Die Witwe des ermordeten Juweliers hieß Irina mit Vornamen und war eine beeindruckende Frau. Wir saßen in der dezent beleuchteten Lobby des Hotels Europäischer Hof an der Friedrich-Ebert-Anlage.
»Ich kann es noch nicht wirklich begreifen, dass John nicht mehr lebt.« Sie sah auf ihre Hände, die locker im Schoß lagen. »Natürlich musste man damit rechnen, dass er nicht ewig leben wird. Aber so … Mein Gott, nicht auszudenken, was hätte geschehen können, wenn ich im Haus gewesen wäre.« Sie schluckte, schloss kurz die Augen. »Hätte ich ihn nicht verlassen, dann würde er vielleicht noch leben …«
»Sie hätten ihn nicht retten können«, sagte ich fest. »Im schlimmsten Fall wären Sie sogar selbst zu Schaden gekommen.«
Das Ambiente war nobel. Viel Gold, viel Rot, dicke Teppiche dämpften die Schritte, in einem Flachbildschirm flackerte ein Kaminfeuer. Für Sekunden war meine Gesprächspartnerin mit ihren Gedanken weit weg. Dann sah sie auf. »Wenn ich irgendetwas tun kann, wenn ich irgendwie helfen kann, diesen … Menschen zu fassen, der das getan hat – ich stehe zu Ihrer Verfügung.«
Sie schaffte es sogar, ein wenig zu lächeln, und entblößte dabei zwei Reihen ebenmäßiger Zähne.
Ich saß in einem hochlehnigen und für meinen Geschmack zu weichen Ohrensessel und fühlte mich unwohl wie immer, wenn ich es mit Hinterbliebenen frisch Verstorbener zu tun hatte. Man möchte helfen, möchte etwas tun und weiß doch, dass hier nicht zu helfen ist. Dass der Tod endgültig ist. Dass der Mensch, der einem gegenübersitzt, mit seinem Leid allein fertig werden muss, mit seinen Selbstvorwürfen, seiner Einsamkeit.
Zwischen uns stand ein niedriges Tischchen, auf dem Prospekte von Heidelberg herumlagen. Irina Karenke mochte Ende dreißig sein, war wohl über die Jahre ein wenig füllig geworden und strahlte trotz ihrer Trauer Selbstsicherheit und Würde aus. Sie trug ein marineblaues Baumwollkleid, dessen Rock die Knie bedeckte. Ihr Blick war jetzt konzentriert und aufmerksam.
»Deshalb bin ich hier«, sagte ich freundlich, »damit Sie mir helfen, den Mörder Ihres Mannes zu finden.« Ich berichtete ihr von dem zweiten Mordfall. »Es muss irgendeinen Zusammenhang zwischen Ihrem Mann und dem ersten Opfer geben, und Sie können mir möglicherweise helfen, ihn zu finden. Sagt Ihnen der Name Bialas etwas? Anita Bialas?«
Ohne den Blick von meinem Gesicht zu wenden, schüttelte sie langsam den Kopf mit den seidig schimmernden dunkelbraunen Locken.
»Nein. Tut mir leid.«
»IFS? Hatte Ihr Mann einmal mit einer Finanzagentur namens IFS zu tun?«
Dieses Mal hob sie die Achseln. »Ich müsste in Johns Unterlagen nachsehen. Um die finanziellen Dinge habe ich mich nicht gekümmert.«
Ich klärte sie darüber auf, wer Anita Bialas war, woher sie stammte, wo und was sie gearbeitet hatte.
Immer wieder schüttelte sie ratlos den Kopf.
»Würden Sie mir ein wenig von Ihrer Ehe und Ihrem Mann erzählen?«
Sie schlug die dunklen Augen nieder, legte die Fingerspitzen aneinander. Die sauber gefeilten Nägel waren farblos lackiert und schimmerten wie Perlmutt.
»Johns Leben war Schmuck«, begann sie. »Er war Goldschmied und hat all die schönen Sachen, die er verkauft hat, mit seinen eigenen Händen hergestellt. Die geschäftlichen Dinge, Bilanzen, Steuererklärungen, Geld, all das war ihm nicht wichtig. Wichtig waren ihm die strahlenden Augen seiner Kundinnen. Glücklich, wirklich glücklich war John, wenn er eines seiner Werke am Körper einer attraktiven Frau bewundern durfte.«
»Wie es scheint, ist er finanziell dennoch gut über die Runden gekommen.«
»Sie haben es richtig ausgedrückt.« Sie lachte traurig. »Das scheint leider nur so. Das Haus gehört längst wieder zum größten Teil der Bank. Drei Scheidungen von zänkischen Weibern können auch einen wohlhabenden Mann ruinieren. Und den letzten Rest seines Vermögens hat John vermutlich für all die Quacksalber ausgegeben, die er in den letzten Jahren wegen seiner Augen konsultiert hat. Wissen Sie, John war ein Mensch, der sich für Geld ganz einfach nicht interessiert hat. Auch dies war übrigens einer der Punkte, die am Ende zum Zerwürfnis geführt haben.«
»Wie war Ihre Ehe früher? Vor Ihrer Trennung?«
Überrascht sah sie auf. »Tut das denn etwas zur Sache?«
»Ich möchte wissen, was John Karenke für ein Mensch war.«
»Die Ehe war gut«, erwiderte sie verwirrt. »Insgesamt gut, ja.« Ihr Blick irrte ab. »Nur in den letzten Monaten – da war es nicht mehr auszuhalten mit ihm. Er war auf einmal so … kalt. So abweisend.«
Lange sah sie an mir vorbei auf einen überdimensionierten Ölschinken an der Wand, der – was sonst? – das Heidelberger Schloss im Abendlicht zeigte.
»Ja.« Sie nickte so nachdrücklich, als müsse sie sich selbst von der Wahrheit ihrer Worte überzeugen. »Sie war gut, unsere Beziehung. Wir waren übrigens nicht verheiratet. Deshalb ist mein Name auch nicht Karenke, sondern Durian. Ich hatte nicht viel Glück im Leben, müssen Sie wissen. Erst als John in mein Leben trat, wurde plötzlich alles besser. Auf einmal habe ich auf der Sonnenseite gelebt, wurde auf Händen getragen. John konnte so zärtlich sein, so fürsorglich, so herzlich. Früher. Soll ich Ihnen erzählen, wie wir uns kennengelernt haben?«
»Ich bitte darum.«
Jetzt lächelte sie in sich hinein. »Durch Schmuck, wie sonst. Ich wollte ein Paar preiswerte Ohrringe kaufen für eine pubertierende Nichte, ein durch und durch schreckliches Kind übrigens. Deshalb hatte ich auch nicht die geringste Lust dazu, aber irgendetwas brauchte ich eben. Ich war schon einige Zeit erfolglos durch die Altstadt geirrt und hatte nichts gefunden, was mir gefallen hätte. Ich wollte schon aufgeben und mir ein anderes Geschenk für die missratene Göre überlegen, da bin ich in Johns winzigem Geschäft gelandet. Für einige Sekunden stand ich allein in seiner Schmuck-Boutique und wollte gerade wieder gehen, nachdem ich die Preise gesehen hatte. Da kam John herein und sah mich an, als hätte er eine Erscheinung. ›Warten Sie, ich glaube, ich habe etwas für Sie‹, sagte er und verschwand wieder nach hinten. Dann kam er mit einer Halskette, einer ungeheuer wertvollen goldenen Halskette, und legte sie mir um. ›Sie sind die Frau, für die ich das hier gemacht habe‹, sagte er nur. Er wollte kein Geld dafür, er wollte nur, dass seine Kette endlich den richtigen Hals, das richtige Dekolletee schmückte. Von diesem Augenblick an waren wir ein Paar, ob Sie es glauben oder nicht. Seither weiß ich, dass es die Liebe auf den ersten Blick gibt. Dass es die Liebe überhaupt gibt. Alles davor …« Sie schluckte, senkte den Blick, »… war Vorspiel. Notwendige Vorbereitung auf diesen Mann. Damit ich die Kraft hatte, ihn festzuhalten.«
»Die Kette haben Sie noch, nehme ich an?«
»Sie liegt oben in meinem Zimmer. Möchten Sie sie sehen?«
Ich schüttelte den Kopf.
»Ich habe mein Haar damals genauso getragen wie heute«, fuhr sie fort. »Früher habe ich es gerne zu einem Knoten gefasst, weil es im Alltag praktischer ist und bei Hitze angenehmer. Aber seit diesem Moment in Johns Laden durfte ich mein Haar niemals mehr anders tragen in seiner Gegenwart.«
»Wer hätte Grund, Ihren Mann zu hassen?«
»Da gibt es einige«, erwiderte sie langsam. »John war vor allem in den letzten Jahren – wie soll ich sagen – ein wenig rechthaberisch geworden. Sechs Monate bevor er sein Geschäft endgültig schließen musste, hat er seine letzte Angestellte entlassen, Cornelia, die ihm ein halbes Leben treu gedient hatte. Ich weiß nicht, was der Anlass war. Aber ich bin überzeugt, es war eine Bagatelle. Cornelia war eine Seele von Mensch. Sie hat John jahrzehntelang heimlich verehrt und vermutlich sogar geliebt. Und er setzt sie vor die Tür, aus einer Laune heraus. Verstehen Sie, John war nie ein einfacher Mensch. Aber in den letzten Jahren, vor allem, seit seine Augen immer schlechter wurden, wurde er ganz unerträglich. Man soll über Tote nichts Schlechtes sagen, aber es hilft Ihnen ja nicht, wenn ich die Sache schönrede. John war ungerecht, überheblich, verletzend. Mit den meisten seiner Nachbarn lag er im Streit wegen Nichtigkeiten. Da ging es um spielende Kinder, die Lautstärke von Musik, den Geruch von Gegrilltem. Das Wort Kompromiss kam in Johns Wortschatz nicht vor. Und leider hatte er die Mittel, um sich seine Rechthabereien leisten zu können.«
»Sie würden mir sehr helfen, wenn Sie eine Liste anfertigen würden von den Menschen, mit denen er Streit hatte.«
Irina Karenke legte wieder die Fingerspitzen aneinander. »Die dürfte lang werden. Aber gerne, natürlich.«
»Gibt es Verwandte oder Freunde?«
»Es gibt einen Sohn aus seiner zweiten Ehe, Benjamin. Angeblich studiert er Philosophie in Berlin. Johns Eltern sind tot, Geschwister gab es nicht. Von Onkeln oder Tanten habe ich nie etwas gehört.«
Ein älteres, sich leise auf Englisch unterhaltendes Paar durchquerte den Raum, nickte uns freundlich-zerstreut zu und betrat den Lift, dessen Türen sich lautlos schlossen.
»Dann sind Sie Alleinerbin?«
»Nein, das bin ich nicht. John und ich waren nicht verheiratet, wie gesagt. Außerdem habe ich Zweifel, dass es da noch etwas zu erben gibt. Und selbst wenn, ich wollte es nicht haben. Das Kapitel John Karenke ist für mich abgeschlossen. So oder so. Es ist schrecklich, dass er nun tot ist. Aber für mich ändert das letztlich nichts. Unsere Beziehung war zu Ende.«
Ich überreichte ihr mein Kärtchen. Sie studierte es mit Interesse und nickte mir dann anerkennend zu.
»Kriminaloberrat, ist das eine hohe Position?«
»Es geht«, erwiderte ich, nun ebenfalls lächelnd. »Ich bin zufrieden damit.«
Wir erhoben uns. Ihr Händedruck war fest und sicher.
»Ist es nicht schön, wenn ein Mensch das sagen kann? Dass er zufrieden ist? John war niemals mit etwas zufrieden. Vermutlich war er auch in diesem Punkt zu sehr Künstler.«
Balke hatte recht, überlegte ich auf dem Rückweg zur Direktion, den ich bequem zu Fuß zurücklegen konnte: Dass der Täter seit nun schon elf Tagen nicht mehr zugeschlagen hatte, war möglicherweise ein gutes Zeichen. Die beiden Morde hatte er im Abstand von wenigen Tagen begangen. Seither war Ruhe, und das ließ hoffen.
Wo war die Verbindung zwischen seinen Opfern, die unterschiedlicher kaum sein konnten? Und wie die Verbindung finden, wo wir nicht einmal wussten, wonach wir suchten? In Fällen wie diesen gibt es im Grunde nur eine sinnvolle Strategie:
Im Nebel stochern, so lange, bis man durch Zufall auf etwas stößt, was einem weiterhilft. Blindwütig Informationen und Informationen sammeln in der Hoffnung, dass früher oder später etwas Nützliches zum Vorschein kommt.
Meine Töchter waren nicht zufrieden mit ihrer neuen Wohnsituation, eröffneten sie mir, noch bevor ich meinen Mantel ausgezogen hatte. Wer welches Zimmer bewohnen würde, hatten wir am Vorabend nach längerem Gezänk per Los entschieden. Louise hatte das längere Hölzchen gezogen, und Sarah musste mit dem alten vorliebnehmen. Inzwischen hatte sie jedoch entzückt ausgerechnet, dass ihr Zimmer doch einen halben Quadratmeter größer war als Louises, woraufhin nun diese beleidigt war. Hinzu kam, und das war nun wirklich eine Katastrophe, dass es im neuen Zimmer immer noch keinen Internetanschluss gab. Der Mitschüler, der sich darum kümmern wollte, hatte sich glücklicherweise geweigert, ohne mein Einverständnis ein Loch durch die Wand zu bohren, um ein Kabel zu verlegen.
»Ihr könnt euch ja erst mal abwechselnd vor den anderen PC setzen, wenn ihr ins Internet müsst. Zur Not macht ihr einen Stundenplan.«
»Alle haben heute WLAN«, quengelte Louise, »nur wir nicht. Wir leben echt hinterm Mond!«
»Silke hat von ihrem Vater einen megageilen Laptop zu Weihnachten gekriegt«, sekundierte Sarah. »Die kann sogar im Garten ins Internet!«
»Stelle ich mir beim derzeitigen Wetter ziemlich ungemütlich vor.«
»Du bist blöd«, meinte Louise. »Es geht doch gar nicht ums Wetter, es geht ums Prinzip. Internet braucht man einfach. Ohne Internet ist man toter als tot.«
»Was kostet denn so ein WLAN?«
Sie sahen sich ratlos an.
»Das kann nicht so teuer sein. Man braucht bloß so ein Kästchen mit gelben und grünen Lämpchen dran. Die blinken die ganze Zeit, und dann hat man Internet durch die Luft.«
»Und Antennen. Antennen hat es, damit es funken kann.«
»Macht euch schlau. Wenn es bezahlbar ist und hilft, dass diese ewige Streiterei endlich aufhört, dann ist es genehmigt.«
»Echt jetzt?«, fragte Sarah verdutzt. »Einfach so?«
»Aber ihr kümmert euch um alles, okay?«
»Logo«, erklärte Louise selbstbewusst. »Das macht Chip.«
»Der Ober-Computer-Fuzzi in unserer Klasse. Voll der Checker. Der würd uns sogar noch was dafür bezahlen, wenn er uns besuchen darf.«
In manchen Dingen sind Frauen ganz eindeutig im Vorteil.
»Und jetzt?«, fragte ich. »Wie lösen wir das Problem mit den Zimmern? Ihr könntet zum Beispiel täglich hin- und herziehen.«
»Du bist wirklich blöd«, fand nun auch Sarah.
»Irgendeine Lösung müssen wir finden. Und ich kann das Thema wirklich nicht mehr hören.«
»Also, ich bin zufrieden mit dem kleinen Zimmer«, erklärte Louise plötzlich. »Die Klügere gibt nach.«
Das fand Sarah nun gar nicht gut, jedoch fiel ihr auf die Schnelle kein Argument ein, das sie gegen diese Lösung hätte vorbringen können.
Am nächsten Vormittag saß ich Konradin Fabricius zum ersten Mal gegenüber, dem ehemaligem Chef der pleitegegangenen IFS. Fabricius sah aus wie ein zu lang geratener Abiturient, obwohl er die dreißig sicherlich schon hinter sich hatte. Derzeit war er arbeitslos wie viele ehemalige Bankangestellte weltweit. Es war für Balke kein großes Problem gewesen, Fabricius zu finden, da dieser aus Karlsruhe stammte und seine Eltern immer noch dort wohnten. Nachdem er seine Penthousewohnung eilig und vermutlich mit Verlust hatte verkaufen müssen, hatte er sich in Frankfurt eine Bleibe gesucht.
Das Gespräch führte ich in meinem Büro. Es stand Kaffee auf dem Tisch, und ich bemühte mich um eine lockere Atmosphäre.
»Ach, die Anita.« Fabricius rieb sich die Hände, als hätte er Grund, sich auf unsere Unterhaltung zu freuen. »Was soll ich sagen? Sie hat mich selten überrascht.«
»Weshalb sollte sie Sie überraschen?«
Sein unsteter Blick verharrte kurz auf meinem Gesicht, irrte wieder ab.
»Sehen Sie, ich teile meine Leute in drei Kategorien ein: Gruppe eins, das sind die, die Sie enttäuschen. Sie geben ihnen einen Auftrag, und die schaffen ihn mit Hängen und Würgen. Oder auch nicht. Das sind die, die Sie bei nächster Gelegenheit feuern. Gruppe zwei macht den Job gut, kein Grund zur Klage, aber auch nicht mehr. Die halten Sie, solange das Geschäft es zulässt. Gruppe drei, das sind die, die Sie überraschen. Sie sind schneller fertig als geplant. Sie haben mehr getan als gefordert. Sie haben es anders, vielleicht sogar besser gemacht als erwartet. Das sind die, die nicht die Brötchen, sondern die Butter und die Wurst verdienen.«
Fabricius hatte aufgehört, sich die Hände zu reiben, wippte nun stattdessen mit dem rechten Knie.
»Im Großen und Ganzen waren Sie aber zufrieden mit Frau Bialas?«
»Ja, klar. Zufrieden.«
»Sie hat Hypothekenkredite vermittelt. Wie muss man sich das vorstellen?«
»Ganz einfach: Der Kunde kommt zu uns. Entweder weil er von anderen Banken keinen Kredit bekommt. Das sind die Loser. Oder weil er besonders günstige Konditionen sucht. Das sind die Schnäppchenjäger. Die einen küssen Ihnen die Füße, wenn Sie ihnen helfen. Die anderen sind Nervensägen. Die machen viel Arbeit, weil sie immer noch mal ein zehntel Prozent rausholen wollen oder Ihnen kurz vor Vertrag von der Schippe springen, weil sie woanders doch noch was Günstigeres gefunden haben. Die Loserfraktion, die ist angenehm. Die fallen Ihnen vor Glück um den Hals, und manche bringen hinterher sogar Wein oder Blumen vorbei.«
»Wie kommt es, dass Sie nicht-kreditwürdigen Menschen Kredite verschaffen konnten?«
»Das Geld kam im Wesentlichen aus den Staaten. Sie wissen ja …«
»Die sind da nicht so kleinlich.«
»Sie waren nicht so kleinlich.«
»Nur, damit ich mir das vorstellen kann: Die Kunden haben zunächst bei Ihnen angerufen, nehme ich an.«
»Das Telefon hat bei uns abgenommen, wer gerade frei war. Eiserne Regel: Das Telefon darf nicht öfter als dreimal klingeln. Dann wurde er an Anita weitergereicht. Die hat erst mal grob die Rahmenbedingungen abgeklopft. Oft haben Leute angerufen, wo auch für uns nichts mehr zu machen war. Stufe zwei war ein persönliches Gespräch, Sichtung der Unterlagen. Stufe drei: Gegenprüfung durch unsere Europazentrale in London. Und damit war’s dann normalerweise auch schon getan.«
»Stelle ich mir nicht übermäßig spannend vor.«
»Scheißlangweilig ist das, sorry, kann man nicht anders sagen.«
Fabricius hörte für eine Sekunde auf, mit dem Knie zu wippen. Dann fing er wieder damit an. Sein Blick blieb nirgendwo länger als zwei, drei Sekunden haften.
»Hatten Sie noch Kontakt mit Frau Bialas, nachdem sie gekündigt hat?«
»Wozu sollte ich?«
Jeder Mensch ist nervös, wenn er zur Polizei muss, schon gar zur Kriminalpolizei. Aber inzwischen waren wir über den Punkt hinaus, an dem der junge Mann sich allmählich hätte beruhigen sollen.
»Sagt Ihnen der Name John Karenke etwas?«
»Nie gehört.« Er schüttelte heftig den Kopf, hörte wieder für eine Sekunde auf mit der Wipperei. »Karenke? Nö. Sorry.«
Fabricius suchte nach einem Taschentuch, fand eines, schnäuzte sich. Alles, was er tat, tat er einen Tick zu schnell, zu hastig. Vielleicht wurde das Wort Zeiteffizienz in der Finanzwelt noch größer geschrieben als in anderen Branchen? Die Zeiten, als man noch von Bankbeamten sprach, waren ja längst Vergangenheit.
»Sie haben also keine Idee, wer Frau Bialas getötet haben könnte? Wer Grund hatte, sie zu hassen?«
»Woher sollte ich? Privat hatten wir überhaupt keinen Kontakt. Ich weiß nicht mal, wo sie gewohnt hat. Geschäftlich – wie schon gesagt – sie hat ihren Job gemacht. Kein Grund zur Klage.«
Endlich war das rechte Knie zur Ruhe gekommen. Dafür fing das linke an zu wippen.
»Wie ist es mit Kunden? Gab es da welche, die böse auf sie waren?«
»Wie gesagt, die meisten sind total happy gewesen, wenn Anita ihnen ihr Häuschen vor der Pfändung gerettet hat.«
»Es gab also schon welche, die nicht zufrieden waren?«
»Die gibt’s überall. Meines Wissens ist aber keiner darunter gewesen, der Anita mit Mord gedroht hätte. Natürlich gab es vereinzelte Fälle, wo der Kunde sich überhoben hatte und seine Raten nicht mehr bezahlen konnte.«
»Was geschieht in einem solchen Fall?«
»Das Übliche: Mahnung, Stundung, Pfändung.«
»Ich nehme an, die Zinsen waren bei Ihnen ein wenig höher als bei der Konkurrenz?«
Fabricius zog die Nase hoch, sah an mir vorbei, studierte die Aufschriften der Ordner im Regal hinter mir.
»Hängt vom Risiko ab. Ein unsicherer Kredit war natürlich auch bei uns teurer als ein sicherer. Aber wenn Ihnen das Wasser am Hals steht, was wollen Sie machen? Und wie gesagt: Die meisten haben’s ja gepackt. Die meisten waren später glücklich, dass sie uns gefunden hatten. Manche haben Anita tatsächlich Blumen geschickt. Kein Witz.«
»Es muss jede Menge Unterlagen geben von ehemaligen Kunden.«
»Logisch gibt’s die.«
»Wo sind die hingekommen?«
»Die deutschen Filialen der IFS werden zurzeit abgewickelt. Insolvenzverwalter ist eine Berliner Anwaltssozietät. Sonnenschein und Partner. Finden Sie im Internet.«
Ich notierte mir den Namen.
»Sie wohnen jetzt in Frankfurt?«
»In Bockenheim, ja. In Karlsruhe hatte ich null Aussichten auf einen akzeptablen Job. In Frankfurt wird der Bär bald wieder tanzen. Momentan ist da natürlich auch Flaute, aber sobald die Märkte wieder anspringen, bin ich dabei. Und nicht mehr solchen Popelkram wie früher, habe ich mir geschworen.«
»Wo in Karlsruhe haben Sie eigentlich gewohnt?«
»Am Geigersberg. Liegt im Osten. Wird Ihnen nichts sagen.«
Ich verschwieg, dass ich sehr gut wusste, wo das teuerste Wohnviertel Karlsruhes lag.
Meine telefonische Anfrage bei der Anwaltsfirma, die Fabricius mir genannt hatte, stieß auf wenig Begeisterung. Man werde sich der Angelegenheit gerne widmen, erklärte mir eine schnippische Dame, deren Funktion in der Firma mir nicht klar wurde. Aber selbstverständlich erst, wenn ein schriftliches Gesuch mit dem Stempel der Staatsanwaltschaft vorliege. Ich bat Sönnchen, sich darum zu kümmern, und wünschte der Berliner Ziege die Schweinegrippe an den Hals.
Am späten Vormittag wurde das, was ich bisher nur befürchtet hatte, zur Gewissheit: Anita Bialas und John Karenke waren mit demselben Messer erstochen worden. In der Wunde, die zu John Karenkes Tod geführt hatte, fanden unsere Forensiker mikroskopisch kleine Blutspuren, die nicht von ihm, sondern von Anita Bialas stammten. Also hatte der Täter zunächst die Frau erstochen und war später mit dem blutigen Messer im Gepäck nach Heidelberg gefahren, um dort – vielleicht sogar in derselben Nacht – John Karenke zu töten.