeht. Auch Jusuf weiß, was jetzt kommt, und sieht unendlich traurig aus.

»Ich habe Hauptkommissarin Lappi gestern Abend mitgeteilt, dass ich aus dem Polizeidienst ausscheide. Ich bin nur hier, um meine Informationen mit euch zu teilen«, erklärt Jessica und spürt, wie der Kloß in ihrem Hals wächst.

»Was?«, ruft Rasmus verblüfft. Auch Harjula und Nina wirken überrascht. Von der Schadenfreude, die Jessica bei beiden erwartet hat, ist nichts zu sehen.

»Die Gründe sind persönlich«, sagt Jessica und klappt den Laptop zu. Einen Moment lang sind alle still.

»Hast du davon gewusst?«, fragt Nina Jusuf, der als Antwort den Blick auf seine Schuhspitzen senkt.

»Aber Jessica … Der Fall ist doch noch offen«, stammelt Rasmus.

»Ihr schafft das schon.« Jessica wischt sich eine Träne aus dem Gesicht. »Sorry, ich dachte, das wäre leichter«, sagt sie und verlässt den Raum.