19

Am Dienstagmorgen, sechzehn Tage nach dem ersten Mord, empfing mich Sönnchen mit strahlender Miene. Aus Wiesbaden war vor wenigen Minuten ein Fax gekommen, das sie mir überreichte wie ein Geschenk. Was es auch war, wie ich rasch feststellte.

Die DNA des Täters befand sich tatsächlich in den Datenbanken des BKA.

Der Name des dreifachen Mörders lautete Michael Durian.

Durian hatte vor neun Jahren in Karlsruhe-Knielingen eine Bank überfallen, war verhaftet und zu zwölf Jahren verurteilt worden. Zwei Drittel der Zeit hatte er in der JVA Bruchsal verbüßt, und erst kürzlich war er wegen guter Führung und vorzüglicher Prognose vorzeitig entlassen worden. Seither wohnte er wieder in Karlsruhe unter Aufsicht eines Bewährungshelfers. Der hatte ihn allerdings seit etwa drei Wochen nicht mehr gesehen und auch bereits vorschriftsmäßig Meldung gemacht, dass sein Schützling verschollen war.

»Michael auf freiem Fuß?«, fragte Irina Durian zutiefst erschrocken, als sie mir eine Stunde später gegenübersaß. Dieses Mal hatte ich sie zu mir in die Direktion gebeten. Sie war sofort bereit gewesen zu kommen.

»Das wussten Sie nicht?«

Neben mir saß Klara Vangelis. Heute wirkte sie schon ein wenig frischer als am ersten Tag nach ihrem Urlaub. Da sie den Fall noch nicht in allen Einzelheiten kannte, schwieg sie und hörte zu. Balke hatte ich gestern Abend Hausverbot erteilt, bis er wieder gesund war.

»Ich dachte, er hat zwölf Jahre …« Die sichtlich aufgewühlte Frau, die offiziell immer noch mit dem Mörder verheiratet war, schlug die dunklen Augen nieder. »Wenn ich … Verstehen Sie, wir hatten seit Jahren keinen Kontakt mehr. Ich habe kaum noch an Michael gedacht. Ich habe dieses Kapitel meines Lebens verdrängt. Nein, gestrichen. Hätte ich geahnt, dass es von Bedeutung ist, dann hätte ich Ihnen natürlich von ihm erzählt. Wie sollte ich ahnen, dass er Amok läuft? Dass er etwas mit Johns Tod zu tun hat?«

»Wir wissen es selbst erst seit heute.«

»Das … Es ist sonst überhaupt nicht seine Art. Früher hat Michael jede Form von Gewalt verabscheut. Er … Ich … Nein, ich verstehe es nicht. Ich verstehe es einfach nicht. Können Sie mir das erklären?«

»Dass er Gewalt ganz und gar ablehnt, stimmt nicht. Immerhin hat er eine Bank überfallen. Er war bewaffnet. Er hat Geiseln genommen.«

»Mit erbärmlichem Erfolg, ja. Damals war er völlig verzweifelt. Jetzt handelt er überlegt, geplant. Das ist doch etwas völlig anderes. Michael muss sich in den Jahren im Gefängnis sehr verändert haben.«

Sie wischte sich die Augen mit dem Rücken der rechten Hand. Schüttelte immer wieder ungläubig den Kopf.

»Wie ist es eigentlich damals zu dem Bankraub gekommen? In seiner Akte habe ich gelesen, dass er Unternehmer war. Dass er einen Verlag hatte.«

»O ja, und was für einen!« Sie lachte hilflos. »Dieser Verlag war eine einzige Pleite. Seine finanziellen Probleme sind ihm schließlich über den Kopf gewachsen. Michael hat Literaturwissenschaft studiert und sein Leben lang unglaublich viel gelesen. Als wir uns kennenlernten, da hatte er gerade seinen Verlag gegründet. Er hatte eine Tante beerbt und dachte, nun wird er den Markt mit seinen großartigen Büchern überrennen.«

»Und Betriebswirtschaft war vermutlich nicht sein Lieblingsfach.«

»Sie sagen es«, seufzte Irina Durian. »Praktische Dinge waren nicht seine Welt. Bis zum Ende hat er ohne meine Hilfe keine ordentliche Gewinn-Verlustrechnung hinbekommen. Wobei es ohnehin meist nur Letzteres war, eine Verlustrechnung. Ein Verleger sollte eben nicht nur ein Büchernarr sein, sondern auch ein guter Geschäftsmann. Dabei hat er anfangs durchaus Erfolg gehabt. Im zweiten Jahr hat er tatsächlich mit einem kleinen Gewinn abgeschlossen. Er hat sich zunächst auf regionale Sachen konzentriert. Bildbände, zu denen er die meisten Texte selbst beigesteuert hat, Biografien berühmter Menschen aus der Region. Aber das reichte ihm nicht, und so fing er mit der hohen Literatur an. Er hatte sich in einen Lyriker verguckt, angeblich den Rilke des einundzwanzigsten Jahrhunderts. Drei Bände hat Michael verlegt, drei Flops. Außerdem hat er ein Haus gebaut. Damals haben wir sogar an Kinder gedacht. Aber dann kam der Verlag ins Trudeln. Michael hat einen Verlustbringer nach dem anderen herausgegeben, wurde immer dickköpfiger und unzugänglicher. Er konnte einfach nicht zugeben, dass auch er hin und wieder unrecht hatte. Michael hatte immer recht. Das war … ist vielleicht sein größter Fehler: dass er keine Fehler zugeben kann. Anfangs ist mir das nicht aufgefallen. Wie es so ist, wenn man verliebt ist. Aber als dann auch noch der Ärger mit dem Haus losging …«

Sie brach ab und schloss die Augen.

»Welcher Ärger?«, fragte ich leise.

Es dauerte einige Sekunden, bis sie weitersprach. »Wie es so geht … Das Haus wurde teurer als geplant, der Verlag hat weniger eingebracht als kalkuliert. Und obwohl ich damals Vollzeit gearbeitet habe, ich bin Innenarchitektin und hatte eine gute Stellung … Es hat hinten und vorne nicht gereicht. Die Bank hat die Tilgung ausgesetzt, dann ging es noch einmal für ein paar Monate.«

Zugleich verzweifelt und vorwurfsvoll sah sie mir ins Gesicht.

»Sie können sich nicht vorstellen, wie das ist, wenn nach und nach alles kaputtgeht. Wenn es nur noch eine Richtung gibt: abwärts. Unsere Schulden wurden immer mehr statt weniger. Wir wagten kaum noch, die Briefe zu öffnen, die uns ins Haus trudelten. Inzwischen hatten wir auch fast ständig Streit. Und von Kindern war längst keine Rede mehr.«

Klara Vangelis machte sich mit ihrer winzigen Handschrift Notizen.

»Die Bank hatte Michael die Idee mit dem Haus förmlich eingeredet. Vorher sind diese Leute ja immer nett und hilfsbereit, alles kein Problem, alles ist machbar. Aber wenn es dann hart auf hart kommt, dann steht man plötzlich allein im Regen.«

Mir kam ein Verdacht. »Welche Bank war das?«

Hilflos hob sie die Schultern. »Um diese Dinge hat Michael sich gekümmert, tut mir leid. Vielleicht aus Sorge, ich könnte merken, dass er nichts versteht von Geldsachen.«

»War es eine deutsche Bank?«

»Nein, es war … nichts Normales. Michael hatte es bei den üblichen Banken versucht. Aber denen war die Sache zu heikel. Er hatte sich aber förmlich in die Idee verrannt, dass ein erfolgreicher Verleger auch ein Haus haben müsse. In unserer Ehe hat es damals schon ein wenig gekriselt, und vielleicht dachte er, wenn wir ein hübsches Heim haben und nicht mehr in dieser engen Zweizimmerwohnung aufeinandersitzen …«

Sie hob die Hände, seufzte, schüttelte wieder den Kopf.

»Könnte es die IFS gewesen sein?«

»IFS? Doch, das kommt mir bekannt vor.«

»War Ihr Mann später wütend auf die Bank? Hat er Drohungen ausgestoßen?«

»Nicht direkt gegen die Bank, nein. Gegen eine Frau, die ihm die Hypothek aufgeschwatzt und alles schöngerechnet hatte. Auf die war er sogar sehr wütend. Da Michael immer recht hatte, konnte natürlich nur jemand anders schuld sein an dem Desaster. Sie habe ihm das Geld geradezu aufgenötigt, hieß es plötzlich. Sie hätte ihn warnen müssen. Aber jetzt sagen Sie mir bitte endlich, was bedeutet das alles?«

»Ich nehme an, das Haus wurde zwangsversteigert?«

Wieder zögerte sie einige Sekunden mit der Antwort.

»Es war so schrecklich«, flüsterte sie dann. »Das Haus war weg, der Verlag, wir hatten immer noch jede Menge Schulden. Wir haben wieder zur Miete gewohnt, in einem noch winzigeren Loch in der Südstadt als zuvor. Jetzt, im Nachhinein, denke ich, Michael ist daran zerbrochen. Irgendwo tief innen muss er sich schrecklich geschämt haben. Nach außen hin war er nur empört. Nach außen hin hat er den Betrogenen gegeben, das Opfer, dem alle Welt übel mitgespielt hat. Damals wurde mir klar, dass er im Grunde immer schon so gewesen war. Und am Ende hatten wir nur noch Streit, Streit, Streit.«

»Haben Sie damals Herrn Karenke kennengelernt?«

Wieder schwieg Irina Durian für eine Weile. Das machte sie mir sympathisch: sie überlegte, bevor sie sprach. Und wenn sie sprach, dann schwatzte sie nicht herum.

»Nein«, erwiderte sie schließlich. »Das war später. Als ich John traf, saß Michael längst im Gefängnis, und ich hatte den Kontakt zu ihm abgebrochen.«

Sie nestelte ein Taschentuch aus dem Ärmel ihrer farbenfrohen, seidig schimmernden Bluse, wischte sich über die Stirn, schnäuzte sich symbolisch. Das Taschentuch behielt sie in der Hand.

»Die ganze Zeit über, all die Jahre, habe ich überlegt, was ich damals falsch gemacht habe. Wann ich hätte einschreiten sollen, stopp rufen.«

»Sie trifft sicherlich keine Schuld.«

Wie leicht sich das sagte.

»Aber natürlich!«, fuhr sie mich mit flammendem Blick an. »Natürlich bin ich schuld! Wir waren schließlich verheiratet. Wir hatten uns versprochen zusammenzustehen. Und dann … Mein Gott, ich habe ihn allein gelassen im tiefsten Elend. Auf der anderen Seite … Es konnte so nicht mehr weitergehen. Es wäre ihm doch nicht geholfen gewesen, wenn ich auch noch zugrunde gegangen wäre.«

»Wie ging es denn weiter?«, fragte Vangelis. Es waren die ersten Worte, die ich im Lauf des bedrückenden Gesprächs von ihr hörte.

»Abwärts«, schluchzte unsere Gesprächspartnerin, die von einer Sekunde auf die andere die Fassung verloren hatte. »Nur noch abwärts. Michael hat immer neue hirnlose Pläne geschmiedet, wie er wieder zu Geld kommt. Er wollte mich zurückgewinnen, mit allen Mitteln. Er hat gebettelt, mir die Sterne am Himmel versprochen, gedroht, am Ende. Und irgendwann hat er dann diesen Unsinn mit dem Banküberfall gemacht.«

»Ich erinnere mich an den Fall«, fiel mir plötzlich ein. »Ich war damals selbst am Tatort und habe mit ihm verhandelt, per Telefon. Er hat fast zweihunderttausend Euro erbeutet, drei oder vier Geiseln genommen und so gut wie alles falsch gemacht, was ein Bankräuber falsch machen kann.«

»Er hat einfach keinen Sinn fürs Praktische.« Irina Durian sah mich an, aber sie sah mich nicht. »Am nächsten Tag saß er im Gefängnis, und das war dann das Ende.«

»Leider nicht ganz, wie wir jetzt sehen.«

»Wer ist sein drittes Opfer? Sie sprachen am Telefon von drei Morden.«

»Eine Anwältin. Dr. Böttcher-Larue. Sagt Ihnen der Name etwas?«

Erschöpft schüttelte sie den Kopf mit den dunklen Locken, wischte sich wieder die Augen. »Es ist alles so lange her. Vielleicht hat sie ihn im Prozess vertreten?«

»Wir brauchen Fotos von ihm. Die, die wir haben, taugen nichts.«

»Ich kann Ihnen leider keine geben. Ich habe alles verbrannt, was mit Michael zu tun hatte. In den ersten Wochen mit John habe ich alles im Kamin verbrannt, was mich an ihn hätte erinnern können.«

»Aber Sie haben sich nie von ihm scheiden lassen.«

»Ich hätte es nicht ertragen«, erwiderte sie mit gesenktem Blick. »Ich … Es hätte alles wieder aufgewühlt. Und vielleicht … Ja, vielleicht hatte ich auch ein zu schlechtes Gewissen Michael gegenüber.«

»Wo könnte er sich versteckt halten? Gibt es Verwandte, zu denen er Vertrauen hat? Freunde?«

»Freunde? Michael?« Ihr Lachen klang hilflos und traurig. »Doch, es gibt einen: Sebastian. Den Nachnamen weiß ich nicht mehr. Sie haben zusammen studiert und wollten den Verlag anfangs gemeinsam gründen. Aber Sebastian war nicht so ein Träumer wie Michael. Später ist er Journalist geworden, habe ich einmal gehört. Bei einer Mannheimer Zeitung.«

Vangelis machte sich eine weitere Notiz.

»Hat Ihr Mann Lieblingsorte? Würde er sich eher im Wald verstecken oder in der Stadt? Würde er die Einsamkeit suchen oder die Nähe von Menschen?«

»Im Wald hat Michael sich immer gefürchtet.«

Michael Durians früherer Freund war rasch gefunden. Er hatte seit Ewigkeiten nichts mehr von ihm gehört und wusste nicht einmal, dass sein ehemaliger Kommilitone im Gefängnis gesessen hatte.

Um Durians Bewährungshelfer zu treffen, fuhr ich wieder einmal nach Karlsruhe. Vangelis begleitete mich. Unser Gesprächspartner war ein streng riechender Hüne vom Typ Streetworker-Kumpel.

»Der Michael ist irgendwie ein total undurchsichtiger Typ«, begann er, nachdem er sich mit der Vorsicht der stark Übergewichtigen gesetzt hatte. Wir befanden uns in seinem winzigen Büro in der Karlsruher Ritterstraße, das bis unter die Decke mit Akten und Andenken und Vergessenem vollgestopft war. »Solang er im Knast war, ist der so was von angepasst gewesen, das war schon gar nicht mehr normal. Ich hab ja gleich meine Zweifel gehabt, ob seine Prognose wirklich so toll war, wie die Herren Psychologen geschrieben haben. Aber ich bin ja bloß der Bewährungshelfer, nicht wahr. Ich darf dann bloß die Suppe auslöffeln, die die Herren eingebrockt haben. Und jetzt, was ist jetzt? Jetzt haben wir den Salat.«

»Sie sind also nicht so richtig an ihn herangekommen.«

»Überhaupt nicht bin ich an den Michael rangekommen. Der Michael hat zu allem immer nur Ja und Amen gesagt. ›Mach ich, Bernd, kein Problem.‹ Und wenn ich ihn eine Woche später gefragt habe, wie weit er denn nun ist mit seiner Bewerbung, dann hat er immer eine tolle Ausrede gewusst. Was hab ich dem Typ Vorstellungsgespräche organisiert! Er ist ja nicht dumm, er hat studiert, da hätte sich doch was finden lassen. Aber nein, irgendwie …«

Hilflos seufzend hob er die mächtigen Schultern.

»Wissen Sie, was ich glaub?«, fuhr er nach Sekunden fort. »Ich glaub, der Michael hat von Anfang an nur seinen Rachefeldzug im Kopf gehabt. Der Rest hat den überhaupt nicht interessiert. Der Michael, der hat irgendwie … ja, was hat der? Abgeschlossen hat der mit seinem Leben.«

»Wo hat er in den letzten Wochen gewohnt?«

Der Bewährungshelfer nahm einen verstaubten gläsernen Briefbeschwerer von seinem überladenen Schreibtisch und begann, ihn abzuwischen.

»Ich hab ihm für den Anfang ein Zimmer in ’nem Wohnheim von der Evangelischen Stadtmission organisiert. Nichts Tolles, aber fürs Erste okay. Der Plan war, dass er sich was Besseres sucht, sobald er einen Job hat. ›Klar, Bernd‹, hat er gesagt, ›mach ich, Bernd‹.«

»Dieses Zimmer würde ich mir gern ansehen.«

»Null Problemo. Sind Sie mit dem Auto da?«

»Außerdem brauche ich dringend aktuelle Fotos von Ihrem Schützling.«

»Also, ich hab keine. Ich könnt aber mal in der JVA nachfragen.«

»Das haben wir schon getan. Die haben nur die üblichen Bilder, die bei der Aufnahme gemacht werden. Die sind neun Jahre alt.«

»Stimmt, in dem Punkt ist der Michael komisch gewesen«, sagte der Bewährungshelfer plötzlich konzentriert und legte den jetzt wieder glänzenden Briefbeschwerer an seinen Platz zurück. »Jetzt, wo Sie’s sagen: Der wollt sich nicht gern fotografieren lassen.« Er wies auf einen Uralt-Laptop, der auf der letzten freien Ecke seines Schreibtischs vor sich hin brummte. »Ich hab da ein kleines Fotoalbum von meinen Klienten. Kommt ’ne ganze Menge zusammen über die Jahre, und die Rückfallquote ist bei meinen Jungs nur halb so hoch wie der Durchschnitt. Aber der Michael … der wollt sich echt nicht fotografieren lassen. Hab mir nichts dabei gedacht. Jeder hat ja seine Macken. Die meisten Knackis fassen erst mal nicht so leicht Vertrauen.«

»Hatte er vielleicht einen Zellengenossen, der uns etwas über ihn erzählen könnte?«

»Den gibt’s. Mit dem Ruppke hat er zusammen gesessen.«

»Mit dem Ruppke?« Vangelis sah alarmiert von ihrem Notizbüchlein auf.

»Ja, genau der.«

Vermutlich jeder Polizist in Baden-Württemberg kannte den Namen des Mannes, der eines sonnigen Nachmittags aus heiterem Himmel seine komplette Familie abgeschlachtet hatte.

»Und die beiden sind miteinander klargekommen?«, fragte ich ungläubig. »Wenn ich mich richtig erinnere, dann hat Ruppke nicht einmal Hauptschulabschluss. Durian ist ein Intellektueller.«

»Komischerweise doch, ja. Die zwei sind irgendwie sogar so was wie Freunde geworden. In gewissem Sinn haben sie sich gut ergänzt. Der Michael war der Intelligente, der Ruppke war mehr fürs Physische zuständig. Der hat dafür gesorgt, dass der Michael in Ruhe gelassen wurde. Als Intellektueller hat man’s nicht gerade leicht im Knast, nicht wahr. Und der Michael hat ihm im Gegenzug seine Eingaben und Briefe geschrieben.«

Ich wechselte mit Vangelis einen langen Blick, der Bewährungshelfer stemmte sich ächzend aus seinem knarrenden und quietschenden Bürostuhl.

»Okay«, sagte ich. »Erst das Zimmer, dann Ruppke.«

Den Besuch in dem Wohnheim in der Stephanienstraße hätten wir uns sparen können. Das Zimmer war bis auf einige mehr oder weniger sperrmüllreife Möbel leer. Wir fanden nichts, was an den ehemaligen Bewohner erinnert hätte. Das Bett war abgezogen, die Bezüge sorgfältig gefaltet und auf Decke und Kissen deponiert. Am Boden lag nichts außer ein wenig Staub. Der Schrank mit zwei knarrenden Türen war so leer wie die Schublade des Tischs unter dem Fenster, durch das man auf kahle Bäume blickte.

Der Bewährungshelfer war in der Tür stehen geblieben und beobachtete schnaufend, wie wir uns ratlos in dem vielleicht fünfzehn Quadratmeter großen, lange nicht gelüfteten Raum umsahen.

Vangelis trat zu einer Pressspankommode neben dem Bett und zog nacheinander alle Schubladen auf.

»Nichts«, sagte sie, rückte die Kommode von der Wand und schob sie wieder zurück. Sie hob die Matratze an, um darunterzusehen.

»Nichts.«

»Das ist eine Nachricht an uns«, sagte ich langsam. »Er braucht keine Wohnung mehr, will er uns sagen. Er lebt nur noch für seine Rache.«

»Hoffentlich ist seine Liste nicht mehr allzu lang.« Der Bewährungshelfer lachte verlegen.