Am Donnerstagabend besuchte ich Holger Firlei, den nächsten Nachbarn des toten Juweliers, mit dem dieser in Dauerfehde gelebt hatte. Den Nachmittag über hatte ich mit diversen Personen auf Irina Durians langer Liste telefoniert. Alle hatten Karenke als eigenbrötlerischen, herrischen Menschen beschrieben, der sich in den letzten Jahren mehr und mehr abgekapselt hatte. Firlei schien von allen am meisten unter ihm gelitten und ihn am ärgsten gehasst zu haben.
Ein großer, ernster Mann mit müden Augen öffnete mir die Tür. Ich schätzte ihn auf Mitte fünfzig. Sein lockiges, von vielen grauen Strähnen durchzogenes Haar trug er schulterlang. Gekleidet war er in eine dunkle Nadelstreifenhose, die früher einmal Teil eines teuren Anzugs gewesen sein mochte, und ein schlabberiges sonnengelbes T-Shirt, auf dem in grüner Schrift »Save our Environment« stand. Karenkes nächster Nachbar machte nicht den Eindruck eines Menschen, der gerne Sport trieb. Allerdings entdeckte ich in der Ecke gleich neben der Haustür einen weinroten Golfsack, der Spuren häufiger Benutzung zeigte. Von Beruf war Firlei Architekt, hatte ich schon während unseres Telefonats erfahren. Er bewohnte einen in den Hang gebauten, verschachtelten Bungalow aus Beton und sehr viel Glas, den er selbst entworfen hatte. Als er sich umwandte, um mich ins Haus zu führen, sah ich, dass auch auf die Rückseite seines T-Shirts etwas gedruckt war: »Kill yourself.«
Wir durchquerten eine großzügige, ganz in Grau gehaltene Halle und betraten einen hell erleuchteten Wohnraum, der sich über mehrere Ebenen erstreckte. Draußen war es, obwohl erst kurz nach fünf, schon fast völlig dunkel. Der Ausblick auf das Lichtermeer der Heidelberger Weststadt und die Rheinebene war überwältigend. Am westlichen Horizont hing ein letzter blutroter Streifen Licht, der zusehends verblasste.
»Der alte Karenke war ein schwieriger Mensch«, waren die ersten Worte des Architekten, nachdem wir Platz genommen hatten. »Man kann es auch volkstümlicher ausdrücken: Er war ein arroganter Kotzbrocken. Dieses Haus ist jetzt zehn Jahre alt, und der Zoff hat schon während der Planungsphase begonnen. Es hat ihm nicht gepasst, dass er auf einmal Nachbarn haben sollte. Früher war das hier einmal ein Viertel, wo man große Grundstücke hatte und wenige Nachbarn. Das hat sich über die Jahre geändert, die Bebauung wurde verdichtet, so nah am Zentrum völlig normal, aber das hat ihm ganz und gar nicht gefallen. Vorher waren es zweihundert Meter gewesen bis zum nächsten Haus, jetzt auf einmal nur noch fünfzig, welch eine Zumutung! Erst hat er versucht, juristisch gegen uns vorzugehen, den Bebauungsplan angefochten, aber natürlich hat er keinen Erfolg gehabt. Während der Bau lief, ging es weiter, fast jeden Tag. Fünfmal war der Zoll hier und hat überprüft, ob wir nicht vielleicht doch einen Schwarzarbeiter beschäftigen. Ich weiß nicht, wie oft die Polizei kam, wenn sich unser sensibler Nachbar mal wieder wegen Ruhestörung beschwert hatte. Und einen Tag nachdem wir eingezogen waren, ging es dann richtig los. Die Kinder waren ihm zu laut. Sie haben im Garten gespielt, damals waren sie drei und fünf. Davor hatten wir in einer Etagenwohnung in Kirchheim draußen gewohnt, und die Kleinen hatten sich so auf den Garten gefreut. Und sie sind noch keine zehn Minuten draußen, da läutet das Telefon, und er fängt an, mich auf die übelste Weise zu beschimpfen.« Firlei rieb sich mit beiden Händen das nachlässig rasierte, weiche Gesicht. »Wir wollten es nicht gleich zum Äußersten kommen lassen und haben die Kinder hereingerufen. Später haben wir das Gespräch gesucht, meine Frau und ich sind sogar mit einem Blumenstrauß und einer Flasche Sekt rübergegangen, um uns vorzustellen und vielleicht doch noch eine Basis für ein friedliches Miteinander zu schaffen. Er hat uns nicht mal reingelassen, und noch am selben Tag ging es weiter. Im Haus war natürlich noch einiges zu tun, Vorhänge aufhängen, Bilder und so weiter, und da gab es manchmal eben ein Geräusch. Da halfen kein Reden und kein Sekt. Er wollte uns weghaben, Ende der Durchsage. Irgendwann wurde es uns schließlich zu bunt, und wir fingen an, uns zu wehren. Aber wenn Sie mich deshalb nun des Mordes verdächtigen, dann liegen Sie leider falsch. Obwohl ich gerne zugebe, dass ich mir hin und wieder einschlägige Gedanken gemacht habe. Und ich gestehe auch, dass es mir schwerfällt, so etwas wie Trauer zu empfinden. Der Einzige, der mir leidtut in diesem Zusammenhang, ist der Hund.«
»Haben Sie den Namen Bialas schon einmal gehört? Anita Bialas?«
Firlei sah mich nachdenklich an.
»Nein. Soweit ich mich erinnern kann, natürlich. Ich habe in meinem Beruf mit vielen Menschen zu tun, aber – warten Sie …«
Er stemmte sich hoch, verschwand für kurze Zeit und erschien wieder mit einem flachen, elektronischen Gerätchen in der Hand. Einige Sekunden tippte er mit einem Stift auf dem Bildschirm herum.
»Nein«, wiederholte er schließlich. »Hätte ich jemals mit dieser Frau zu tun gehabt, dann würde sie hier drinstehen. Ich habe schon vor Jahren alles, was ich an Namen und Adressen hatte, in dieses Ding hier eingetragen, weil mir meine Zettelwirtschaft über den Kopf wuchs. Seither herrscht Ordnung bei mir. Und wenn mir einer das Gerätchen klauen sollte, dann kann ich mich vermutlich am nächsten Baum aufhängen.«
»Hat Herr Karenke noch andere Feinde gehabt?«
Firlei lachte laut. »Fragen Sie mich lieber nach Leuten, mit denen er nicht verfeindet war.«
»Er hat wohl zurückgezogen gelebt.«
Firlei schaltete sein Gerät aus, legte es zögernd auf den Couchtisch.
»Früher hat er noch manchmal Besuch gehabt. Es waren immer dieselben zwei, drei Gesichter. Aber in letzter Zeit habe ich niemanden mehr drüben gesehen. Früher kam auch dreimal die Woche eine Frau, die ihm den Haushalt gemacht hat. Selbst die hat er vergrault. Wie Irina ja letztlich auch. Die habe ich auch seit Wochen nicht mehr gesehen.«
»Sie nennen sie beim Vornamen?«
»Sie war mehr als einmal hier, um Frieden zu stiften.«
»Mit Erfolg?«
»Selten ja, meistens nein.«
Ich schlug die Beine übereinander und legte die Arme auf die Rückenlehne der eleganten, cremeweißen Ledercouch, auf der ich saß. Es roch angenehm in diesem Haus, auch wenn ich nicht hätte sagen können, wonach. Nicht weit von der Sitzgruppe hatte der Architekt seinen Arbeitsplatz eingerichtet, einen riesigen Tisch, auch dieser weiß wie vieles hier. Darauf summte ein Apple-PC mit zwei überdimensionalen Monitoren. Am Boden lag ein wirres Durcheinander von Planzeichnungen verschiedener Größen, aufgeschlagenen Ordnern, Notizzetteln in allen denkbaren Farben. Soweit ich sehen konnte, arbeitete Firlei an einem Bungalow, der seinem eigenen Haus ähnlich war.
»Sie leben allein hier?«, fragte ich.
Firlei senkte den Blick. »Meine Frau hat mich verlassen, ja. Und die Kinder mitgenommen. Ich würde nur noch mit meiner Arbeit ins Bett gehen, meinte sie, und nicht mehr mit ihr.«
»Was haben Sie in der Nacht vom siebzehnten auf den achtzehnten Januar gemacht, Herr Firlei?«
»Das war die Nacht, in der er …?«
»Wir wissen es nicht, aber wir halten es für möglich.«
»Geschlafen habe ich vermutlich. Hier. Allein.« Seine Miene wurde ernst. »Sie verdächtigen mich doch nicht wirklich, meinen bekloppten Nachbarn erstochen zu haben?«
»Ich muss Sie das fragen, tut mir leid. Wie ist Ihr Verhältnis zu Karenkes Partnerin?«
»Irina? Wie schon gesagt, wir waren Nachbarn.« Er räusperte sich. Sah zur Decke, dann in mein Gesicht. »Ich habe sie gemocht. Und ich mag sie noch immer. Irina war nicht glücklich in ihrer Beziehung da drüben. Karenke war dreißig Jahre älter als sie. Herrschsüchtig bis zum Gehtnichtmehr, und nach den ersten verliebten Wochen hat er in Irina nur noch ein hübsches Accessoire gesehen und jemanden, den er herumscheuchen konnte.«
»Beruhte die Sympathie auf Gegenseitigkeit?«
Der Architekt lächelte kaum merklich. »Sehen Sie, Irina ist eine merkwürdige Frau. Stolz. Sehr stolz. Und sie hat wohl manches erlebt, was dazu führt, dass sie Menschen nicht so leicht an sich heranlässt.«
Ich ließ die merkwürdige Antwort auf sich beruhen und fragte nach den anderen Nachbarn, landete schließlich wieder bei Karenkes Streitsucht und Rechthaberei. Am Ende war ich so klug wie zu Beginn. Schließlich verabschiedete ich mich.
Inzwischen war es draußen Nacht geworden, und ein gemeiner Nieselregen hatte eingesetzt. Ich hatte etwas entfernt parken müssen, da kein anderer Platz frei gewesen war, und mein Schirm lag natürlich im Wagen. John Karenkes Haus ruhte als drohender dunkler Klotz mit schwarzen Fenstern am Hang über mir. Während ich zum Wagen ging, schien der Regen stärker zu werden, und meine Schritte beschleunigten sich. Als ich etwa fünfzig Meter gegangen war, hörte ich Firlei rufen. Er stand in der hell erleuchteten Tür seines Hauses und winkte. Seufzend machte ich kehrt.
»Sie finden es ja sowieso heraus«, sagte er, als wir uns wieder gegenüberstanden. »Deshalb sage ich es Ihnen lieber aus freien Stücken: Meine Frau hat mich nicht nur verlassen, weil ich angeblich mit meiner Arbeit ins Bett gehe. Das war nur die halbe Wahrheit.«
»Ich nehme an, die andere Hälfte heißt Irina?«
Überrascht sah er mich an.
Ich lächelte. »Es war nicht schwer zu erraten. Hat Karenke davon gewusst?«
»Elvi, meine Frau, hat uns mal zusammen erwischt«, sagte der Architekt mit plötzlich weicher Stimme. »Auf der Couch, auf der Sie eben saßen, am hellen Nachmittag. Nein. Karenke hat wohl nichts gewusst. Jedenfalls hat er Irina gegenüber nie entsprechende Bemerkungen gemacht. Andererseits – er war natürlich auch nicht dumm.«
»Seit wann lief das schon zwischen Ihnen?«
»Um ehrlich zu sein … ich habe mich fast in der ersten Sekunde in sie verliebt. Irina ist eine unglaublich bezaubernde Frau. Eine sehr weibliche Frau. Aber es hat ein ganzes Jahr gedauert, bis ich erfuhr, dass es ihr nicht anders ging. Davor haben wir uns manchmal gesehen und gesprochen, mehr nicht. Mal über den Zaun, mal auch hier im Haus, wenn es wieder was zu schlichten gab. Und dann, es war im Sommer vor drei Jahren, da ist es passiert. Meine Frau war mit den Kindern an der Ostsee. Sie stammt von da oben, und ihre Eltern haben ein Häuschen auf Usedom. Und eines Nachmittags, es war ein gewittriger Tag, unglaublich schwül, und es hatte eben zu schütten begonnen. Karenke hatte mir mal wieder die Ehre eines seiner unflätigen Anrufe zuteil werden lassen, weil mein Wagen angeblich die Einfahrt blockierte, und da steht Irina vor der Tür, pitschnass, lachend, mit offenem Haar. Man denkt ja immer, so was gibt’s nur im Kino.« Er hüstelte, lächelte, wurde wieder ernst. »Was soll ich sagen? Wir haben uns die Hand gegeben. Ich habe sie gefragt, ob sie was trinken will. Sie hat den Kopf mit den triefenden Haaren geschüttelt, und auf einmal ist die Zeit stehen geblieben. Ich konnte einfach ihre Hand nicht mehr loslassen.«
Firlei betrachtete seine breiten, blassen Hände, als würde noch ein wenig Erinnerung daran kleben.
»Es hat nur ein knappes Jahr gedauert, dann war es vorbei. Von einem Tag auf den anderen wollte sie nicht mehr. Hat ziemlich wehgetan. Elvi hatte mich schon verlassen, und ich saß ganz schön dumm da. Und dennoch habe ich Karenke nicht umgebracht. Weshalb sollte ich? Und was hätte ich davon?«
Die letzten Meter zu meinem Peugeot rannte ich, weil der Regen mit jeder Sekunde weiter zunahm. In der Eile bekam ich den Schlüssel nicht gleich ins Schloss. In der Nähe klappte eine Autotür, endlich passte der Schlüssel, das Schloss klickte, ein mächtiger Stoß traf mich im Rücken und warf mich gegen den Wagen. Im nächsten Moment hatte ich einen kräftigen Männerarm um den Hals und wurde vom Gewicht seines Besitzers gegen die Fahrertür gepresst.
»Was …«, presste ich heraus. »Was soll das?«
Ich erwartete, dass der Verrückte hinter mir mein Portemonnaie oder meine Brieftasche verlangen würde. Oder die Wagenschlüssel. Aber wer stiehlt schon ein sechzehn Jahre altes Auto, das nicht mal elektrische Fensterheber hat?
»Ich war’s nicht, hörst du?«, fauchte er mir stattdessen mit heißem Atem ins Ohr. »Ich bin’s nicht gewesen, du Arschloch!«
»Was sind Sie nicht gewesen?«, quetschte ich heraus.
Allmählich wurde mir die Luft knapp. Ich wand mich, versuchte, mich zu befreien, aber er war stärker als ich und eindeutig in der besseren Position.
»Das weißt du ganz genau, du Arschloch! Du hetzt mir die Bullen auf den Hals, weil du denkst, ich hätt die Anita umgebracht!«
Es war nicht mein Verstand, der schließlich reagierte. Es waren tausendfach trainierte Reflexe, die völlig automatisch abliefen. Ich trat ihm hart auf den Fuß, im nächsten Augenblick bekam ich wieder Luft, und eine Sekunde später lag Armin Kettenbach ächzend und zusammengekrümmt in einer Pfütze. Ich öffnete die Wagentür, innen ging Licht an, und nun konnte ich ihn endlich sehen. Mir zu Füßen wand sich ein etwas zu kurz und zu breit geratener Mann und hielt sich den Bauch. Er steckte in einem blassblauen Jeansanzug und trug unglaublich schmutzige Puma-Sportschuhe.
»Stehen Sie auf«, herrschte ich ihn an.
Er gehorchte, aber es war eine ziemliche Prozedur, bis er wieder auf seinen im Moment etwas wackligen Beinen stand. Immer noch stöhnend hielt er sich den Magen, wo ihn vor wenigen Sekunden mein Knie getroffen hatte. Ich war überrascht von meiner eigenen Reaktion. Mitleid verspürte ich nicht.
»Kommen Sie«, sagte ich, »steigen Sie ein. Nein, warten Sie …«
Ich wollte keinen vor Nässe triefenden und sich womöglich erbrechenden Kerl im Auto sitzen haben. »Gehen wir da rüber zur Bushaltestelle.«
Ich ging voran, Kettenbach folgte mir hinkend und jammernd. Sekunden später saßen wir in trübem Licht nebeneinander auf einer Holzbank unter einem Dach, auf das wütend der Regen prasselte.
»Sie sind doch dieser Gerlach?«, fragte Kettenbach kläglich. »Sie sind doch dieser Kriminaldings Gerlach?«
»Allerdings, ich bin der Kriminaldings. Und Sie haben sich gerade in eine ziemlich unangenehme Situation gebracht.«
»Es hat verdammt lang gebraucht, bis ich Sie gefunden hab!«
»Warum sind Sie nicht einfach in mein Büro gekommen? Wir hätten in Ruhe miteinander reden können und uns nicht im Regen prügeln müssen wie Halbstarke.«
»Ich …« Kettenbach verzog das Gesicht. Mein Tritt war wohl ziemlich hart gewesen. Hoffentlich hatte ich ihn nicht ernstlich verletzt. »… hab mich nicht getraut.«
»Aber mir an den Hals zu gehen, das haben Sie sich schon getraut.«
»Das war verrückt von mir. Entschuldigung.«
»Machen Sie keine Witze!«
»Ich hab so lang gewartet und gegrübelt und gewartet. Ich bin total ausgetickt, tut mir echt leid, Mann!«
»Was wollen Sie denn eigentlich von mir?«
»Ihnen sagen, dass ich die Anita nicht umgebracht hab. Das ist es doch, was Sie denken: dass ich sie umgebracht hab.«
»Sie hatten ein prima Motiv. Sie hatten die Gelegenheit. In der Tatnacht waren Sie nämlich nicht an Ihrem Arbeitsplatz, wie Sie mir erzählt haben. Sie haben Frau Bialas in den Wochen vor der Tat ungefähr tausendmal angerufen.«
»Ich bin’s aber nicht gewesen. Ich war in Genf, in der Nacht.«
Kettenbach roch nach einem teuren After-Shave, das nicht zu seinem billigen Jeansanzug passte. Eine Weile schwiegen wir.
»Ist schon ein Elend mit den Frauen«, murmelte er schließlich. »Man kann nicht mit ihnen leben, man kann nicht ohne sie leben.«
Ich nickte unwillkürlich.
»Sie kennen sich damit aus?«
Mein Nicken war ihm nicht entgangen.
»Welcher Mann tut das nicht?«, seufzte ich.
»Schwule«, erwiderte er ernsthaft.
»Die haben vermutlich ähnliche Probleme. Nun sagen Sie schon, wo waren Sie in der Nacht?«
»Im Bett«, seufzte er. »Bei einer Nutte. Bei einer kleinen, dreckigen Nutte bin ich gewesen und hab’s mir ordentlich besorgen lassen. Und wenn Sie es unbedingt wissen wollen: Das mach ich öfter, seit die Anita … nichts mehr von mir … wissen will.«
»Sie können Sie nicht vergessen?«
»Ich denk nichts anderes, von morgens bis abends, als Anita, Anita, Anita. Hab gedacht, wenn ich weit weg bin, dann wird’s besser. Wird’s aber nicht, es wird nicht besser. Und jetzt ist sie tot. Ich bin fast verrückt geworden die letzten Tage. Hab’s einfach nicht mehr ausgehalten in dem blöden Genf. Ich musst wenigstens noch mal das Haus sehen, wo sie gewohnt hat, irgendwas, verstehen Sie? Wo ich mit ihr zusammengewohnt hab, irgendwas musst ich noch mal sehen. Ich weiß, es ist bescheuert, aber ich konnt einfach nicht anders. Hab seit drei Tagen nicht mehr geschlafen. Seit ich weiß, dass sie tot ist, hab ich nicht mehr geschlafen.«
Ich schwieg. Was sollte ich sagen?
»Ich …« Kettenbachs Schmerzen schienen allmählich schwächer zu werden. Er richtete sich ein wenig auf, sah irgendwohin in den Regen. Sein Gesicht war seit Tagen nicht rasiert. Zwischen den Stoppeln entdeckte ich eine Menge ungesund wirkender Pickel. »Ich hab sie geliebt, verdammt«, murmelte er wie in Trance. »Wie ein Irrer hab ich sie geliebt. Sie ist die erste Frau in meinem Leben gewesen, vor der ich Respekt gehabt hab, verstehen Sie? Sonst immer bloß Nutten, abgefuckte Flittchen, die ein Dach überm Kopf gesucht haben oder einen, dem sie ein bisschen Geld klauen können. Und dann die Anita … wollen Sie hören, wie wir uns kennengelernt haben?«
»Hm.« Allmählich wurde mir kalt. Auch ich war fast bis auf die Haut durchnässt.
»Ich – lachen Sie nicht – ich hab sie angefahren. Auf dem Zebrastreifen. Ich hatt mich grad mal wieder über irgendwas aufgeregt, und dann passieren mir manchmal so Sachen.«
»Und da hat sie sich in Sie verliebt. Aus Dankbarkeit.«
»Machen Sie ruhig Witze. Sie hat am Knie geblutet, und ich hab sie ins Krankenhaus gefahren, zum Röntgen. Ist aber zum Glück nichts gewesen, nichts Ernstes. Dann hab ich sie heimgefahren, irgendwann haben wir aufgehört, uns anzugiften, und ich hab sie noch auf einen Versöhnungskaffee eingeladen und später auch noch zu einem Cognac, und irgendwie sind wir ins Reden gekommen. Wir waren beide solo, und irgendwie … wir haben uns ganz gut verstanden. Sie hat es eher auf die harte Tour gemocht, wenn Sie verstehen, was ich meine. Ich hab noch nie eine Frau erlebt, der es so megamäßig kommt. Aber den Nutten kommt es ja sowieso nie. Die tun immer nur so, damit man eine Freude hat.«
»Warum haben Sie sie nicht geheiratet?«
»Ich hätt schon wollen. Die Anita aber nicht. Nicht gleich. Hat wohl ihre Erfahrungen gehabt. Erst mal abwarten, erst mal noch gucken, hat sie gemeint. Immerhin sind wir dann zusammengezogen. Sie hat eine echt nette Wohnung gehabt. Vielleicht ist das der Fehler gewesen. Vielleicht, wenn wir getrennt geblieben wären, dann wären wir jetzt vielleicht noch zusammen.« Kettenbach lachte gequält über sein ungewolltes Wortspiel. »Wenn Sie mal vierzig sind, hat man seine Gewohnheiten. Man verändert sich nicht mehr so leicht. Anita wollt abends weg, was erleben, und ich war nie da, wegen meiner Arbeit. Die ganze Zeit hab ich mir ausgemalt, wie sie es mit anderen Männern treibt. Mir war sonnenklar, dass ich spinne, aber ich hab einfach nichts dagegen machen können. Dauernd hab ich sie auf dem Handy angerufen und wollt wissen, wo sie ist, was sie grad so macht. Das hat sie natürlich genervt, ich versteh’s ja. Und dann hat sie das Handy einfach ausgelassen an den Abenden, wenn sie unterwegs war. Und dann haben wir gestritten. Sie war ja weiß Gott nicht aufs Maul gefallen, die Anita.« Unendlich müde senkte er den Blick. »Den Rest können Sie sich denken.«
»Drum bin ich dann wieder zu den Nutten, verstehen Sie? Danach ist für ein paar Stunden keine Anita mehr in meinem Kopf gewesen. Danach ist für ein paar Stunden Ruhe gewesen.«
Für eine Weile war es still. Der Regen schien schwächer zu werden.
»Wo ist es passiert?«, fragte Kettenbach leise.
»Sie hatte eine kleine Wohnung in einem Hochhaus in Heddesheim. Das ist nicht weit von hier.«
Überrascht sah er mich an. »Und was hat sie da gewollt?«
»Sie hat sich anscheinend vor jemandem versteckt.«
»Vor wem?«
»Das wüsste ich auch gerne, das können Sie mir glauben.«
»Hat sie Männer gehabt?«
»Nein«, log ich. »Mir ist nichts Derartiges bekannt. In den letzten zweiundsiebzig Stunden vor ihrem Tod hatte sie nachweislich keinen Geschlechtsverkehr.« Das, immerhin, war die Wahrheit.
Kettenbach schien dem Klang meiner Stimme noch ein wenig nachzulauschen.
»Wissen Sie«, sagte er dann, »früher hab ich das ganze Zeug mit Liebe und so für Blödsinn gehalten. Eine Erfindung von Weibern, die zu viel Filme gucken. Erst seit ich Anita kenne … gekannt hab, weiß ich, wieso es so viele Songs zu dem Thema gibt und Gedichte und Bücher und alles. Das Komische ist, man denkt immer, es ist der Sex. Aber es ist was ganz anderes. Der Sex ist nur so eine Art Zeichen. Ein Zeichen dafür, dass das andere stimmt, hat die Anita gemeint. Verstehen Sie, was ich meine?«
»Ja«, sagte ich und musste mich räuspern. »Ich verstehe Sie sehr gut.«
»Wissen Sie, was Anita mal zu mir gesagt hat? Wenn man gut zusammen fickt, so, dass nichts mehr zwischen einen passt, nicht mal ein Gedanke, und dabei die ganze Welt vergisst, den ganzen Scheiß da draußen, dann muss man sich um den Rest keinen Kopf machen. Dann liebt man sich.«
Mir wurde mit jeder Minute kälter. Auch Kettenbach schien endlich zu merken, dass er am ganzen Körper zitterte.
»Wie haben Sie mich eigentlich erkannt?«, fragte ich.
»Im Internet sind Fotos von Ihnen. Aus Zeitungen. Und da hab ich einfach vor Ihrem Polizeihaus gewartet, bis Sie rausgekommen sind.«
»Und sind mir bis hierher gefolgt.«
Er nickte schuldbewusst.
»Und mir ist nichts aufgefallen.«
Ich erhob mich. Ich hatte keine Lust, mir heute Abend die Erkältung einzufangen, von der ich bisher verschont geblieben war. Auch Kettenbach mühte sich auf die Beine.
»Ich hab’s kaputt gemacht, verstehen Sie?«, murmelte er, als er mir die zitternde Hand reichte. »Die Anita ist das Tollste gewesen, was mir im Leben passiert ist. Und ich dumme Sau hab’s verbockt, können Sie sich das vorstellen?«
Was sollte ich darauf antworten?
Plötzlich zuckte Blaulicht, ein Motor heulte, mit quietschenden Reifen bremste ein Streifenwagen neben uns. Zwei Uniformierte sprangen heraus, griffen nach den Waffen, erkannten mich.
»Sie, Herr Kriminaloberrat?« Es waren der Picklige und der Dicke, die vor knapp zwei Wochen als Erste am Tatort in Heddesheim gewesen waren. »Es hat wer angerufen wegen einer Schlägerei.«
»Der Mann ist festgenommen.« Ich deutete auf Kettenbach, der mit hängenden Armen und gesenktem Blick neben mir stand. »Die Formalitäten erledigen wir morgen früh.«