Beim Mittagessen in der Kantine setzte sich Balke an meinen Tisch. Er war sichtlich gut gelaunt. Auf seinem Teller thronte ein halbes Hähnchen auf einem Berg Pommes, ich selbst hatte mir einen Salat mit Thunfisch und Oliven gegönnt.
»Ich weiß inzwischen, wo sie am Samstag zu Abend gegessen hat«, begann er und riss dem Hähnchen gut gelaunt ein Bein aus. »Sie war im Ochsen in Ladenburg. Wir haben den Taxifahrer gefunden, der sie hingefahren hat. Das Personal in dem Lokal erinnert sich gut an sie, sie war nicht zum ersten Mal dort. Und – jetzt kommt’s – außerdem erinnern sich die Mädels an einen Typ mit langen Haaren und Lederjacke. Die zwei Hübschen haben sich an dem Abend erst kennengelernt. Und wie es aussieht, hat eher sie ihn abgeschleppt als umgekehrt. Ihre Eroberung scheint aber ein ziemlicher Loser zu sein. Sie hat am Ende sogar seine Rechnung bezahlt.«
»Hat sie das öfter so gemacht?«
»Anscheinend ja. So ziemlich jeden Samstag hätte man sie gesehen im Ochsen. Und zwar mit dem unverkennbaren Ziel, nicht allein nach Hause zu fahren.«
»Das klingt nicht gerade, als hätte sie den Mann aus finanziellen Interessen mitgenommen.«
»Nee.« Balke lutschte sich die Finger ab. Sein Hähnchen verwandelte sich zügig in einen Berg Knochen. »Das waren wohl eher die Interessen des Unterleibs.«
Plötzlich hatte ich keinen Appetit mehr auf Salat und beneidete ihn um seine Kalorienbombe. Ich legte das Besteck auf den erst halb leeren Teller, faltete die Hände im Nacken und sah aus dem Fenster. Die Sonne, die den Vormittag über vom azurblauen Himmel gestrahlt hatte, war inzwischen hinter milchigen Wolken verschwunden. Für den Abend hatte der Wetterbericht schon wieder Schnee angedroht.
»Sie hat Gesellschaft gesucht und ist an den Falschen geraten …«, überlegte ich.
»Sie hat übrigens tatsächlich eine Handtasche bei sich gehabt. Die Bedienung ist sich in dem Punkt ganz sicher. Eine schwarze Lackhandtasche. Und es sei eine ziemliche Menge Bargeld drin gewesen.«
»Ihr Lover sieht das Geld«, spekulierte ich weiter, »will sie nachts beklauen, sie wacht auf, holt ihn im Flur ein, stellt ihn zur Rede …«
»Dummerweise haben wir aber keine Spuren von einem Handgemenge gefunden.« Balke schob zufrieden seinen Teller zur Seite und sah nun ebenfalls aus dem Fenster. »Klara hat’s gut«, seufzte er nach einer Weile. »Die liegt jetzt in Griechenland in der Sonne, guckt aufs Meer und lässt sich von ihrem Göttergatten verwöhnen.«
»Hat man schon was von ihr gehört?«
Er lachte leise. »Sie sind ja gestern erst geflogen.«
Richtig. Die Hochzeitsfeierlichkeiten waren erst in den Morgenstunden des gestrigen Tages zu Ende gegangen. Mir kam es vor, als sei es vor Wochen gewesen.
»Ich habe den Mädels im Ochsen unser Phantombild gezeigt. Sie haben ihn sofort wiedererkannt.«
Ich nickte ihm anerkennend zu. »Wenn sie so weitermachen, dann haben Sie den Täter, bevor Sie wissen, wer sein Opfer ist.«
Balke runzelte die Stirn. »An der Front rührt sich bisher leider nichts.«
Ich erzählte ihm von Flaubert und dem Hausmeister. »Sie sollten sicherheitshalber alle Wagen durchchecken lassen, die in der Tiefgarage und in der Nähe des Hochhauses stehen. Und den Hausmeister sollten Sie auch mal diskret durchleuchten. Der hat irgendwas zu verbergen.«
Überrascht sah er mich an, zückte seinen PDA aus der Gesäßtasche seiner Jeans, sein elektronisches Gedächtnis, und tippte eine Weile darauf herum.
»Was sagen die Leute in dem Lokal sonst über sie?«, fragte ich.
»Dass sie gutes Trinkgeld gegeben, mit Berliner oder ostdeutschem Akzent gesprochen und beim Essen kräftig zugelangt hat. Und – jetzt fällt’s mir ein – sie habe an den Abenden immer eine ziemlich teuer aussehende goldene Halskette getragen und ein dazu passendes, ebenfalls goldenes Armband. Beides haben wir bisher nicht gefunden. Eine der Bedienungen meint, unsere Anita habe sich nie ans Fenster gesetzt und immer so, dass sie die Tür im Auge hatte.«
Vor wem hast du dich nur so gefürchtet, Anita Namenlos? Oder S. Breitschwerdt? Für meine Spezialisten war es tatsächlich nur eine Sache von Sekunden gewesen, die ausradierte Schrift in dem Buch zu entziffern. S wie Sandra, Sarah, Susanne, Sabine?
Balke erhob sich schwungvoll, packte sein Tablett und nickte mir optimistisch zu.
Noch am selben Nachmittag, um fünfzehn Uhr sechsundvierzig und somit knapp siebenunddreißig Stunden nach dem Mord, wurde Gregor Reuschlin in Saarbrücken festgenommen. Ich erfuhr es nur wenige Sekunden nach Balke. Der Mann war Kollegen von der Bundespolizei aufgefallen, weil er sich im dortigen Hauptbahnhof herumdrückte, zwar mit einer zerknitterten Fahrkarte nach Paris in der Tasche, aber mit so offensichtlichem Entsetzen im Gesicht, dass die Kollegen sich seine Papiere zeigen ließen. Reuschlin hatte keinerlei Widerstand geleistet. In seinem Ausweis stand eine Adresse in der Ladenburger Altstadt, nur wenige Kilometer vom Tatort entfernt.
»Hättest du mal ’ne Minute, Paps?«, fragte Sarah am Montagabend.
Sie war so leise ins Wohnzimmer getreten, dass ich sie gar nicht bemerkt hatte. Ich nahm die Fernbedienung zur Hand und stellte die Musik leiser.
»Was gibt’s?«
»Es ist wegen Loui. Die ist echt voll peinlich in letzter Zeit.«
»Und wie äußert sich das?«
Verlegen sah sie auf ihre Füße, die in Pantoffeln in Form von Dalmatinerbabys steckten. Wie Louise trug sie seit Neuestem gerne zerlöcherte Jeans, die man guten Gewissens nicht einmal mehr in die Wertstofftonne stopfen konnte, und dazu ein viel zu offenherziges Top. Ihre Lippen waren heute hellrot geschminkt, die Fingernägel schwarz lackiert. Ein wenig beunruhigte mich der Aufwand, den die beiden neuerdings in ihr Outfit investierten.
»Dauernd macht sie Fehler«, fuhr Sarah mit ihrer Anklage fort. »Sagen auch die anderen. Sie ist einfach nicht bei der Sache, und wenn man mal was sagt, dann tickt sie aus, fängt an rumzukreischen und ist tagelang eingeschnappt.«
»Und woran liegt das, deiner Meinung nach?«
»Sie spinnt.« Ratlos zuckte sie die Achseln. »Außerdem ist sie natürlich eifersüchtig, weil ich Fanpost kriege und sie nicht.«
»Du kriegst Fanpost?«
»Ach, bloß zwei, drei Briefe von irgendeinem Hirnie, der mich unbedingt heiraten will. Aber sie ist natürlich trotzdem neidisch.«
»Wo steckt sie eigentlich?«
»Loui hockt im Zimmer und hört Musik. Da kann der Schrank umfallen, und sie kriegt es nicht mal mit, wenn sie die Stöpsel von ihrem iPod in den Ohren hat. Wenn sie so weitermacht, dann ist sie an Ostern taub.«
»Hast du sie mal darauf angesprochen?«
»Wie denn? Sie dreht doch sofort durch, wenn man sie mal ein winziges bisschen kritisiert. Könntest du nicht vielleicht …?«
Nach kurzem Überlegen beschloss ich, pädagogisch vorzugehen.
»Ich schlage vor, ihr versucht erst mal, das Problem unter euch zu lösen. Schließlich seid ihr keine Kinder mehr, wie ihr immer wieder betont. Und falls ihr absolut nicht klarkommt, dann reden wir weiter. Zusammen finden wir bestimmt eine Lösung.«
Zum Zeichen, dass das Gespräch beendet war, erhob ich mich und ging in mein Arbeitszimmer hinüber, um die Post durchzusehen. Für einen Montag war es überraschend viel. Werbung für eine neue, angeblich besonders preisgünstige Autoversicherung, die Jahresabrechnung der Stadtwerke. Unser Stromverbrauch war schon wieder gestiegen, vermutlich eine Folge des PCs meiner Mädchen. Außerdem eine persönliche Einladung zur Vernissage eines mir vollkommen unbekannten jungen Bildhauers, die ich in den Papierkorb warf und gleich darauf wieder herausfischte. Die Abrechnung eines Aktienfonds, den mir ein Berater meiner Bank vor zwei Jahren wärmstens ans Herz gelegt hatte und der seither knapp die Hälfte seines Werts eingebüßt hatte. Schließlich noch ein Brief ohne Absender.
Der Umschlag war grau und billig, mein Name und die Anschrift waren handgeschrieben. Ich riss ihn auf und zog eine schwarzweiße Kunstpostkarte heraus. Das Motiv hatte ich nie zuvor gesehen, ich erkannte jedoch den Stil des Künstlers: Was ich in Händen hielt, war die Reproduktion einer der apokalyptischen Radierungen aus Francisco de Goyas Zyklus »Desastres de la Guerra«. Es zeigte eine Ansammlung blutender, geschundener Leiber, bei denen man tot und lebend, Mörder und Opfer, längst nicht mehr unterscheiden konnte. Auf der Rückseite in derselben Handschrift wie auf dem Umschlag eine einzige Zeile:
Süß schmeckt dem Menschen das Brot der Lüge, hernach aber füllt sich sein Mund mit Kieseln. Die Handschrift war ebenmäßig und rund, vielleicht von einer Frau. Der Text, vermutlich ein Bibelzitat, mit Füller geschrieben. Ratlos steckte ich die Karte in den Umschlag zurück und warf das Ganze nach kurzem Zögern in den Papierkorb. Anscheinend fühlte sich jemand berufen, sich um mein Seelenheil zu sorgen.
»Ihr Name ist Gregor Reuschlin«, eröffnete Balke am Dienstagmorgen die Vernehmung in einem Ton, als wäre bereits dies ein Verbrechen.
Unser Verdächtiger nickte zaghaft. Sein Anwalt runzelte würdevoll die Stirn.
»Sagen Sie bitte laut und deutlich Ja«, forderte ich Reuschlin auf. Seit ich in Heidelberg Kripochef war, wurde jede Vernehmung, und sei sie noch so unbedeutend, aufgezeichnet. Es war in der Vergangenheit nicht nur bei uns immer wieder vorgekommen, dass ein Täter freigesprochen wurde, nur weil jemand beim Protokoll einer Vernehmung geschlampt hatte.
»Ja.« Reuschlin nickte zur Bekräftigung noch einmal und hustete. »Gregor Reuschlin, so heiß ich, ja.«
Er war anders, als ich ihn mir vorgestellt hatte. Kleiner, weniger heruntergekommen, als die Zeugen ihn beschrieben hatten. Vor allem aber war er sehr, sehr kleinlaut. Den Blick hielt er hartnäckig gesenkt. Er trug eine schon etwas verschlissene, jedoch saubere schwarze Jeans und dazu ein Flanellhemd, das aussah, als hätte er nicht nur einmal darin geschlafen. Sein schulterlanges, ursprünglich dunkles und schon deutlich gelichtetes Haar war von grauen Strähnen durchsetzt, das Gesicht schmal und eingefallen, die Nase groß und hakenförmig, die Haut ungesund gelblich-grau. Rasiert hatte er sich vermutlich am Samstagmorgen zum letzten Mal.
Wir saßen zu viert im überheizten Verhörzimmer. Balke, unser zerknautschter Verdächtiger, sein gelangweilter Anwalt mit dunklem Vollbart und ich. Draußen schneite es aus einem grauen Himmel, der wie eine Bleiplatte über Heidelberg lag.
Ich erledigte die Förmlichkeiten, klärte Reuschlin über seine Rechte auf sowie darüber, dass er dringend des Mordes an einer Frau verdächtigt wurde, von der wir bisher nichts als den Vornamen wussten.
»Was sind Sie von Beruf?«, fragte ich dann.
»Also, gelernt hab ich Chemielaborant«, murmelte Reuschlin. Ich schob das Mikrofon näher an ihn heran. »Bei der BASF in Ludwigshafen drüben. Später hab ich noch ’nen Technikerkurs drangehängt, und dann hab ich sogar noch ein Studium an der FH in Darmstadt angefangen. Hab ich aber nicht gepackt und nach drei Semestern geschmissen.«
Dass er so bereitwillig Auskunft gab, machte Hoffnung. Mancher Verdächtige konnte sich zu Beginn nicht einmal an sein Alter erinnern.
»Anschließend sind Sie wieder zu Ihrem alten Arbeitgeber zurück?«
Diese Frage war im Grunde vollkommen sinnlos. Sie diente lediglich dazu, die Atmosphäre zu entkrampfen, dem hin und wieder zitternden Verdächtigen seine Angst zu nehmen.
»Ja, genau.« Reuschlin sah auf seine Hände. Die Finger der Rechten waren gelb von ungezählten Zigaretten. »Die ganze Fortbilderei ist komplett für ’n Arsch gewesen. Hab hinterher keinen Cent mehr verdient, und der Job war sogar noch schlimmer als vorher. Später hab ich dann zum Glück was an der Uni gefunden, hier in Heidelberg. Da ist es eigentlich ganz okay gewesen. Bis vor zwei Jahren. Da konnt ich dann nicht mehr.«
»Aus welchem Grund haben Sie aufgehört?«
»Die Gesundheit. Erst war’s bloß ’ne Allergie, Ausschlag an den Händen, der natürlich überhaupt nichts mit der Arbeit zu tun hat, hat’s geheißen. Wir haben ja alle möglichen Analysen gemacht, jeden Tag hatten wir’s mit anderen Substanzen zu tun, und da kann man natürlich nicht sagen, wo genau es dran gelegen hat. Dann hab ich auch noch Asthma gekriegt, und dann haben sie mich gefeuert. Wegen der Krise. Die Forschungsmittel sind gekürzt worden, und sie hatten keine Arbeit mehr für mich. Als Berufskrankheit haben sie’s nicht anerkannt. Hätt ich eben weniger rauchen sollen, hat der Arzt bloß gemeint.« Reuschlin schlug sich mit dem Handballen an den Kopf und verdrehte die Augen. »Seither hab ich auch manchmal diese komischen Aussetzer. So Filmrisse, irgendwie.«
Der Anwalt nickte ernst und machte sich eine Notiz. »Für die Erinnerungsstörungen meines Mandanten werden wir selbstredend ein ärztliches Attest beibringen.«
»Wie genau äußert sich das?«
Ich sah den Anwalt an, ob er mit der Frage einverstanden war. Er reagierte nicht.
»Manchmal steh ich irgendwo und weiß gar nicht, wie ich da hingekommen bin. Oder ich will das Geschirr abwaschen, und wie ich in die Küche komm, da ist es schon sauber im Schrank. So Sachen.«
»Ihr Wohnort?«, fragte Balke so ungerührt, als hätte er die ganze Zeit nicht zugehört.
»Hab eine kleine Einzimmerwohnung in Ladenburg, ganz in der Nähe vom Bahnhof. Früher, da hab ich ’ne super Wohnung in Ludwigshafen gehabt, mit Balkon und Aussicht auf den Rhein und extra Klo und allem. Die hab ich aber verkaufen müssen. In Ladenburg ist die Luft besser. Mein Asthma ist viel besser geworden seither. Nur das mit diesen Aussetzern …«
»Seit Sie arbeitslos sind, tun Sie also gar nichts mehr?«
Gregor Reuschlin wechselte einen Blick mit seinem Anwalt. Der senkte kurz die Lider zum Zeichen, dass die Frage ungefährlich war.
»Hin und wieder schon«, gestand unser Verdächtiger daraufhin. »Ich helf manchmal in einer kleinen Firma in Ilvesheim aus, wenn Not am Mann ist. Ich kann Ihnen gern mal vorrechnen, was ich im Monat an Rente krieg, und dann können Sie mir mal vorrechnen, wie ein Mensch davon leben soll.«
Dumm war Reuschlin offenbar nicht. Und welche Strategie sein Rechtsbeistand sich zurechtgelegt hatte, war offensichtlich.
»Okay.« Ich räusperte mich zum Zeichen, dass wir nun allmählich zur Sache kamen. »Wo waren Sie in der Nacht von Samstag auf Sonntag, Herr Reuschlin?«
Er faltete fromm die Hände auf der Tischkante und schloss die Augen. »Im Ochsen. Abendessen und was trinken.«
»Und weiter?«
»Wieso fragen Sie? Sie wissen’s doch sowieso schon.«
»Ich würde es gerne von Ihnen selbst hören.«
»Hab wen kennengelernt«, murmelte er. »Die Anita.«
»Es war also das erste Mal, dass Sie Frau Bovary getroffen haben?«
»So heißt sie, Bovary?«
»Zumindest ist das der Name, der an ihrer Klingel steht«, knurrte Balke mit einem Blick, als wollte er Reuschlin demnächst ohrfeigen.
»Sie sind ins Gespräch gekommen …«, sagte ich geduldig und warf Balke einen warnenden Blick zu.
»Sie ist echt nett gewesen, die Anita. Und so ’nen lustigen Dialekt hat sie gehabt. Und dann … na ja … war natürlich bald klar, was Sache war. Die ist ganz schön rangegangen, und ich hab natürlich nichts dagegen gehabt. Hässlich ist sie ja nicht, und man ist ja auch ein Mann …«
»Sind Sie öfter in dem Lokal?«
»Nein, nie. Normal esse ich daheim und trink das billigste Bier, das Sie bei Lidl kaufen können.«
»Und weshalb ausgerechnet am Samstag nicht?«
»Ich …« Reuschlin kniff die Augen fest zu und riss sie wieder auf. »Hab Geburtstag gehabt.«
»Sie haben also zusammen gegessen …«
»Sie hat es mitgekriegt, das mit meinem Geburtstag, und da hat sie gesagt, das ist ja lustig, weil, sie hat am selben Tag Geburtstag wie ich.«
»Am siebzehnten Januar also?«
Er nickte. »Ich hab Wiener Schnitzel mit Kartoffelsalat gegessen. Die machen da einen spitzenmäßigen Kartoffelsalat, im Ochsen, und das Schnitzel ist vom Kalb, wie sich das gehört, und nicht vom Schwein. Sie hat einen Sekt spendiert, und Wein haben wir auch getrunken. Wir haben über die Wirtschaftskrise geredet und das ganze Elend mit der Arbeitslosigkeit und alles. Sie hat ’ne Menge verstanden von so Sachen, die Anita, das muss man schon sagen.«
Dass die Frau tot war, erstochen, hatte er bereits bei seiner Festnahme in Saarbrücken gewusst. Angeblich im Radio gehört. Auf diesen Punkt würde ich noch zu sprechen kommen.
»Hat sie Ihnen erzählt, wo sie herkommt und was sie beruflich macht?«
»Da ist sie irgendwie komisch gewesen. Sie hat so gut wie nichts von sich erzählt. Wenn ich sie was gefragt hab, dann hat sie so gelächelt und ist ausgewichen. Ist mir natürlich auch egal gewesen. Ich wollt sie ja nicht heiraten.«
»Wie war sie denn so?«, wollte Balke wissen. »Als Frau, meine ich?«
»Eine nette Stimme hat sie gehabt und so einen witzigen Akzent eben. Aber ein bisschen … wie soll ich sagen … Sie hat eben nicht gern was von sich erzählt. Als müsst sie ständig aufpassen, dass sie sich nicht verplappert.«
Reuschlin verstummte, aber bevor ich ihn ermuntern musste, fuhr er fort: »Später sind wir dann zu ihr.«
»Wie?«
»Na, mit dem Taxi. Da muss es schon lang nach zehn gewesen sein. Sie wollt unbedingt mein Schnitzel bezahlen und meine zwei Viertel auch. Da hat sie drauf bestanden. Mir ist das ein bisschen peinlich gewesen, weil, normalerweise lädt ja der Mann die Frau ein und nicht umgekehrt. Aber wenn sie unbedingt will, hab ich gedacht, und es war ja schließlich mein Geburtstag.«
Reuschlins Gesicht war jetzt in ständiger Unruhe. Seine knochigen, nikotingelben Finger hatten sich ineinander verkrampft.
»In ihrer Wohnung hat sie dann noch eine Flasche Weißwein aufgemacht. Zur Feier des Tages, hat sie gemeint, und Sekt hätt sie leider keinen da. Ich hab gesagt, ist aber verdammt warm hier bei Ihnen, und da hat sie gelacht und gesagt, ich könnt ruhig schon mal was ausziehen. Wir haben noch ein Glas getrunken, und dann ist sie ziemlich flott zur Sache gekommen.«
Wie schon zuvor schloss er kurz die Augen, um sie gleich darauf weit aufzureißen. Der Anwalt blickte stirnrunzelnd auf seine Uhr. Dieses Mal war die Pause länger als zuvor. Auf dem Flur draußen lachten zwei Männer. Unten fuhren kurz nacheinander drei Streifenwagen mit eingeschalteten Martinshörnern vom Parkplatz. Ich räusperte mich.
»Die halb leere Weinflasche habe ich im Kühlschrank gesehen«, sagte ich, um zu zeigen, dass ich Reuschlin so weit Glauben schenkte. »Und auch die Gläser in der Spüle.«
Die Streifenwagen waren schon nicht mehr zu hören. Jetzt war es für Augenblicke vollkommen still. Vor dem Fenster schneite es unaufhörlich in schweren Flocken. Es schien von Minute zu Minute dunkler zu werden.
Balke klopfte mit seinem Kuli auf den Tisch. »Und weiter?«
»Na, was wohl?«, knurrte Reuschlin mit gesenktem Blick. »Wir sind ins Bett und später sind wir eingeschlafen. Irgendwann in der Nacht hab ich aufs Klo müssen.«
»Wann war das ungefähr?«
»Hab nicht auf die Uhr geguckt. Spät. Es ist ganz still gewesen im Haus.«
»Die Frau hat geschlafen?«
»Wie ein besoffenes Murmeltier. Geschnarcht hat die …«
Reuschlin wagte längst nicht mehr, einem von uns in die Augen zu sehen.
»Und nachdem Sie auf dem Klo waren, sind Sie auch wieder ins Bett.« Balke hatte sein aggressives Gehabe endlich abgelegt.
Der Anwalt betrachtete abwechselnd uns und seinen Mandanten wie ein Professor, der mit den bisherigen Leistungen seiner Studenten im Großen und Ganzen zufrieden ist. Ein vierter Streifenwagen jaulte los. Da musste etwas Größeres passiert sein.
Balke legte mit seinem Stift auf dem Tisch ein Schlagzeugsolo hin. »Vielleicht könnten wir dann langsam mal zum Punkt kommen …«
Reuschlin schwieg noch für zwei Sekunden, dann sah er auf. »Nein, das stimmt nicht. Ich bin nicht wieder ins Bett. Ich hab mich leise angezogen und bin gegangen. Sie ist nicht mal aufgewacht dabei. Sie hat geschlafen, und sie hat geschnarcht. Und sie hat noch gelebt.«
Ich lehnte mich zurück und legte die Hände auf den Tisch. Balke stöhnte auf und warf den Stift so heftig auf den Tisch, dass er auf Reuschlins Seite zu Boden fiel. Es hatte so hoffnungsvoll begonnen.
Der Anwalt schmunzelte kaum merklich. Reuschlin bückte sich, um Balkes Stift aufzuheben und brav auf den Tisch zu legen.
»Herr Reuschlin«, sagte ich schließlich, »die Kollegen in Saarbrücken haben in Ihrer Jackentasche dreizehn Fünfzig-Euro-Scheine gefunden und eine Damenarmbanduhr. Auf den Scheinen sind mit Sicherheit die Fingerabdrücke der Frau, die Sie erstochen haben. Die Armbanduhr passt perfekt um das Handgelenk Ihres Opfers.«
»Moment mal!« Plötzlich war der Anwalt hellwach.
»Ich korrigiere mich: passt perfekt um das Handgelenk der Frau, mit der Sie in der Nacht von Samstag auf Sonntag im Bett waren.«
»Ich … ich hab sie beklaut, ja. Aber umgebracht hab ich sie trotzdem nicht.«
»Sie geben also zu, die Handtasche an sich genommen zu haben?«, hakte ich sofort ein.
Reuschlin nickte müde.
»Und anschließend sind Sie zum Bahnhof und haben sich eine Fahrkarte nach Paris gekauft? Was wollten Sie dort?«
»Weiß auch nicht.« Er schloss die Augen und riss sie wieder auf. »Wollt einfach irgendwohin. Weg. Wollt mir was leisten von dem Geld. Hab lang genug in meiner Bude gehockt und trocken Brot gefressen.«
»Und da hatten Sie praktischerweise mal wieder einen Ihrer Aussetzer.« Balke schlug mit der einen Hand auf den Tisch und griff sich mit der anderen an den Kopf.
»Genau.« Reuschlin nickte ernsthaft. »Erst in Saarbrücken, da war’s schon hell, und da ist mir erst klar geworden … Weiß auch nicht. Scheiße, Mann!«
»Das ist doch kompletter Blödsinn, was Sie hier absondern«, stöhnte Balke. »Sie haben schon im Lokal gesehen, dass die Frau einen dicken Packen Scheine in der Handtasche hatte. In der Nacht haben Sie sich die Handtasche geschnappt und die Uhr und wollten sich verkrümeln. Dummerweise ist sie aber aufgewacht, es hat eine Rauferei gegeben, Sie haben Ihr Messer genommen …«
Reuschlin schlug die Hände vors hagere Gesicht. »Nein!«, schrie er. »So war’s nicht! Nein!«
»Haben Sie wegen was anderem Streit gekriegt? Kommt ja schon mal vor, wenn man zusammen säuft.«
»Nein! Nein!«
»Wie war es dann?«, fragte ich hart. »Nun reden Sie endlich!«
»So geht das nicht, meine Herren«, erklärte der Anwalt mit pastoraler Strenge.
»Ich …« Reuschlin starrte keuchend auf die Tischplatte. »Ich weiß nicht. Ehrlich, ich weiß es nicht. Bitte, glauben Sie mir. Ich weiß nur eines: Ich hab sie nicht umgebracht. Ich könnt so was doch gar nicht!«
Der Anwalt notierte sich noch etwas.
»Wir vertagen das Gespräch auf morgen«, verkündete ich förmlich und erhob mich. »Bis zum Abschluss der kriminaltechnischen Untersuchungen bleiben Sie in Haft.«
Der Anwalt klappte kommentarlos sein Notizbuch zu.
»Vorerst letzte Frage«, sagte ich, als Reuschlin, begleitet von zwei uniformierten Kollegen, schon an der Tür war. »Haben Sie in der Wohnung einen Papagei gesehen?«
Er wechselte mit seinem Rechtsbeistand einen unsicheren Blick. Dann sah er mich an.
»Ist das ’ne Fangfrage oder so was?«, fragte Reuschlin.
»Nein, das ist eine ganz einfache Frage: War da ein Papagei?«
»Sie meinen, so einer im Käfig?«
»Wo sonst?«
»Nein. Das hätt ich gesehen, wenn da einer gewesen wär. So groß war die Wohnung ja nicht.«
»Und noch eine allerletzte Frage: Was haben Sie eigentlich mit der Handtasche gemacht?«
»Weggeschmissen.«
»Wo?«
»Weiß nicht. Irgendwo auf dem Weg nach Ladenburg.«
»Ein bisschen genauer vielleicht? Das sind fünf Kilometer.«
»Ich weiß es doch nicht mehr, Herrgott! Ziemlich bald, denk ich. Mir ist saukalt gewesen. Ich hab echt gedacht, ich frier mich tot. Über eine Stunde bin ich gelaufen, als wär der Teufel hinter mir her. Ich hab das Geld rausgenommen und die Tasche irgendwohin geschmissen. War mir doch scheißegal, wohin.«
»In einen Mülleimer vielleicht?«, fragte ich geduldig weiter. »Oder eher irgendwo ins Gebüsch?«
In hilfloser Verzweiflung hob Gregor Reuschlin die knochigen Hände in Schulterhöhe.
»Ich. Weiß. Es. Doch. Nicht.«