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Der schmucklose, neonbeleuchtete Flur hatte sich inzwischen fast völlig geleert. Nur der Kollege mit der Uniformmütze unterm Arm hielt unerschütterlich Wache vor der Tür der gegenüberliegenden Wohnung. Von innen hörte ich unaufgeregte Stimmen und leise Geräusche – die Spurensicherung war also schon am Werk.

Meine Untergebenen befragten inzwischen die Nachbarn, soweit diese zu Hause waren und morgens um halb sechs Wildfremden die Tür öffneten, welche behaupteten, Polizisten zu sein.

Polizeiroutine. Der Alltag eines gewaltsamen Todes.

Ich beschloss, endlich nach Hause zu fahren, und zückte mein Handy. Der Akku war schon wieder fast leer, aber für einen Anruf bei der Taxizentrale würde es noch reichen. Es wurde Zeit, mir einen neuen zu besorgen. Vielleicht konnte ich diese Aufgabe meinen Zwillingen aufs Auge drücken? Glücklicherweise kam dieses Mal der Aufzug, in den sich niemand erbrochen hatte. Trotz eines großen Aufklebers mit der rot durchgestrichenen Zigarette hatte jemand kürzlich darin geraucht. Der zerkratzte Spiegel zeigte mir einen blassen, sichtlich übernächtigten, fast einsneunzig großen und nicht mehr ganz schlanken Mittvierziger in zerknautschtem dunklem Anzug. Er trug zu seinem Leidwesen eine Brille, sein Haar war schon deutlich ergraut, die Krawatte hing auf Halbmast, über dem Arm trug er einen anthrazitfarbenen Wintermantel.

Es gab einen Ruck, der Aufzug sank in die Tiefe.

Dreimal war in der vergangenen Nacht die Polizei gekommen. Eine griechische Hochzeit, bei der die Polizei nicht kommt, taugt nichts, hatte ich gelernt. Jedes Mal war es mir gelungen, die Kollegen zu besänftigen, und nach einem gut eingeschenkten Schnaps aufs glückliche Brautpaar waren sie wieder abgezogen. Eine griechische Hochzeit muss laut sein, hatte ich gelernt. Je lauter, desto glücklicher die neu gegründete Familie.

Das Hochzeitsfest meiner Ersten Kriminalhauptkommissarin Klara Vangelis war nicht nur gemessen an Lautstärke, Alkoholkonsum und Polizeipräsenz ein durchschlagender Erfolg gewesen. In diesem Punkt waren wir uns alle einig gewesen, als wir uns vor etwa einer Stunde in einer Armada von Taxis auf den Heimweg über die verschneiten Straßen der Kurpfalz machten. Der Brautvater war – ebenfalls schwer betrunken – nicht davon abzubringen gewesen, sämtliche Taxis zu bezahlen. Nur Sven Balke und einige Unentwegte hatten es vorgezogen, zu bleiben und später auf einer Sitzbank zu übernachten, oder vielleicht auch darunter. Das Brautpaar selbst war schon früher verschwunden, was jedoch erst nach vier Uhr bemerkt wurde.

Von ungefähr tausend schnauzbärtigen, unentwegt rauchenden und nichts als Griechisch sprechenden Männern war ich kraftvoll umarmt worden. Vielleicht waren es auch immer wieder dieselben gewesen, ich konnte sie bald nicht mehr unterscheiden. Ungefähr tausend mehr oder wenig füllige Tanten oder Großtanten oder Cousinen hatten mich aufs Herzlichste an den Busen gedrückt, auf die Wangen geküsst und beglückwünscht, wozu auch immer. Natürlich hatte auch die Flüge der gesamten Verwandtschaft der Brautvater bezahlt, erfuhr ich nebenbei, und bei der Vorstellung, dass auch ich zwei Töchter hatte, die dereinst möglicherweise heiraten würden, hatte mir ein wenig gegraust. Immerhin hatte ich keine Heerscharen von Verwandten zu füttern und zu tränken, die von weit her eingeflogen werden mussten.

Als ich durch die breite gläserne Tür ins Freie trat, schlug mir die Kälte schmerzhaft ins Gesicht. Es schneite immer noch. Während der gestrigen Trauungszeremonie im Dossenheimer Standesamt hatte ein solches Wintergewitter getobt, dass die Beamtin manche Sätze zweimal wiederholen musste. Der kalte Sturzregen war bald in Schnee übergegangen, und im Lauf des Nachmittags war die Temperatur um fast zwanzig Grad gefallen. Jetzt rieselten feine, glitzernde Flocken lautlos und regelmäßig vom windstillen Himmel, als wollte es niemals wieder aufhören zu schneien. Wenn ich die Luft anhielt, war es vollkommen still.

Im Schritttempo fuhr ein dunkelgrauer, überlanger Kombi vor. Am Beifahrerfenster ein bleiches Mondgesicht mit übergroßen Augen auf der Suche nach der richtigen Hausnummer. Der Leichenwagen.

Ich wartete mit dem Anziehen des Mantels, bis ich die Kälte nicht mehr ertragen konnte.

Am Sonntagnachmittag fand die erste Besprechung der eilig gegründeten Sonderkommission »Hochhaus« statt. Das Kickoff-Meeting, wie Balke so etwas neuerdings nannte. Eigentlich hatte ich mir vorgenommen, mich dieses Mal herauszuhalten. Aber nach einem späten und sehr spartanischen Frühstück hatte ich mich überraschend gut gefühlt. Und als Runkel mir per Telefon den Termin übermittelte und völlig selbstverständlich mit meiner Anwesenheit rechnete, hatte ich mich dann doch nicht bremsen können. Immerhin war ich einer der Ersten am Tatort gewesen, und wenigstens zu Beginn der Ermittlungen wollte ich dabei sein und ein wenig nach dem Rechten sehen.

Meinem Magen ging es sehr viel besser. Athos und Ouzo hatten endlich Frieden geschlossen.

Sowie alles seinen geordneten Gang ging, würde ich mich zurückziehen, hatte ich mir vorgenommen. Sven Balke, jüngst zum Hauptkommissar befördert, hatte ich die Leitung der vorerst noch kleinen Soko übertragen, da Klara Vangelis aus naheliegenden Gründen nicht zur Verfügung stand. Die schwebte vermutlich zusammen mit ihrem frisch Angetrauten irgendwo über der Adria, auf dem Weg nach Griechenland, wohin ihre Hochzeitsreise selbstverständlich führte. Rolf Runkel, der wie fast alle in der Runde übernächtigt wirkte, war mit Leitungsaufgaben überfordert.

Einige der knapp zehn Gesichter am Tisch hatte ich in der vergangenen Nacht schon gesehen. Balke, der erst am Nachmittag in der Direktion aufgetaucht war, steckte noch im selben hellgrauen Anzug wie gestern und schien direkt aus Dossenheim zu kommen. Unrasiert und vermutlich noch nicht wieder ganz nüchtern stierte er vor sich hin. Die Luft im Raum war schon stickig, bevor die Sitzung begann.

Balke hatte das kleine Besprechungszimmer gebucht, und irgendeine gute Seele hatte wenigstens für reichlich Kaffee gesorgt. Runkel war dabei, eine Reihe von Farbfotos an die Pinwand zu heften.

Die Tote hatte ein kurzes, cognacfarbenes Seidennachthemd getragen, das bis über die Hüften hochgerutscht war, als sie auf ihren Mörder traf. Darunter trug sie nichts. Das üppige Schamhaar auf dem ausgeprägten Venushügel war dunkelblond, die glatten Haare, die ihren Kopf umrahmten, dagegen schwarz. Das etwas zu volle Gesicht war nichtssagend. Die schön geformten Füße nackt, Oberschenkel und Hüften füllig, aber nicht dick, der Blick der weit offenen, blaugrauen Augen wirkte eher verwundert als erschrocken. Als lausche sie einer fernen Musik, die nur sie allein hören konnte.

Der Täter hatte nur ein einziges Mal zugestochen, in den Bauch, und nach der Menge des Blutes zu schließen, hatte er die Hauptschlagader getroffen. Ich sah Balke auffordernd an, der offenbar noch nicht ganz begriffen hatte, dass er hier den Chef spielen sollte. Endlich verstand er, sah Hilfe suchend um sich, öffnete den Mund.

»Okay. Wer fasst bitte mal zusammen?«, fragte er heiser und räusperte sich.

Die schmale, aschblonde Kollegin, die mir in der vergangenen Nacht schon aufgefallen war, hob die Hand. Sie hieß Evalina Krauss, war Oberkommissarin und hatte eines dieser neuen, superkleinen Notebooks vor sich stehen. Über ein langes Kabel war es mit dem summenden Beamer verbunden, der seit einigen Monaten, die meiste Zeit unbenutzt, an der Decke hing. Sie drückte zwei Tasten, und auf der Leinwand erschien die erste Folie einer Power-Point-Präsentation, die sie anscheinend in der knappen Zeit zwischen ihrer Rückkehr vom Tatort und dem Beginn der Besprechung vorbereitet hatte. Balke kniff die Augen zu und riss sie wieder auf, als sähe er Gespenster.

»Ihr kriegt das alles später noch ausgedruckt«, erklärte Kollegin Krauss gut gelaunt. »Keiner muss mitschreiben.« Sie hatte eine klare, helle Stimme, die sie noch jünger wirken ließ, als sie aussah.

Anita Bovary war zwischen fünfunddreißig und fünfundvierzig Jahre alt, erfuhren wir in den folgenden Minuten. Wo sie früher gelebt hatte, war noch nicht bekannt. Und das war leider auch schon fast alles, was meine Truppen bisher über die Tote im knappen Seidennachthemdchen in Erfahrung gebracht hatten.

»Wir haben in der Wohnung praktisch nichts Persönliches gefunden«, schloss Evalina Krauss ihren angenehm knappen und präzisen Bericht. »Keinen Ausweis, keine Briefe, keine Kontoauszüge, einfach nichts. Bloß den Mietvertrag. Das wirkt da alles irgendwie, als hätte sie … Ups!«

Die Kollegin begann mit hochgezogenen Brauen und zunehmender Ungeduld auf ihrem Computerchen herumzutippen.

»Das Mistding ist mir abgestürzt!«, seufzte sie schließlich und hämmerte noch einige Male hilflos auf die Return-Taste.

»So viel zum Thema ›Keiner muss mitschreiben‹«, sagte Balke gerade so laut, dass sie es mit Sicherheit hörte.

»Die Waffe?«, fragte ich.

»Ein Messer«, erwiderte Evalina Krauss, ohne aufzusehen. »Auffallend schmale Klinge. Ein Stilett vielleicht, meint der Doktor.«

»Haben wir das Ding inzwischen gefunden?«

Sie sah auf, als würde die Frage sie überraschen. »Nein. Alle Mülltonnen und das Gelände ums Haus herum haben wir am Vormittag abgesucht. Aber da war nichts. Es hat aber die ganze Nacht und den halben Vormittag geschneit. Wenn wir Pech haben, müssen wir warten, bis es taut.«

Balke öffnete den Mund und schloss ihn wieder.

»Was ist mit Hunden?«, fragte ich.

»Haben wir probiert«, seufzte Runkel. »Aber die Viecher sind bloß in der Gegend rumgerannt wie die Hühner. Die riechen nichts in dem vielen Schnee.«

»Was erzählen die Nachbarn über das Opfer?«

»Herzlich wenig«, sagte ein Kollege, der letzte Nacht ebenfalls am Tatort gewesen war. »Der Hausmeister kennt sie noch am besten, weil sie mal eine Weile Theater mit der Heizung gehabt hat. Er ist ein paar Mal in der Wohnung gewesen, und einmal hat sie ihm zum Dank sogar einen Kaffee spendiert.«

Balke kratzte sich ratlos an der Stirn. Kollegin Krass hackte immer noch auf ihrer Tastatur herum. Plötzlich war das Bild an der Wand wieder da.

»Okay, die Nachbarn«, setzte sie ihren Vortrag fort. »Hier seht ihr eine Skizze der Wohnungen mit den dazugehörigen Namen. Interessant sind natürlich vor allem die, die Wand an Wand mit ihr liegen. Rechts von ihr wohnt ein schwerhöriger Rentner, Alkoholiker, der die meiste Zeit am Computer daddelt. Links haben wir ein junges Paar, er Student, sie, weiß man nicht so genau, die sich auch um nichts kümmern und die meiste Zeit poppen, so wie die aus der Wäsche geguckt haben. Direkt darunter wohnt eine türkische Familie mit zwei kleinen Kindern. Die wussten gerade mal, dass über ihnen noch wer wohnt. Über Frau Bovary ein arbeitsloser Automechaniker, der Tag und Nacht seltene Blümchen presst. Der meint, er hätte nachts einen Schrei gehört. Könnte aber auch aus einem Fernseher gekommen sein, sagt er.«

»Um welche Uhrzeit?«

»Gegen drei, sagt er, vielleicht auch ein paar Minuten später.«

Mit einem feinen, siegessicheren Lächeln um den Mund sah sie mich an. Mir fiel auf, dass sie Balkes Blick mied. Hier bahnte sich möglicherweise ein kleines Kompetenzgerangel an.

Sie wandte sich wieder ihrem Bildschirm zu.

»Kommen wir zum Tatablauf, soweit man dazu schon was sagen kann.« Tastendruck, nächste Folie. »Hier seht ihr einen Grundriss der Wohnung. Ein Zimmer mit Kochecke, hier der Flur, das Bad. Das Ganze hat sich im Flur abgespielt. Der ist zwei Meter und elf Zentimeter lang und einsdreiundzwanzig breit. Der Täter hat sie frontal von vorn angegriffen. Sie muss ihm die Tür geöffnet haben, jedenfalls gibt es keine Einbruchspuren. Dann ist sie vermutlich ein, zwei Schritte rückwärts. Ihr Pech war, dass die Tür in den Wohn- und Schlafraum nach außen aufgeht. Das heißt, sie hat sich selbst den Fluchtweg abgeschnitten. Und dann muss er auch schon zugestochen haben. Sie dürfte sofort das Bewusstsein verloren haben, sagt der Doktor. Sie hat nicht leiden müssen.«

Ein weiteres Foto erschien auf der Leinwand. Es zeigte die Tote mit bloßem Unterkörper aus der Vogelperspektive.

»Wie ihr an den Wischspuren deutlich seht, hat der Täter anschließend die Tür zum Wohn- und Schlafraum aufgezogen und die Leiche damit zur Seite geschoben. Dann hat er sich ihre Handtasche geschnappt und ist getürmt.«

»Wirkte die Wohnung durchsucht?«, fragte ich.

Zwei schläfrige Kollegen von der Spurensicherung schüttelten einhellig die Köpfe.

»Die Handtasche ist jedenfalls weg«, sagte Evalina Krauss. »Der Hausmeister ist sich sicher, dass sie abends mit einer schwarzen Lackhandtasche losgezogen ist. Da werden ihre persönlichen Sachen drin sein.«

Balke öffnete den Mund, und ich dachte, er werde nun endlich die Initiative ergreifen, aber er gähnte nur. Rechts neben mir begann jemand leise zu schnarchen. Rolf Runkel war eingeschlafen. Evalina Krauss stupste ihn an, jedoch ohne Erfolg.

Das Gespräch erstarb, alle starrten jetzt den mit offenem Mund schlafenden Runkel an. Die Luft schien inzwischen kaum noch Sauerstoff zu enthalten. Kollegin Krauss stupste stärker, die ersten begannen zu grinsen. Der dritte Weckversuch, ein kräftiger Ellbogenstoß in die Rippen, brachte schließlich den gewünschten Erfolg. Runkel schrak hoch und stieß dabei seinen fast vollen Kaffeebecher um. Mit spitzem Schrei und enormer Reaktionsgeschwindigkeit brachte Evalina Krauss ihr Computerchen in Sicherheit.

»Noch mal kurz zur Spurenlage«, fuhr sie unerbittlich fort, als alle sich wieder beruhigt hatten und der Kaffee mit Hilfe eines Packens Papierservietten aufgesaugt war. Ein neues Bild erschien an der Wand. »Der Arzt meint, der Todeszeitpunkt müsse gegen drei Uhr morgens gewesen sein, plus minus ein bisschen. Passt zu dem Schrei, den der Nachbar gehört haben will. Fingerspuren waren praktisch überall, von verschiedenen Personen und natürlich noch lange nicht alle ausgewertet. Und hier …«, wieder ein neues Bild, »… seht ihr einen Fußabdruck. Der Täter muss in das Blut getreten sein, ist sogar ein bisschen ins Rutschen gekommen, und da haben wir ein paar wirklich hübsche Abdrücke.«

»Keine Einbruchspuren, hast du gesagt?« Balke schien endlich das Bewusstsein wiedererlangt zu haben. »Wie ist er denn reingekommen?«

Wieder wechselte das Bild an der Wand.

»Hier seht ihr eine Makroaufnahme vom Türschloss. Auf den ersten Blick sieht man nichts. Auf den zweiten auch nichts. Das Schloss ist definitiv nicht geknackt worden. Aber wer ein bisschen Übung hat, kriegt diese alten Dinger mit einer Büroklammer auf. Über den Balkon kann er jedenfalls nicht gekommen sein. Erstens ist das viel zu hoch, und außerdem hätte er im Schnee Spuren hinterlassen.«

Jemand sprang auf und riss endlich ein Fenster auf. Schon nach Sekunden erhob sich Protest. Denen, die in der Nähe saßen, wurde kalt, und nach einigem Hin und Her wurde das Fenster wieder geschlossen.

»Wer hat einen Schlüssel zur Wohnung?«

»Der Hausmeister natürlich«, erwiderte Evalina Krauss, als habe sie nur auf meine Frage gewartet. »Der hat einen Generalschlüssel. Sonst …?«

»Hat er den verliehen in letzter Zeit? War er mal vorübergehend verschwunden?«

Sie sah mich ratlos an. Ich machte mir eine Notiz. Solche Flops passierten immer wieder in der Hektik des Anfangs.

»Für mich ist das ganz klar ein Einbrecher«, mutmaßte Runkel, der – inzwischen wieder wach – auf seinem Stuhl fläzte. »Sie ist aufgewacht, ist ihm im Flur in die Arme gelaufen und zeng …«

»Glaube ich persönlich eher nicht«, unterbrach ihn Evalina Krauss. »Die kommen normalerweise am Tag. Wenn sie wissen, dass die Wohnung leer ist. Und sie haben normalerweise auch keine Messer dabei.«

»Außer, er hat geglaubt, sie ist nicht daheim …« Runkel klang ein wenig gekränkt, wie so oft, wenn man seine Ansichten nicht teilte.

Balke versuchte, nach einem unsicheren Seitenblick auf mich, endlich die Diskussionsleitung an sich zu ziehen.

»Und wie machen wir jetzt weiter?«, fragte er in die Runde.

»Ich schlage vor: Zweiter Durchgang bei den Nachbarn.« Kollegin Krauss schob ihr glattes Haar hinters Ohr. »Heute Morgen sind die meisten ja noch halb im Koma gewesen, und einige hatten auch die Klingel abgestellt. In der Zwischenzeit ist dem einen oder anderen vielleicht auch noch was eingefallen.«

Balke nickte. »Außerdem Telefon, Handy, Internet, die übliche Latte …«

»Hat sie nicht. Kein Telefon, kein Handy.«

Er starrte sie ungläubig an. »Kein Telefon? Gibt’s so was?«

»Ich nehme an, sie hat ein Handy, und das dürfte in der Handtasche sein.«

»Internet auch nicht?«

»Du sagst es.«

Der frischgebackene Hauptkommissar Sven Balke war offensichtlich alles andere als glücklich mit seinem ersten Einsatz als Chef. Zufrieden klappte seine Kontrahentin ihr Notebook zu.

Ich sah sie an. »Sie wollten vorhin noch etwas sagen.«

»Ich?«

»Kurz bevor Ihnen der Computer abgestürzt ist.«

Sie stutzte, nickte dann. »Das hat ausgesehen, als habe … wie soll ich sagen … als habe sie gar nicht richtig da gelebt. Normalerweise liegt doch in jeder Wohnung Zeug rum, es sammelt sich Trödel an, es hängen Fotos an den Wänden. Das Einzige, was wir bei ihr gefunden haben, war der Mietvertrag. Sie hat übrigens eine Schweinemiete bezahlt. Neunhundertfünfzig Euro für nicht mal vierzig Quadratmeter!«

»Die Wohnung war früher eine Art Privatbordell«, klärte ich sie auf. »Ich glaube aber nicht, dass Frau Bovary sie in diesem Sinne genutzt hat. Ich vermute, sie hat auf die Schnelle einfach nichts Billigeres gefunden und wollte nicht lange bleiben.«

Die junge Kollegin nickte nachdenklich.

»Was ist eigentlich mit dem Erbrochenen im Lift?«, fragte ich, als die Ersten ihre Glieder dehnten und Anstalten machten, sich zu erheben. »Ist eine Probe von dem Zeug im Labor?«

»Nee, oder?«, schnappte Evalina Krauss. »Das meinen Sie jetzt aber nicht …« Sie brach ab und wurde über und über rot. »Scheiße!«, murmelte sie dann und legte beide Hände flach auf den Tisch. »Scheiße, Scheiße, Scheiße!«

»Ich glaub«, meinte ein Kollege neben ihr nicht weniger betreten. »Also, ich glaub fast, das hat der Hausmeister schon weggeputzt.«

Als könnte er den Fehler so wiedergutmachen, zückte er sein Handy, drückte eilig einige Tasten, und Sekunden später hatten wir Gewissheit: »Ist sogar extra noch mit einem scharfen Reinigungsmittel hinterher, damit es nicht mehr so stinkt. Die ganze Sauerei hat er ins Klo gespült, und den Eimer hat er natürlich auch schon ausgewaschen.«

»Na, super!« Stöhnend legte Balke den Kopf in den Nacken. »Das darf ja wohl nicht wahr sein!«

»Du hättest letzte Nacht gerne kommen können und die Kotze zusammenkratzen!«, fauchte Oberkommissarin Krauss ihn an. Zum ersten Mal seit Beginn der Besprechung sah sie ihm direkt ins Gesicht.

»Haben Sie früher mal was mit ihr gehabt?«, fragte ich Balke, als wir später allein waren. »Oder wieso ist sie so sauer auf Sie?«

»Eher umgekehrt«, erwiderte er mit verkniffenem Blick. »Sie hat mal versucht, mich anzumachen, und – na ja.«

Es kann offenbar auch ein Fluch sein, beim anderen Geschlecht beliebt zu sein.

»Was halten Sie von der Geschichte?«

»Einbruch würde ich ausschließen.« Balke unterdrückte mit Mühe eine heftige Gähnattacke. »Da steckt was anderes dahinter. Ich tippe auf eine Beziehungstat.«

»Und die Handtasche?«

»Ein billiger Trick, um uns auf eine falsche Fährte zu locken. Vorgetäuschter Raubmord. Nein, mein Bauch sagt mir: Beziehungstat.«

»Ich habe heute Morgen mit der Nachbarin gesprochen, die sie gefunden hat. Sie meinte, die Tote habe sich eventuell kürzlich von ihrem Mann getrennt.«

»Erst mal müssen wir wissen, wer sie ist und woher sie kommt. Der Rest klärt sich dann vermutlich ziemlich schnell.« Balke atmete tief ein und aus und freute sich sichtlich auf das Ende unseres Gesprächs.

»Legen Sie sich hin!« Ich schlug ihm auf die Schulter. »War eine harte Nacht. Schlafen Sie sich aus. Morgen früh sehen wir weiter.«