»Wie spät ist es bei euch?«, fragt Sissi Sarvilinna. Im Hintergrund hört man Gelächter und flotte Fahrstuhlmusik. Jessica gähnt und sieht auf die Uhr.
»Drei Uhr nachts«, antwortet sie und starrt auf die weißen Wände des Wohnzimmers. Ihr Kopf ruht auf einem Kissen, und sie hält sich das Handy ans Ohr. Die Bilder hängen wieder an ihrem Platz. Das nassgeschwitzte T-Shirt klebt ihr am Rücken. Immer noch hört sie das Rascheln der Käfer in ihrem Kopf.
»Aha.« Sarvilinna kaut auf irgendetwas herum. »Hier wird schon gefrühstückt. Ich muss schon sagen, wenn man allein reist, ist kundiges Personal Gold wert. Ich hatte gerade mit der Kellnerin ein entzückendes Gespräch über den hiesigen Honig …«
»Drei. In der Nacht, Sarvilinna«, wiederholt Jessica nachdrücklich und schirmt ihre Augen mit dem Ellbogen ab.
»Richtig, huch, da ist es bestimmt dunkel. Ha ha. Na jedenfalls, Niemi, ich habe dir ja schon vor meinem Urlaub gesagt, wie sehr dieser Fall an der Aurinkolahti-Bucht mich interessiert. Deshalb habe ich meine Vertretung gebeten, mir alles zu schicken, was mit Olga Belousovas Tod zusammenhängt. Ich habe hier eifrig über Kambo und seine Auswirkung auf die Gesundheit geforscht und …«
»Sarvilinna«, fällt Jessica ihr ins Wort und reibt sich die Stirn. »Du hast wohl noch nicht gehört, dass ich …«
»Sei nicht so pedantisch, Niemi. Du bist schon wach, also kannst du dir ebenso gut anhören, was ich zu berichten habe. Du erinnerst dich sicher, dass ich im Institut erwähnt habe, dass an der Haut von Belousovas Fingern und unter ihren Fingernägeln etwas gefunden wurde. Na ja, da ist irgendein Lapsus passiert, aber weil ich mitten in dem Prozess in Urlaub gegangen bin und du angeblich nicht zu erreichen warst …«
»Dass ich nicht zu erreichen bin, liegt daran, dass ich nicht mehr …«
»Aber jedenfalls ist das Material untersucht worden. Es handelt sich um Schaumstoff aus Polyurethan«, unterbricht Sissi Sarvilinna sie. Jessica will ihren angefangenen Satz wiederholen und klarstellen, dass sie nicht mehr an der Ermittlung beteiligt ist, beschließt dann aber, die Sache auf sich beruhen zu lassen. Der Anruf der Rechtsmedizinerin hat ihr Interesse geweckt.
»Polyurethan?«
»Polyurethan, aus dem Schaumstoff hergestellt wurde. In Anbetracht der dunklen Flecke an den Fingern und Handflächen und der Tatsache, dass das Material auch unter den Fingernägeln gefunden wurde, würde ich sagen, dass das Opfer sich am Steuer eines Fahrzeugs festgeklammert hat. Eines Fahrzeugs, das schon einige Jahre auf dem Buckel hat.«
Jessica setzt sich auf.
»Ein Autolenkrad?«
»Ich würde auf ein Boot tippen«, sagt Sarvilinna. Jessica schließt kurz die Augen, und als sie sie wieder öffnet, sieht sie plötzlich ganz klar.
Sie denkt an den Traum, den sie gerade gehabt hat. Wie klingt Vaters Stimme überhaupt?
Sie schleudert die Decke weg und läuft in die untere Etage.