20

Die beiden mürrischen Beamten an der Pforte der Bruchsaler Justizvollzugsanstalt erwarteten uns bereits. Sönnchen hatte uns telefonisch angemeldet und sich um die Besuchserlaubnis gekümmert. In Bruchsal saßen die schweren Jungs: Mörder, Vergewaltiger, Totschläger, Bankräuber.

»Na denn, viel Spaß«, meinte der Beamte, der unsere Ausweise einscannte, mit teigigem Grinsen. »Ist schon ein Seelchen, der Ruppke.«

Sein Kollege brach in Gelächter aus.

Horst Ruppke war ein mittelgroßer, stämmiger Mann mit rundem Kindergesicht, den man auf der Straße für alles Mögliche gehalten hätte, nur nicht für einen mehrfachen Mörder. Als er in den kargen Raum geführt wurde, in dem das Gespräch stattfinden sollte, hielt er den Blick gesenkt. Er folgte jeder Anweisung seines unfreundlichen Bewachers ohne Widerspruch, setzte sich artig an den Tisch, legte die sauberen, kräftigen Hände auf die Knie und starrte auf die Tischkante.

»Wir sind hier, um mit Ihnen über Ihren ehemaligen Zellengenossen zu reden«, begann ich freundlich.

Ruppke schien meine Worte nicht verstanden zu haben. Sein Blick blieb leer, die Miene ausdruckslos. Der Mund stand einen winzigen Spalt offen, als bekäme er schlecht Luft durch die Nase. Der Justizwachtmeister, der sich schräg hinter ihm aufgebaut hatte, begann zu grinsen. Es roch nach Ölfarbe.

»Herr Ruppke, bitte!«

Keine Reaktion.

»Durian läuft Amok, wissen Sie das?«

Nichts.

»Hat er mit Ihnen über seine Pläne geredet?«

Der Beamte sah gelangweilt auf seine klobige Taucherarmbanduhr und zog lautstark die Nase hoch. Seine Miene sagte: Hätte ich Ihnen gleich sagen können, aber mich fragt ja keiner.

Vangelis saß schweigend neben mir und betrachtete den vierfachen Mörder mit undurchdringlicher Miene. Horst Ruppke befand sich bereits seit vierzehn Jahren im Gefängnis und würde es lebend wohl nicht mehr verlassen. Bevor er damals innerhalb von nur zwei Stunden vier Menschen abschlachtete, war er im Lager in einer Viernheimer Baustoffhandlung beschäftigt gewesen. Er galt als nicht sonderlich intelligent, aber fleißig und fast schon übertrieben zuverlässig. Bis zu dem Tag, am dem er seine Familie tötete, hatte er sich nichts zuschulden kommen lassen, außer hie und da eine kleine Geschwindigkeitsübertretung und einmal einen minderschweren Fall von Fahrerflucht. Selten hatte Ruppke Alkohol angerührt, er hatte weder geraucht noch über seine Verhältnisse gelebt.

Dann kam der Tag, an dem er sich beim Mittagessen in der Kantine den Magen verdarb. Man hatte ihn geradezu nötigen müssen, sich nach Hause fahren zu lassen. Dort hatte er seine Frau, mit der er seit sechs Jahren verheiratet war und zwei Kinder hatte, im Bett mit einem anderen angetroffen. Was anschließend geschah, konnte niemand sagen außer ihm selbst, und er verweigerte bis heute die Aussage zu allen Fragen, die mit seiner Tat zu tun hatten.

Nach den Spuren zu schließen, hatte es einen Streit gegeben, der in ein Handgemenge mündete. Sein Nebenbuhler, den Ruppke an diesem Tag zum ersten Mal sah, muss im Zuge der Rauferei gestürzt sein. Er war der Erste, der starb. Ruppke hatte dem am Boden Liegenden einen langen Schraubenzieher ins Herz gerammt, der zufällig in einer Tasche seines Blaumanns steckte.

Keiner der Nachbarn wollte etwas gehört haben. Auch nicht von der Frau, die mit Sicherheit schrie. Notdürftig mit einem Laken bedeckt, musste sie mit ansehen, wie ihr Ehemann ihren Liebhaber ermordete. Sie selbst wurde nicht erstochen, sondern erwürgt, wobei sie ihrem Mann heftig blutende und gewiss schmerzhafte Verletzungen an den Armen und im Gesicht zufügte. Die Minuten, die es dauert, bis sein Opfer die Besinnung verliert, sind für den Täter unvorstellbar lang. Eine Ewigkeit, in der er tausendmal loslassen kann, abbrechen, zu sich kommen, aufgeben. Die Wenigsten halten das bis zum Ende durch. Gäbe es keine Waffen auf dieser Welt, es gäbe tausendmal weniger Morde.

Horst Ruppke ließ nicht los.

Dann folgte das, was – neben seiner hartnäckigen Weigerung, auch nur ein einziges Wort über seine Taten zu verlieren – zum ungewöhnlich harten Urteil führte: Ruppke wusch sich sorgfältig und zog sich um. Er versorgte notdürftig seine Wunden und machte sich auf den Weg zu seinen Eltern, um die Kinder zu holen. Die Tochter war damals vier Jahre alt, der Sohn zweieinhalb. Den Eltern, die nur zwei Straßen entfernt wohnten, fiel nichts an ihm auf, außer, dass er ein wenig blass war an dem Tag. Ohne erkennbare Aufregung erzählte er ihnen, er habe etwas Schlechtes gegessen, was die Wahrheit war, und dann ging er mit seinen beiden Kindern an der Hand nach Hause. Ruhig und ernst und langsam, weil der Kleine noch nicht gut zu Fuß war.

Dort angekommen, legte er die Kinder in ihre Betten, was zu verwundertem Protest geführt haben dürfte, da immer noch erst früher Nachmittag war. Die Kleider der Kinder fand man später säuberlich gefaltet über Stuhllehnen gelegt. Beide hatten ihre Pyjamas anziehen müssen. Dann war Ruppke in die Küche gegangen und mit einem Messer in der Hand zurückgekehrt.

Erst am übernächsten Tag fiel Nachbarn auf, dass man von der netten Familie Ruppke niemanden mehr zu Gesicht bekam. Den toten Nebenbuhler hatte niemand vermisst, da er allein lebte.

Man fand Horst Ruppke in seinem Wohnzimmer, bei heruntergelassenen Rollläden vor dem Fernseher sitzend. Er ließ sich widerstandslos festnehmen und sprach monatelang kein Wort.

»Es ist sehr wichtig für uns, dass Sie mit uns reden.« Meine Freundlichkeit klang schon nicht mehr ganz echt. »Und wir haben leider wenig Zeit.«

Ruppke saß da, als wäre er taub und blind. Die Hände lagen entspannt auf den Knien. Der Mund mit den schmalen, farblosen Lippen schien jetzt ein wenig weiter offen zu stehen als zuvor. Seit Atem ging ruhig und gleichmäßig.

Ich legte die Unterarme auf den Tisch und beugte mich vor. »Ihr Freund hat drei Menschen ermordet.«

Keine Regung, nichts.

»Erstochen.«

Das Grinsen des Bewachers wurde immer breiter.

»Würden Sie uns bitte allein lassen?«, sagte ich zu ihm.

Achselzuckend trollte er sich und zog zum Abschied noch einmal deftig die Nase hoch.

»Wissen Sie, ob er noch mehr Menschen auf seiner Liste hat?«

Nichts.

»Er hat doch bestimmt mit Ihnen über seinen Rachefeldzug gesprochen?«

Endlich eine Reaktion: Ruppke machte mit dem Mundwinkel ein schmatzendes Geräusch. Er verfügte zwar über einen kräftigen Körper, wirkte jedoch weder aggressiv noch trainiert. Ich fragte mich, womit er sich in der JVA den Respekt verschafft hatte, den er offenbar genoss. Eines wusste ich: In den Gefängnissen standen die mehrfachen Mörder oben im Ranking. Am unteren Ende bewegten sich die Kinderschänder und -mörder.

Ruppkes Augen waren in einer Weise hellblau, dass einem bei ihrem Anblick kalt werden konnte.

Ich beugte mich noch weiter über den Tisch. »Heißt das Ja oder Nein?«

»Gar nix heißt das.«

Immerhin, er konnte offenbar hören und sprechen.

»Sie sollen sich gut verstanden haben«, sagte ich und ging wieder auf Abstand. »Und jetzt macht er genau das, was Sie damals mit Ihrer Frau gemacht haben. Und mit Ihren Kindern.«

Täuschte ich mich, oder war er ein wenig zusammengezuckt bei meinem letzten Wort?

»Wie ist das eigentlich, wenn man seine eigenen Kinder abschlachtet?«, fragte Vangelis mit Eiseskälte in der Stimme. Auch sie hatte sofort gespürt, wo Ruppke zu packen war. »Macht das Spaß? Hat dich das aufgegeilt?«

Er wurde blass. Seine Miene war plötzlich starr, seine Gletscheraugen weit. Ich machte mich auf einen körperlichen Angriff gefasst. Aber Horst Ruppke schwieg und bewegte sich um keinen Millimeter.

Vangelis sah ihm ungerührt ins Gesicht. Aber auch sie war jetzt wachsam und sprungbereit.

»Das muss doch komisch sein, bei Kindern«, fuhr sie nachdenklich fort. »Erwachsene, die kann man hassen. Die kann man bestrafen, wenn sie etwas Böses gemacht haben. Aber Kinder? Wofür hast du die denn bestraft?«

Ruppke war unter jedem ihrer Sätze zusammengezuckt. Jeder Muskel seines Körpers schien jetzt angespannt zu sein. Sein Gesicht war weiß wie Gips, auf der Stirn standen Schweißperlen. Seine Unterlippe zitterte.

»Hat dir das denn gar nicht wehgetan, die Kinder abzustechen?«, stieß Vangelis gnadenlos nach. »Ich kann mir einfach nicht vorstellen, wie man das aushält, als Vater. Du hast sie doch bestimmt auf dem Arm gehabt, als sie klein waren. Du musst sie doch mal gemocht haben, oder nicht? Ein kleines bisschen wenigstens?«

Das Zittern von Ruppkes Unterlippe wurde stärker.

Auch ich konnte die Situation fast nicht mehr ertragen. Aber ich verstand, welche Strategie Vangelis verfolgte.

»Hören Sie zu, Herr Ruppke«, sagte ich, und es gelang mir, meine Stimme ruhig und mitfühlend klingen zu lassen. »Sie können vielleicht helfen, weitere Morde zu verhindern. Ist das denn nichts für Sie? Finden Sie es wirklich okay, wenn unschuldige Menschen getötet werden? Finden Sie das nicht ungerecht?«

Unendlich langsam, Muskel für Muskel entspannte er sich. Dann murmelte er etwas, was ich nicht verstand.

»Wie bitte?«

»Sind nicht unschuldig«, meinte ich beim zweiten Anlauf zu verstehen.

Irgendwo auf den endlosen Fluren der JVA schrillte eine Telefonklingel. Dann war es wieder still. Ruppke starrte auf seine Hände, die er jetzt auf dem Tisch wie zum Gebet gefaltet hatte, und seine Haut war so blass, und sein Atem ging so flach, dass man hätte denken können, er sei tot.

Ich verspürte plötzlich eine unbändige Lust, ihn zu erwürgen, damit er es auch wirklich war.

»Sie glauben nicht an Gerechtigkeit«, sagte ich.

Horst Ruppke schwieg immer noch. Aber etwas in seiner Miene hatte sich verändert.

»Doch«, sagte er schließlich mit der Stimme eines Menschen, der das Sprechen nicht gewohnt ist. »Gott der Herr ist gerecht.«

Wieder war es eine Weile still. Ich hörte Klara Vangelis neben mir atmen.

»Menschen sind Schweine«, fügte Ruppke hinzu.

»Und deine Kinder?«, fuhr Vangelis ihn an. »Waren das auch Schweine? Hast du die deshalb abgestochen, deine Kinder, weil sie Schweine waren?«

Ich sah sie kalt an. »Lassen Sie mich bitte mit Herrn Ruppke allein.«

Ihr Blick blieb ausdruckslos, als sie sich erhob, ihre Handtasche über die Schulter schwang und zur Tür ging. Die öffnete sich, bevor sie angeklopft hatte.

Nun war ich mit dem vierfachen Mörder allein. Ich hoffte, ihm gewachsen zu sein, falls er die Nerven verlor. Ich wusste, dass vor der Tür Menschen standen, die mir im Krisenfall zu Hilfe kommen würden.

Ich gönnte Ruppke eine Minute Ruhe.

»Sie hat leider schon ein bisschen recht«, sagte ich dann leise. »Das mit Ihrer Frau und dem Typen, der Ihnen Hörner aufgesetzt hat, das kann ich ja irgendwo verstehen. Aber die Kinder … Musste das denn wirklich sein?«

Horst Ruppke zog es wieder vor zu schweigen. In mir kochte langsam, ganz langsam wieder eine ungeheure Wut hoch. Schließlich packte ich ihn am Kinn, um ihn zu zwingen, mir ins Gesicht zu sehen. Aber sein Gletscherblick wich mir hartnäckig aus.

»Beschützen!«, nuschelte er mit schmerzverzerrtem Gesicht. Ich ließ ihn los. »Ich musst sie doch beschützen!«

Unendlich müde starrte er auf seine immer noch gefalteten Hände.

»Ich hab sie erlöst. Ich hab sie gerettet. Die wären doch genau so geworden wie ihre Mutter. Das durft ich doch nicht zulassen! Das durft ich doch nicht.«

»Haben Sie mit Durian oft über diese Dinge gesprochen?«

Das kurze Flackern in seinem Blick entging mir nicht.

»Sie haben also.«

»Geht keinen was an, was der Michi und ich geredet haben.«

»Was wissen Sie über seine Pläne?«

Ich lag jetzt weit zurückgelehnt und demonstrativ entspannt in meinem Holzstuhl. Zog einen Stift aus der Innentasche meines Jacketts und begann, damit herumzuspielen. Er stammte aus einem Hotel in Malaga, wo ich vor vielen Jahren mit Vera zusammen Urlaub gemacht hatte. Damals waren unsere Töchter zwei oder drei Jahre alt gewesen.

Draußen auf dem Flur begann wieder die Telefonklingel zu randalieren. Ruppkes Atem war in den letzten Minuten heftiger geworden. Offenbar kämpfte er einen inneren Kampf mit sich.

»Was hat Durian eigentlich die ganze Zeit gemacht?«, fragte ich, ohne von meinem Spielzeug aufzublicken. »Wie hat er sich so die Zeit vertrieben?«

»Gelesen. Die ganze Bibliothek. Rauf und runter.«

»Was denn zum Beispiel?«

»Alles Mögliche. Die Bibel.«

»Ist er religiös?«

»Ja klar!« Ruppke nickte mit plötzlichem Eifer. »Ich ja auch. Wir glauben nämlich doch an die Gerechtigkeit, wissen Sie? Gott der Herr ist nämlich gerecht. Nur die Menschen, die sind es nicht. Die Menschen sind böse. Von Natur aus. Die meisten, jedenfalls.«

»Dann handelt er sozusagen im Auftrag Gottes?«

Es gelang mir, ernst und ruhig zu bleiben. Alles andere hätte an diesem Punkt vermutlich zu einer Katastrophe oder zumindest zum abrupten Ende des Gesprächs geführt. Vangelis’ Taktik war aufgegangen: sie war nun der Feind für Ruppke, und dadurch war ich nach seiner Logik zum Verbündeten geworden, einem Freund. Und ein richtiger Freund lacht nicht, auch wenn man mal etwas Verrücktes sagt.

»Beten Sie oft?«, fragte ich ganz nebenbei.

»Jeden Tag«, erwiderte er eifrig. »Morgens, mittags und abends. Gott hat mir schon lang verziehen. Gott ist nicht nur gerecht, er ist auch gnädig. Die Menschen, die sind mir egal. Beten Sie auch?«

Ich seufzte. »Leider viel zu selten.« Das war immerhin nicht ganz gelogen.

»Sollten Sie aber«, meinte er besorgt. »Ohne Gott geht die Welt an den Teufel. Und sie ist schon ganz schön weit gekommen auf dem Weg. Es gibt nur noch wenig Gute. Man erkennt sie nicht immer gleich, aber es gibt sie. Noch.«

»Denkt Durian ähnlich wie Sie?«

»Der Michi, der ist ein Kluger. Der hat studiert. Früher hat er sogar Bücher gemacht. Er hat mir viel beigebracht, was ich nicht gewusst hab. Oft haben wir zusammen in der Bibel gelesen, und er hat mir Sachen erklärt, die ich nicht verstanden hab.«

»War das alles, was er gemacht hat? Gelesen und mit Ihnen geredet?«

Ruppkes Miene bekam etwas Verstocktes. Für Bruchteile einer Sekunde nur, aber es war mir nicht entgangen, obwohl ich es jetzt vermied, ihm ins Gesicht zu sehen. Ich steckte den Stift ein, beugte mich vor, fasste ihn jedoch nicht wieder an. Sofort sah er wieder auf den Tisch.

»Wissen Sie, ob noch mehr Menschen auf seiner Todesliste stehen?«, fragte ich sehr leise. »Gott sagt nämlich auch: Du sollst nicht töten. Die Rache ist allein Sache des Herrn, hat er die Stelle nicht mit Ihnen gelesen?«

Ruppke schien plötzlich kleiner zu werden. Ein paar Sätze noch, dann hatte ich ihn so weit. Hier war etwas zu holen. Ich war auf der richtigen Fährte.

»Wie viele stehen noch auf seiner Liste?«, bohrte ich nach, mein Gesicht nur noch eine Armlänge von seinem entfernt. Er roch nach billiger Seife und irgendwelcher Chemie, vielleicht einem Desinfektionsmittel. »Kennen Sie Namen?«

Ruppke kaute wie besessen auf seiner Unterlippe, starrte mit weiten, eisblauen Augen auf seine kräftigen Mörderhände. Ich erhob mich und trat ans Fenster. Wandte ihm bewusst den Rücken zu. Sollte er aufspringen, würde ich es hören und mich rechtzeitig wehren können. Zwischen massiven Stahlstäben hindurch blickte ich hinaus auf einen asphaltierten, regennassen Hof, in dem es nichts Grünes gab, kein Leben und keine Hoffnung.

Ruppke räusperte sich. Ich wandte mich um, lehnte mich gegen den leise summenden Heizkörper. Nach Sekunden wurde mir im Rücken zu warm, und ich ging zu meinem Stuhl zurück. Durch die schwere Tür hörte ich entfernte Männerschritte. Irgendwo, sehr weit entfernt, bellte ein großer Hund. Ruppke starrte immer noch auf seine Hände. Als irgendwo im Haus eine Tür ins Schloss fiel, zuckte er heftig zusammen. Manchmal schluckte er. Hin und wieder schüttelte er fast unmerklich den Kopf.

Die Tür öffnete sich, Vangelis streckte den Kopf herein und sah mich fragend an. Ich gab ihr ein Zeichen, die Tür schloss sich wieder.

Dann war es wieder still.

Ruppke schwieg immer noch.

»Haben Sie ihm eigentlich erzählt, was Sie getan haben?«, fragte ich, um das Schweigen zu brechen.

»Hm.« Sein Nicken hatte etwas Demütiges.

»Und was hat er dazu gesagt?«

»Der Michi, der hat mich verstanden, wissen Sie? Ich hab ihm alles ganz genau erklärt. Dass meine Frau eine Sau gewesen ist, dass aus meinen Kindern nichts Rechtes hat werden können, wenn ihre Mutter doch eine Nutte ist. Ein Kind, das getauft ist und in Unschuld stirbt, das kommt in den Himmel. Ich musst sie retten, es ging nicht anders. Ich hab das machen müssen, verstehen Sie?«

Er schien mein Nicken wahrzunehmen, ohne mich anzusehen.

»Ich … ich hab mir auch nicht mehr zu helfen gewusst. Auf einmal ist alles kaputt gewesen. Alles. Was soll denn aus Kindern werden, wenn sie von einer Nutte abstammen? Sagen Sie mir: Was? Und wie hätt ich sie großziehen sollen, ohne Mutter?«

Ich antwortete nicht. Ruppke erwartete keine Antwort von mir, er fragte sich selbst. Vielleicht tat er in diesen Minuten etwas, was er seit seiner Tat vor vierzehn Jahren nicht zugelassen hatte: er erinnerte sich. Vielleicht fragte er sich heute zum ersten, vielleicht auch zum hunderttausendsten Mal, ob richtig war, was er damals getan hatte.

»Wer ist der Nächste auf Durians Liste?«, fragte ich stattdessen leise.

»Ist keine Liste.«

Ich erstarrte. Das war die völlig falsche Antwort gewesen. Die richtige hätte zum Beispiel gelautet: »Es gibt keine Liste.« Es kostete mich große Mühe, meine plötzliche Erregung zu verbergen, aber es gelang mir.

»Was ist es dann?«, fragte ich ruhig, nachdem ich einige Sekunden hatte verstreichen lassen.

Vor den Fenstern strömte der Regen. Irgendwo dort draußen plätscherte ein regelrechter Bach aus einer verstopften Regenrinne in den Hof.

Mir kam ein völlig verrückter Gedanke. Ich sprang auf, ging zur Tür. Wieder öffnete sie sich, bevor ich geklopft hatte.

»Zellendurchsuchung«, sagte ich. »Sofort. Gefahr im Verzug.«

Hinter meinem Rücken heulte Horst Ruppke auf wie ein tödlich getroffenes kleines Tier.