Die Zwillinge waren restlos aus dem Häuschen. Ihr Geld hatten sie bis auf einige Cent ausgegeben, erzählten sie mir schon am Handy. Unzählige wundervolle Dinge hatten sie gekauft, Tops, Segeltuchschuhe, die, wie ich später feststellte, verblüffende Ähnlichkeit mit Turnschuhen aus der Jugendzeit ihrer Großeltern hatten, derzeit jedoch megamäßig angesagt waren, bunte Armbänder, glitzernde Ohrringe, geringelte Söckchen und, und, und …
Wir verabredeten, uns an der Hauptwache zu treffen und irgendwo essen zu gehen. Inzwischen war zwei Uhr vorbei, mein Magen knurrte.
Das Aufladen meiner Töchter und ihrer Beute war nicht weiter schwierig, das Finden eines Parkplatzes hingegen sehr. Ich kurvte eine Weile durch die verstopfte Frankfurter Innenstadt, immer durfte man genau in die Richtung nicht abbiegen, in die ich wollte, und am Ende landeten wir in Sachsenhausen auf der anderen Mainseite. Wir entdeckten eine nette kleine Pizzeria in einem Fachwerkhaus, vor der gerade ein Parkplatz frei wurde. Soweit ich sehen konnte, schien er sogar legal zu sein.
Die Zwillinge redeten unaufhörlich, immer noch im Shoppingdelirium und völlig ausgehungert. Beim Essen erzählten sie mit leuchtenden Augen von tausend Dingen, die ich sofort wieder vergaß, und endlich waren wir wieder einmal das, was wir in letzter Zeit so selten gewesen waren: eine richtige kleine Familie. Ohne Mutter zwar, aber immerhin. Es tat gut, die beiden so ausgelassen zu sehen.
Später machten wir – ohne dass ich Widerspruch gehört hätte – einen Spaziergang am Main entlang. Zu dritt bestaunten wir die Frankfurter Skyline im Abendlicht. Uns zu Ehren ließ sich sogar die Sonne kurz blicken. Der Main führte Hochwasser, eine schmutzige, braune Brühe wälzte sich dem Rhein entgegen.
»Was ist es denn für eine Überraschung?«, wollte Louise wissen, als wir zum Auto zurückgingen.
»Wird nicht verraten. Sonst ist es keine mehr.«
»Finde ich nicht.«
»Und wann geht es los?«
»Um acht.«
»Ist es was mit Musik?«
»Ja.«
Die beiden wechselten große Blicke. »Ich hab Plakate von Sarah Connor gesehen.«
»Nein.«
»Tokio Hotel ist auch auf Tournee, glaub ich. Ist es Tokio Hotel?«
»Auch nicht.«
»Natasha Bedingfield?«
»Ihr werdet es nicht erraten.«
»Was ist es dann, sag endlich!«
»Eine Überraschung.«
Wir erreichten den Parkplatz. Nichts klemmte hinter dem Scheibenwischer. Inzwischen war es halb sieben, die Sonne längst untergegangen. Ich fuhr zurück in Richtung Innenstadt und steuerte die Tiefgarage der Städtischen Bühnen an. Dieses Mal fand ich die richtigen Straßen und Abzweigungen ganz von selbst.
»Was ist das?«, fragte Louise, als sie das hell erleuchtete, moderne Gebäude in der Nähe des nördlichen Mainufers erblickte. »Was ist da drin?«
»Demnächst wir drei.«
»Sag schon, was das ist?«
»Ein Theater.«
»Paps, bitte! Sag endlich, was machen wir?«
»Wir gehen in die Oper.«
»Das ist nicht witzig!« Louise klang inzwischen verzweifelt.
»Was sollen wir denn in einer Oper?«, sekundierte Sarah entsetzt. »Von wem ist die überhaupt? Wahrscheinlich von Mozart oder so.«
»Puccini«, erwiderte ich. »Sie heißt Turandot.«
Eine Viertelstunde vor Beginn drängelten wir uns zu unseren Plätzen in der achten Reihe durch. Zuvor hatten wir im Foyer Sekt getrunken und Häppchen gegessen, wie es sich gehörte. Die Zwillinge waren stocksauer und sprachen nicht mehr mit mir, seit wir den Wagen verlassen hatten. Das Haus war ausverkauft, und die drei Karten hatte ich nur mit viel Glück ergattert, da sie am Freitag zurückgegeben worden waren.
Die Zwillinge witzelten über die unzähligen grau- und weißhaarigen Menschen um uns herum, die mit wichtigen Mienen ihre Programmhefte studierten. Sie versuchten auszurechnen, wie viele Millionen Lebensjahre hier versammelt waren. Anschließend empörten sie sich eine Weile über die Preise, die sie auf den Eintrittskarten entdeckt hatten, und überlegten, was man sich Tolles für das Geld hätte kaufen können. Als das Orchester zu stimmen begann, wollten sie wissen, ob es schon angefangen hatte.
Das Licht erlosch, der schwere Samtvorhang hob sich und gab den Blick frei auf Turandots schwarzes Schloss in der Verbotenen Stadt Pekings, von dessen Zinnen die abgehackten Köpfe ihrer unglücklichen Freier herabstarrten. Turandot, die eiskalte Prinzessin, die die Liebe nicht kannte und sich die Männer mit allen Tricks und Grausamkeiten vom schönen Leib hielt.
Die Zwillinge verdrehten die Augen.
Auftritt des Prinzen Kalaf mit seinem blinden Vater und der treuen Sklavin Liu, die den jungen Prinzen heimlich liebt. Meine Töchter simulierten eine Simultanohnmacht. Natürlich verguckt sich auch Kalaf in die schöne Turandot und will wider jede Vernunft um sie werben. Die Zwillinge schnarchten leise. Liu versucht, Kalaf mit allen Mitteln zurückzuhalten, da sie nicht ohne Grund um sein Leben fürchtet. Als ich während Lius erster Arie zu meinen Töchtern hinübersah, hatten sie die Augen offen und grinsten nicht mehr.
Ende des ersten Akts, Applaus. Sogar die Zwillinge klatschten ein bisschen.
Während der Pause nach dem zweiten Akt, ich spendierte eine zweite Runde Sekt, waren meine Töchter ungewöhnlich wortkarg.
Dritter Akt. Kalaf hat seine drei Rätsel mit Glück gelöst, aber Turandot will ihn dennoch nicht zum Mann. Sie ist wütend, weil ihr Panzer durchbrochen wurde. Turandot lässt Liu gefangen nehmen und verhören, um Kalafs Namen zu erfahren. Sollte die grausame Prinzessin seinen Namen wissen, ehe die Sonne aufgeht, dann will Kalaf nicht auf der Einlösung ihres Eheversprechens bestehen. Liu weigert sich, den Namen ihres Liebsten zu verraten, singt eine Arie, die zum Bewegendsten gehört, was die Menschheit bisher an Musik hervorgebracht hat, entreißt am Ende einem ihrer Peiniger den Dolch und ersticht sich.
Meine Töchter lauschten mit offenen Mündern.
Auch Turandot ist fassungslos darüber, was die Liebe vermag, und schweigt für sehr lange Zeit. Und natürlich kriegen sich Kalaf und Turandot am Ende, und vielleicht werden die beiden glücklich.
Die Zwillinge mussten hin und wieder blinzeln.
»Das war echt mördergeil, Paps«, gestand Sarah während der nächtlichen Rückfahrt in Richtung Süden. »Gehen wir da wieder mal hin?«
»Ich fände es schön, wenn du ›mördergeil‹ aus deinem Wortschatz streichen könntest.«
Louise hatte wieder einmal die iPod-Stöpsel in den Ohren und hörte nichts. Mit für mich immer wieder verblüffender Daumenfertigkeit tippte sie eine SMS in ihr Handy.
Der erste Mensch, den ich am Montagmorgen in der Polizeidirektion traf, war meine Erste Kriminalhauptkommissarin Klara Vangelis.
»Habe ich in Ihrem Urlaubsantrag nicht etwas von vier Wochen gelesen?«, fragte ich, als wir uns die Hand reichten. Heute trug sie einen aparten, auf Taille geschnittenen aschgrauen Hosenanzug. Irgendwann in den ersten Wochen meiner Tätigkeit in Heidelberg hatte sie mir gestanden, sie besuche hin und wieder teure Boutiquen und suche etwas aus, was ihr gefalle und gut stehe. Dann präge sie sich den Schnitt ein, gehe nach Hause und schneidere es nach. An ihrer Hand funkelte der neue, goldene Ehering.
Sie zog eine säuerliche Grimasse. »Ich habe gehört, Sie hatten Stress in den letzten beiden Wochen?«
»Sind Sie deshalb zurückgekommen?«
Ihre Miene wurde noch saurer.
Klara Vangelis war schlank, eher klein, dunkelhaarig und – obwohl in Dossenheim zur Welt gekommen – griechischer Abstammung. Auf den ersten Augenschein wirkte sie oft ein wenig grämlich und schwach. Dennoch war sie ein gefährlicher Gegner, was ich von eigener Anschauung wusste. Ich war froh, sie wieder an Bord zu haben, denn sie war zweifellos die Beste unter meinen Leuten.
Schon eine halbe Stunde später trafen wir erneut zusammen. Vangelis erschien in Begleitung von Sven Balke und Evalina Krauss zur ersten Lagesprechung der Woche.
»Die dritte DNA, die die Spusi am Tatort gefunden hat, ist beim BKA«, berichtete Balke keuchend. »Ich rechne noch heute mit Ergebnissen.«
Seine Augen glänzten ungesund, sein Atem ging rasselnd.
»Vielleicht haben wir ja Glück, und er ist irgendwo jämmerlich verblutet«, meinte Evalina Krauss mit traurigem Lächeln.
Über das Wochenende waren alle Krankenhäuser und Arztpraxen in der Umgebung kontaktiert worden auf der Suche nach einem Mann mit Bisswunden, die von einem großen Hund stammen konnten. Ein Klempnermeister hatte im fraglichen Zeitraum tatsächlich blutend die Notaufnahme des Bensheimer Heilig-Geist-Hospitals aufgesucht. Aber seine Bisswunde am Unterarm stammte nachweislich vom Rottweiler seiner Frau.
Mehr Neues gab es nicht, und so beendete ich die Sitzung schon nach wenigen Minuten, und meine Leute hängten sich wieder einmal an die Telefone.
Nur Vangelis blieb zurück, um mit mir zu besprechen, welche Aufgaben sie übernehmen sollte. Wieder verlor sie kein Wort über ihre Hochzeitsreise. Da ich Balke nicht ohne Not seinen ersten eigenen Fall abnehmen mochte, bat ich sie, sich zunächst ein wenig im Hintergrund zu halten. Meinen Vorschlag, sie solle wieder nach Hause fahren und sich noch ein wenig erholen, quittierte sie mit energischem Kopfschütteln. Es war unverkennbar: sie brannte darauf, wieder arbeiten zu dürfen.
Etwas war plötzlich anders. Es lag etwas in der Luft, jeder spürte es, und alle waren nervös an diesem Tag. Balke informierte mich hin und wieder telefonisch über den Stand der Ermittlungen.
Sogar Sönnchen war merkwürdig aufgedreht an diesem Montag. Wir waren auf der Zielgeraden. Endlich hatten wir Spuren, die diese Bezeichnung verdienten. Längst wussten wir auch, was wir bisher nur vermutet hatten: Der Täter war ein Mann. Seine Blutgruppe war A negativ, und sein genetischer Fingerabdruck wurde derzeit mit den Datenbanken des Bundeskriminalamts abgeglichen. Sollte der Täter jemals zuvor einer schweren Straftat überführt worden sein, dann war es nur noch eine Frage von Stunden, bis wir seinen Namen kannten. Jeder wartete darauf, dass das Telefon klingelte und die Nummer des BKA auf dem Display erschien.
Am späten Nachmittag summte mein Telefon zum hundertsten Mal. Es war jedoch wieder nicht das BKA am anderen Ende, sondern Thomas Petzold aus Karlsruhe.
Vor einer halben Stunde war die dritte Leiche gefunden worden.
Wieder eine Frau, diesmal.
Der Name der Toten war Dr. Yvonne Böttcher-Larue. Sie war siebenundfünfzig Jahre alt, verheiratet und von Beruf Rechtsanwältin. Gegen fünfzehn Uhr dreißig hatte sie laut Aussagen ihres Gatten ihr Haus in Leopoldshafen verlassen, um – wie fast jeden Tag um diese Zeit – als Vorbereitung der kommenden Marathonsaison eine Runde durch die Rheinauen zu laufen. Leopoldshafen war ein Ort im Speckgürtel von Karlsruhe, etwa zehn Kilometer nördlich vom Zentrum. Normalerweise lief das Ehepaar zu zweit, der Mann hatte sich jedoch eine schwere Erkältung eingefangen, und nur deshalb war seine Frau allein losgezogen. Als sie zwei Stunden später nicht zurück und per Handy nicht zu erreichen war, hatte der besorgte Mann sich warm angezogen und war ihr trotz Fieber und Schnupfen entgegengelaufen.
Um siebzehn Uhr zweiundvierzig hatten die Karlsruher Kollegen vom Tod der Rechtsanwältin erfahren.
Die Leiche lag nur einen halben Kilometer von ihrem Zuhause entfernt an einem Zaun neben der üblichen Laufstrecke des Paars, erfuhr ich von Petzold am Telefon. Noch war natürlich nichts sicher, aber nach dem ersten Augenschein war auch sie erstochen worden. Balke organisierte einen Wagen, und wir machten uns wieder einmal auf den Weg in Richtung Süden.
Von Westen her ging ein unruhiger Wind mit scharfen Böen. Es roch nach Moder und Regen. Die Kollegen hatten erst vor wenigen Minuten die mit einem grün-weißen Jogginganzug bekleidete Tote auf den Rücken gedreht. Drei Lichtmasten beleuchteten die Szene. Hinter einem hohen Zaun klapperten Takelagen von Segelbooten im Wind. Nördlich von uns lag ein großer Baggersee, und jenseits des Zauns befand sich ein kleiner Yachthafen. Etwas entfernt brummte ein Stromgenerator, und manchmal wehte der Gestank von Dieselabgasen zu uns herüber. Ein Arzt war eben dabei, die Leiche einer ersten Untersuchung zu unterziehen.
»Erstochen«, bestätigte er schließlich, was alle längst wussten, und richtete sich mühsam auf.
Die Tote war schlank, fast mager. Das kalkweiße Gesicht wirkte selbst jetzt, im Tod, noch energisch. Aus dem Mundwinkel sickerte immer noch Blut. Ich schlang die Arme um meinen Oberkörper und trat von einem Fuß auf den anderen. Dabei war ich erst vor wenigen Minuten aus dem warmen Wagen gestiegen. Petzold hatte uns inzwischen entdeckt und kam auf uns zu.
»Schon irgendwas Konkretes?«, fragte ich.
»Der Mann da drüben«, er deutete auf einen ebenfalls frierenden Rentner, »wohnt gleich am Ortseingang. Und er will einen Wagen gesehen haben, der ungefähr um zehn nach halb fünf vom Rhein her in den Ort reingefahren ist. Ein kleiner Opel, meint er, oder ein Ford. Das Kennzeichen hat er natürlich nicht gesehen, und das Auto ist ihm überhaupt nur aufgefallen, weil es ohne Licht unterwegs war. Erst hundert Meter weiter habe der Fahrer dann das Licht eingeschaltet.«
»Besser als nichts«, sagte ich und berichtete ihm von den DNA-Spuren in Karenkes Haus.
Petzold nickte ernst, den Blick die ganze Zeit auf die Tote gerichtet, und mir war nicht klar, ob er den Sinn meiner Worte verstanden hatte.
»Wir lassen zurzeit die Anwohner der Straße abklingeln«, sagte er. »Möglich, dass das Auto auch noch anderen Leuten aufgefallen ist. Obwohl, wer guckt schon aus dem Fenster bei diesem Mistwetter …« Er schenkte den tief hängenden Wolken einen grimmigen Blick. »Hoffentlich fängt’s nicht auch noch an zu regnen.«
Eine dunkelhaarige Frau mittleren Alters sprach einige Meter entfernt leise mit einem älteren, hoch gewachsenen Herrn in warmem Jogginganzug, der als zusätzlichen Schutz gegen die Kälte eine Wolldecke über die Schulter gelegt hatte. Hin und wieder machte die Kollegin sich Notizen. Ich trat näher und hörte zu. Wie ich vermutet hatte, handelte es sich bei dem Mann um den Ehegatten der Toten. Sein Gesicht war grau wie alter Schnee.
»Sie ist heute das erste Mal wieder los«, hörte ich ihn mit bebender Stimme sagen. »Wenn sie doch nur auf mich gehört hätte! Aber nein …«
»Das heißt, die letzten Tage ist sie nicht gelaufen?«
»Sie durfte nicht. Sie hat seit Ewigkeiten schon Probleme mit dem rechten Knie. Der Arzt hatte ihr striktes Laufverbot erteilt, für mindestens ein Vierteljahr. Aber meine Yvonne – nein, sechs Wochen, und sie ist nicht mehr zu halten. Da konnte man reden und reden …« Er schlug die Hände vors Gesicht. »Sie konnte so schrecklich dickköpfig sein«, schluchzte er. »Sie wollte einfach nicht hören. Nicht auf ihren Orthopäden und nicht auf mich.«
Die Kollegin beendete das Gespräch und übergab den Mann in die Obhut eines Notarztes, der schon eine Weile ungeduldig neben ihr gestanden hatte. Sie klappte ihr Notizbuch zu und wandte sich um.
»Sie hat noch gelebt, als er sie gefunden hat«, sagte sie. »Und sie hat noch was gesagt.«
»Was?«, fragten Petzold und ich gleichzeitig.
»Ein Wort. Sie hat’s dreimal wiederholt, aber er hat’s trotzdem nicht verstanden. ›Duchon‹ oder ›Turchon‹ oder so.«
Wir wechselten ratlose Blicke.
»Die Lebensgefährtin des zweiten Opfers heißt mit Nachnamen Durian«, fiel mir ein. »Aber ich kann mir eigentlich nicht vorstellen, dass sie mit einem Messer in der Hand herumläuft und wahllos Menschen ersticht.«
Im Lauf der folgenden Stunde wurden meine Füße zu Eisklumpen, und es meldeten sich drei weitere Personen, die zur fraglichen Zeit einen Wagen gesehen haben wollten. Wir hatten die Wahl zwischen einem tannengrünen Opel Corsa, einem dunkelblauen Ford Fiesta mit klapperndem Auspuff und einem eisengrauen Citroën C4. Ein junger, offenbar geistig verwirrter Mann beharrte darauf, einen Lieferwagen gesehen zu haben. Auf die Frage nach der Farbe antwortete er abwechselnd ›dunkelblau‹, ›schwarz‹ oder ›weiß‹. Es war zum Schreien.
Immerhin gelang es den Karlsruher Kollegen, in der Nähe des Fundorts eine Reifenspur zu sichern, die uns möglicherweise weiteren Aufschluss über den Wagen liefern würde. Nach der Breite des Reifens zu schließen, passte sie jedoch in keinem Fall zu einem Kleinwagen.
Wieder zog sich die Schlinge ein Stückchen weiter zu.
Erst als wir wieder in unseren Wagen stiegen, fiel mir auf, dass Balke die ganze Zeit kaum etwas gesagt hatte.
»Eines ist klar«, meinte er, als er den Motor startete, »den Hundebiss hat er überlebt. Und das Messer hat er auch wieder mitgenommen. Ich fürchte, wir sind noch nicht am Ende.«
»Eine arbeitlose Bankangestellte, ein zänkischer Juwelier im Ruhestand, eine Marathon laufende Rechtsanwältin«, zählte ich ratlos auf. »Ich finde einfach kein System darin.«
»Anscheinend konzentriert sich die Sache mehr und mehr auf den Raum Karlsruhe.« Balke bog auf die B36 ein, wo immer noch dichter Berufsverkehr herrschte, und nieste. »Was halten Sie davon, wenn wir den Fall abgeben?«
»So kurz vor der Aufklärung? Wir wären ja verrückt!«
Bald waren wir auf der Autobahn. Nach wenigen Kilometern steuerte Balke überraschend einen Parkplatz an.
»Was ist?«, fragte ich. »Weshalb halten Sie?«
Der Wagen kam schlingernd zum Stehen. Balke sank über das Lenkrad und legte den Kopf zwischen die Hände.
»Mir ist so übel«, hörte ich ihn mit dumpfer Stimme sagen. »Könnten Sie bitte weiterfahren?«
Zu Hause angekommen, fand ich den dritten Brief. Nun war klar, dass der Täter sich einen perversen Spaß daraus machte, mir zu jedem seiner Morde eine Karte mit einem Bibelzitat zu schreiben. Er musste das Ding bereits am Samstag abgeschickt haben, damit es heute pünktlich im Briefkasten lag.
Ich hoffte auf Gutes, doch Böses kam, las ich. Ich harrte auf Licht, doch Finsternis kam.
Diesmal hatte er sogar die Quelle daruntergeschrieben: Hiob 30,26.
Was wollte er mit seinen frommen Sprüchen bezwecken? Mir fiel nur eine Erklärung ein: sich wichtig machen. Er wollte zeigen, dass er die Sache in der Hand hatte, dass er nach Belieben mit mir spielen konnte. Außerdem war er eitel, wünschte Aufmerksamkeit. Vielleicht wäre es eine gute Strategie, ihm die Möglichkeit eines Gedankenaustauschs anzubieten? Ihn auf diese Weise aus der Reserve zu locken? Ich fischte die beiden ersten Briefe aus dem Papierkorb, den ich zum Glück seit Wochen nicht geleert hatte, und beschloss, alle drei morgen ins Labor zu bringen. Außerdem würde ich sie in der Presseerklärung zum dritten Mord erwähnen. Er sollte wissen, dass ich verstanden hatte und auf sein nächstes Zeichen wartete.