»Nichts als Nieten«, berichtete Balke wütend bei der Fallbesprechung am Mittwochmorgen. »Nirgendwo wird eine Frau S. Breitschwerdt vermisst. Oder eine, auf die die Beschreibung des Opfers wenigstens ungefähr passt.«
»Gehen wir jetzt eigentlich nicht mehr davon aus, dass Anita ihr richtiger Vorname ist?«, wollte Evalina Krauss mit schmalen Augen wissen. »Das Buch wird sie sich ausgeliehen haben. Das bringt uns doch nicht weiter. Es sei denn, wir finden den rechtmäßigen Besitzer.«
Erst jetzt wurde mir bewusst, dass das S ebenso gut für Sebastian oder Siegfried wie für Sandra oder Susi stehen konnte.
»Auch sonst gibt’s wenig Neues«, fuhr Balke fort, ohne auf ihren Einwand einzugehen. »Die Suche nach dem Messer und der Handtasche musste ich abbrechen lassen. Wir müssen auf besseres Wetter warten, es hilft nichts.«
»Das kann eine Weile dauern«, meinte Runkel ungewohnt munter. »Der Wetterbericht, na ja …«
Balke warf einen Blick auf den Bildschirm seines PDA. »Im Umfeld des Hochhauses steht kein Auto herum, das der Frau gehört haben könnte. Ach ja, und dann war da noch der Hausmeister.« Er sah mich an. »Sie hatten recht, Herr Gerlach, wirklich ein komischer Typ. Derek Stachowiak hat Romanistik studiert, erst in Tübingen, später hier in Heidelberg. Nach dem Studium hat er eine Weile als freier Mitarbeiter für den Mannheimer Morgen gearbeitet, später als Kurierfahrer und sogar als Möbelschlepper. Seit zwei Jahren hat er diesen tollen Job als Hausmeister in Heddesheim. In den Akten haben wir aber nichts über ihn. Er ist sauber.«
»Wie kommt er zu seinem Baby?«
»Er hat eine Weile mit einer Frau zusammengelebt. Sie ist ziemlich schnell schwanger geworden, letzten September ist das Kind zur Welt gekommen, und keine acht Wochen später ist sie spurlos verschwunden.«
Ich beugte mich vor. »Was heißt das, verschwunden?«
»Sie war weg. Von einem Tag auf den anderen.«
»Hat er sie als vermisst gemeldet?«
»Nein. Wenn stimmt, was die Nachbarn sagen, dann war sie eines Morgens einfach nicht mehr da. Auf Fragen, was aus ihr geworden ist, gibt er ausweichende Antworten.«
»Bleiben Sie da bitte dran«, sagte ich langsam. »Diese Geschichte gefällt mir ganz und gar nicht.«
Die zweite Vernehmung Gregor Reuschlins hatte Balke auf zehn Uhr angesetzt. Obwohl ich zu diesem Zeitpunkt eigentlich als Liebekinds Vertreter einen Termin im Rathaus wahrzunehmen hatte, war ich natürlich dabei. Die Aufklärung eines Mordes lässt man sich als Polizist ungern entgehen, und die Stadtverwaltung würde auch morgen noch existieren. Ich hatte Sönnchen gebeten, sich irgendeine glaubhaft klingende Ausrede auszudenken.
Heute war Gregor Reuschlin sauber rasiert, sein Haar war gewaschen und geföhnt, und er trug ein frisch gebügeltes Hemd. Sein Blick war unruhig, die Hände noch fahriger als gestern.
Der beleibte Anwalt schnaufte. Vielleicht hatte er ein wenig laufen müssen, um pünktlich zu sein.
»Ich will es kurz machen«, begann ich in kühlem Ton und klappte eine gelbe Aktenmappe auf. »Die Geldscheine, die Sie, Herr Reuschlin, bei Ihrer Festnahme bei sich hatten, stammen eindeutig aus dem Besitz der Toten, aber den Diebstahl haben Sie ja gestern schon zugegeben. Für die Uhr gilt dasselbe. Was allerdings neu ist …« Ich klappte die Mappe wieder zu und sah Reuschlin ins Gesicht. »An Ihren Stiefelsohlen haben wir Blutspuren gefunden. Blut, das eindeutig von der Toten stammt. Und das Profil Ihrer Stiefel passt perfekt zu den Fußspuren, die wir am Tatort gefunden haben. Das heißt, Sie haben die Wohnung erst verlassen, als die Frau schon tot war. Vielleicht wäre es jetzt an der Zeit, ein Geständnis abzulegen, um zu retten, was zu retten ist.«
Der Verdächtige hockte zusammengesunken auf seinem Stuhl und stierte vor sich hin. Ich fürchtete schon, er habe mich nicht verstanden oder werde ab sofort die Aussage verweigern. Aber da räusperte er sich.
»Ich hab sie nicht umgebracht«, murmelte er. »Ehrlich, ich hab sie wirklich nicht umgebracht.«
»Dann erzählen Sie uns vielleicht mal Ihre Version der Geschichte. Wir sind sehr gespannt.«
»Na ja, wir sind im Bett gewesen. Es ist aber … ist aber nicht so toll gelaufen, wissen Sie. Ich hab schon einen Sekt und zwei Viertel intus gehabt, und in der Wohnung haben wir noch mehr getrunken, und irgendwie … Die Anita, die hat ganz schön was vertragen, aber ich … na ja …«
»Sie haben keinen hochgekriegt«, ergänzte Balke höhnisch.
Reuschlin nickte unglücklich. »Ich hab’s ihr dann mit der Hand gemacht. Und dann ist sie zufrieden gewesen, und dann sind wir beide eingeschlafen. Keine Ahnung, wie spät es da gewesen ist.«
Der Anwalt schnaubte, schwieg aber weiterhin. Vermutlich hatte er noch irgendein As im Ärmel.
»Und weiter?«, fragte ich ungeduldig.
»Wie ich schon gesagt hab: Ich bin dann auf dem Klo gewesen. Aber ich hab anschließend nicht die Wohnung verlassen, sondern hab mich wieder hingelegt. Wozu hätte ich auch weggehen sollen? Bei der Kälte und dem ganzen Schnee?«
»Vermutlich sind Sie wieder eingeschlafen …«
»Erst nicht. Es ist so verdammt heiß gewesen in der Wohnung. Ich hab das Fenster gekippt. Aber davon ist sie aufgewacht und hat gesagt, ich soll das lassen. Da hab ich’s eben wieder zugemacht und bin dann doch wieder eingeschlafen.«
»Ich ahne schon, wie es weitergeht.« Balke bedeckte die Augen mit der Hand. »Wie Sie wieder aufgewacht sind, da war sie auf einmal tot. Und Sie haben nichts gehört und nichts gesehen.«
»Genau«, sagte Reuschlin ernsthaft. »Genauso ist’s gewesen.«
Balke schlug mit der flachen Hand auf den Tisch. »Das ist doch Schwachsinn! Sie haben sich die Handtasche gegriffen, sie hat Sie erwischt, und Sie haben sie abgestochen!«
»Nein«, erwiderte Reuschlin tapfer. »Das stimmt nicht.«
»Hat sie Sie ausgelacht?« Balke wurde mit jedem Satz lauter. »Weil Sie keinen hochgekriegt haben, hat sie Sie ausgelacht, Sie sind ausgetickt und …«
»Nein.« Gregor Reuschlin sprach nun ebenfalls lauter. »So war’s nicht.«
»Wenn Sie es doch waren«, sagte ich eindringlich. »Wenn Sie sie erstochen haben, dann werden wir Blutspuren an Ihrer Hand finden und an Ihrer Kleidung. Sie können Ihre Hände tausendmal waschen, es bleiben immer Spuren, die unser Labor nachweisen kann. Deshalb sollten Sie jetzt gestehen. Das macht sich später gut vor Gericht.«
Der Anwalt musterte seinen Mandanten besorgt, schwieg jedoch immer noch. Er schien sich seiner Taktik sehr sicher zu sein.
»Was haben Sie eigentlich mit dem Messer gemacht?«, fragte Balke wie nebenbei.
»Gar nichts hab ich damit gemacht!«, schrie Reuschlin mit plötzlich rotem Kopf. »Weil ich nämlich gar kein Messer gehabt hab! Ich hab sie doch nicht mal angefasst, Mann!«
»Eben hieß es noch, Sie hätten es ihr mit der Hand besorgt«, erwiderte Balke kalt.
»Ja. Aber das … Herrgott, Sie wissen ganz genau, was ich meine.«
Ich wandte mich an den Anwalt. »Legen Sie Ihrem Mandanten bitte nahe zu gestehen. Machen Sie ihm bitte klar, dass unsere Indizien für einen Haftbefehl mit Leichtigkeit ausreichen. Und dass auch noch einiges nachkommen wird. Früher oder später werden wir das Messer finden und die Handtasche auch. Es wäre wirklich besser für Ihren Mandanten, wenn er nicht mit dem Geständnis warten würde, bis es nicht mehr anders geht.«
»Wo sind eigentlich die Halskette und das Armband?«, fragte Balke.
»Was?«, fragte Reuschlin wütend zurück.
»Als Sie zusammen in dem Lokal waren, hat Ihre Eroberung eine goldene Halskette getragen und ein Armband, beides vermutlich wertvoll.«
Reuschlin sank noch weiter in sich zusammen. »Stimmt«, murmelte er. »Das Zeug hatt ich ganz vergessen.«
»Wo ist es hingekommen?«
»Keine Ahnung. Ich weiß es nicht.«
Ich ergriff wieder das Wort: »Wenn Sie sie nicht umgebracht haben, wie war es dann?«
Reuschlin schwieg eine Weile mit gesenktem Blick und schluckte hin und wieder, dass sein Adamsapfel hüpfte. »Sie werden’s mir ja sowieso nicht glauben«, sagte er schließlich.
»Einen Versuch ist es wert.«
»Ich …« Er schluckte ein letztes Mal. »Ich bin nachts aufgewacht, weil im Flur Radau war. Da war auch Licht, und dann hab ich gesehen, wie von außen wer gegen die Glastür stolpert und langsam dran runterrutscht. Als Nächstes hab ich dann gemerkt, dass die Anita nicht mehr im Bett war.«
»Oh, ich weiß, was jetzt kommt«, stöhnte Balke. »Sie hat sich selbst erstochen, nachdem sie Ihnen die Handtasche und die Uhr und ihren Schmuck vermacht hatte.«
»Nein.« Reuschlin ließ sich nicht mehr aus dem Konzept bringen. »Erst mal bin ich nur erschrocken. Hab gedacht, sie ist vielleicht ausgerutscht und hingefallen. Aber dann ist es auf einmal ganz still gewesen, und da hab ich gedacht, sie hat sich vielleicht den Kopf angeschlagen. Nach einer Weile hab ich nachgeguckt, weil sie sich überhaupt nicht mehr gerührt hat. Und da hab ich das ganze Blut gesehen …«
Reuschlin atmete jetzt sehr heftig, sein Blick war glasig.
»Mein erster Gedanke war: Bloß weg hier. Das glaubt dir kein Mensch, hab ich gedacht. Du musst abhauen, hab ich gedacht, sofort und so weit weg wie möglich. Aber dafür braucht man Geld, das ist mir komischerweise eingefallen. Und dass sie ziemlich viel Bares in ihrer Handtasche gehabt hat, wusst ich ja. Dann hab ich auch noch die Uhr genommen, vom Nachttisch, und vielleicht auch den Schmuck, keine Ahnung. Das ist natürlich alles totaler Blödsinn gewesen. Aber ich bin total in Panik gewesen, wissen Sie, und hab nur noch gedacht, jetzt geht’s dir an den Kragen, wenn du nicht sofort abhaust. Das glaubt dir kein Mensch, hab ich gedacht. Und dass die das Geld nicht mehr gebraucht hat, das hat man gesehen. Die ist tot gewesen, toter als tot, das hat man gesehen.«
»Waren Sie das eigentlich, der in den Lift gekotzt hat?«, wollte Balke mit undurchsichtiger Miene wissen.
»Schon möglich. Keine Ahnung. Ich weiß nur: Mir ist so was von schlecht gewesen, und irgendwo hab ich vielleicht hingekotzt, kann sein.«
»Und wie kommt das Blut an Ihren Stiefel?«
»Muss ich reingetreten sein. Da ist man ja gar nicht vorbeigekommen, ohne reinzutreten, so viel Blut ist das gewesen.«
»Und an Ihrer Hand?«
Der Anwalt machte eine schnelle Geste. »Das ist eine Fangfrage, meine Herren. Bisher haben Sie kein Blut an den Händen von Herrn Reuschlin nachgewiesen. Bitte unterlassen Sie das.«
»Mich würde noch interessieren, wie es weiterging«, sagte ich. »Der erste Zug von Ladenburg geht um fünf Uhr siebenunddreißig in Richtung Weinheim. Der Mord war gegen drei Uhr. Was haben Sie in den folgenden zweieinhalb Stunden gemacht?«
»Daheim bin ich gewesen. Ich war halb totgefroren. Mich aufgewärmt hab ich und mich umgezogen.«
»Was haben Sie mit den Sachen gemacht, die Sie anhatten?«
»Weggeschmissen. Bis auf die Stiefel. Die sind meine einzigen warmen Schuhe. Dann hab ich noch eine halbe Stunde gewartet, bis es Zeit war für den Zug. Ich bin schier wahnsinnig geworden, das können Sie mir glauben. Dann bin ich zum Bahnhof. Zum Glück hab ich gewusst, wann der erste Zug geht, weil die Bahnlinie ja direkt an meinem Fenster vorbeigeht.«
»Das ist so weit alles richtig«, bestätigte Balke. »Ihre Klamotten haben wir tatsächlich in der Mülltonne vor dem Haus gefunden. Nicht besonders intelligent, ehrlich gesagt.«
Eine Weile blieb es still, und man hörte nur das Schnaufen des Anwalts, der inzwischen eine unglückliche Miene aufgesetzt hatte.
»Und?«, fragte Reuschlin schließlich in kläglichem Ton. »Glauben Sie mir jetzt?«
Ich sah Balke an, Balke sah mich an.
»Sehen Sie«, sagte Reuschlin. »Hab ich mir gedacht.«
»Solange Sie die Tatwaffe nicht vorweisen können, meine Herren, können Sie meinem Mandanten aber kaum das Gegenteil beweisen.« Wie schon am Vortag klappte der Anwalt auch jetzt mit leisem Knall sein Notizbuch zu. »Selbst wenn Herr Reuschlin Blutspuren an den Händen haben sollte, was noch nicht erwiesen ist, dann könnten die zum Beispiel daher rühren, dass er sich zu Hause seine Stiefel ausziehen musste.«
Womit er leider recht hatte. Wenn Reuschlin bei seiner Aussage blieb und wir das Messer nicht fanden, dann sah es in der Tat schlecht aus für uns.
Wegen akuter Fluchtgefahr blieb Gregor Reuschlin bis auf weiteres in U-Haft, obwohl er einen festen Wohnsitz nachweisen konnte.
Mein Termin im Rathaus war inzwischen auf unbestimmte Zeit verschoben, da mein Gesprächspartner, ein höherer Beamter im Kulturdezernat, meine Ausrede vermutlich durchschaut hatte und nun beleidigt war.
Ich klatschte in die Hände. »Familienrat, los, los!«
Meine Töchter betraten nacheinander die Küche, setzten sich mit deutlichem Abstand an den Esstisch, legten artig die Hände in den Schoß und sahen mir halb erwartungsvoll, halb hoffnungslos ins Gesicht.
»Ihr habt es fünfzehn Jahre miteinander ausgehalten, ohne euch ernsthaft in die Haare zu kriegen. Es wird sich doch wohl eine Lösung finden lassen für euer Problem, das ich, ehrlich gesagt, immer noch nicht richtig verstanden habe.«
»Erst muss sie sich entschuldigen«, erklärte Louise mit fester Stimme.
»Genau!« Sarah nickte. »Erst muss sie sich entschuldigen.«
»Wenn das alles ist, dann entschuldigt euch.«
Es erfolgte ebenso synchrones wie energisches Schütteln der Köpfe.
»Okay, dann machen wir es anders.« Wozu hatte ich all diese Seminare absolviert und mich zum Schmalspur-Psychologen ausbilden lassen? »Jede von euch hat jetzt genau fünf Minuten Redezeit. Die andere hält in dieser Zeit die Klappe. Wir gehen nach dem Alphabet vor. Louise fängt an.«
»Das ist unfair«, fand Sarah.
»Irgendwer muss ja anfangen.«
»Aber nicht Loui.«
Dann also doch lieber die Provokationsmethode?
»Das Problem ist ja wohl die Band, wenn ich das richtig sehe.«
Dieses Mal nickten sie.
»Dann ist eben ab sofort Schluss mit der Band. Ich verbiete euch so lange alle Proben und Auftritte, bis ihr wieder vernünftig seid.«
»Du bist gemein«, lautete Louises Kommentar.
»Genau«, assistierte Sarah. »Darum geht’s doch überhaupt nicht.«
»Worum geht es dann?«
Achselzucken.
»Wenn ihr nicht mithelft, sehe ich keine andere Lösung.«
»Wir könnten es schriftlich machen«, schlug Sarah vor. »Jede von uns macht eine Liste, und die geben wir dir dann durch und …«
»Okay.« Inzwischen schon leicht erschöpft, lehnte ich mich zurück. »Ich lasse euch allein. In einer Viertelstunde treffen wir uns wieder hier und gehen gemeinsam die Beschwerdelisten durch.«
Auf dem Schuhschrank im Flur lag noch die Post von heute, entdeckte ich erst jetzt. Ich nahm sie mit ins Arbeitszimmer. Inmitten der üblichen Werbung für Unterhaltungselektronik, computerisierte Waschmaschinen und Magnet-Armbänder, die gegen Krebs halfen, steckte ein Brief. Ich erkannte die Handschrift sofort wieder. Wieder enthielt der graue Umschlag eine Kunstpostkarte, wieder ein grauenerregendes Motiv von Goya: Ein Soldat will sich an einer Frau vergreifen, die sich heftig wehrt. Von hinten kommt ein Mann mit gezücktem Messer in der Hand und wird ihn in der nächsten Sekunde ermorden. Das Zitat auf der Rückseite war ein anderes als beim ersten Mal:
Denn der Lohn der Sünde ist der Tod, die Gabe Gottes aber ist das ewige Leben in Christus Jesus, unserem Herrn.
Hoffentlich läuteten nicht demnächst irgendwelche Missionare an meiner Tür. Ich warf das Ding in den Papierkorb, wo schon die erste göttliche Botschaft lag.
Meine Töchter klopften leise. Die fünfzehn Minuten waren noch längst nicht vorbei, aber die Listen, die sie mir wortlos überreichten, dennoch beängstigend lang. Im Wesentlichen kannte ich die gegenseitigen Vorwürfe bereits. Hier waren sie ausgeschmückt mit Details wie: »lässt überall ihre Socken rumliegen«, »hängt dauernd am iPod«, »pupst« bis hin zu: »schnarcht«, »ist strunzdumm« und »putzt sich die Zähne nicht richtig«.
»Am besten«, seufzte ich, »wir lösen die Familie auf wegen unüberbrückbarer Gegensätze. Jede sucht sich ein Zimmer, am besten in weit auseinander liegenden Stadtteilen, und dann ist hoffentlich Ruhe.«
»Das …«, sagte Louise lahm.
»… geht aber doch nicht«, ergänzte Sarah mit unsicherem Blick.
»Ihr sagt es. Wenn man zusammenlebt, dann muss man sich vertragen. Wenn Menschen miteinander auskommen wollen, dann müssen sie hin und wieder Kompromisse schließen.«
»Wie wär’s mit getrennten Zimmern?«, schlug Louise nach einigen ratlosen Sekunden vor.
»Vergesst es. Vor etwas mehr als einem Jahr, als wir hier eingezogen sind, wolltet ihr noch un-be-dingt zusammenbleiben.«
»Jetzt sind wir aber ein Jahr älter.«
»Genau!« Sarah war plötzlich Feuer und Flamme. »Du benutzt dein Arbeitszimmer doch sowieso fast nie. Deinen Schreibtisch könntest du ins Wohnzimmer stellen.«
»Ich habe die Nase voll vom Möbelrücken und Wändestreichen. Kommt nicht in Frage!«
»Und das Bücherregal kommt in den Flur«, meinte Louise mit vor Eifer roten Bäckchen.
»Das Bügelbrett könntest du in dein Schlafzimmer tun.«
Mit einem Mal waren sie wieder ein Herz und eine Seele.
»Die Zimmer sind genau gleich groß«, überlegte Sarah. »Damit gibt’s in dem Punkt schon mal keinen Streit.«
»Wir bräuchten aber natürlich einen zweiten PC«, fiel Louise ein.
»Und Internet auch im anderen Zimmer.«
Nun gut, es war immerhin so etwas wie ein konstruktiver Lösungsvorschlag. Früher oder später würde das Thema ohnehin auf mich zukommen, die beiden konnten sich ja nicht ewig ein Zimmer teilen. Immerhin würde ich kein neues Bett kaufen müssen, denn sie schliefen noch immer in dem IKEA-Stockbett, das wir angeschafft hatten, als sie drei Jahre alt waren. Das konnte man auseinandernehmen und so zwei getrennte Betten daraus machen. Ein zusätzlicher Schrank würde nicht die Welt kosten, und auch für das PC-Problem sollte sich eine Lösung finden lassen. Das trieb zwar unsere Stromkosten weiter in die Höhe, ersparte aber auf der anderen Seite meinem Nervenkostüm eine Menge Stress.
»Wenn wir es so machen – das heißt aber noch nicht, dass ich Ja sage … Wer von euch kriegt dann das neue Zimmer?«
»Ich«, antworteten meine Töchter völlig gleichzeitig.