Inzwischen war es Rolf Runkel gelungen, den ehemaligen Lebensabschnittsgefährten von Anita Bialas aufzutreiben, den eifersüchtigen Armin Kettenbach.
»Genf!«, verkündete er stolz. »Er arbeitet in Genf in einem Fünf-Sterne-Hotel.« Mit großer Geste überreichte er mir einen kleinen Notizzettel.
Sheraton, las ich und wählte auch gleich die daneben stehende Nummer. Es dauerte eine Weile, bis ich mit dem Gewünschten verbunden wurde. Die perfekt Deutsch sprechende Dame in der Telefonzentrale gab mir zu verstehen, man schätze es nicht, wenn Angestellte des Hotels während der Arbeitszeit private Telefongespräche führten. Erst das Wort Kriminalpolizei führte zum Erfolg.
»Kettenbach!«, fuhr mich eine unwirsche Stimme an. »Was gibt’s?«
Ich stellte mich vor.
»Polizei?« Er dämpfte seine Stimme. »Aber – wieso …?«
»Es geht um Ihre ehemalige Lebensgefährtin, Frau Bialas.«
»Anita? Hat sie was angestellt?«
Ich versuchte es mit einem Überfall: »Wo waren Sie in der Nacht von Samstag, den siebzehnten Januar, auf Sonntag, Herr Kettenbach?«
»Das war vor etwas mehr als einer Woche.« Meine Frage schien ihn nicht zu überraschen. Für Sekunden hörte ich nur seinen Atem. »Jetzt hab ich’s: Da hab ich Dienst gehabt. Eigentlich sollt ich an dem Abend freihaben, aber dann hat unseren Sous-Chef die Grippe erwischt.«
Sein bayerischer Akzent war schwach, aber unverkennbar.
»Kann das jemand bestätigen?«
»Was soll die Fragerei? Ich kann Ihnen unseren Dienstplan rüberfaxen. Und die ganze Brigade kann das bestätigen, dass ich Dienst gehabt hab. Das sind dreizehn Leute. Wir haben an dem Wochenende einen Kongress von irgendwelchen Öl-Managern im Haus gehabt. Aber vorher verraten Sie mir erst mal, was ist mit Anita? Steckt sie in Schwierigkeiten?«
»Sie ist tot, es tut mir leid. Sie wurde ermordet.«
»Tot? Aber … Das … Doch nicht in der Nacht, nach der sie mich grad gefragt haben? Heißt das etwa, Sie verdächtigen mich?« Sein Ton wurde aggressiv. »Denken Sie etwa, ich bin das gewesen?«
»Das heißt zunächst einmal gar nichts, bitte beruhigen Sie sich. Sie waren also in der fraglichen Nacht im Hotel. Bis wann etwa?«
»Zwei dürft’s schon gewesen sein, bis ich ins Bett gekommen bin. Der Samstag ist bei uns Großkampftag.«
Das würde ich überprüfen lassen. Von Genf nach Heddesheim und zurück, das schaffte man vermutlich in einer Nacht mit dem Auto. Zumindest, wenn kein Schnee lag.
»Interessiert Sie eigentlich gar nicht, wie Ihre ehemalige Geliebte umgekommen ist?«
»Doch, natürlich interessiert mich das. Sagen Sie schon, wie ist sie umgekommen?«
»Sie wurde erstochen.«
»In der Wohnung oder auf der Straße?«
»In der Wohnung.«
»Hat sie sich wieder mal mit dem falschen Kerl eingelassen?«
»Der Tod Ihrer ehemaligen Lebensgefährtin scheint Sie nicht allzu sehr zu berühren, wenn ich das sagen darf.«
»Nein, das dürfen Sie überhaupt nicht! Das geht Sie nämlich einen Scheißdreck an, ob mich das berührt oder nicht, okay? Erwarten Sie, dass ich in Tränen ausbreche? Dass ich jetzt anfange zu flennen und mit den Zähnen knirsche, oder was?«
Sönnchen hatte zusammen mit Liebekinds Sekretärin im Lauf der Woche ohne mein Wissen fast alle Daten fürs Innenministerium zusammengetragen, eröffnete sie mir zu meiner großen Freude, und auch schon in die richtigen Spalten der richtigen Formulare eingetragen. Ich brauchte nur noch das eine oder andere zu ergänzen und alles zu unterschreiben.
Was mir Sorgen machte: Nicht nur den Sous-Chef einer Hotelküche in Genf hatte die Grippe erwischt. Auch immer mehr meiner Leute meldeten sich krank. Im Gefolge des Kälteeinbruchs zog eine Grippewelle über Europa hinweg, wie man lange keine mehr gesehen hatte. Meine Anfrage bei Liebekinds Sekretärin, wie es denn ihrem Chef gehe, stieß auf Ratlosigkeit. Auch sie wusste nur, dass er krank war und vermutlich nicht so bald wieder zum Dienst erscheinen werde.
Von den SMS, die ich Theresa täglich schickte, hatte sie keine einzige beantwortet. Heute versuchte ich es zur Abwechslung mit einer E-Mail. Anschließend machte ich mich daran, auf meinem Schreibtisch Ordnung zu schaffen und die Dinge abzuarbeiten, zu denen ich in der vergangenen Woche keine Zeit oder keine Lust gefunden hatte. Da kaum jemand etwas von mir wollte, das Telefon die meiste Zeit stumm blieb und Sönnchen mich unterstützte, kam ich zügig voran. Draußen regnete es immer noch.
Am späten Nachmittag, es war schon fast dunkel, erschien Runkel mit wichtiger Miene.
»Diese Schweizer, alle Achtung!«, begann er. »Die sind aber mal flott!«
»Neuigkeiten aus Genf?«
»Kann man wohl sagen.« Er nahm sich einen Stuhl und setzte sich. »Sieht ganz so aus, als hätte der Herr Kettenbach Sie angelogen.«
»Inwiefern?«
Runkel ließ sich sein Wissen gerne in kleinen Portionen aus der Nase ziehen. Ein Gespräch, das mit anderen nach fünf Minuten zu Ende war, dauerte bei ihm todsicher mindestens zehn.
»Tja«, erwiderte er breit. »Der Herr Kettenbach hat nämlich in der fraglichen Nacht gar keinen Dienst gehabt. Das heißt, er hat schon Dienst gehabt, aber er hat im letzten Moment mit einer Kollegin die Schicht getauscht. Es ist reiner Zufall, dass die Schweizer das so fix rausgekriegt haben. Den Dienstplan haben sie nämlich nicht umgeschrieben, bloß halt die Schicht getauscht. Die Frau hat am Sonntag Besuch gekriegt, aus Frankreich, und drum war’s ihr ganz recht, dass der Herr Kettenbach mit ihr tauschen wollt …«
»Herr Runkel, bitte …«
»Aber dann hat sie zum Glück mitgekriegt, dass die Polizei sich für den Herrn Kettenbach interessiert, und da hat sie die Schweizer Kollegen angerufen und gebeichtet. Sie sagt, der Herr Kettenbach hätt sie regelrecht angebettelt, den Mund zu halten. Aber sie will keinen Ärger mit der Polizei haben. Sie ist Französin, und in der Schweiz ist man ziemlich schnell seine Aufenthaltserlaubnis los, wenn man krumme Sachen macht. Was meinen Sie, rufen wir ihn gleich mal an? Würd mich interessieren, was er dazu sagt, der Herr Kettenbach.«
»Nein«, erwiderte ich nach kurzem Überlegen. »Er soll erst mal denken, wir glauben ihm. Sonst ist er womöglich morgen früh verschwunden. Und rufen Sie doch bitte noch mal bei den Kollegen in Genf an. Die sollen versuchen herauszufinden, wo Kettenbach sich in der fraglichen Nacht herumgetrieben hat. Vielleicht gibt es ja noch mehr gesprächige Kolleginnen in dem Hotel.«
»Wo wollen Sie denn so eilig hin?«, fragte ich meine treue Sekretärin am Dienstagmorgen, als sie mir in der Tür entgegenkam.
»Runter zum Herrn Runkel. Er will den Käfig saubermachen und hat gefragt, ob ich ihm ein bisschen dabei helfen kann.«
»Ist der Papagei etwa immer noch hier?«
»Wieso nicht? Er verbessert das Betriebsklima. Sein Futter sollte eigentlich die Direktion bezahlen. Früher haben die Leute im Flur bei der Kaffeemaschine gestanden, jetzt stehen sie um den Käfig herum und bringen Flaubert Sachen bei und amüsieren sich.«
»Was denn für Sachen?«
»Die Polizei, dein Freund und Helfer, zum Beispiel. Das kann er schon recht gut.«
»Passen Sie auf, dass Sie nicht gebissen werden. Ich kann nicht auf noch mehr Leute verzichten. Und auf Sie natürlich zweimal nicht.«
Lachend zog sie die Tür hinter sich zu.
Wenige Minuten später klingelte mein Telefon.
»Das müssen Sie sich ansehen, Chef«, sagte Runkel dumpf und ohne Zeit für Begrüßungsfloskeln zu verschwenden. »Das müssen Sie sich unbedingt ansehen.«
Flaubert hockte verstört im oberen, aus kräftigem Messingdraht gefertigten Teil seines Käfigs auf Runkels Schreibtisch und beobachtete argwöhnisch das Treiben um ihn herum. Den anderen Teil des Käfigs bildete eine stabile, dunkelbraune Kunststoffwanne, die man mit wenigen Handgriffen vom Oberteil trennen konnte. Zwischen dem Boden dieser Wanne und einer offenbar nachträglich eingefügten und jetzt herausgehobenen dünnen Resopalplatte befand sich ein Hohlraum, in den man jetzt, da die Platte entfernt worden war, hineinsehen konnte.
Dieser Hohlraum war vollgestopft mit Geldscheinen.
»Wir haben’s mal grob überschlagen«, murmelte Runkel schreckensbleich, »das sind mindestens hunderttausend!«
Sönnchen stand mit feuchten Augen daneben und nickte immer wieder.
»Besser als jeder Tresor«, sagte sie. »Kein vernünftiger Mensch käme auf die Idee, da reinzugreifen.«
»Wo die Alarmanlage ja praktisch drin wohnt«, ergänzte Runkel.
»Krahhh!«, bestätigte Flaubert. »Polizei ein Freundunhelfer.«
»Jetzt wissen wir also, warum Frau Bialas in den letzten Monaten kein Geld von ihrem Konto abgehoben hat«, sagte ich. »Bleibt die spannende Frage: Wo kommt das viele Geld her?«
»Vielleicht hat sie im Lotto gewonnen?«, meinte Runkel.
»Dann hätte sie es auf der Bank eingezahlt, wo es Zinsen bringt«, widersprach Sönnchen. »Legales Geld ist das nicht, das steht mal fest.«
Die Tür öffnete sich. Balke trat ein. Er schien inzwischen ebenfalls erkältet zu sein. Seine Augen glänzten ungesund, sein Atem roch nach Kamille. Runkel klärte ihn auf, und Balke nieste daraufhin dreimal.
»Gestohlen wird sie es wohl nicht haben«, meinte er, nachdem er sich die Nase geputzt hatte. »Sonst hätte sich längst wer gemeldet, dem es fehlt. Das da ist ja schließlich kein Pappenstiel.«
»Vielleicht Erpressung?«, schlug Sönnchen vor.
»Das war auch mein erster Gedanke«, sagte ich. »Eine andere Erklärung fällt mir auf die Schnelle nicht ein.«
»Ich fang mal an zu zählen.« Runkel wollte sich gleich ans Werk machen.
»Pfoten weg«, fuhr Balke ihn an. »Fingerspuren!«
Runkel zuckte beleidigt zurück.
»Pfoten weg!«, bestätigte Flaubert.
Während ich die zweite Mail des Tages an Theresa schrieb, summte mein Telefon.
»Da ist so ein komischer Kerl, der Sie unbedingt sprechen will«, sagte Sönnchen ratlos. »Wenn ich’s richtig verstanden hab, dann arbeitete er in einem Bestattungsinstitut. Was er von Ihnen will, hab ich aber nicht aus ihm rausgekriegt …«
Es knackte in der Leitung. Erst hörte ich nur geheimnisvolles Rauschen.
»Rodenkirch«, stellte sich mein Gesprächspartner dann mit sonorer Stimme und würdevollem Ton vor. »Ich habe hier etwas entdeckt. Und ich möchte Sie höflich bitten, es sich anzusehen und mir zu bestätigen, dass es unwichtig ist.«
»Darf ich fragen, worum es geht?«
»Es handelt sich um einen älteren Mann, den teilweise sein Hund aufgegessen hat. Ich bin dabei, seine leider unvollständigen sterblichen Überreste sargfein zu machen. Diese Aufgabe ist in diesem tragischen Fall alles andere als trivial. Aber jeder Tote hat ein Anrecht auf einen Abschied in Würde, nicht wahr. Auch der grauenhaft Entstellte, gewissermaßen.«
Draußen goss es in Strömen, auf meinem Schreibtisch stapelte sich wieder Arbeit, aus irgendeinem Grund hatte ich schon seit dem Aufstehen schlechte Laune, und ich verspürte nicht die geringste Lust, mein behaglich geheiztes Büro zu verlassen, um mir in irgendwelchen kühlen Kellern unappetitliche Leichen anzusehen, auch wenn sie noch so sargfein waren.
»Und da ist Ihnen also etwas aufgefallen …«
»So ist es, ja. Mein Chef sagt zwar, es geht uns nichts an. Der Leichnam ist freigegeben, sagt mein Chef, und somit geht uns alles Weitere nichts mehr an. Ich hingegen bin jedoch der Ansicht, man kann das so nicht machen. Schließlich und endlich ist man auch Staatsbürger und hat somit nicht nur Rechte, sondern auch gewisse Pflichten.«
»Und Sie wollen mir wirklich nicht am Telefon sagen, worum es geht?«
»Sie würden es mir ohnehin nicht glauben, wenn Sie es nicht mit eigenen Augen sehen.«
»Okay«, seufzte ich. »Wo finde ich Sie?«
Er nannte mir eine Adresse in der Lessingstraße. Ich versprach, abends vorbeizukommen und mir das geheimnisvolle Etwas anzusehen, das er entdeckt haben wollte.
»Der Zeitpunkt passt mir ganz vortrefflich«, erklärte der wortgewandte Anrufer befriedigt. »Nach sechs sind der Chef und die Chefin schon zu Hause, und somit sind keine unerfreulichen Diskussionen zu befürchten.«
Mir passte der Zeitpunkt auch ganz gut, denn so konnte ich die lästige Angelegenheit während meines Heimwegs hinter mich bringen.
Als ich auflegte, stand Balke in der Tür. Vermutlich hatte er schon länger gewartet.
»Hätten Sie ein paar Sekunden?«, fragte er.
Ich deutete auf den Stuhl auf der anderen Seite meines Schreibtischs.
»Es geht um das Handy von Frau Bialas.« Er räusperte sich. »Unsere Techniker haben es geschafft, die SIM-Card auszulesen, und eben sind die Gesprächslisten gekommen. Mit Abstand am meisten hat sie mit ihrer Freundin telefoniert, dieser Frau Heinemann, zweimal mit einem Bekleidungsgeschäft in Mannheim. Das habe ich schon gecheckt, da war was mit einem Mantel, den sie dort gekauft hatte. Viel spannender ist, wer sie angerufen hat.« Er breitete einige Blätter auf meinem Schreibtisch aus und drehte eines davon so, dass ich es lesen konnte. »Seit sie in Heddesheim war, ist sie nicht weniger als hundertsiebenundvierzig Mal von einer Nummer in Genf angerufen worden. Sie hat keinen einzigen dieser Anrufe angenommen.«
»Kettenbach.«
Balke nickte. »Sehen Sie hier: Allein in den zwölf Stunden vor dem Mord hat er es acht Mal versucht. Ab zehn Uhr abends war dann plötzlich Ruhe.«
Ich lehnte mich zurück und nahm die Brille ab. »Wie lange fährt man von Genf nach Heddesheim?«
»Laut Routenplaner viereinhalb Stunden.«
»Das heißt, um halb drei hätte er problemlos am Tatort sein können, wenn er um zehn losgefahren wäre.« Ich setzte die Brille wieder auf. »Hat er einen Wagen?«
»Einen Alfa Romeo Spider. Laut Google hat so eine Kiste hundertvierundachtzig PS und läuft gut zweihundertzwanzig.«
»Setzen Sie sich mit dem Schweizer Zoll in Verbindung. Meines Wissens scannen die die Kennzeichen aller Fahrzeuge ein, die über die großen Grenzübergänge fahren. Vielleicht ist ja auch Kettenbachs Alfa darunter.«
Rodenkirchs Körperbau passte in keiner Weise zu seiner volltönenden Stimme. Vor der Tür des Bestattungsunternehmens wartete ein schmächtiges Männchen mit hagerem Gesicht und dem branchenüblich dunklen und bei genauerem Hinsehen etwas speckigen Anzug. Rodenkirch hatte eine kleine Nase, vorstehende Augen und jenen leidenden Gesichtsausdruck, der vielleicht in Bestatterkreisen den Rang einer Berufskrankheit hat. An seinem Arbeitsplatz wurde nicht viel gelacht, vermutete ich, und so verkümmerten die für die Heiterkeit zuständigen Muskeln im Gesicht über die Jahre.
»Kommen Sie bitte«, sagte er, nachdem er mich mit einem mitleidsvollen Händedruck begrüßt hatte. »Wir gehen aus Gründen der Diskretion vielleicht besser hinten herum.«
Wir durchquerten eine dunkle Passage, die durch ein schmuckloses, altrosa gestrichenes Fünfziger-Jahre-Haus in den Hinterhof führte, in dem einige Autos parkten. Rodenkirch schloss mit gemessenen Bewegungen eine hässliche verglaste Tür auf, machte Licht. Innen war es kühl und kahl. Er verschloss die Eingangstür sorgfältig hinter mir und führte mich eine breite Steintreppe hinab in den Keller. Es ging noch durch zwei weitere Türen, und der Leichengeruch oder das, was ich dafür hielt, wurde mit jedem Schritt bedrängender.
»So«, sagte er endlich befriedigt, »da wären wir. Hier liegen sie, meine lieben Patienten.«
Neonlicht flackerte surrend auf. In dem langgestreckten und bis an die Decke weiß gekachelten Raum war es nicht kühl, sondern eisig kalt. Mehrere Tische standen parallel nebeneinander, auf denen sich unter weißen Tüchern deutlich erkennbar menschliche Körper abzeichneten. Ich musste schlucken.
Als Kripochef ist man den Anblick von Leichen nicht mehr gewohnt.
»Ich erkläre Ihnen vielleicht zunächst, was hier gemacht wird.« Rodenkirch trat an einen der hinteren Tische und legte seine rechte Hand auf den Rand der Edelstahl-Platte. »Wir bekommen die sterblichen Überreste unserer armen Patienten herein, nachdem der Arzt den Totenschein ausgestellt hat. So war es auch in diesem tragischen Fall hier. Hier hat der Arzt als Todesursache Unfall angekreuzt, Ihre Untergebenen haben selbstverständlich alles genauestens überprüft und jegliches Fremdverschulden ausgeschlossen. Somit war der Leichnam offiziell frei zur Bestattung. Meine Aufgabe ist es nun, den Verblichenen für den letzten Festakt ein würdiges Aussehen zu verleihen. Das ist nicht immer ganz leicht und auch nicht immer angenehm, wie Sie sich denken können.«
»Ja, das kann ich durchaus.« Meine Laune war im Lauf des Nachmittags nicht besser geworden. Ich musste schon wieder schlucken.
»In diesem Fall hier war das Prozedere leider besonders unappetitlich. Man hat ja leider des Öfteren mit Hingeschiedenen zu tun, die nicht sonderlich hübsch aussehen. Denken Sie nur an Autounfälle, zum Beispiel. Das Schlimmste, was ich während meiner Laufbahn bisher gesehen habe, war eine Frau, eine Bäuerin, die in irgendeine Maschine geraten war. Aber das dürfte jetzt vielleicht ohne Belang sein. Wenigstens ist in solchen Fällen üblicherweise noch alles dran, beziehungsweise es wird mitgeliefert. Ich will sagen, man muss alles lediglich wieder richtig zusammenfügen. So gut es eben geht. Wir hier in Mitteleuropa betten unsere Toten ja glücklicherweise bekleidet zur letzten Ruhe.«
Warum hatte ich Idiot nicht Balke geschickt? Oder Runkel? Oder sonst irgendjemanden, Herrgott!
»Wenn wir vielleicht langsam zum Punkt kommen könnten.« Ich vermied es, die weißen Tücher anzusehen.
»Das Fatale ist, dass dieser Patient, dem Herrn sei es geklagt, leider über und über mit Blut besudelt war. Aus diesem Grund ist das, was ich Ihnen gerne zeigen möchte, leider weder Ihren Mitarbeitern noch dem Arzt ins Auge gefallen.«
Rodenkirch griff nach einem Zipfel des weißen Tuchs. Ich sah nicht hin.
»Eines muss ich Ihren Mitarbeitern nämlich zugute halten: Auch ich habe es erst entdeckt, nachdem ich den Leichnam gründlich gesäubert hatte.«
»Ich habe leider nicht allzu viel Zeit …«, sagte ich durch die Zähne.
Er warf das Tuch mit elegantem Schwung zurück. Der Körper darunter war knochig, eingefallen, weiß, fast wie Porzellan, und sehr stark behaart.
»Dies ist es, worauf ich Ihre Aufmerksamkeit lenken möchte.« Rodenkirch deutete irgendwohin. »Das ist doch ganz eindeutig eine Stichwunde, oder was denken Sie?«
Ich sah gar nichts, und ich sagte nichts. Gnädig warf er das Tuch wieder über seine zusammengefügte Leiche.
»Wie auch immer«, fuhr er leicht gekränkt fort. »Ich jedenfalls bin mir meiner Sache sicher. Wir haben es hier eindeutig mit einem Stichkanal zu tun. Ich kann es Ihnen gerne demonstrieren, falls Sie Wert darauf legen.«
»Danke, ich lege keinen Wert darauf.« Ich hob beide Hände. »Ich glaube Ihnen aufs Wort.«
»Der Hund ist wohl erst später über ihn hergefallen«, fuhr Rodenkirch nachdenklich fort. »Als sein armes Herrchen bereits tot am Boden lag. Den Hund trifft keine Schuld. Weil er nichts mehr zu fressen hatte, hat er sich schließlich und endlich an seinem Herrchen gütlich getan. Haben Sie es denn wirklich erschießen müssen, das unschuldige Tier?«
Sowie ich wieder im Wagen saß, alarmierte ich telefonisch meine Truppen. Das Haus des Toten musste sofort, in dieser Nacht noch, kriminaltechnisch untersucht werden. Ich hoffte, dass dort nicht inzwischen eine Schwadron Putzfrauen sämtliche Spuren vernichtet hatte. Und die Leiche musste unverzüglich in die Gerichtsmedizin.
Den Knallkopf von Arzt, der den Totenschein ausgestellt hatte, erreichte ich zum Glück nicht, was mir vermutlich eine Anzeige wegen Beleidigung ersparte. Ich nahm mir vor, ihn am nächsten Morgen ganz oben auf meine Telefonliste zu setzen.
Auf der Fahrt nach Hause, es waren nur wenige hundert Meter, wurde mir endlich klar, weshalb ich seit dem Frühstück so übler Laune war: Theresa. Heute war Dienstag, unser Abend, und ich würde sie nicht treffen, nicht berühren, ihre Stimme nicht hören, den Duft ihrer Haut nicht riechen, ihre Hände nicht auf mir fühlen. Plötzlich hatte ich einen bitteren Geschmack im Mund. Vielleicht würde es nie wieder so sein wie früher. Heute Morgen hatte die Waage im Badezimmer verkündet, ich hätte eineinhalb Kilo abgenommen. Unter anderen Umständen hätte mich das gefreut. Immerhin hatte es endlich aufgehört zu regnen.
Ich beschloss, mir nach den Aufregungen des Tages einen gemütlichen Abend zu gönnen mit einem Glas Rotwein, oder auch zwei, einem neuen Anlauf mit Madame Bovary und ruhiger Musik.
Als ich die Wohnungstür öffnete, prallte ich zurück. Einbrecher, war mein erster Gedanke. Oder sollte ich ein Opfer von Wohnungsvandalismus geworden sein? Der Fußboden des Flurs war über und über bedeckt von Müll, Wellpappe, Kunststofffolien, mehr oder weniger zerkrümelten Styroporteilen.
In meinem ehemaligen Arbeitszimmer hörte ich meine Töchter streiten, und endlich begriff ich: Die Möbel waren gekommen, die ich völlig vergessen hatte. Meine Töchter waren bereits lautstark beim Aufbauen, und es schien alles andere als gut zu laufen.
»Das gehört auf die Hinterseite, du Dumpfbacke«, zeterte die eine. »Wenn du das so rum zusammenbaust, dann ist das Ding Schrott!«
»Gar nichts ist Schrott! Du sitzt nämlich bloß auf der falschen Seite. Du guckst den Plan verkehrt herum an, du Flachspüler.«
Etwas fiel krachend um. Beide kreischten auf.
»Autsch, pass doch auf, du Spasti!«
»Es ist aber trotzdem die Hinterseite! Das Ding, das du grad kaputt gemacht hast, ist die linke Seite und nicht die rechte!«
»Gar nichts ist kaputt, mach doch die Augen auf, du Knödelgesicht! Wenn man von hinten guckt, dann ist es eben doch die linke Seite!«
»Was bedeuten eigentlich diese blöden Schriftzeichen, die kein Mensch lesen kann?«
»Das ist Chinesisch, das sieht doch jeder Trottel!«
»Blöde Kuh!«
»Warmduscher!«
»Depp!«
»Dumpfbacke!«
»Dumpfbacke hattest du schon. Du bist sooo langweilig.«
»Du … Du Arschgeburt!«
»He!« Hastig hängte ich meinen Mantel an die Garderobe, »Jetzt reicht’s aber!«