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»Paps, hast du mal kurz Zeit?«, fragte Louise mit unsicherem Blick, als sie abends um kurz nach zehn zu mir ins Wohnzimmer kam.

Aus den Lautsprecherboxen drang ruhige Klaviermusik von Keith Jarrett. Ich war dabei gewesen, Theresa, meiner Geliebten, eine Gute-Nacht-SMS zu schreiben. So, wie meine fünfzehnjährige Tochter guckte, gab es ein Problem. Ich legte das Handy zur Seite.

»Natürlich«, erwiderte ich ohne Begeisterung. »Setz dich.«

An ihrem Hals befand sich seit neuestem ein Tattoo, das allerdings abwaschbar war, wie man mich beruhigt hatte, bevor ich mich aufregen konnte. Am Oberkörper trug sie ein zu knapp sitzendes, bauchfreies Top, an den Beinen eine Uralt-Jeans voller Löcher und Risse. Seufzend plumpste sie auf den zweiten Sessel. »Es ist wegen Sarah.«

»Habt ihr schon wieder Streit?«

»Die ist total unmöglich!«

»Hat es mit der Band zu tun?«

Erst vor wenigen Monaten hatten meine Töchter überraschend ihr sängerisches Talent entdeckt, ohne mein Wissen an einem Casting teilgenommen und auf diesem Weg einen Produzenten und Manager gefunden, der mit meinen Mädchen als Frontfrauen eine kleine Band zusammenstellte: »The Twins«. Seither hatten sie viel geprobt und leider auch gestritten und den einen oder anderen mehr oder weniger erfolgreichen Auftritt in drittrangigen Clubs absolviert. Inzwischen umfasste ihr Repertoire fast zwanzig Stücke, meist Titel aus den Hitparaden, die das Publikum kannte und mochte. Schon dreimal waren sie in der Zeitung erwähnt worden, einmal sogar mit Foto.

Betrübt betrachtete Louise ihre zartgliedrigen Hände. Heute waren ihre Fingernägel giftgrün lackiert. Vorgestern waren sie noch blasslila mit Flitter gewesen. »Sarah zickt bloß noch rum. Mal singe ich angeblich einen halben Ton zu tief, mal einen halben Takt zu schnell. Immer, immer weiß sie alles besser!«

»Schließlich ist sie ja auch die Ältere von euch beiden.« Ich quälte mir ein Lächeln ab.

»Die halbe Stunde!«, schnaubte sie und lächelte nicht. Es schien wirklich ernst zu sein. Meine Töchter waren eineiige Zwillinge, schlank, gerstenblond und sahen sich immer noch zum Verwechseln ähnlich. Was bei der Band natürlich zum Konzept gehörte.

»Und was sagt Sam dazu?«

Sam, das war der ebenfalls noch junge Manager, der sie entdeckt hatte.

»Dem sind wir doch total egal. Der hat ja nicht mal Zeit, zu ’ner Probe aufzutauchen.«

»Und die anderen? Der Schlagzeuger, der Gitarrist?«

»Jo und Pit?« Sie schlug die Augen nieder und schien ein wenig zu erröten. »Ach, die …«

Bahnte sich hier die erste große Krise der neu gegründeten Band an? Teamprobleme, das kannte ich aus diversen Führungsseminaren, an denen ich in den letzten Jahren hatte teilnehmen müssen.

Ich nahm einen Schluck von dem dunklen Rioja in meinem Glas. Er war gut, und ich versuchte mich daran zu erinnern, wo ich die Flasche gekauft hatte. Ich kam nicht drauf.

»Und jetzt?«, fragte ich.

»Weiß nicht«, murmelte Louise und malte mit dem Zeigefinger Figuren auf die Tischplatte. »Könntest du nicht mal mit ihr reden?«

»Wo steckt Sarah überhaupt?«

»Na, im Bad, wo sonst? Da ist sie ja immer. Ständig guckt sie in den Spiegel. Morgens steht sie extra eine halbe Stunde früher auf, damit sie sich ordentlich aufbrezeln kann!«

Ich versuchte einen Trick, den ich in einem meiner Seminare gelernt hatte: »Was müsste passieren, damit alles wieder so wäre wie früher?«

»Sie müsste bloß wieder normal werden. Und nicht mehr ständig rumzicken. Meinst du, sie wird jetzt langsam erwachsen?«

Aus dem Bad hörte ich Sarah singen. Es klang, als probe sie eine schwierige Passage aus einem neuen Stück. Meine Töchter hatten tatsächlich Talent, stellte ich wieder einmal fest. Und noch immer war ich mir nicht ganz sicher, ob ich mich darüber freuen sollte oder nicht.

Am Montagmorgen saß ich trotz meiner guten Vorsätze doch wieder in der Soko-Besprechung. Vor mir selbst rechtfertigte ich meine Inkonsequenz damit, dass ich ein wenig auf Balke aufpassen musste. Gestern hatte er wirklich keine gute Figur gemacht. Heute hatte er seinen eigenen Laptop mitgebracht und sich des Beamer-Kabels bemächtigt, bevor jemand ihm zuvorkommen konnte. Heute war er auch ordentlich rasiert und ergriff das Wort, ohne dass man ihn dazu eindringlich ansehen musste.

»Das ist alles ziemlich komisch.« Schon sein erster Satz ließ mich fürchten, dass der Fall doch nicht so einfach war, wie ich gehofft hatte. »Die Frau ist amtlich nicht gemeldet, in keiner unserer Dateien taucht eine Anita Bovary auf, es gibt kein Handy, jedenfalls nicht in Deutschland, das auf diesen Namen läuft.«

»Vielleicht ist ihr Haus abgebrannt?«, grübelte Runkel mit dem Zeigefinger an der Nase. »Oder sie ist ausgeraubt worden? Oder sie stammt aus dem Ausland und ist erst vor Kurzem …?«

»Sie hat Deutsch gesprochen«, unterbrach ihn Balke grob. »So viel wissen wir immerhin schon.«

»Die ist vor irgendwas auf der Flucht gewesen«, spekulierte Evalina Krauss mit gerunzelter Stirn. »Die hat sich vor irgendwem versteckt.«

»Leider nicht gut genug«, sagte ich.

Balke drückte eine Taste, eine Liste erschien auf der Leinwand.

»Aber es gibt schon ein bisschen Licht am Ende des Tunnels. Eine junge Frau, die auf demselben Stockwerk ganz hinten links wohnt, will gestern Morgen gegen drei Uhr einen Mann beobachtet haben, der auffallend eilig das Haus verlassen hat.«

»Ich glaube, die Frau habe ich gesehen«, sagte ich langsam. »Aber sie ist doch erst nach fünf heimgekommen.«

»Sie ist früher schon mal kurz zu Hause gewesen, sagt sie, weil ihr irgendein Knallkopf in der Disco eine Bloody Mary über die Bluse gekippt hat.«

Balke drückte eine Taste. Der Mann, dessen Phantombild wir nun bewundern durften, mochte zwischen dreißig und fünfzig Jahre alt sein. Das Gesicht war hager und glatt rasiert. Die Augen lagen tief in den Höhlen.

»Käseweiß sei er gewesen.« Balke starrte so konzentriert auf das Bild, als wollte er so die Motive des Unbekannten ergründen. »Und sehr eilig habe er es gehabt. Hat sie in der Haustür praktisch über den Haufen gerannt. Was er anhatte, kann sie nicht mit Bestimmtheit sagen. Möglicherweise eine Lederjacke, schwarz oder dunkelbraun. Aber die Zeugin sagt selbst, sie sei ziemlich angeschickert gewesen. Er hat nicht gerade wohlhabend gewirkt, nicht besonders gut gerochen und ist anscheinend in heller Panik gewesen.«

»Hat er etwas in der Hand gehalten?«, fragte ich aufmerksam.

»Kann die Zeugin nicht mit Bestimmtheit sagen«, erwiderte Evalina Krauss, bevor Balke den Mund aufbekam. »Ich habe selbst mit ihr gesprochen. Das sei alles so rasend schnell gegangen, sagt sie, und es war ja auch dunkel. Sie meint, er könne eventuell auch der Typ gewesen sein, der den Aufzug vollgekotzt hat. Die Schweinerei hat jedenfalls schon da gelegen, als sie einsteigen wollte.« Sie holte tief Atem. »Sie hat dann lieber den anderen Aufzug genommen.«

»Wir hatten schon schlechtere Phantombilder«, stellte ich fest.

»Ich lasse gerade fünfhundert Handzettel drucken«, sagte Balke. »Die werden noch heute im Umfeld des Tatorts verteilt.« Er räusperte sich, da einige angefangen hatten zu tuscheln. Es wurde wieder still. »Der Knaller kommt aber noch«, fuhr er fort. »Frau Bovary hat in der Nacht vermutlich nicht allein im Bett gelegen. Die Spusi hat Haare gefunden, die nicht von ihr stammen. Ein paar Sackhaare und auch welche vom Kopf. Die einen waren schwarz, die vom Kopf ziemlich lang für einen Kerl und schon ein bisschen angegraut. Und unsere Zeugin meint nun, der Typ, mit dem sie in der Haustür zusammengerasselt ist, könnte lange Haare gehabt haben.«

»Hatte die Tote in der Nacht Geschlechtsverkehr?«

»Nach dem ersten Augenschein nicht, meint die Gerichtsmedizin. Aber die Autopsie ist natürlich noch nicht abgeschlossen.«

»Was hat die Spurensicherung sonst noch zu bieten?«

Balke zog eine säuerliche Grimasse. »Bisher leider wenig. Ein bisschen Sand, ein paar Körner.«

»Körner?«

»Sonnenblumenkerne.« Ratlos hob er die muskulösen Schultern, die sich unter seinem olivgrünen T-Shirt abzeichneten, und kratzte sich am Oberarm. »Da steht ein kleines Tischchen neben der Balkontür. Und darum herum sind Reste von feinem Sand am Boden.«

»Die hat einen Vogel gehabt«, meinte einer, und ein paar lachten.

Für Sekunden blieb es still. Jedem im Raum war klar, dass das Phantombild, das uns immer noch von der Wand herab mit dunklen Augen anstarrte, mit hoher Wahrscheinlichkeit Anita Bovarys Mörder zeigte.

Balke erhob sich zum Zeichen, dass die Sitzung beendet war. »Heute Abend wissen wir mehr. Gehen wir an die Arbeit.«

Nun begann das Übliche: Die Publicity des menschlichen Unglücks, die uns oft genug die Aufklärung eines Falles liefert, bevor die Ermittlungen richtig in Gang gekommen waren. Fotos in Zeitungen, Berichte in Radio und Fernsehen, Aktuelles auf den Internetseiten der Polizeidirektion Heidelberg. Parallel dazu sammelten meine Untergebenen akribisch alle greifbaren Informationen, und mochten sie auf den ersten Blick noch so nebensächlich und unbedeutend scheinen. Der Rest war Warten.

Warten auf Gutachten.

Warten darauf, dass jemandem das Foto des Opfers in der Zeitung bekannt vorkam oder das Phantombild des potenziellen Täters.

Warten auf einen Geistesblitz, einen Telefonanruf, die entscheidende E-Mail.

Nicht nur die Öffentlichkeit, auch die Zeit arbeitete meist für uns.

In meinem Büro war es ungewöhnlich still an diesem Montag. Der Schnee draußen verschluckte die Geräusche des ohnehin spärlichen Verkehrs. Heidelberg schien unter der ungewohnten weißen Pracht erstarrt zu sein. Die heiße Phase der weihnachtlichen Familientragödien und handgreiflichen Ehekräche anlässlich alkoholgesättigter Silvesterfeiern war vorüber. Die trübe Kälte vor den Fenstern schien jede Emotion zu ersticken. Bis auf die Küstenregionen lag ganz Deutschland unter einer dicken Schneedecke. In den Alpentälern steckten Tausende Skiurlauber fest, weil die Schneefräsen nicht mehr durchkamen. Der Neckar war zum ersten Mal seit vielen Jahren zugefroren, erste Waghalsige fuhren schon Schlittschuh darauf oder riskierten einen Spaziergang auf der glatten Ebene. Der Verkehr schleppte sich durch die Straßen, manche Autofahrer, solche Schikanen der Witterung nicht gewohnt, kamen schon beim Anblick der weißen Pracht ins Schlingern, und selbst die Kriminellen schienen vorsichtshalber auf Tauwetter zu warten, bevor sie sich wieder ihrer riskanten Tätigkeit widmeten. In Weinheim hatten die dortigen Kollegen in der vergangenen Nacht einen Tankstellenräuber einfach dadurch gefasst, dass sie durch die halbe Stadt hindurch und bis zu seiner Garage seinen Reifenspuren im frisch gefallenen Schnee folgten.

Januar war mein Monat für Statistik. Auf meinem Schreibtisch türmten sich die alljährlichen Datenabfragen, mit deren Hilfe das Innenministerium den dringenden Bedarf an weiteren Mitteln und zusätzlichem Personal begründen würde und die Landesregierung das Gegenteil. Da Kriminaldirektor Egon Liebekind, der Chef unserer Polizeidirektion und mein direkter Vorgesetzter, seit Wochen krank war, musste ich als sein Stellvertreter auch seinen Teil des mühseligen Zahlengefummels erledigen. Fallzahlen, Zunahmen und Abnahmen, Aufklärungs- und Fehlquoten, Krankheitstage, gefahrene Kilometer, verfallene Urlaubstage, verbrauchtes Benzin, gestiegene Telefonkosten, Verlustmeldungen. Selbst für die Menge des im vergangenen Jahr verbrauchten Klopapiers interessierte sich jemand in Stuttgart. Hier konnte ich sogar einen kleinen Erfolg melden: Es war uns gelungen, diese Kosten um sensationelle fünfkommadreiacht Prozent zu senken. Wie, entzog sich meiner Kenntnis. Vermutlich hatte ich mich bei den Zahlen vor einem Jahr einfach nur verrechnet.

Liebekind schien dieses Mal einen besonders heimtückischen Grippevirus erwischt zu haben. Seit Weihnachten hatte ich ihn nur ein einziges Mal zu Gesicht bekommen, anlässlich meiner Inauguration zum Kriminaloberrat am zweiten Januar. Eine halbe Stunde hatte er mir zu Ehren der kleinen Feier beigewohnt, dabei viel gehustet und hoffentlich nicht allzu viele angesteckt. Dann hatte er sich von Theresa, seiner Frau und meiner Geliebten, wieder nach Hause fahren lassen.

Beim Gedanken an Theresa lächelte ich unwillkürlich. Ich unterbrach die elende Rechnerei, um ihr eine längere Gute-Morgen-SMS zu schreiben. Sie antwortete fast sofort. Wie ich freute sie sich auf morgen. Dienstagabend war unser Jour fixe. Und irgendwie schaffte sie es zu kommen, auch wenn ihr Gatte nicht, wie an Dienstagen üblich, die Rotarier mit seiner Anwesenheit beehrte. Mit welcher Ausrede sie sich morgen davonstehlen würde, wusste ich nicht.

Sönnchen, meine tapfere Sekretärin, unterstützte mich nach Kräften und mit ihrer langjährigen Erfahrung als engste Vertraute diverser Kripochefs vor mir. Ihr richtiger Name war Sonja Walldorf, aber das wusste kaum jemand, da sie von allen und jedem nur Sönnchen genannt wurde.

Auch wir, die Polizei, verfolgten natürlich unsere Interessen bei dem Datenerfassungs-Wahnsinn. Deshalb rundete ich hier etwas auf, dort eher ab, schwindelte hier ein wenig, mogelte dort ein bisschen, reklamierte ohne Hoffnung Baumängel unserer immer noch neuen und schon wieder maroden Polizeidirektion, die schon mein Vorgänger erfolglos reklamiert hatte.

Ich verabscheute diese Art von Tätigkeit aus tiefstem Herzen. Aber sie gehörte nun einmal zum Job eines Kripochefs. Wie so oft beneidete ich meine Untergebenen, die jetzt draußen waren, mit Menschen zu tun hatten, Spuren suchten, Fakten sammelten, Vermutungen anstellten und wieder verwarfen. Und abends nach Hause gingen mit dem Gefühl, etwas getan und nicht nur Papier beschrieben zu haben.

Nach zwei Stunden legte ich Sönnchen die ersten Ergebnisse meiner lustlosen Bemühungen zum Nachrechnen auf den Schreibtisch. Dann schob ich noch ein Weilchen Papierstapel hin und her, schrieb Theresa eine zweite SMS, und eine halbe Stunde später war ich unterwegs nach Heddesheim. Der kleine Ort lag etwa fünfzehn Kilometer nordwestlich von Heidelberg.