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»Was halten Sie von seiner Geschichte?«, fragte Balke, als wir uns später zusammensetzten, um die neuesten Ergebnisse seiner Soko durchzugehen.

»Schwer zu sagen. Zumindest teilweise sagt er die Wahrheit. Aber es ist noch nicht die ganze Geschichte.«

Balke nickte. Eine erste Durchsuchung von Reuschlins ärmlicher, aber überraschend aufgeräumter Wohnung hatte nichts zutage gefördert, was uns in irgendeiner Weise weiterbrachte. Der Blick in seine Vergangenheit schon eher.

»Er war schon mehrfach gewalttätig gegen Frauen.« Mein Mitarbeiter rieb sich das Gesicht. »Ein paar Jahre war er sogar verheiratet, aber die Frau hat ihn wegen wiederholter Gewalttätigkeit verlassen. Eine andere, eine Zufallsbekanntschaft Jahre später, hat er verprügelt und bespuckt, weil sie nicht so wollte wie er. Hat ihm ein halbes Jahr auf Bewährung eingebracht.«

»Das passt ja ganz gut ins Bild.«

»Bis auf die Tatsache, dass er damals kein Messer benutzt hat.« Balke sah gedankenverloren hinaus in den grauen Himmel. »Wenn nur dieser widerliche Schnee endlich wegtauen würde«, seufzte er nach einer Weile. »Ich habe heute Morgen die ganze Strecke absuchen lassen, die Reuschlin nach der Tat gegangen sein muss. Mit Metalldetektoren und allem. Aber da liegen stellenweise vierzig Zentimeter Schnee, an vielen Ecken haben die Schneepflüge regelrechte Berge zusammengeschoben.«

»Früher oder später wird es tauen. Und Reuschlin läuft uns ja nicht weg.«

Mein Telefon summte.

»Da ist eine Frau, die Sie unbedingt sprechen will«, sagte Sönnchen. »Ich weiß, Sie wollen nicht gestört werden. Aber es geht um den Mord in Heddesheim, und da hab ich gedacht …«

Ich erkannte die Stimme schon bei den ersten Worten: Ute Hasenkamp, die pensionierte Lehrerin.

»Frau von Freithal ist aus Neuseeland zurück«, sagte sie mit ihrer jugendlich hellen und jetzt zudem ein wenig aufgekratzten Stimme. »Und stellen Sie sich vor, was sie in ihrer Wohnung entdeckt hat!«

Seit zwei Stunden schneite es nicht mehr, die meisten Straßen waren inzwischen geräumt. Der Verkehr war mäßig, da viele Kurpfälzer ihre Autos vorsichtshalber in der Garage ließen. So kamen wir gut voran auf dem Weg nach Heddesheim. Balke hatte irgendeinen Termin, deshalb hatte ich Rolf Runkel als Fahrer und Begleiter mitgenommen.

Unterwegs unterhielten wir uns über seine inzwischen sechs Kinder, die er im Jahrestakt in die Welt setzte, seit er – im Alter von fast fünfzig Jahren – eine Philippinin geheiratet hatte. Zurzeit waren fast alle seine Kinder krank. Das kannte ich aus eigener Erfahrung: Die Kinder brachten Bazillen aus dem Kindergarten mit nach Hause und Viren aus der Schule, steckten sich reihum gegenseitig an, und kaum waren die Ersten wieder halbwegs gesund, begann der Reigen von vorn. Ich sprach ihm mein Mitgefühl aus, aber er lachte nur.

»Da müssen die durch«, meinte er. »Ist gut für die Abwehrkräfte.«

Elvira von Freithal erwartete uns schon ungeduldig in ihrer Wohnungstür. Sie entpuppte sich als eine energiegeladene und vom neuseeländischen Sommer braun gebrannte Dame Anfang siebzig mit silberfarbenem Haar.

»Ich habe nicht den leisesten Schimmer, wie dieses Tier in meine Wohnung kommt!«, erklärte sie empört, als wir ihre Zweizimmerwohnung betraten, die genau spiegelbildlich zu der von Frau Hasemkamp zu sein schien.

»Kräch!«, sagte Flaubert.

Der beängstigend große hellgraue Papagei mit roten Schwanzfedern hockte in einem etwa anderthalb Meter hohen robusten Käfig, der wiederum auf Frau von Freithals Esstisch in der Nähe des Fensters stand. Der Vogel musterte uns rauflustig.

»Sie hatten Kontakt mit Ihrer Nachbarin, Frau Bovary?«

»Kontakt wäre vielleicht ein wenig zu hoch gegriffen.« Die alte Dame ließ Flaubert nicht aus den Augen. »Sie hat meine Pflanzen versorgt, wenn ich auf Reisen war. Und im Gegenzug hat sie sich offensichtlich die Freiheit genommen, dieses Tier hier unterzustellen.«

»Kräää-äch!«, schrie Flaubert entrüstet und rieb seinen gefährlich starken Schnabel an der Sitzstange aus Naturholz, die er aus Langeweile schon fast komplett durchgenagt hatte.

»Na, du bist mir ja einer«, sagte Runkel entzückt und trat näher an den Käfig.

»Vorsicht!«, rief Frau von Freithal. »Ich fürchte, er beißt!«

Flaubert nickte, als würde er jedes Wort verstehen.

»Was wissen Sie über Frau Bovary?«

»Wenig. Wir haben uns kennengelernt an dem Tag, als sie hier einzog. Ich habe ihr eine Tasche vom Lift in die Wohnung getragen. Bei dieser Gelegenheit hat sie sich vorgestellt und gesagt, sie würde für einige Zeit hier wohnen.«

»Hatte sie den Papagei beim Einzug schon dabei?«

»Natürlich.«

»Hat sie gesagt, woher sie kam?«

»Nein. Sie sagte nur, aus dem Ausland, aber mir kam das gleich merkwürdig vor. Hätte sie gesagt, aus den Staaten oder aus Frankreich … aber aus dem Ausland … Nein, Frau Bovary wollte etwas hinter sich lassen, das habe ich sofort gespürt. Und sie wollte nicht darüber sprechen. Ich habe sie dann nicht weiter mit Fragen belästigt.«

»Hat sie hin und wieder Besuch gehabt?«

»Einmal habe ich eine Frau bei ihr gesehen. Eine alte Freundin, hat sie mir später erzählt. Sie haben zwei, drei Stunden Kaffee getrunken. Dann ist sie wieder gefahren.«

»Gefahren?«, fragte Runkel. »Mit dem Auto?«

»Einen Volvo hatte sie, ja. Ich habe es zufällig gesehen, weil ich gerade auf dem Balkon Wäsche abgenommen habe. Einer von diesen großen Kombis. Silbergrau. Die Nummer konnte ich natürlich von hier oben nicht lesen, und sie hat mich auch nicht weiter interessiert.«

»Krieh, krieh, kräääh!« Flaubert schlug mit den Flügeln, als könnte er seine Abreise kaum noch erwarten.

»Wann ungefähr war das?«, fragte ich.

»Das kann ich Ihnen ausnahmsweise ganz genau sagen. An dem Abend bin ich nämlich nach Catania geflogen. Ich wollte immer schon mal den Ätna besteigen.« Die alte Dame, die einen weiten hellgrauen Pullover zu abgewetzten Bluejeans trug, ging mit elastischen Schritten zu einem Kalender an der Wand, der Landschaftsaufnahmen aus aller Welt zeigte. »Zum Glück habe ich das alte Ding noch nicht weggeworfen«, murmelte sie, während sie blätterte. »Hier: am zwanzigsten November. Bei dieser Gelegenheit hat sie sich auch zum ersten Mal um meine Pflanzen gekümmert.«

»Sonst wissen Sie nichts über sie?«

»Anita, wir haben uns geduzt, war ein offener Mensch. Nicht vorlaut, nicht geschwätzig, aber offen. Nur über gewisse Dinge mochte sie nicht sprechen. Dass sie Pech mit Männern hatte, habe ich aus einer Bemerkung geschlossen, die sie einmal gemacht hat. Dass dieses Thema für sie erledigt ist und sie nun ihre Freiheit genießen will. Sie hat sich sehr für meine Reisen interessiert.«

Frau von Freithal räusperte sich und sah mir ins Gesicht.

»Und was wird nun mit … Flaubert?«

»Obär!« Der Papagei sah sie mit einem Auge aufmerksam an. »Doofes Federvieh!«

Runkel war begeistert. »Du kommst in mein Büro, gell?« Unter Flauberts misstrauischen Blicken klopfte er gegen das Gitter. »Und wenn du dich anständig aufführst und dich sonst keiner haben will, dann darfst du vielleicht später bei mir daheim wohnen. Die Kinder werden sich freuen.«

»Die Decke, die danebenliegt, gehört übrigens dazu«, erklärte Elvira von Freithal. »Die lag über dem Käfig, als ich kam. Außerdem waren die Rollläden unten. Es war stockdunkel hier. Ein Glück, dass die Pflanzen nicht schon eingegangen sind. Und bitte, achten Sie auf Ihre Finger!«

»Obär!«, kreischte Flaubert. »Olle Nebelkrähe!«

Der graue Vogel sprach mit Frauenstimme und unverkennbarem Berliner Akzent.

»Madame Bovary?«, fragte Theresa. »Habe ich gelesen, natürlich.«

Sie war nackt, lag auf dem Bauch, einen gläsernen Aschenbecher vor sich, und genoss es, sich von mir Rücken, Nacken und alles andere streicheln zu lassen, was ohne Anstrengung zu erreichen war.

»Worum geht es in dem Buch?«

»Die kurze oder die lange Version?«

»Die kurze. Schließlich habe ich heute Abend noch einiges vor.«

»So?« Belustigt sah sie mich an. »Was denn?«

Ich küsste sie auf den vollen Mund. Sie lächelte und streifte die Asche ihrer Zigarette ab.

»Dann also Madame Bovary im Telegrammstil: Junge, schöne Frau heiratet alten, langweiligen Landarzt. Mit dem Sex läuft es nicht so, sie lässt sich mit einem Hallodri ein und stirbt fast daran. Daraufhin lässt sie sich mit einem zweiten Hallodri ein und stirbt wirklich.«

»Klingt irgendwie nach Komischer Oper.«

»Ist nicht jede Oper komisch?«

»Finde ich nicht. Aber ich bin auch lange in keiner mehr gewesen.«

»Ich muss immer lachen, wenn zwei beleibte Mittvierziger so tun, als wären sie ein rankes, junges Liebespaar und kurz vor dem Tod noch rasch eine Arie schmettern.«

»Vielleicht sollte ich wirklich mal wieder in die Oper gehen«, überlegte ich. »Hättest du Lust mitzukommen?«

»Definitiv: eher nicht.«

»Unsere Madame Bovary von Heddesheim hat sich anscheinend auch mit dem falschen Mann eingelassen.« Meine Rechte wanderte langsam abwärts. Theresa seufzte wohlig. »Und wie es scheint, hat sie es genauso mit dem Leben bezahlt wie ihr literarisches Vorbild.«

»Kommt davon, wenn man die falschen Bücher liest.« Theresa räkelte sich unter meinen Berührungen. »Literatur ist eben doch gefährlich.«

Meine Geliebte war das, was man früher ein Prachtweib genannt hätte. Groß, stolz, mit üppigem honigblondem Haar und den passenden Rundungen an den richtigen Stellen. »Und diesen Mann habt ihr seit gestern in Gewahrsam?«

»Ich weiß aber noch nicht, ob es der Richtige ist. Seine Geschichte ist so dämlich, dass sie eigentlich nur wahr sein kann. Und es passt auch alles nicht recht zusammen. Die Frau hatte sich in ihrer Wohnung regelrecht verbarrikadiert. Sie hat beim Einzug einen falschen Namen angegeben. Ich glaube eher, sie war vor jemandem auf der Flucht und hat sich versteckt. Dummerweise hatte sie in der Mordnacht ihre Riegel nicht vorgeschoben. Vermutlich hat sie sich sicher gefühlt, weil jemand bei ihr war.«

Meine Hand hatte das untere Ende von Theresas Rücken erreicht. Alles Weitere, ungefähr bis zu den Kniekehlen, war bei ihr eine einzige erogene Zone. Prompt begann sie, heftiger zu atmen, nach Sekunden drückte sie der erst halb gerauchten Zigarette das Lebenslicht aus, schob den Aschenbecher außer Reichweite und wandte sich mir zu.

Wir lagen auf einer Matratze am Boden unserer Zweizimmerwohnung in Neuenheim, einem Stadtteil Heidelbergs am nördlichen Neckarufer. Die Wohnung hatten wir ausschließlich zu dem Zweck angemietet, einen Ort zu haben, wo wir uns treffen und lieben konnten. Der Mietvertrag lief auf meinen Namen, die aus gewissen Gründen für Heidelberger Verhältnisse sensationell niedrige Miete teilten wir uns.

Es war Dienstagabend, unsere Zeit. Leider habe sie nur Ausgang bis elf, hatte meine Göttin gleich zu Beginn erklärt und unverzüglich begonnen, sich zu entkleiden. Jetzt war es kurz vor neun, wir hatten noch viel Zeit.

Als später ihre zweite Zigarette brannte, griff sie das Thema wieder auf.

»Soll ich dir Madame Bovary am Freitag mitbringen? Vielleicht hilft es dir ja bei der Aufklärung deines Falls.«

»Das glaube ich weniger.« Ich musste lachen. »Aber warum nicht? Eine Bildungslücke weniger.«

»Du wirst dich langweilen, ich muss dich warnen. Meiner Meinung nach hat der Roman damals nur deshalb so sensationell eingeschlagen, weil die gute Emma Bovary und ihre Lover es an allen möglichen und unmöglichen Stellen miteinander getrieben haben. Das war damals neu und natürlich ein Riesenskandal. Manche Buchhändler, die es nicht gelesen haben, halten das Buch selbst heute noch für erotische Literatur. Das stimmt aber nicht, es gibt nicht ein Fitzelchen nackte Haut zu sehen. Einmal, das war der Höhepunkt, haben sie eine Droschke zum Handlungsort ihrer Leidenschaft erkoren, und prompt konnte man bald darauf in Hamburg gut gepolsterte Droschken mit blickdichten Vorhängen mieten.«

»Was könnte eine Frau bewegen, den Namen Bovary anzunehmen?«

»An einen einzigen Satz kann ich mich merkwürdigerweise erinnern. Er lautet ungefähr: ›Emma suchte zu erfahren, was man im Leben unter Worten wie Seligkeit, Leidenschaft und Rausch verstand, die ihr in Büchern so schön vorgekommen waren.‹ Vielleicht war es das Lieblingsbuch eures Opfers? Vielleicht hatte sie es erst kürzlich gelesen? Wie die arme Emma auf der Suche nach der einen, großen Liebe?«

»Wie kommt die literarische Madame Bovary eigentlich ums Leben? Wird sie auch erstochen?«

»Sie vergiftet sich und stirbt einen sehr, sehr schmerzhaften Tod.«

Uns zu Ehren spielte der Saxofonist, der praktischerweise über uns wohnte, ein Stück, das nach Jan Garbarek klang. Ich hatte den begabten Mann noch nie gesehen, aber er war mir allein aufgrund seines Instruments sympathisch. Eine Weile lauschten wir still der zärtlichen, unendlich verträumten Musik.

»Wie geht’s eigentlich deinem Buch?«, fragte ich, als der Musiker sich ein Päuschen gönnte.

»Ach.« Theresa winkte müde ab. »Zurzeit komme ich nicht voran. Wenn Egon im Haus ist, kann ich nicht schreiben.«

Wie ich vor nicht allzu langer Zeit erfahren hatte, arbeitete sie heimlich an einem Roman, in dem es im Wesentlichen um das Lotterleben des Kurpfälzer Hofes im siebzehnten und achtzehnten Jahrhundert ging. Auf diese Weise konnte sie ihre Kenntnisse als studierte Historikerin und ihr Hobby – Sex – zusammenbringen. Erst kürzlich hatte ich deshalb ungefragt von ihr erfahren, dass Kurfürst Karl Ludwig, der Vater der berühmten Liselotte von der Pfalz, von Heidelberg nach Schwetzingen eine schnurgerade Straße hatte bauen lassen. Zweck dieser Infrastrukturmaßnahme war einzig und allein, dass er so schneller bei seiner im dortigen Schloss auf ihn wartenden Geliebten sein konnte, mit der er über die Jahre nicht weniger als dreizehn Kinder zeugte.

»Wolltest Du nicht vor zwei Wochen mit der ersten Version fertig sein?«, fragte ich.

»Ach«, seufzte sie wieder. »Vielleicht, wenn Egon wieder gesund ist …«

»Dein Mann ist ja wohl alt genug, dass du ihn wegen einer läppischen Grippe nicht rund um die Uhr bemuttern musst.«

Sie seufzte zum dritten Mal. Plötzlich fühlte ich, dass etwas nicht stimmte. Dass seit Minuten etwas nicht mehr stimmte. Ich zog sie an mich. Sie sperrte sich nicht, fühlte sich aber nicht an wie sonst. Ich strich ihr über das lockige Haar.

»Ist irgendwas?«, fragte ich. »Und antworte bloß nicht mit ›ach‹!«

»Ach«, seufzte sie traurig.

»Post coitum omne animal triste«, rezitierte ich mit Pathos.

»Das ist der dämlichste Spruch, den ich je gehört habe«, erwiderte sie mit wehmütigem Lächeln. »Ich wusste gar nicht, dass du Latein kannst.«

»Der Spruch ist von Aristoteles. Er kann also unmöglich dumm sein.«

Sie kam mit ihrem Gesicht ganz nah und stupste ihre Nase gegen meine.

»Erstens: Auch alte Griechen können ganz schön dumm sein. Zweitens wird das Zitat Aristoteles nur fälschlicherweise zugeschrieben, und drittens hast du den zweiten Teil der klassischen Weisheit unterschlagen.«

»Der wäre?«

»Sive gallus et mulier.«

»Aha.«

Theresa lachte. »Jetzt ist der Herr Kriminaloberrat am Ende mit seinem Latein, wie?«

»Immerhin ist es mir gelungen, dich aufzuheitern.«

Sie küsste mich schmatzend auf den Mund.

»Nach dem Sex ist jedes Tier traurig«, übersetzte sie zärtlich, »außer dem Hahn und der Frau.«

»Eines muss man den alten Griechen lassen …« Ich küsste zurück. »Sie haben eine ganze Menge gewusst für ihre Zeit.«