»Es ist leider Gottes genau so, wie Sie befürchtet haben«, begann Evalina Krauss am Mittwochmorgen ihren Bericht. »Der Stichkanal ist exakt so lang und breit wie bei der Frau. Die Führung des Messers ist praktisch dieselbe, nämlich von unten her in den Bauch.«
Balke stieß einen derben Fluch aus und hustete. Ich nahm die Brille ab und rieb mir die Augen. Am Abend zuvor war es spät geworden. Bis kurz vor zwölf hatten wir Möbel zusammengeschraubt, uns über fehlende Teile geärgert, die meisten am Ende doch noch gefunden, Sachen hin und her geschoben, von einem Zimmer ins andere geschleppt. Zwischendurch war ein neuer Streit entbrannt, wer denn nun das »neue« Zimmer beziehen durfte und wer im alten bleiben musste. Dann stellte sich heraus, dass für den inzwischen ebenfalls eingetroffenen zweiten PC die Telefonsteckdose fehlte, woraufhin sich das Thema des Streits um genau hundertachtzig Grad drehte. Am Ende hatte ich einige ziemlich grobe Machtworte sprechen müssen, woraufhin meine Töchter sich unverzüglich gegen mich verschwistert hatten. Schließlich waren wir alle drei wütend und todmüde in die teilweise neuen Betten gefallen. Am rechten Daumen hatte ich vom Schrauben und Hämmern eine Blase und zudem an den merkwürdigsten Stellen Muskelkater.
»Das heißt«, sagte ich, »wir haben es wahrscheinlich mit demselben Täter zu tun. Gibt es offenkundige Gemeinsamkeiten zwischen den Opfern?«
»Auf den ersten Blick nicht«, erwiderte Evalina Krauss. »Aber wir wissen im Moment natürlich noch nicht allzu viel.«
»Wie hieß der Tote noch mal?«
»John Karenke. Von Beruf war er Juwelier. Früher hat er ein kleines, ziemlich feines Geschäft in der Altstadt gehabt. Nichts Großes, aber er konnte anscheinend ganz gut davon leben. Vor zwei Jahren musste er sein Geschäft aus Altersgründen aufgeben. Die Augen haben wohl nicht mehr so mitgemacht. Aber damals ist er auch schon neunundsechzig gewesen, wenn ich mich nicht verrechnet habe.«
Sie drückte eine Taste des Notebooks auf ihren Knien.
»Geboren ist er in Heidelberg. Seine Eltern waren wohlhabend, obwohl der Vater anscheinend gar nichts gearbeitet hat. Nach dem Abitur ist der Sohn dann eine Weile durch die Welt gezogen. Ein Jahr Hamburg, drei in Köln, wo er eine Lehre als Juwelier angefangen und bald wieder abgebrochen hat.« Sie gähnte herzhaft. »Anschließend ist er in den USA gewesen und später sogar in Australien. Was er da getrieben hat, weiß ich noch nicht. Anfang der sechziger Jahre sind seine Eltern bei einem Verkehrsunfall gestorben, und er ist wieder in Heidelberg aufgetaucht. Und ein paar Monate später hat er in der Ingrimstraße eine kleine Goldschmiedewerkstatt eröffnet. Die Eltern haben ihm das Haus am Gaisbergweg hinterlassen und außerdem genug Geld, dass er zurechtkam. In dem Haus hat er bis zu seinem Tod gewohnt.«
Evalina Krauss klappte ihr Notebook zu und gähnte schon wieder. Vermutlich hatte sie die halbe Nacht durchgearbeitet.
»Der Todeszeitpunkt ist natürlich fast nur noch Spekulation. Er muss ungefähr eine Woche tot gewesen sein, als wir ihn gefunden haben, schätzen die Forensiker anhand der Menge der Maden, plusminus zwei, drei Tage.«
Sie schluckte, schwieg für zwei Sekunden und klappte ihr Computerchen wieder auf.
In diesem Moment platzte die Tür auf, Runkel stürzte herein.
»Kettenbach ist weg«, keuchte er. »Grad hat mich ein Kollege aus Genf angerufen. Kettenbach hat Urlaub genommen und gesagt, er würd für ein paar Tage verreisen. In seiner Wohnung ist er nicht, und sein Auto ist auch weg.«
Seufzend fiel ich in meinen Sessel zurück. Da waren wir wohl zu langsam gewesen. Genauer: Ich war zu langsam gewesen, denn ich hatte die Entscheidung getroffen, Kettenbach vorerst an der langen Leine laufen zu lassen.
»Und jetzt?«, fragte Runkel. »Was machen wir denn jetzt?«
»Schreiben Sie ihn zur Fahndung aus. Die Tatsache, dass er abgetaucht ist, werten wir im Zusammenhang mit den anderen Indizien als dringenden Tatverdacht. Ich rede gleich mit der Staatsanwaltschaft.«
Runkel setzte sich zu uns, Evalina Krauss nahm den Faden wieder auf.
»Im Lauf seines Lebens war Karenke viermal verheiratet. Mit seiner jetzigen Frau war er sechs oder sieben Jahre zusammen, aber sie haben sich auch schon wieder getrennt. Muss ein komischer Typ gewesen sein. Die Frau sagt, es sei bei ihm ganz normal gewesen, dass man ihn tagelang nicht erreicht hat.«
»Was heißt das, er war tagelang nicht erreichbar?«
»Es sind gar nicht die Nachbarn gewesen, die die Leitstelle angerufen haben, sondern seine Frau. Die Nachbarn haben später nur gesagt, dass der Hund ständig gebellt hat. Sie wohnt momentan im Hotel, und irgendwann hat sie sich gewundert, dass er nicht ans Telefon gegangen ist.«
»In welchem Hotel ist sie?«
»Im Europäischen Hof.«
»Nobel, nobel«, knurrte Balke und hustete.
»Und was sagt die Spurensicherung?«, fragte ich.
»Bisher nicht viel«, seufzte Evalina Krauss und rieb sich das rechte Auge. »Da ist ja alles voller Blut gewesen, und …«
Abwesend starrte sie auf ihren Bildschirm. Dann sah sie mir ins Gesicht.
»Ich habe so was noch nie gesehen, Chef«, sagte sie leise. »Ich träume davon, jede Nacht. Gewöhnt man sich irgendwann daran?«
»Nein«, erwiderte ich. »Ich jedenfalls habe mich nie daran gewöhnt. Aber in der Regel ist es ja auch nicht so schlimm.«
Sie starrte eine Weile ins Nirgendwo. Dann gab sie sich einen Ruck.
»Okay, weiter im Text. Die Kollegen haben letzte Nacht eine Menge Spuren genommen. Was wir im Haus an Unterlagen eingesammelt haben, ist zum größten Teil noch nicht ausgewertet. Der vorläufige Bericht aus der Gerichtsmedizin wird auch noch dauern, obwohl ich’s wirklich furchtbar dringend gemacht habe.«
»Wie war eigentlich die Auffindesituation?«
»Ungefähr zehn Meter von der Haustür entfernt hat er neben einem von diesen verstellbaren Fernsehsesseln gelegen. Ob er dort auch erstochen worden ist oder sich erst noch ein Stück weit geschleppt hat, kann momentan noch niemand sagen. Der Stich ist in die Leber gegangen. Im Gegensatz zu Frau Bialas hat Karenke wohl ziemlich leiden müssen. Ansonsten gibt es mehrere Ähnlichkeiten zum Fall Bialas. Auch hier keine Spuren am Türschloss, das Haus wurde nicht durchsucht, es ist anscheinend nichts gestohlen worden.«
»Wer macht denn so was?«, fragte sich Runkel angewidert. »Wer bringt denn einen hilflosen alten Mann um?«
»Rache.« Balke nieste heftig. »Ich bin überzeugt, da begleicht einer alte Rechnungen.«
»Vergessen Sie nicht, Reuschlin auf freien Fuß zu setzen«, sagte ich zu ihm.
Er putzte sich die Nase und erwiderte nichts.
»Also, was ich persönlich komisch find an der Sache«, sagte Runkel langsam, »wieso hat der Hund seinen Herrn nicht beschützt?«
»Ja, das wundert mich auch.« Kollegin Krauss sah in die Runde. »Bei uns daheim, wenn mich wer angreifen würde, dann würd unser Rossini sein Leben geben, um mich zu schützen. Und Rossini ist nicht mal halb so groß wie dieser Schäferhund von Karenke.«
Das Geld in Flauberts Käfig war inzwischen gezählt, berichtete Runkel.
»Ein bisschen mehr als zweiundneunzigtausend sind es. Hunderter, genau neunhundertdreiundzwanzig Stück.«
»Vielleicht hat sie einen ehemaligen Kunden erpresst?«, überlegte Balke. »Als Mitarbeiterin einer Bank erfährt man vielleicht das eine oder andere.«
Evalina Krauss sah mich aufmerksam an. »Klingt logisch: Sie kommt auf die Weise zu Geld, schmeißt den Job hin, den sie sowieso leid war, und kassiert dazu noch eine hübsche Abfindung …«
Ich griff zum Hörer und bat Sönnchen, mich mit Martin Degenhardt zu verbinden, dem stellvertretenden Leiter der Karlsruher IFS-Filiale.
Augenblicke später summte mein Telefon. Ich schilderte Degenhardt unsere Vermutung.
»Erpresst?«, grummelte er verschlafen oder betrunken. »Wen soll die Anita denn erpresst haben?«
»Kunden? Wäre das nicht denkbar?«
»Die Anita hat die Hypotheken für Einfamilienhäuschen gemacht, habe ich Ihnen doch schon erklärt. Ihre Kunden waren Leute, die sich ihr Wohneigentum mit Ach und Krach leisten konnten. Da ist doch nichts zu holen, ich bitte Sie!«
»Wäre es nicht denkbar, dass sie auf diesem Weg etwas erfahren hat, was sich zu Geld machen ließ?«
»Sein kann vieles.«
»Es gibt doch sicherlich noch Kundenlisten.«
»Vermutlich gibt’s die.«
»Und …?«
»Reden Sie mit Konradin. Der wird wissen, was mit dem ganzen Krempel passiert ist. Ich habe mich darum nicht mehr gekümmert, als sich der Crash abgezeichnet hat.«
»Es ist uns bisher leider nicht gelungen, Herrn Fabricius zu erreichen.«
»Wo der hin ist, kann ich Ihnen auch nicht sagen. Vielleicht schläft er unter irgendeiner Brücke. Den hat’s ja voll erwischt. Ist halt auch ein bisschen zu mutig gewesen, wie so viele. Diese Jungdynamiker, die heutzutage bei den Banken das Sagen haben, wissen ja nicht mal mehr, wie man das Wort Risiko schreibt. Unsereiner ist dann der alte Quälgeist mit seiner Bausparermentalität, der keinen Dunst hat vom modernen Business. Und die so genannten Risk Manager waren ja auch noch auf seiner Seite. Die sind ja alle so kolossal mutig und phantasievoll gewesen.«
Als ich den Hörer aufgelegt hatte, brummte Balke: »Konradin Fabricius. Um den werd ich mich persönlich kümmern. Klara hat übrigens eine Karte geschickt. Aus Griechenland. Ich soll alle grüßen.«
»Wie geht’s ihr?«, erkundigte ich mich. »Genießt sie ihre Hochzeitsreise?«
»Na ja.« Er zog die Nase hoch. »Unsere Honeymooner sitzen auf Naxos im Schnee fest. Der Fährverkehr wurde vor drei Tagen eingestellt, und im Hotel ist die Heizung ausgefallen. Sie sehnt sich ins Büro zurück, soll ich Ihnen sagen.«
»Ab sofort suchen wir das verbindende Glied zwischen den beiden Opfern«, sagte ich. »Was hatten sie gemeinsam? Woher hat der Täter sie gekannt?«
»Zum Glück hat der Täter bisher nicht wieder zugeschlagen«, sagte Evalina Krauss nachdenklich. Plötzlich wurde mir bewusst, dass es in letzter Zeit keine Rangeleien mehr zwischen ihr und Balke gegeben hatte. Offenbar hatte man sich zusammengerauft.
»Stimmt.« Balkes Blick suchte nach einem Ziel für sein durchnässtes Papiertaschentuch. Ich schob meinen Papierkorb in seine Reichweite. Er warf in hohem Bogen und traf beim ersten Versuch. »Er hat jetzt elf Tage stillgehalten. Das lässt hoffen, dass nicht noch mehr Leute auf seiner Liste stehen.«
»Sie werden mir jetzt aber nicht auch noch krank«, ermahnte ich ihn.
»Kommt überhaupt nicht in Frage.« Balke grinste schief und zupfte ein frisches Taschentuch aus einem neuen Päckchen. »Wie geht’s nun weiter?«
»Wir brauchen alle Informationen über John Karenke, die wir kriegen können. Jedes Detail kann wichtig sein. Ich rede mit seiner Witwe. So kann ich Sie ein wenig entlasten.«
Und meinem Schreibtisch entkommen, dachte ich, was mir mehr als recht war.