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Die Sonne war durchgebrochen, aber immer noch herrschte eine sibirische Kälte bei fast völliger Windstille. Der Schnee war so weiß, dass es in den Augen schmerzte, und im Wagen wurde es lange nicht warm. Als ich Heidelberg hinter mir gelassen hatte und endlich ein wenig schneller fahren konnte, wirbelte hinter mir eine gleißende Schleppe von Schneekristallen über die Straße.

Heute sah ich das sich in den tiefblauen Himmel türmende Hochhaus bei Tageslicht. Vermutlich, um das Ganze etwas aufzulockern, wechselte die Farbe der Balkons alle zwei, drei Etagen. Ich zählte zwanzig Stockwerke. Das Haus passte an den Ortsrand von Heddesheim ungefähr so gut wie ein Flugzeugträger in einen Yachthafen.

Der Hausmeister wohnte im Erdgeschoss gleich links hinter dem Eingang. Er war ein massiger Mann Ende dreißig, den man mit seiner mächtigen Vollglatze, dem schon etwas angegrauten Rübezahlbart und der nietenübersäten schwarzen Biker-Hose für den Anführer einer drittklassigen Hells-Angels-Gruppe hätte halten können. Auf seinem grauen und zu engen T-Shirt prangte dann auch das rote Emblem von Moto Guzzi und der Schriftzug: Where Eagles fly.

»Hört das denn nie auf?«, maulte er, als er meinen Dienstausweis erblickte.

»Es hört dann auf, wenn wir den Täter haben.«

Aus der engen und mit Sperrmüllmöbeln vollgestellten Wohnung roch es nach gekochtem Kohl und alten Socken.

»Muss ich mit rauf, oder ist es okay, wenn ich Ihnen den Schlüssel gebe?«

»Schlüssel reicht.«

Seufzend griff er nach dem Bund, der neben der Tür an einem Haken hing. »Ich hab nämlich gerade was auf dem Herd. Und außerdem hat der Kleine Fieber. Ich möchte ihn ungern allein lassen.«

Wie zur Bestätigung hörte ich klägliches Wimmern. Der Hausmeister – den handgekrakelten Namen an der Klingel hatte ich inzwischen als Stachowiak entziffert – löste einen Schlüssel vom Ring und überreichte ihn mir, als wäre er froh, das lästige Ding endlich los zu sein.

»Wie lang werden Sie ihn brauchen?«

»Bis ich fertig bin.«

Er grinste schief. »Was suchen Sie eigentlich da oben? Ihre Leute haben doch jeden Millimeter schon dreimal mit der Lupe abgesucht.«

»Das weiß ich nicht«, antwortete ich wahrheitsgemäß.

Aus Anita Bovarys Wohnung schlug mir ein süßlicher, Übelkeit erregender Hitzeschwall entgegen. Irgendjemand hatte die Heizung bis zum Anschlag hochgedreht. Mit vorsichtigen Schritten durchquerte ich den winzigen Flur mit dem inzwischen eingetrockneten Blut am Boden, betrat den sonnendurchfluteten Wohn- und Schlafraum mit Kochnische, drehte den Thermostat auf null und riss die Balkontür auf. Die Wohnung war deutlich kleiner als die gegenüberliegende von Frau Hasenkamp. Ich hängte meinen Wollmantel an einen Haken im Flur, steckte die Hände in die Taschen und begann, mich umzusehen. Ich betrachtete die Dinge, die die Tote umgeben hatten, versuchte mir vorzustellen, was hier geschehen war vor kaum mehr als dreißig Stunden.

Die Einrichtung war gelinde gesagt ungewöhnlich und definitiv nicht gemacht, um bei Tageslicht besichtigt zu werden. Ein zerwühltes Polsterbett beherrschte den Raum. An der Wand über dem Kopfteil hing ein riesiger, goldgerahmter und stark nach vorne geneigter Spiegel. Er war so weit geneigt, dass Personen, die sich auf dem Bett tummelten, ungehinderte Aussicht auf sich selbst genossen. An den übrigen Wänden hingen zum Schreien schlechte Reproduktionen semipornografischer Ölschinken, den Boden bedeckte ein plüschiger, bordeauxfarbener Teppichboden, der hie und da schon Wellen warf. Auch die Wände waren rot gestrichen, die Vorhänge im selben Ton gehalten.

Über einer Stuhllehne hing ein schwarzes Kleid mit Spaghettiträgern, das sie vermutlich am Samstagabend getragen hatte. Ein ebenfalls schwarzes, knappes Spitzenhöschen, der dazu gehörige BH und schwarze Nylonstrümpfe lagen neben dem Bett verstreut.

In einer Nische zwischen Bett und Wand entdeckte ich einen Stapel Bücher. Auf dem gläsernen Nachttischchen auf der anderen Seite drei weitere. In einer Ecke neben dem Fenster eine rührend kleine Bar, die allerdings komplett leer war. Daneben hing ein zweiter, noch größerer Spiegel, der vermutlich für die Kundschaft gedacht war, die sich nach dem kostenpflichtigen Vergnügen ankleidete und nicht mit falsch geknöpftem Hemd vor die Tür treten wollte.

Im Bad Schminkzeug, überraschend wenig, eine nach Meer duftende, blassblaue Seife, ein noch unangebrochenes Shampoo für trockenes Haar, eine halbvolle Flasche einer teuren französischen Bodylotion. Ich öffnete sie und schnupperte daran. Der Duft war angenehm, und ich meinte, ihn gestern Morgen schon gerochen zu haben.

Das Bad entstammte der Zeit, als man moosgrünes Sanitärporzellan schick gefunden hatte. Ein wenig wunderte ich mich, wie wenig diese Frau gebraucht hatte, um sich schön und wohlriechend zu machen. Meine Töchter brachten es mit ihren fünfzehn Jahren problemlos auf die zehnfache Menge an Fläschchen und Tübchen, Döschen und Zerstäubern, Lippenstiften, Lotions und Cremes.

Über der Ablage hing ein in die Jahre gekommenes Badezimmerschränkchen mit teilweise schon blinden Spiegeltüren. Darin befand sich nichts außer einer halb leeren Zehnerpackung Kondome, gefühlsecht, Erdbeergeschmack. Die enge Dusche enthielt nichts außer rostbraunen Kalkrändern sowie einer weißen Flasche Duschgel von Chanel.

Anita Bovary hatte offensichtlich nicht geplant, hier länger zu bleiben als unbedingt nötig.

Als Nächstes besah ich mir den eigentlichen Tatort. Ich machte mit dem Ellbogen Licht im Flur und steckte die Hände wieder in die Taschen. An der Wohnungstür befanden sich drei Schlösser. Nur das unter der Klinke war von außen zu verschließen. Die beiden Sperrriegel darüber und darunter waren sichtlich neu und nur von innen zu betätigen. Vermutlich ein erst kürzlich angebrachter zusätzlicher Schutz gegen unerwünschten Besuch.

Vor wem hast du dich gefürchtet, Anita Bovary?

Betrat man die Wohnung von außen, dann befand sich die schmale, steingrau gestrichene Tür zum Bad linker Hand. Die Wand gegenüber war auf der ganzen Länge des Flurs mit einem deckenhohen Einbauschrank verkleidet, der, wie ich feststellte, weitgehend leer war. Ein noch fast neuer, edel wirkender Trenchcoat hing darin, ein schwarzer Wintermantel mit Pelzkragen, eine dunkelblaue gefütterte Jacke von H&M. Am Boden des Schranks zwei Paar Schuhe mit halbhohen Absätzen sowie hohe schwarze Pumps. Auf einer ausgebreiteten Zeitung ein Paar warm gefütterte knöchelhohe Stiefel, die die Tote vermutlich in der Tatnacht getragen hatte. Rund um die Sohlen hatten sich auf dem welligen Papier eingetrocknete Wasserränder gebildet. Auf der Stange hingen noch ein paar Kleidchen und zwei Paar Jeans. In den Fächern ein wenig Wäsche und zwei schwarze Pullis. Nichts außer der Winterjacke wirkte billig, das ein oder andere Teil sogar kostbar. Schwarz war offenbar ihre Lieblingsfarbe gewesen.

Wandte man sich in Richtung Wohnraum, dann lief man schon gegen die verglaste Tür, die ihn vom Flur trennte. Auf Grund einer intellektuellen Fehlleistung des Architekten oder Schlamperei des Schreiners öffnete sie sich nach außen, in den ohnehin engen Flur, und nicht nach innen, wo reichlich Platz gewesen wäre. Wäre es anders gewesen, dann wäre Anita Bovary vielleicht noch am Leben. So aber hatte sie sich nach zwei, drei erschrockenen, stolpernden Schritten rückwärts den Fluchtweg versperrt.

Mit der geschlossenen Zimmertür im Rücken war Anita Bovary zusammengebrochen, bewusstlos im Schock des plötzlich abfallenden Blutdrucks. Am Boden liegend, war sie dann innerhalb weniger Minuten verblutet.

Ich schaltete das Licht wieder aus und ging in den Wohnraum zurück.

Nach dem tödlichen Stich hatte der Täter vermutlich die Tür zum Wohnraum geöffnet, was gegen den Widerstand des davor liegenden Körpers nicht leicht gewesen sein dürfte. Wozu hatte er das getan? Wollte er etwas holen? Seine rund um das Bett verstreute Kleidung vielleicht? Oder nur die Handtasche des Opfers?

In diesem Moment wurde mir ein entscheidender Fehler in unseren bisherigen Überlegungen bewusst: Wenn der Mann, mit dem Anita Bovary die Nacht verbracht hatte, der Täter war, warum hatte er sie dann im Flur erstochen und nicht zum Beispiel auf dem Bett? Und woher hatte er das Messer gehabt? Mitgebracht? Aus der Miniküche, die zur Wohnung gehörte? Hatte es Streit gegeben, er war fortgerannt, nach zehn Minuten mit dem Messer in der Hand zurückgekehrt?

Noch einmal und jetzt genauer sah ich mich im Wohnraum um, blickte sogar unters Bett, kramte in den Schubladen der minimalistischen Kochnische, betrachtete eine einsame Putzmittelflasche unter der Spüle, einen Schwamm neben dem hin und wieder tropfenden Wasserhahn, zwei Töpfe und eine verbeulte Teflonpfanne im Wandschrank sowie ein bisschen Geschirr. Im zweiten Hängeschrank befanden sich ein paar Fertiggerichte sowie vier Weingläser, Pressglas aus dem Supermarkt, und zwei Dreiviertelliterflaschen Chianti, Preisklasse zweineunundneunzig, vermutlich aus derselben Quelle. Zwei weitere Gläser standen in der Spüle. In eines davon fielen regelmäßig Tropfen aus dem undichten Hahn.

Der schmale Kühlschrank summte gleichmütig vor sich hin und schepperte alle paar Minuten leise, wenn er sich für kurze Zeit ausschaltete. In seinen Fächern herrschte die übliche Leere eines Singlekühlschranks. Die wenigsten Menschen kochen gerne für sich allein, und Anita Bovary war in diesem Punkt offensichtlich keine Ausnahme gewesen. Kalorienreduzierte Margarine, auf deren Deckel glückliche, schlanke Menschen mit weißen Zähnen in die Sonne lachten, ein noch unangebrochenes Glas Marmelade mit Süßstoff, eine halb volle Flasche Weißwein, Pinot Grigio von überraschend guter Qualität, zwei verschrumpelte Äpfel. Ich schloss den Kühlschrank wieder.

Die Weingläser in der Spüle waren benutzt, an einem klebte ein wenig Lippenstift.

Evalina Krauss hatte recht: Alles hier wirkte provisorisch, unpersönlich, auf Zeit.

Vor wem hast du dich versteckt, Anita Bovary?

Vor wem sollten deine zusätzlichen Schlösser dich beschützen?

Trotz der Kälte trat ich hinaus auf den badetuchgroßen Balkon. Hier gab es nicht viel zu entdecken. Ein erbärmlich verrosteter, ehemals weiß lackierter Stuhl, der vermutlich schon seit Jahren nicht mehr benutzt wurde. Ein Blumentopf mit einem verdorrten Strunk in der Mitte, daneben ein blaues Blecheimerchen, halbvoll mit Sand, und eine große Tüte Papageienfutter.

Richtig, der verschwundene Vogel.

Inzwischen war es innen so weit abgekühlt, dass man es aushalten konnte. Es klopfte an der Wohnungstür. Ich öffnete. Vor mir stand der Hausmeister und sah mir zugleich verlegen und neugierig ins Gesicht.

»Wollte bloß mal gucken, ob alles in Ordnung …«

»Kommen Sie herein. Ich wollte mich sowieso noch ein wenig mit Ihnen unterhalten. Ihr Sohn ist eingeschlafen?«

Er nickte, ging auf Zehenspitzen um die eingetrocknete Blutpfütze herum. In einer Hand trug er drei Bücher. »Ich bin alleinerziehend. Und obwohl ich mir hier den Tag einteilen kann, wie es mir passt, ist es oft ein ziemlicher Krampf. Kaum habe ich meine Werkzeugkiste gerichtet, um irgendwas zu reparieren, fängt er an zu brüllen. Bin ich müde, hat er Hunger, will ich schlafen, dann ist er wach.«

»Ich habe selbst zwei Töchter. Zwillinge. Aber die sind zum Glück schon fünfzehn.«

»Zwillinge müssen die Hölle sein, wenn sie klein sind!«

»Dafür hat man den ganzen Stress aber auch nur einmal.«

Ich verkniff mir die Frage, was aus der Mutter seines kleinen Sohnes geworden war.

»Ich habe gehört, Sie haben Frau Bovary ein paar Mal mit der Heizung geholfen?«, fragte ich stattdessen.

»Luft.« Er nickte fachmännisch. »Das Problem habe ich öfter in den oberen Wohnungen: Luft im Heizkörper. Und einmal war der Abfluss in der Dusche verstopft. Haare – das Übliche bei Frauen. Sie spülen dauernd ihre Haare in die Dusche, und dann wundern sie sich …«

Ich lehnte mich mit dem Rücken an die Fensterbank aus Marmorimitat.

»Wie war sie so?«

Er sah an mir vorbei, als müsse er überlegen. Sein Blick war zu intelligent für seinen Job, fiel mir auf. Der Mann war vermutlich nicht immer Hausmeister gewesen.

»Nett.« Er lachte unsicher, wich meinem Blick immer noch aus. »Jedenfalls hat sie einen nicht gleich angeschnauzt, wenn mal was war.«

»Hat sie hin und wieder Besuch gehabt?«

Hilflos hob er die mächtigen Schultern. »Ich kann ja nicht jeden fragen, wohin er will, der unten zur Tür reinkommt. Im Haus wohnen über hundert Parteien. Die meisten kenne ich kaum vom Sehen.«

»Aber Frau Bovary haben Sie gekannt.«

Wieder lachte er, als wäre es hier verboten.

»Man hat natürlich gewusst, was mit dieser Wohnung los war. Die … Damen haben öfter gewechselt, liegt vielleicht doch ein bisschen weit vom Schuss hier. Und … Gott, ja … da hat es mich natürlich interessiert, wer die neue Mieterin war. Und außerdem …« Er zögerte, sah auf seine ausgelatschten Schuhe, dann zum ersten Mal direkt in mein Gesicht. »Was soll ich sagen, sie war eine Frau, sie war allein, und sie war ja nicht gerade hässlich …«

»Haben Sie versucht, sie anzumachen?«

Dieses Mal errötete er sogar ein wenig. Wandte den Blick wieder ab.

»Okay, ein bisschen, ja. Wir waren zusammen, allein in dieser komischen Plüschwohnung. Sie hat die Heizung immer bis zum Anschlag aufgedreht, hat wohl leicht gefroren, und dann diese … diese Bilder an der Wand …« Linkisch wies er auf ein Gemälde, das eine barocke Blonde zeigte, die mit spitzen Fingern ihre Vagina erforschte. »Da kann man schon auf komische Gedanken kommen als Mann.«

»Und wie hat sie reagiert?«

»Irgendwie …« Er zog eine grämliche Grimasse. »Gar nicht. Ich bin auch nicht so der Aufreißertyp. Habe nur so Andeutungen gemacht, aber sie war da irgendwie … taub.«

»Sie war aber keine von den Damen, wie Sie es ausdrücken? Weshalb hat sie dann diese irrsinnig hohe Miete bezahlt?«

»Kann ich Ihnen nicht sagen, sorry. Es war wohl ein bisschen eilig, und sie wollte eigentlich auch nicht lange bleiben, das hat sie schon am ersten Tag gesagt. Erst mal sollte es nur für ein paar Wochen sein. Aber dann ist doch ein Vierteljahr daraus geworden. Aber Ende des Monats wollte sie nun endgültig ausziehen. Sie hat mir erst vor ein paar Tagen die Kündigung vorbeigebracht.«

»Andere Frage: Hat sich in letzter Zeit jemand nach ihr erkundigt? Merkwürdige Fragen gestellt vielleicht?«

Nachdrückliches Kopfschütteln.

»Wie was das, als sie einzog? Wie kam sie hier an? Was hat sie Ihnen erzählt?«

»Das lief alles über mich. Der Vermieter wohnt in Flensburg oben und ist froh, wenn er sich um nichts kümmern muss. Ich habe den Vertrag ausgefüllt, habe ihr die Schlüssel gegeben, die Kaution und die erste Miete kassiert, und das war’s auch schon gewesen.«

»Haben Sie sich ihren Ausweis zeigen lassen?«

»Wozu?« Jetzt sah er in die andere Ecke des Zimmers. »Ich meine, wenn der Vermieter sagt, die wohnt jetzt hier, dann ist das doch wohl sein Bier.«

»Wenn Sie sich hier umsehen, fällt Ihnen auf, dass etwas fehlt?«

»Flaubert.« Er deutete auf das hohe Tischchen rechts neben der Balkontür. »Ihr Papagei. Der Käfig hat sonst immer da gestanden. Einen Heidenradau hat das Vieh gemacht. Er mag keine Fremden, hat sie mal gesagt. Wo ist er hin? Haben Ihre Leute den Geier als Zeugen mitgenommen?« Der Hausmeister grinste verlegen und sah wieder einmal auf seine speckigen Wildlederschuhe hinab. »Wer klaut denn um Himmels willen einen Papagei? Obwohl, manche sollen ja ganz schön wertvoll sein.«

»Flaubert«, sagte ich. »Bovary. Das ist wohl kein Zufall.« Madame Bovary von Gustave Flaubert, ein Bestseller des neunzehnten Jahrhunderts. Ich hatte das Buch nie gelesen.

Er hob die Hand, in der er immer noch die Bücher hielt. »Sie hat viel gelesen. Die hier sind auch von ihr. Hat sie mir geliehen. Ich wollte sie zurückbringen.«

Nach einem fragenden Blick, ob es erlaubt sei, legte er die Bücher aufs Bett.

»Wann haben Sie Flaubert zuletzt gesehen?«

»Ende Dezember war das, am Tag vor Silvester. Da ist das mit der Dusche gewesen. Da war er noch da und hat geschimpft wie ein Irrer. Vielleicht ist er in der Zwischenzeit gestorben? Obwohl, Papageien können ja ganz schön alt werden.«

Der inzwischen erbärmlich schwitzende Hausmeister sah mich unsicher an.

»Wie ist das, kann ich Ärger kriegen?«

»Weshalb?«

»Na, weil ich mir keinen Ausweis habe zeigen lassen.«

Angesichts seiner verlegenen Miene kam mir der Verdacht, dass die Frage den eigentlichen Grund seiner Unsicherheit bestenfalls streifte.

»War denn sonst noch irgendwas?«, fragte ich. »War etwas ungewöhnlich bei der Schlüsselübergabe?«

»Na ja.« Jetzt mied er wieder meinen Blick. »Sie hat, also, wie sie ihren Namen auf den Vertrag schreiben wollte … Anita, das ging noch ganz flott, aber beim Nachnamen, da hat sie auf einmal gestockt, das B hatte sie schon hingemalt, und dann hat es ausgesehen, als müsste sie überlegen, wie sie heißt.« Er zog die Nase hoch, malte mit der Spitze seines rechten Schuhs kleine Kreise auf den fleckigen Teppichboden.

»Sie denken, Bovary war nicht ihr wirklicher Name?«

»Das denke ich, ja.«

»Hat sie sich für französische Literatur interessiert?«

»Hat sie. Ihre anderen Bücher haben Sie ja vermutlich schon gesehen.«

Während ich um das Bett herumging, fuhr er fort: »Was auch komisch war: Die Miete hat sie überhaupt nicht interessiert. Und die Kaution hat sie bar bezahlt. Neunzehnhundert, ohne mit der Wimper zu zucken bar auf den Tisch gelegt, aus der Handtasche. Dann wollte sie wissen, wie sie die Miete bezahlen kann, solange sie noch kein Konto hat. Sie habe länger im Ausland gelebt, hat sie gesagt. Und sie hat mir die Miete später auch immer bar gegeben, und ich habe das Geld an den Vermieter überwiesen. Und, ach ja, dann wollte sie noch wissen, wo sie sich was zum Anziehen kaufen kann. Ich habe gesagt, in Mannheim oder in Heidelberg. Sie ist dann auch tatsächlich zweioder dreimal nach Mannheim gefahren und immer mit großen Tüten heimgekommen.«

Während der Hausmeister erzählte, hatte ich Anita Bovarys Bücher auf das Bett gelegt neben die drei anderen, die sich dort schon befanden. Die Bettwäsche duftete noch ein wenig nach ihrem Parfüm. Anita ohne Nachnamen hatte nicht nur viel, sondern auch ein wenig chaotisch gelesen. In nicht weniger als vier der Bücher – überwiegend gebundene Ausgaben – steckten Lesezeichen. Die Auswahl schien keinem Prinzip zu folgen. Neben Graham Greenes Unser Mann in Havanna lagen Victor Hugos Der Glöckner von Notre Dame, Philip Roths Der menschliche Makel und Patrick Süßkinds Parfum. Zwei Krimis von einer skandinavischen Autorin, deren Name mir nichts sagte, kamen zum Vorschein und schließlich Sten Nadolnys Selim oder Die Gabe der Rede. Seine Bücher verraten eine Menge über einen Menschen. Allerdings nur jemandem, der selbst gerne liest, und nicht dem Kollegen von der Spurensicherung, dessen Lektüre sich oft auf den Sportteil der Zeitung und das Fernsehprogramm beschränkt.

»Hat sie gesagt, wo im Ausland sie war?«, fragte ich, während ich den Nadolny aufs Bett zurücklegte. »Was sie dort gemacht hat? Was ihr Beruf ist?«

»Nein. Nichts hat sie gesagt.«

»Wie ist sie eigentlich angekommen?«

Stachowiak – endlich war mir der Name wieder eingefallen – sah mir verständnislos ins Gesicht.

»Mit dem Auto, im Taxi …?«

»Gute Frage.« Ratlos grinsend kraulte er seinen fransigen Bart. »Keine Ahnung, ehrlich gesagt. Sie hat gegen Mittag angerufen, ob die Wohnung noch zu haben ist, und zwei Stunden später war sie da. Sie wollte wissen, wie man hier wegkommt. Habe ihr gesagt, mit dem Bus nach Ladenburg, und von da geht dann ein Zug. Andererseits, in der Tiefgarage stehen eine Menge Autos rum. Schon möglich, dass eines davon ihr gehört.«

Für einige Sekunden schwiegen wir. Der Kühlschrank summte. Tief unter uns fuhr ein Motorrad mit heulendem Motor davon.

»Und?«, fragte der Hausmeister. »Kann ich nun Ärger kriegen wegen dem Ausweis und so?«

»Wenn Sie weiterhin so kooperativ sind, will ich diesen Punkt vergessen. Wie kommt man nachts eigentlich ins Haus?«

Verwundert sah er mich an. »Na, mit dem Schlüssel. Oder der, den Sie besuchen wollen, drückt den Türöffner. Eigentlich hängt unten auch ein großes Schild, dass man nachts abschließen soll. Seit das mit den Einbrüchen gewesen ist. Aber es hält sich so gut wie niemand dran.«

»Ich habe gesehen, dass im Erdgeschoss über den Fahrstuhltüren eine Videokamera hängt. Zeichnet die alles auf?«

»Das wollten Ihre Kollegen auch schon wissen. Da steht nur ein kleiner Monitor neben meinem Fernseher. So kann ich nebenher ein bisschen nach dem Rechten sehen, ohne dauernd an die Tür zu laufen. Aufgezeichnet wird aber nichts.«

Ein kleines Gerät am Gürtel seiner schwarzen Lederhose, die an ihm saß wie eine Wurstpelle, begann zu quäken.

»Babyfon«, erklärte er mit erschöpftem Grinsen, »ich muss …«

Er verabschiedete sich mit einem unsicheren Winken. Ich drückte ihm eines meiner Kärtchen in die Hand, und er nahm es entgegen, als wäre es eine Ehre für ihn.

Dann war ich wieder allein. Ich trat noch einmal zum Bett und betrachtete die ausgebreiteten Bücher. Eine Frau, die solche Autoren las, besaß mehr als zehn Bücher. Was hier vor mir lag, war vermutlich nur eine kleine, möglicherweise in Eile aus dem Regal gegriffene Auswahl einer größeren Sammlung. Ich nahm jeden einzelnen Band noch einmal zur Hand und blätterte ihn durch auf der Suche nach Hinweisen auf die Besitzerin. In einem der Bücher, die Stachowiak mitgebracht hatte, einer abgegriffenen Ausgabe von Thomas Manns Zauberberg, entdeckte ich auf Seite drei eine Stelle, wo etwas ausradiert worden war. Ich trat ans Fenster und hielt das Blatt gegen das Licht.

»S. Breits…« Der Rest war nicht zu entziffern. Aber die Zauberkünstler in meinem Labor würden den Namen rasch wieder lesbar machen.