Martin Degenhardt wohnte in Bretten, einem Städtchen mitten im Kraichgau, etwa zwanzig Kilometer nordöstlich von Karlsruhe. Wir hatten verabredet, uns in einem Lokal am Marktplatz zu treffen, offenbar das Stammlokal des ehemaligen Bankers.
Ich erkannte ihn, ohne je ein Bild von ihm gesehen zu haben. Er saß auf einer rot gepolsterten Bank an der Wand und sah uns müde entgegen. Ein schwerer Mann mit dicken Tränensäcken, weit jenseits der sechzig, dessen verdrossene Miene verriet, dass er mit dem Verlauf seines Lebens unzufrieden war. Er trug einen zerknautschten, dunkelbraunen Cordanzug, der sicherlich einmal teuer gewesen war, dazu ein fast weißes Hemd und eine akkurat gebundene, altmodisch gemusterte Seidenkrawatte. In seinem Mundwinkel hing eine qualmende Seemannspfeife, vor ihm stand ein großer Cognacschwenker. Wir begrüßten uns, ich bestellte ein alkoholfreies Bier, Evalina Krauss eine Cola. Dann kam ich ohne Umschweife zur Sache.
»Ist Ihnen in der Zwischenzeit eine Idee gekommen, wer Frau Bialas getötet haben könnte? Wer vielleicht Grund hat, sie zu hassen?«
»Nein.« An Degenhardts rechtem Ringfinger steckte ein goldener Siegelring mit schwarzer Platte, am linken Handgelenk entdeckte ich eine ebenfalls goldene Uhr mit fein geflochtenem Gliederarmband. »Ich habe nie bemerkt, dass sie mit jemandem Streit gehabt hätte. Sie war eine dumme Schnepfe, aber das ist ja leider kein Grund, jemanden umzubringen.« Plötzlich sah er auf. »Jetzt fällt mir ein: sie hatte mal Ärger mit ihrem Mann. Will sagen, mit ihrem Lebensgefährten oder wie man das heute nennt. Jedenfalls waren die beiden nicht verheiratet. Aber um diese Dinge habe ich mich nicht groß gekümmert. Was unsere Leute außerhalb der Arbeit getrieben haben, war ihre Privatangelegenheit. Und ihre Arbeit hat die Anita im Großen und Ganzen ordentlich gemacht. Pünktlich, zuverlässig, zur vollen Zufriedenheit. Was man eben so in ein Zeugnis schreibt.«
»Wie lange kannten Sie sie schon?«
Degenhardt saugte ungeduldig an seiner Pfeife, die offenbar nicht recht brennen wollte. Neben dem Cognacschwenker lagen eine dunkelblaue Tabakdose mit englischer Beschriftung und ein Pfeifenbesteck, das gewiss nicht aus dem Kaufhaus stammte. Langsam leerte er sein Glas, als kostete es ihn Überwindung. Kaum hatte er es abgestellt, stand schon der nächste Cognac vor ihm. Die vollschlanke Bedienung mit rabenschwarzem Bubikopf bewegte sich lautlos und geschickt. Aus den Lautsprechern in den Ecken klang leise Blues-Musik, die ich nicht kannte.
»Die Anita ist schon dabei gewesen, wie ich zur IFS gekommen bin«, sagte Degenhardt, nachdem er seine Kehle freigehustet hatte. »Also ungefähr zehn Jahre. Vorher war ich bei der Deutschen Bank.«
»Darf ich fragen, weshalb Sie gewechselt haben?«
»Die IFS hat besser bezahlt. Das Grundgehalt war nicht besonders, aber die Prämien und Boni, die konnten sich schon sehen lassen. Da sind die Amis dynamischer als wir hier. Erfolgsorientierter.«
»Mit weltbewegendem Erfolg, wie man zur Zeit sieht«, konnte ich mir nicht verkneifen zu bemerken.
Lustlos begann er, in seiner Pfeife herumzustochern. »Wem sagen Sie das.« Bisher hatte er mir noch kein einziges Mal ins Gesicht gesehen. »Vor zwei Jahren bin ich noch Millionär gewesen, zumindest auf dem Papier. Und soll ich Ihnen sagen, was ich heute bin?« Seine Miene wurde noch eine Spur verdrossener. »Wir hier, in unserer Filiale, wir haben nie Geschäfte gemacht, deren Risiko wir nicht einschätzen konnten. Nicht wir sind bankrott gegangen, müssen Sie wissen, sondern unsere amerikanische Mutter.«
»Und was machen Sie heute?«
»Nichts. Ich bin achtundsechzig. War sowieso Zeit, mit dem Wahnsinn aufzuhören. Und ein bisschen ist ja zum Glück übrig geblieben von meinem schönen Geld.«
Degenhardt leerte seinen zweiten Cognac zur Hälfte und sah mich an mit einer Miene, als litte er an einem Magengeschwür. Das kleine Lokal war heimelig eingerichtet. Viel dunkles Holz, kleine, runde Tische und offenbar kein Rauchverbot.
»Was sind das eigentlich für Geschäfte gewesen, die die IFS gemacht hat?«, wollte Evalina Krauss wissen. »Wenn ich richtig verstanden habe, dann war das ja keine normale Bank mit Schaltern und so. Und was genau hat Frau Bialas dabei gemacht?«
»Sie haben recht. Bei uns konnten Sie kein Konto eröffnen und kein Geld einzahlen. Wir haben Anlageberatung gemacht und Kreditvermittlung. Hauptsächlich für Firmen, aber auch für Privat. Das zweite war Anitas Aufgabe. Bei ihr ging’s vorwiegend um Baufinanzierung, um Hypotheken.«
»Hypotheken bekommt man bei jeder Bank«, warf ich ein.
Degenhardt nickte ernst. »Aber nicht zu unseren Konditionen. Die Computer unserer Zentrale in New York haben Tag und Nacht und weltweit die Zinsen verglichen und zu jedem Augenblick die günstigsten Anbieter gekannt. Von denen haben die Amis dann große Kontingente angekauft und an die Filialen verteilt. Und die haben das Geld dann unter die Leute gebracht.«
»Wie war die Stimmung bei der IFS?«, fragte Evelina Krauss. »Wie war das Betriebsklima so?«
»Die Stimmung war gut. Das Geschäft brummte, und es würde immer noch brummen, wenn die Amis sich nicht so überhoben hätten. Anita hat für diese Art Kunden ein Händchen gehabt. Die Leute haben ihr nach zehn Minuten aus der Hand gefressen. Sie hat so etwas an sich gehabt … Man hat ihr einfach nicht zugetraut, dass sie lügt.«
»Musste sie denn lügen?«, fragte ich.
»Was heißt schon lügen?«, erwiderte er achselzuckend. »Gibt es nicht immer verschiedene Wahrheiten? Wenn Menschen aus diesen Schichten überlegen, ein Haus zu bauen oder eine Wohnung zu kaufen, dann haben sie Angst. Die brauchen wen, der sie an der Hand nimmt, ihnen Mut macht.«
»Über das Privatleben von Frau Bialas können Sie uns also nichts sagen?«
»Reden Sie mit Susanne. Susanne Breitschwerdt. Die beiden sind dicke Freundinnen gewesen.«
Breitschwerdt hatte der Name gelautet, den ich in dem Buch in Heddesheim entdeckt hatte.
»Wo finden wir sie?«, fragte ich. »Nach unseren Recherchen gibt es im Unkreis von zweihundert Kilometern keine Frau dieses Namens.«
»Fragen Sie mich was Leichteres«, seufzte Degenhardt. Sein dritter Cognac kam, ohne dass er auch nur eine Augenbraue gehoben hatte. »Die Susanne war auch bei der IFS, hat uns aber schon ein Jahr vor Anita verlassen. Ich meine mich zu erinnern, dass sie geheiratet hat. Da hat sie es wohl nicht mehr nötig gehabt.«
»Und wie sie seither heißt, wissen Sie nicht?«
»Wie gesagt, ich habe mich nicht um die privaten Angelegenheiten unserer Leute gekümmert. Beim Tratsch an der Kaffeemaschine war ich nie dabei.«
»Was war eigentlich Ihre Funktion bei der IFS?«, fragte ich.
»Ich war stellvertretender Chef. Konradin war der Boss, Konradin Fabricius. Er hat die Filiale aufgebaut und kann Ihnen bestimmt das eine oder andere erzählen zum Privatleben unserer Angestellten. Anfangs hat er die Filiale ganz allein gemanagt. Hat aber recht bald gemerkt, dass er nicht auf die Füße kommt und wen an seiner Seite braucht, der Erfahrung mitbringt. Und das war dann ich.«
»Den Namen Fabricius haben wir auf unserer Liste«, sagte ich. »Aber wir konnten ihn bisher nicht erreichen.«
»Er hat in Durlach gewohnt, ganz nobel am Geigersberg. Die Wohnung hat er nach dem Crash verkaufen müssen, soweit ich weiß. Den Konradin hat’s nämlich noch übler erwischt als mich.«
Mehr war aus dem alten Mann nicht herauszuholen. So leerten wir unsere Gläser und verabschiedeten uns. Degenhardt sah kaum auf, als wir gingen. Erst als wir schon fast durch die Tür waren, hörte ich ihn etwas sagen. Ich wandte mich um.
»Mir fällt gerade ein …«, sagte er mit schmalen Augen. »Der Mann, den Susanne sich geangelt hat, er heißt wie einer von den früheren Bundespräsidenten. Konradin hat damals noch Witze darüber gerissen. Er hat die Susanne nur noch als ›Frau Präsidentin‹ angesprochen.«
»Heuss?«, schlug ich vor. »Lübke? Scheel?«
Degenhardt schüttelte jedes Mal den Kopf.
»Carstens?« Auch die Augen von Evalina Krauss waren jetzt klein vor Konzentration. »Herzog? Weizsäcker?«
Wieder Kopfschütteln.
»Heinemann?«, fiel mir schließlich noch ein.
Degenhardt nickte. »Genau, Heinemann, das war’s. Der Konradin hat ja über alles und jeden seine Witze gemacht.«
Diesen Namen hatte ich erst kürzlich neben einem Klingelknopf gelesen, fiel mir ein.
»Könnte es sein, dass Frau Bialas und Frau Heinemann im selben Haus wohnen?«
»Schon möglich. Wie gesagt, sie waren ziemlich dick miteinander und haben sich auch schon seit Ewigkeiten gekannt. Falls die Frau, die Sie meinen, feuerwehrrote Haare hat und außerdem ein Mundwerk wie eine Maschinenpistole, dann liegen Sie richtig.«
»Gott, haben Sie mich erschreckt!«
Die schlanke Frau und ich waren in der Haustür um ein Haar zusammengestoßen, als ich gerade den Klingelknopf drücken wollte, während sie mit einem Korb am Arm eilig das Haus verließ. Sie lächelte mich misstrauisch an. Offensichtlich war sie auf dem Weg zum Einkaufen und schwer erkältet. Ihr schulterlanges, glattes Haar war leuchtend rot, die Augen seegrün.
»Frau Heinemann, nehme ich an?«
»Sie wollen zu mir?« Erschrocken sah sie abwechselnd Evalina Krauss und mir ins Gesicht. »Worum geht es denn?«
»Wir würden gerne mit Ihnen über Frau Bialas sprechen.«
»Anita? Die ist aber nicht da. Muss das denn ausgerechnet jetzt …? Ich wollte eigentlich …«
Degenhardt hatte recht: sie sprach so hastig, dass sie manche Sätze nicht einmal zu Ende brachte. Wir zückten unsere Dienstausweise.
»Es wird bestimmt nicht lange dauern.«
Beunruhigt machte sie kehrt, und Sekunden später saßen wir in ihrem Wohnzimmer, das exakt unter dem von Anita Bialas lag. Der Raum war hell und freundlich eingerichtet. Unsere Gesprächspartnerin hatte darauf verzichtet, uns etwas zu trinken anzubieten, und konnte es sichtlich kaum erwarten, uns wieder los zu sein. Ständig tupfte sie sich die Nase, rutschte auf dem Sofa hin und her. Aus der Küche hatte uns im Vorbeigehen ein schnauzbärtiger, vielleicht fünfzigjähriger Mann gegrüßt, der lautstark mit Kochen beschäftigt war. Er hatte es nicht für nötig befunden, uns die Hand zu geben.
»Ihr Name war früher Breitschwerdt?«, eröffnete ich das Gespräch.
Sie nickte eifrig. »Nun sagen Sie schon, was ist mit Anita?«
»Sie wurde ermordet. Es tut mir sehr leid, das sagen zu müssen.«
Sie schlug die schmale Hand vor den Mund und starrte mich an. »Sie machen Witze …? Aber nein, über so was macht man doch …«
Susanne Heinemann mochte ungefähr so alt sein wie das Mordopfer. Außerdem sprach sie ebenfalls mit unverkennbarem Berliner Akzent. Ihre Nase war bemitleidenswert gerötet, die Augen schimmerten fiebrig.
»Ermordet?«, flüsterte sie heiser. »Aber … wer? Wurde sie … beraubt? Vergewaltigt?«
»Im letzten Punkt kann ich Sie beruhigen. Haben Sie denn von all dem nichts mitbekommen? Ständig war ihr Foto im Fernsehen und in den Zeitungen.«
»Wir waren in Urlaub, mein Mann und ich, Ski … Wir waren unter denen, die in den Alpen eingeschneit waren, und sind erst gestern spät abends nach Hause gekommen.«
»Ich habe gehört, Frau Bialas und Sie waren Freundinnen?«
Sie zwinkerte, strich sich fahrig über die Stirn. »Stimmt, das waren wir. Seit – warten Sie – zweiund…, nein, vierundzwanzig Jahren. Wir haben uns bei der Arbeit angefreundet. Damals, in Ostberlin.«
»Ist Ihnen nicht aufgefallen, dass sie seit Oktober nicht mehr hier war?«
»Natürlich ist mir das aufgefallen. Ich habe ihr ja zu dieser ulkigen Wohnung in Heddesheim verholfen. Und ich kenne auch den Grund, weshalb sie sich dort versteckt …« Sie warf mir einen unsicheren Blick zu. »Der Grund heißt nämlich Armin. Er war ihr letzter – wie soll ich sagen – Freund? Lover? Wilder Ehemann? Die beiden waren eine Weile ziemlich eng miteinander. Aber auf Dauer ging es einfach nicht. Am Ende war es ein ziemliches Drama mit Armin. Ein paar Monate hat er sogar oben bei ihr gewohnt. Erst war’s die große Liebe, wie üblich, aber dann – nun ja, man hat manches gehört von oben.«
»Es gab Streit?«
»Na, die haben sich vielleicht gezofft! Erst hat sie ihn ja angehimmelt, wie wir dusseligen Mädels nun mal sind. Und es waren noch keine vier Wochen rum, schon hat es den ersten Zank gegeben.«
Ich beugte mich vor und sah ihr bei meiner nächsten Frage aufmerksam ins Gesicht. »Sie müssen nicht antworten, wenn Sie nicht mögen. Trauen Sie diesem Armin zu, dass er sie getötet hat?«
»Armin traue ich alles Mögliche zu. Aber Mord …? Einmal hat sie ein blaues Auge gehabt, und die rechte Backe war geschwollen. Und wie ich sie darauf anspreche, behauptet sie, sie sei gegen die Duschtür gefallen.«
»Die Trennung …?«
»War fürchterlich. Mehr für Armin als für Anita. Kettenbach heißt er übrigens mit Nachnamen. Er ist krankhaft eifersüchtig, völlig pathologisch. Irgendwann konnte ich das nicht mehr länger mit ansehen und habe Tacheles mit ihr geredet, und dann hat sie ihm endlich die Koffer vor die Tür gestellt. Armin hat erst gewinselt, dann gejammert und schließlich – wie üblich – gebrüllt. Am Ende musste sie sogar die Polizei rufen und ihn hinauswerfen lassen. Dann war für zwei, drei Monate Ruhe. Erst später, das war Mitte Oktober, da ist er noch mal hier aufgekreuzt, aus irgendeinem Grund hat sie ihn hereingelassen, und schon war oben wieder Geschrei.«
»Hat er sie bedroht?«
»Er hat ihr einen solchen Schrecken eingejagt, dass sie sich anschließend für eine Weile aus der Schusslinie brachte.«
»Wo finden wir diesen Herrn Kettenbach? Was arbeitet er? Wo wohnt er?«
In der Küche fiel etwas scheppernd zu Boden. Der Koch fluchte unterdrückt.
»Armin stammt aus Bayern, Rosenheim, glaube ich. Von Beruf ist er Koch. Zuletzt hat er hier im Queens gearbeitet. Ob er dort noch ist, kann ich Ihnen nicht sagen.«
Auf meine Bitte hin erzählte Susanne Heinemann von ihrer gemeinsamen Vergangenheit mit Anita Bialas. Sie hatten sich bereits während der Ausbildung beim VEB Bergmann-Borsig kennengelernt.
»Meine Eltern haben damals in Wilhelmsruh gewohnt, sozusagen gleich hinterm Werkzaun. Mein Vater war auch schon bei Borsig gewesen und Opa auch. Anita stammte aus Pankow. Das war aber auch nicht weit weg.«
»Was war das für eine Ausbildung?«
»Wirtschaftskauffrau.«
»Und wie alt waren Sie da?«, fragte Evalina Krauss.
»Ich siebzehn, Anita achtzehn. Wir haben beide in der Buchhaltung angefangen und uns gleich gemocht. Sind aber nicht lange geblieben. Es gab Ärger, weil uns die Leiterin ständig schikaniert hat. Soll früher Aufseherin in einem KZ gewesen sein, hat man gemunkelt. Wir haben uns dann versetzen lassen, in die Personalabteilung. Zum Glück ging das, und da war es besser.«
»Und wie war sie so?«, fragte meine junge Kollegin weiter.
»Anita war freundlich und offen. Manchmal ein bisschen zu blauäugig. Und hübsch, ja. Hübscher als ich, jedenfalls. Aber ein bisschen … na ja, zu harmlos, zu leichtgläubig. Und sie hatte das Talent, immer an die falschen Kerle zu geraten. Ihr Erster war ein Kollege aus der Produktion. Fünfundzwanzig schon, und natürlich war der Dreckskerl verheiratet und hatte zwei Kinder. Keine drei Monate später war die gute Anita schwanger und um ein paar Illusionen ärmer. Sie hat es dann wegmachen lassen. Ich habe ihr geholfen, kannte da wen. Eine Hebamme, die … Sie wissen schon. Anita war völlig hilflos in solchen Sachen.«
»Und später sind Sie in den Westen?«, fragte ich.
Frau Heinemann nickte. Allmählich wurde sie ruhiger.
»Gleich nachdem die Mauer weg war. Anita hat sofort hingeschmissen, am nächsten Morgen schon, und ist rüber. Nach Westberlin. Da hat sie dann gejobbt, in Kneipen und so. Gleichgültig was, wenn’s nur der Westen war. Wir hatten diesen real existierenden Sozialismus aber auch satt bis obenhin. Vier Wochen später bin ich ihr nach und habe erst mal bei ihr gewohnt. Ein Zimmer, achtzehn Quadratmeter unterm Dach in Kreuzberg. Aber wir waren jung. Wollten was erleben und nicht bis ans Ende aller Tage mit Briketts heizen.«
»Wie sind Sie nach Karlsruhe gekommen?«
»Über eine entfernte Verwandte von mir. Eine Tante, von der ich gar nichts wusste. Mutter hat sie aufgetrieben, und Tante Rieke hat sofort gesagt, ›komm her, Mädchen, hier unten im Süden ist es tausendmal besser als in Berlin‹. Ich habe dann hier auch gleich eine gute Stelle gefunden.«
»Bei der IFS?«
»Das kam später. Angefangen habe ich bei der Volksbank. Die haben damals gerade alles Mögliche auf Computer umgestellt und suchten händeringend Leute. Das gab’s damals noch. Aber nach ein, zwei Jahren habe ich gemerkt, da wirst du nichts. Da sitzt du bis zum jüngsten Tag vor dem PC und tippst irgendwelche langweiligen Sachen ein. Eines Tages habe ich ein Inserat der IFS gesehen. Zwei Wochen später habe ich auf einen Schlag das Doppelte verdient.«
»Haben Sie Frau Bialas nachgeholt?«
»Wir standen die ganze Zeit in losem Kontakt. Und wie Konradin, so hieß mein neuer Chef, fragt, ob ich noch wen wisse, da habe ich ihm Anita genannt. Die hatte die ganze Zeit über in Berlin ein lustiges Leben geführt. In der Zwischenzeit war sie auch noch mal schwanger gewesen, hat sie mir später gebeichtet. Aber diesmal hat sie sich selbst zu helfen gewusst.«
»Wie hat es ihr hier gefallen?«
»Na super! Die Arbeit war angenehm, das Betriebsklima, die Kollegen, bis auf den Martin natürlich. Martin Degenhardt, der war ein Fiesling. Die Filiale hat damals gerade mal drei Jahre existiert, war sozusagen immer noch in der Gründung, da gab’s noch keine starren Strukturen. Jeder hat irgendwie alles gemacht. Doch, war eine gute Zeit damals.«
»Haben Sie gekündigt, weil Sie heiraten wollten?«
Sie schüttelte heftig den Kopf. »Bin zur Volksbank zurück.«
»Darf ich fragen, weshalb?«
Dieses Mal musste ich einige Sekunden auf die Antwort warten. In der Küche sang der Koch »Goodbye Ruby Tuesday«.
»Was soll ich sagen?«, murmelte Susanne Heinemann schließlich und tupfte sich wieder einmal die Nase. »Es hat irgendwann einfach nicht mehr so richtig gepasst.«
»Gab es Probleme mit Frau Bialas?«
»Mit Anita?« Sie lachte und hustete in einem. »Aber nein. Es war der Job. Das Klima wurde über die Jahre rauer. Die Amerikaner haben immer wieder unsere Zielzahlen erhöht. Ständig mussten wir mehr Umsatz bringen, mehr Kredite verkaufen, noch mehr Kundenkontakte nachweisen. Eine Weile ging das noch, aber irgendwann, vorletztes Jahr, da hat’s mir dann gereicht. Und wie ich bei meinem alten Chef vorfühle, da sagt er, er hat gerade eine Vakanz, und schwuppdich – weg war die Susi.«
»Ein Jahr nach Ihnen hat dann auch Frau Bialas gekündigt. Oder wurde sie entlassen?«
»Nein, sie hat selbst gekündigt. Und im Gegensatz zu mir Dusselchen hat sie eine fette Abfindung mitgenommen. Die IFS hatte begonnen, Personal abzubauen. Lange bevor von Krise die Rede war. Daher die Abfindung, vermute ich.«
»Und weshalb hat sie sich anschließend nicht arbeitslos gemeldet?«
»Sehen Sie, das habe ich sie auch gefragt. Sie hatte fürs Erste die Nase voll. Wollte sich eine Auszeit gönnen. Geld genug hatte sie ja nun erst mal. Ihre Wohnung ist bezahlt, teure Hobbys hat sie nicht. Das Theater mit Armin …«
Sie begann zu husten, legte die Hand auf die Brust und nickte stumm.
»Noch einmal die Frage: Trauen Sie ihm zu, sie zu erstechen? Nicht im Affekt, sondern geplant?«
»So was traue ich eigentlich niemandem zu. Ich könnte mir vorstellen, dass er versucht hat, wieder mit ihr ins Gespräch zu kommen. Er hat sie vielleicht in ihrer komischen Wohnung aufgespürt, es hat wieder Streit gegeben … Er war ziemlich am Ende, der arme Kerl.«
»Weshalb sagen Sie das?«
»Armer Kerl? Irgendwie hat er mir schon auch leidgetan. Klar ist Armin eine Nervensäge. Anita konnte aber auch ganz schön zickig sein. Wenn ich mich auf eine feste Beziehung einlasse, dann kann ich abends eben nicht mehr einfach weitermachen, was ich will.«
»Was hat sie denn so gemacht, an den Abenden?«
»Sie hat sich ja immer sehr für Bücher interessiert. Hat gelesen wie eine Verrückte. Und oft ist sie zu Lesungen gegangen, bei der Literarischen Gesellschaft zum Beispiel, da war sie Stammgast. Hin und wieder war sie auch im Kino. Allein oder mit mir zusammen. Sie hat Wert darauf gelegt, ein Leben ohne Armin zu haben. Und das hat er nicht ertragen. Wegen jedem Pups war er eifersüchtig. Dabei hätte er sie ja meistens nicht mal begleiten können, bei seinen doofen Arbeitszeiten. Ist ja selten vor eins, halb zwei Uhr nachts aus seiner Küche gekommen. Und sie konnte ja nicht jeden Abend zu Hause sitzen und stricken.«
»Wie war das, bevor sie nach Heddesheim zog?«
»Armin war – wie gesagt – abends noch mal hier gewesen. Nicht lange, dafür umso lauter. Mir wurde angst und bange, wie die da oben rumgepoltert haben. Und am nächsten Morgen steht sie vor meiner Tür, ganz blass um die Nase, und fragt, ob ich vielleicht eine Wohnung wüsste oder ein möbliertes Zimmer. Nur für ein paar Wochen erst mal, und es sollte so rasch wie möglich sein.« Susanne Heinemann schnäuzte sich. »Zufällig hatte ich gerade von dieser Wohnung in Heddesheim gehört. Eine Kollegin von mir hat eine Bekannte in dem Hochhaus. Man wusste, dass das eine Nuttenabsteige war, und entsprechend hat sie dann ja auch gekostet. Aber das mit der Absteige fand Anita interessant, und die Miete war ihr schnuppe. Sie wollte weg, und zwar schnell. Noch am selben Nachmittag hat sie ein paar Sachen gepackt und für Flaubert und sich eine Taxe bestellt.«
»Ein Taxi nach Heddesheim?«
»Zum Bahnhof.« Sie lachte heiser. »So dicke hatte sie es nun auch nicht.«
»Sie haben vermutlich hin und wieder miteinander telefoniert?«
»Sie hatte ja niemanden zum Reden. Ansonsten hat’s ihr aber ganz gut gefallen in ihrer gruseligen Wohnung. Sie hat ziemlich die Sau rausgelassen. Entschuldigen Sie, aber das waren ihre Worte: die Sau rauslassen. Deshalb ist sie auch länger geblieben. Zwei oder drei Mal habe ich sie auch besucht, ihr Sachen gebracht, die sie vergessen hatte. Bücher, ihre warme Strickjacke, die Winterstiefel, die hohen Schuhe für nette Anlässe. Und auch einfach nur so, zum Quatschen.«
»Eine Nachbarin hat einmal eine Frau in einem silbernen Volvo Kombi gesehen.«
»Das war ich. Der Volvo gehört Günther.« Sie machte eine Handbewegung in Richtung Küche, von wo es verführerisch nach Kräutern und Knoblauch duftete. Der begabte Koch sang inzwischen »Yesterday«.
»Hat Herr Kettenbach sich nach ihr erkundigt? Hat er nach ihr gesucht?«
»Armin? Nee. Von dem hab ich später nichts mehr gehört.«
»Hat sich sonst jemand gewundert, wo sie steckt?«
»Nein. Doch, warten Sie. Einmal, das muss Mitte November gewesen sein. Da hat tatsächlich jemand angerufen und wollte Anita sprechen. Das war alles sehr merkwürdig. Schon die Stimme klang ganz komisch. Dumpf irgendwie. Ich könnte nicht mal sagen, ob das ein Mann oder eine Frau war. Ich wollt dann erst mal wissen, was er oder sie eigentlich von Anita wollte. Und da hat er praktisch mitten im Satz einfach aufgelegt.«
»Einen Namen hat der Anrufer vermutlich nicht genannt.«
»Nein.«
»Und sonst war nichts?«
»Sonst war nichts.« Susanne Heinemann nieste zweimal und schlug die Augen nieder. Als sie wieder aufsah, hatte sie Tränen in den Augen, die nicht vom Schnupfen kamen. »Das geht doch nicht!«, flüsterte sie. »Man kann doch einen Menschen nicht einfach so … Das geht doch nicht!«
»Susilein, Happi-Happi ist fertig!«, tönte es fröhlich aus der Küche.