»Der Fall Bialas ist gelöst«, eröffnete Balke die Soko-Besprechung am Montagmorgen mit grimmiger Zufriedenheit. »Reuschlin hat gestanden.«
Er erntete teils verblüffte, teils erleichterte Blicke.
»Wie das?«, fragte ich.
»Ich habe ihn mit der Handtasche konfrontiert und mir alles noch mal haarklein erzählen lassen. Mit der Zeit hat er sich immer mehr verheddert, und am Ende hat er gestanden.«
»Wollte er nicht dabeihaben. Das hat er mir unterschrieben.«
»Und was ist mit der Tatwaffe?«
»Hat er weggeworfen, sagt er, vermutlich noch vor der Handtasche. Früher oder später werden wir auch das Messer finden. Mit seinen Fingerabdrücken drauf.«
»Reichen unsere Spuren im Fall des Falles wirklich für einen Indizienprozess?«
Balke hatte sich das Gespräch offenbar anders vorgestellt. Er hatte ein Lob von mir erwartet und keine nörgeligen Fragen.
»Die Techniker arbeiten noch dran«, erwiderte er unzufrieden. »Die haben ja noch nicht mal alle Fingerspuren ausgewertet. Und außerdem, wenn ich daran erinnern darf: Reuschlin war am Tatort, er hatte Blut seines Opfers an den Fingern, auf der Handtasche sind seine Fingerabdrücke …«
»Und das Motiv? Was sagt er, weshalb er sie erstochen hat?«
»Daran kann er sich nicht mehr erinnern.« Sven Balke sah missmutig zur Decke. »Es hat aus irgendeinem Grund Zoff gegeben, nehme ich an, sie hat ihn beleidigt. Herrgott, der Mann war sturzbesoffen!«
»Nun gut«, sagte ich. »Vielleicht bin ich ja zu pessimistisch. Aber kommen wir noch mal zum Opfer. Das ist jetzt natürlich nur noch ein Randaspekt, aber es geht mir trotzdem nicht aus dem Kopf: Vor wem hat sie sich versteckt? Vor Reuschlin mit Sicherheit nicht, denn den hat sie an dem Abend erst kennengelernt. Wovon hat sie gelebt? Von ihrem Konto hat sie seit einem Dreivierteljahr nichts mehr abgehoben. Trotzdem hatte sie einen hübschen Packen Scheine in …«
Sie sehen gar nicht gut aus, Herr Gerlach, hatte Sönnchen mich am Morgen empfangen. Sie werden mir doch nicht krank? Ich fühlte mich auch nicht gut. Ich war nervös, reizbar, fand mich selbst unausstehlich. Plötzlich wurde mir bewusst, dass alle mich teils erwartungsvoll, teils ratlos ansahen. Offenbar hatte ich mitten im Satz den Faden verloren.
»Ich habe mich mal schlaugemacht«, sagte Evalina Krauss in die Stille hinein. »Wegen dieser IFS, wo sie gearbeitet hat: IFS heißt International Finance Services. Das ist eine Amerikanische Bank, habe ich rausgefunden, beziehungsweise war. Die existiert nämlich nicht mehr, ist vergangenen Herbst Pleite gegangen. Die letzte Überweisung in Höhe von dreißigtausend Euro hat den Vermerk ›Sonderzahlung‹ und ist vermutlich so was wie eine Abfindung. Vielleicht dafür, dass sie freiwillig gegangen ist und man ihr nicht kündigen musste. Sie hat sich aber nicht um eine neue Arbeit gekümmert. Zumindest kennt man bei der Agentur für Arbeit ihren Namen nicht.«
»Für die kleine Wohnung in Heddesheim hat sie eine irrwitzige Miete bezahlt«, fiel mir ein. »Das passt doch alles vorne und hinten nicht zusammen.«
Oberkommissarin Krauss sah mich erwartungsvoll an. Balke beobachtete angestrengt seine Finger, die auf der Tischplatte Lockerungsübungen machten.
»Vielleicht fassen Sie einfach mal zusammen: Was wissen wir bisher über die Frau?«, fragte ich die fleißige Oberkommissarin.
»Gelernt hat sie Bürokauffrau«, sagte sie mit Blick auf den Bildschirm ihres Notebooks. »In Ostberlin. Die Eltern sind tot, Geschwister gibt’s keine, beziehungsweise keine mehr. Eine Schwester ist vor Jahren gestorben.«
»Es muss aber doch in Karlsruhe Menschen geben, die uns was über sie erzählen können«, überlegte ich. »Nachbarn, Freunde, ehemalige Kollegen.«
»Aber wozu denn?«, fragte Balke bissig. »Was wollen Sie denn noch? Wir haben den Täter. Wir haben ein Geständnis.«
»Und ich habe ein komisches Gefühl bei der Sache.«
Wieder war es für Sekunden still. Und wieder ergriff Evalina Krauss die Initiative.
»Falls keiner was dagegen hat«, sagte sie, »dann kümmere ich mich um diese IFS und finde raus, wer da sonst noch gearbeitet hat.«
Balke faltete mit verkniffenem Mund ein Papier klein und immer kleiner zusammen.
»Wie ist eigentlich die Geschichte mit dem Toten und seinem Hund ausgegangen?«, fragte ich Evalina Krauss, als die Sitzung beendet war und der Raum sich leerte.
»Der Arzt meint, es war Herzversagen. Der Hund hat ihn erst … ähm … angeknabbert, als er schon tot war.«
»Einer der Gründe, warum ich mir keinen Hund anschaffen werde«, brummte Balke und stopfte seinen PDA in eine Gesäßtasche seiner Jeans.
»Jedenfalls ist die Sache für uns gelaufen«, erklärte Evalina Krauss mit schelmischem Lächeln. »Bis Mittag haben Sie meinen Bericht auf dem Tisch, Chef.«
Um halb elf erschien Derek Stachowiak bei mir, der Hausmeister aus Heddesheim. Seinen quengelnden und immer noch fiebernden Sohn trug er auf dem Arm. Stachowiak wirkte zugleich angespannt und abgekämpft. Sönnchen bot an, sich um den Kleinen zu kümmern, und er war sehr erleichtert, wenigstens dieses Problem vorübergehend vom Hals zu haben.
»Nehmen Sie bitte Platz«, sagte ich ernst. »Und danke, dass Sie gleich gekommen sind.«
Die Bewegungen, mit denen er einen Stuhl heranzog, waren umständlich und fahrig. Von der ersten Sekunde an saß er so, als könnte er jederzeit aufspringen und die Flucht ergreifen.
»Sie können sich denken, weshalb ich Sie hergebeten habe?«
Stachowiak starrte auf die Tischkante und nickte erst nach Sekunden.
»War ja klar, dass Sie es früher oder später rausfinden. Aber ich habe sie nicht umgebracht. Ich war nicht mal in der Nähe ihrer Wohnung, in der Nacht.«
»Wie hoch war noch mal die Miete, die Frau Bialas bezahlt hat?«
Überrascht sah er mich an. »Bialas, ist sie das?«
Ich nickte. Er senkte wieder den Blick.
»Neunhundertfünfzig. Inklusive Nebenkosten.«
»Und die hat sie Ihnen jeden Monat bar gegeben, und Sie haben das Geld dann an den Besitzer der Wohnung überwiesen?«
»Hm.«
»Haben Sie das mit den Damen, die früher dort gewohnt haben, auch schon so gemacht?«
»Hm.«
»Und wie hoch war die Miete tatsächlich?«
Schweigen.
»Herr Stachowiak, es kostet mich einen kurzen Anruf beim Besitzer der Wohnung …«
»Dreihundertzwanzig«, murmelte er unglücklich.
»Ein phantasiebegabter Staatsanwalt könnte es Zuhälterei nennen.«
Stachowiak schien mit jedem meiner Worte kleiner zu werden.
»Haben Sie eine Ahnung, was die Hausverwaltung mir bezahlt für den Job?«, fragte er zerknirscht. »Der Kleine kostet, er braucht Windeln und ständig neue Sachen, ich muss hin und wieder auch mal was essen.«
Ich lehnte mich zurück und faltete die Hände im Genick. »Nun gut. Von mir aus muss der Besitzer nichts von Ihrem Nebenverdienst erfahren.«
Stachowiak starrte mich ungläubig an. »Echt jetzt? Sie verpfeifen mich nicht?«
»Bedingung ist, dass Sie ab sofort ehrlich zu mir sind.«
Im Vorzimmer quiekte der kleine Sohn des kleinlauten Hünen, der mir gegenübersaß. Seine mächtige Glatze glänzte feucht im Licht der Deckenbeleuchtung. Sönnchen lachte. Offenbar verstand man sich prächtig.
»Wie gut haben Sie Frau Bialas tatsächlich gekannt?«, fragte ich.
»Ich … wir … bin ein paar Mal bei ihr gewesen, ja.«
»Und nicht nur wegen der Heizung.«
»Anfangs doch.« Jetzt starrte er wieder die Tischkante an, als gäbe es dort ein Rätsel zu lösen. »Später auch … Sie haben recht, auch aus anderen Gründen.«
»Sie haben mit ihr geschlafen?«
»Aber nicht, was Sie denken.«
»Was denke ich denn?«
»Dass ich mich an sie rangeschmissen hätte. Und dass ich eifersüchtig war und sie erstochen habe. Wir haben uns ein bisschen angefreundet. Sie hat ja keinen Menschen gekannt, und mein Job ist auch nicht gerade so, dass er einen von morgens bis abends ausfüllt. Ich habe sie auf ihren Namen angesprochen, Bovary. Ich bin ja studierter Romanist, und so sind wir ins Gespräch gekommen, über die französische Literatur. Anita hat unglaublich viel gelesen. Und gleich am ersten Tag, wie sie bei mir war und den Vertrag unterschrieben hat, da hat sie meine Bibliothek entdeckt und gejubelt. Ich habe ihr dann hin und wieder Bücher ausgeliehen. Und umgekehrt.«
»Und weiter ist nichts gelaufen?«
»Wir haben ein paarmal zusammen Kaffee getrunken.«
»Und über Literatur gesprochen.«
Jetzt sah er mir ins Gesicht.
»Sie glauben mir nicht?«
»Nein.« Ich beugte mich vor. »Ich will Ihnen sagen, wie es war: Frau Bialas hat ihre Situation genossen. Die plötzliche Freiheit, allein in einer fremden Umgebung, wo niemand ihren Namen kannte. Diese merkwürdigen Bilder an der Wand, das Wissen, wozu ihre Wohnung früher gedient hat …«
Stachowiak kratzte sich erst am Handgelenk, dann im speckigen Genick.
»Die Frau war so was von heiß«, flüsterte er schließlich. »Die ist mir regelrecht an die Wäsche. Gleich beim ersten Mal, wie ich oben war. Die hat mich erst auch gar nicht wegen der Heizung gerufen, sondern wegen der Klospülung. Die ist aber völlig okay gewesen.«
»Und wie lange lief das?«
»Vier, fünf Wochen. Dann hat sie auf einmal nichts mehr von mir gewollt. Von einem Tag auf den anderen war ich abgemeldet.«
»Hat sie einen anderen gehabt?«
»Natürlich.«
»Wissen Sie, wen?«
»Einen Lehrer vom Gymnasium in Schriesheim.«
»Woher wissen Sie, dass er Lehrer ist?«
Die traurige Kopie eines Hells-Angels-Chefs wurde sogar ein wenig rot. »Ich … bin ihm … gefolgt.«
»Sie hatten sich in sie verliebt.«
»Quatsch. Es war Sex. Aber es war verdammt guter Sex.« Er schwieg für einen langen Augenblick mit gesenktem Blick. Im Vorzimmer war es plötzlich still. »Scheiße, ja. Ich habe mich ein bisschen in sie verknallt, ja.«
»Später kamen vermutlich noch andere Männer.«
Auf diese Behauptung reagierte er nicht.
»Und irgendwann haben Sie es nicht mehr ertragen und sie zur Rede gestellt.«
»Nein. Und umgebracht habe ich sie auch nicht.«
»Was ist eigentlich aus Ihrer Frau geworden?«
»Jessy?« Er schluckte und faltete die großen Hände im Schoß. »Die ist weg. Fragen Sie mich nicht, wohin. Vielleicht Tibet, vielleicht Indien, vielleicht ist sie tot. Sie war schon immer so … flatterhaft. Eine Elfe. Ein Schmetterling. Oft auf Dope. Trotzdem haben wir ganz gut miteinander gekonnt. Ich dachte, mit dem Kind, da wird es vielleicht anders, das wird sie erden. Aber …« Wieder schwieg er für Sekunden. »Was Anita angeht, ich bin drüber weg, ehrlich. Es ist vorbei.«
Vor den Fenstern rauschte der Verkehr. Im Vorzimmer krähte Stachowiak junior.
»Ich glaube Ihnen«, sagte ich.
»Sie verdächtigen mich nicht? Warum?«
»Weil Sie so ein hundsmiserabler Lügner sind. Haben Sie gewusst, dass sie am Samstagabend Männerbesuch hatte?«
»Natürlich. Ich habe auf dem Monitor gesehen, wie sie losgezogen ist, wie fast jeden Samstag. Und ich habe gesehen, wie sie mit diesem … schrägen Typ im Schlepptau heimgekommen ist, mit diesem Loser. Arm in Arm und schon ziemlich angetörnt.«
»Und da sind Sie nicht auf den Gedanken gekommen, oben ein bisschen zu spionieren?«
»Doch. Aber ich hab’s nicht gemacht.«
»Sie haben in Ihrem Wohnzimmer gesessen und waren wütend.«
Er fuhr sich mit der Hand über die Stirn. »Scheiße, ja. Ich bin … ich kann …«
»Sie sind wirklich nicht oben gewesen?«
»Wissen Sie, was ich gemacht habe?« Plötzlich wurde er laut. Starrte mich wütend an. »Besoffen habe ich mich. Und mir eine Porno-DVD reingezogen. Und mir vorgestellt, wie sie es oben miteinander treiben. Den Rest können Sie sich denken. Das war mein toller Samstagabend. Dann bin ich ins Bett, und irgendwann ist Robin aufgewacht und hat neununddreißigfünf Fieber gehabt. Da muss es ungefähr halb eins gewesen sein.«
»Wer außer Ihnen und Frau Bialas könnte noch einen Schlüssel zu ihrer Wohnung haben?«
»Der Vermieter hat natürlich einen. Und die Hausverwaltung. Die haben einen Generalschlüssel wie ich.«
»Was sieht es mit den ehemaligen Mieterinnen aus?«
»Die haben ihre Schlüssel immer brav abgegeben. Mussten schließlich fünfzig Euro Kaution hinlegen, pro Stück.«
»Das heißt, der Mörder hat entweder geklingelt, oder er hat das Schloss geknackt.«
Stachowiak zuckte die Achseln. »Keine Kunst, bei den alten Dingern. Sie haben das mal im Fernsehen gezeigt. So schnell kann man gar nicht gucken, wie man die aufkriegt, wenn man das richtige Werkzeug hat.«
Mir kam ein Gedanke. »Wie war das eigentlich, wenn Sie bei ihr waren? Hat sie da immer von innen abgeschlossen? Da sind zwei zusätzliche Sperrriegel, die man nur von innen betätigen kann.«
»Ich weiß. Ich habe sie ja selbst angeschraubt.« Heftig schüttelte er den Kopf. »Nein, die Tür hat sie nur verrammelt, wenn sie allein war. Anita hat vor irgendwas Angst gehabt.«
»Haben Sie sie mal gefragt, wovor?«
»Klar, hab ich. Aber da hat sie nur gelacht.«
Wie versprochen, lieferte Evalina Krauss mir ihren Bericht zu der Leiche mit Hund noch vor dem Essen. Außerdem brachte sie eine Liste mit, auf der elf Namen standen.
»Habe ich vom Karlsruher Finanzamt«, erklärte sie vergnügt. »Das sind die Leute, für die die IFS bis August Lohnsteuer abgeführt hat. Der oberste, Konradin Fabricius, war der Chef, Martin Degenhardt sein Stellvertreter, der zweite Mann. Degenhardt ist der Einzige, den ich bisher ans Telefon gekriegt habe. Ich habe sicherheitshalber so getan, als hätte ich mich verwählt.«
»Dann rufen wir den Herrn doch gleich mal an.« Ich nickte ihr anerkennend zu und griff zum Hörer. Die Vorwahl der Nummer ließ mich vermuten, dass der Mann in der Nähe von Karlsruhe lebte.
Es tutete eine Weile, bis abgenommen wurde.
»Ja?«, sagte eine Männerstimme, die nach viel zu vielen Zigaretten klang.
»Spreche ich mit Herrn Degenhardt?«
»Wer möchte das wissen?«
Ich stellte mich vor.
»Und was verschafft mir«, er hustete, »… die fragwürdige Ehre?«
»Es geht um eine frühere Kollegin von Ihnen, Anita Bialas.«
»Und wieso …« Er zögerte eine halbe Sekunde zu lange, »… interessiert sich auf einmal die Polizei für sie?«
»Hätten Sie etwas dagegen, wenn wir uns treffen und Sie mir ein bisschen von Ihrer ehemaligen Kollegin erzählen?«
»Ja. Nein. Was ist denn eigentlich los?«
»Frau Bialas wurde ermordet.«
»Habe ich richtig verstanden?« Wieder hustete er. »Sagten Sie ›ermordet‹?«