Zwanzig Minuten später standen wir vor dem mächtigen Tor der Vollzugsanstalt im kalten Nieselregen. Unter den Arm geklemmt trug ich einen braunen Umschlag, der – wie Ruppke am Ende schließlich gebeichtet hatte – etwa einhundert beidseitig handbeschriebene Blätter enthielt. Durians Vermächtnis. Er hatte während seines Gefängnisaufenthalts ein Buch geschrieben. Ein Buch all der Kränkungen, die man ihm vermeintlich oder tatsächlich zugefügt hatte. Eine fast zweihundert Seiten lange Begründung für seine Taten. Bei seiner Entlassung hatte er das Buch in Ruppkes Obhut zurückgelassen und diesen gebeten, es im verschlossenen Umschlag aufzubewahren und erst dann weiterzugeben, wenn er, Durian, tot war. Dann sollte es als nachträgliche Rechtfertigung veröffentlicht werden. Die Verwertungsrechte hatte er in einem fachmännisch formulierten Vertrag an Ruppke abgetreten.
»Was halten Sie davon, wenn wir irgendwo einen Happen essen?«, fragte ich Vangelis, die mit finsterer Miene neben mir stand. »Ich will so schnell wie möglich dieses Zeug hier durchsehen.«
Da wir bei dem inzwischen mit pappigen Schneeflocken durchmischten Regen nicht weit zu Fuß gehen wollten, landeten wir im Schlosscafé, nur wenige Schritte von der JVA entfernt. Hier gab es selbst nachmittags um kurz nach vier noch eine kleine Auswahl an warmen Gerichten.
Wir setzten uns an einen Tisch in die Nähe eines der goldfarben lackierten Heizkörper. Ich erinnerte mich an meine guten Vorsätze und bestellte mir eine Badische Kartoffelsuppe mit Croutons, Vangelis einen italienischen Salat. Wir waren fast allein in dem kleinen, in warmen Farben gehaltenen Lokal. Außer uns waren nur noch zwei Lehrer anwesend, die auf ihre Schule und deren Rektor schimpften, sowie ein frisch verliebtes Pärchen, das von seiner Umgebung nichts wahrnahm.
Als die Getränke auf dem Tisch standen, öffnete Vangelis den Umschlag. Zum Vorschein kam ein Packen kariertes Ringbuchpapier, das mit der akkuraten Handschrift beschrieben war, die ich schon von den Bibelzitaten kannte. Auch hier hatte er einen Füller benutzt, und offensichtlich handelte es sich um eine Reinschrift, denn es war nichts durchgestrichen, nichts verbessert, nichts hinzugefügt.
»Das Buch der Kränkungen«, las ich den Titel auf der ersten Seite halblaut.
Unser Essen kam. Die junge, spindeldürre Bedienung, die sehr italienisch aussah und ein sehr breites Badisch sprach, warf einen neugierigen Blick auf den Papierstapel.
»Wird das ein Roman?«, fragte sie neugierig. »Sind Sie Schriftsteller oder so was?«
»Nein, es ist von jemand anderem«, antwortete ich und nahm einen großen Schluck von meinem herrlich heißen Schwarztee.
»Dann sind Sie Verleger oder so was? Ich schreib nämlich Gedichte und kleine Geschichten.« Sie schenkte mir einen sensationellen Augenaufschlag und errötete hauchzart. An ihren Ohren baumelten große goldene Ringe. »Falls Sie an so was interessiert sind, ich könnt Ihnen gern mal ein paar Sachen schicken.«
»Im Moment haben wir leider keinen Bedarf«, versetzte Vangelis kühl und begann, mit der rechten Hand zu essen und mit der linken zu blättern. Die Bedienung verzog sich gekränkt hinter den Tresen.
Vangelis berichtete mir, was sie las und größtenteils nur überflog.
Michael Durian erzählte in erstaunlich gutem Stil zunächst von seiner Vergangenheit, seinen Verlegerträumen, seiner Ehe mit Irina, die er offenbar sehr geliebt hatte, vielleicht zu sehr. Dabei blieb er nicht ohne Selbstkritik und Ironie. Ich hatte Hasstiraden erwartet, ein zorntriefendes Pamphlet, aber der Ton war und blieb sachlich. Dem Autor war durchaus bewusst gewesen, dass nicht allein die Welt schuld war an seinem Unglück, sondern auch er selbst. Dass manches hätte anders laufen können, wenn er als Verleger öfter an Geld und seltener an schöngeistige Literatur gedacht hätte. Die Ehe schien anfangs glücklich gewesen zu sein.
»Nicht schlecht geschrieben.« Vangelis legte die Gabel kurz aus der Hand und nippte an ihrem Johannisbeersaft.
Dann kam das Kapitel, das mit »A. Bialas« überschrieben war. Durian beschrieb haarklein und nun doch ein wenig detailversessen, wie es zu der unglücklichen Hypothek kam, wie er sich selbst die Sache schönzurechnen begann, wie Anita Bialas ihm dabei nach Kräften zuredete, seine aufkeimenden Zweifel immer wieder zerstreute.
»Es gibt Situationen im Leben, da hat man eine Wahl«, las Vangelis einen der Schlüsselsätze des Werks vor. »Meist hat man jedoch keine. Meist ist da nur die Illusion des freien Willens, der freien Entscheidung. Hier hätte ich anders entscheiden können. Und ohne diese Frau, die mich in ihrer stillen, verständnisvollen Art so sanft und nachhaltig im Sinne ihrer Interessen beeinflusst hat, immer mit einem Lächeln, immer mit den richtigfalschen Argumenten zur Hand, hätte ich mich zweifelsohne anders entschieden. Hätte ich die Finger von diesem Haus gelassen, auf dem kein Segen lag, wäre ich jetzt vielleicht ein glücklicher Mensch.«
»Da kommen einem ja die Tränen!« Vangelis sah kurz aus dem Fenster. Der Schnee schien mehr, der Regen weniger geworden zu sein, und minütlich wurde es dunkler. Das Bimmeln der Uhr an einem der Türme des nahen Barockschlosses verkündete die Uhrzeit. Trotz des leise gurgelnden Heizkörpers neben unserem Tisch hatte ich kalte Füße.
Kapitel zwei: »J. Karenke«. Auch dieser Teil war mir im Wesentlichen schon bekannt. Durian war maßlos empört und verzweifelt gewesen, als seine immer noch glühend geliebte Irina sich – ausgerechnet im tiefsten Elend – von ihm abwandte, und ging in seiner Blauäugigkeit davon aus, dass Karenke sie natürlich verführt hatte, bestochen mit seinem vielen Geld und seinem Schmuck. Anders konnte es einfach nicht sein. Sie musste ihn doch noch genauso lieben wie er sie. Alles andere war undenkbar. Und deshalb hatte auch Karenke sein Leben verwirkt. Du sollst nicht begehren deines Nächsten Weib.
Vangelis blätterte weiter.
Kapitel drei, »Y. Böttcher-Larue«. Dieser Teil von Durians persönlichem Drama war neu für mich. Ich erfuhr, dass die Anwältin Durian in einer im Grunde unwesentlichen Sache vertreten hatte. Es ging um eine Druckereirechnung in Höhe von etwas mehr als dreitausend Euro. Durian hatte sich geweigert zu zahlen, da die gelieferten Bücher angeblich fehlerhaft waren. Vielleicht war er durch seine anderen Probleme auch ein wenig streitsüchtig geworden, und natürlich hatte er in seiner Situation kein Geld zu verschenken. So hatte er die Anwältin konsultiert. Diese hatte den Fall geprüft und Durian bestätigt, er sei im Recht. Daraufhin klagte man gegen die Druckerei. Und verlor. Auf Anraten der Anwältin ging er in die Revision und verlor erneut. Schließlich blieb er nicht nur auf dem Rechnungsbetrag, sondern zudem auf Anwalts- und Gerichtskosten von weit über zehntausend Euro sitzen.
Das war das Ende gewesen. Danach gab es kein Halten mehr.
Eine Weile hatte Durian sogar die Obdachlosigkeit gedroht. Von seiner Frau und aller Welt verlassen, hatte er gehungert, ungezählte empörte und beleidigende Briefe an wen auch immer geschrieben. Sich mehr und mehr abgekapselt und verrannt. Jetzt gab es nur noch »die da draußen«, die ihn betrogen und belogen, und auf der anderen Seite ihn, den einsamen Gerechten. Aber selbst hier schimmerte hin und wieder eine Spur von Selbstironie durch. Durian war selbst jetzt noch in hellen Momenten bewusst gewesen, dass er in manchen Situationen hätte anders entscheiden können. Dass er seinen Verlag hätte rechzeitig schließen können, kein Haus bauen, sich irgendeine Arbeit suchen.
»Aber was?«, las Vangelis und schob ihren halbleeren Teller zur Seite, um mehr Platz zu haben. »Taxifahrer? Nachtwächter? Müllmann? Schuhverkäufer? Mein Leben ist doch die Literatur! Wie tief sollte ich denn noch fallen?«
Am Ende war ihm nichts anderes übrig geblieben, als sich eine Stellung zu suchen. So war er tatsächlich Taxi gefahren, hatte eine Weile als Hilfskraft in einem Büro im Karlsruher Hafen gearbeitet, schließlich sogar im Großmarkt Kisten geschleppt. Dennoch hatte es ihm ständig an Geld gefehlt, und er hatte kaum die Miete für seine winzige Einzimmerwohnung aufbringen können.
Da war er schließlich auf die irrwitzige Idee gekommen, eine Bank zu überfallen.
Den letzten Anstoß hatte offenbar ein Zeitungsbericht gegeben, der von einem Räuberpärchen handelte, das seit Jahren die Polizei narrte, alle paar Monate eine kleine Bankfiliale ausplünderte und einfach nicht zu fassen war. Er hatte das Muster genau studiert: Die beiden wählten immer abgelegene Filialen aus, die möglichst weit entfernt vom nächsten Polizeirevier lagen. Immer kamen sie kurz vor Feierabend, erklärten den Angestellten mit ausgesuchter Höflichkeit, es handle sich um einen Überfall, zeigten kurz eine Pistole herum, von der niemand wusste, ob sie überhaupt echt war. Die Bankangestellten händigten den beiden zwischen dreißig und vierzig Jahre alten Tätern das vorrätige Bargeld aus, wurden in einem von der Straße nicht einsehbaren Raum gefesselt, mussten die Autoschlüssel herausgeben. Nie war jemand verletzt worden bei diesen Überfällen, die immer nur wenige Minuten dauerten.
Vangelis blättert weiter. Wir kamen – es mochten vielleicht noch dreißig, vierzig Seiten sein – zu Kapitel vier.
Sie erstarrte. Sah mich an, blickte wieder auf das Papier, öffnete den Mund und schloss ihn wieder. Ich verdrehte den Kopf, um die Überschrift entziffern zu können, die ihr so die Sprache verschlagen hatte.
Kapitel vier war mit »A. Gerlach« überschrieben.
Das Elend des Menschen ist, von seiner Sterblichkeit zu wissen. Der Gedanke, dass das Leben nicht ewig dauern wird, ist in der Jugendzeit unerträglich, empörend, obszön. Später ändert sich das unmerklich. Man hat vieles erlebt, manches erlitten, und der Gedanke, es könnte irgendwann nicht mehr weitergehen, kommt einem in winzigen Schritten näher, wird vertrauter, vielleicht, in hohem Alter, sogar sympathisch.
Es ist jedoch ein großer Unterschied, ob wir abstrakt über unseren Tod nachdenken im Sinne einer Möglichkeit, die nicht von der Hand zu weisen ist, aber in der mehr oder weniger fernen Zukunft liegt.
Oder ob wir unvermittelt in seine gleichgültigen, trüben Augen blicken.
Plötzlich konnte ich sie spüren, die Kälte in seinem Blick.
»Herr Gerlach?«, hörte ich Vangelis wie durch Watte.
Etwas klimperte zu Boden.
Mein Messer.
Durian hatte sich bei seinem idiotischen Banküberfall exakt an das Tatmuster seiner Vorbilder gehalten. Nur eine winzige Kleinigkeit hatte er übersehen: die Tatsache, dass die Entfernung zwischen der Bank und der nächsten Polizeidienststelle eine entscheidende Rolle spielte. Alles verlief zunächst planmäßig. Er hatte schon seine Beute in einer mitgebrachten Penny-Markt-Tüte verstaut, trug bereits den Autoschlüssel der Kassiererin in der Hosentasche. Und als er eben dabei war, die letzte der drei Angestellten zu fesseln, stand plötzlich die Polizei vor der Tür.
Natürlich nahm er Geiseln.
Natürlich verschanzte er sich in der Bank.
Sicherheitshalber bewies er sogar, dass seine Waffe kein Spielzeug war, indem er ein Loch in die Glastür schoss. Übrigens hatte man nie geklärt, wie er in den Besitz seiner alten, aber gut gepflegten Beretta gekommen war.
Es wurde Nacht, und irgendwann im Lauf dieser endlos langen Nacht, ich kann nur ungefähr sagen, wann, kam ich ins Spiel.
Für einige Stunden war ich Durians Verhandlungspartner. Das Ende des Dramas hatte ich jedoch nicht mehr miterlebt, sondern war zu Hause gewesen, wo wieder einmal irgendeine kleine Katastrophe passiert war. Es war eine turbulente Zeit damals, mit zwei kleinen Energiebündeln von Töchtern, einer latent überforderten Ehefrau und einem Job, der geregelte Arbeitszeiten nicht kannte.
Im Grunde war es keine aufregende Sache gewesen. Die Bankangestellten verhielten sich vorbildlich ruhig. Der Täter war intelligent genug, sich nicht zu unüberlegten Aktionen hinreißen zu lassen. Niemand auf unserer Seite fühlte sich zum Helden berufen, niemand drehte durch oder begann herumzuschreien. Ich stieß erst relativ spät dazu, als Ablösung des Psychologen vom Landeskriminalamt. Da war es vielleicht zwei Uhr morgens.
Die Bankfiliale lag dunkel, seit Stunden hatte sich dort nichts mehr gerührt, und es herrschte eine fast entspannte Atmosphäre in unserer mobilen und schon ziemlich muffig riechenden Einsatzleitstelle. Man riss Witze, sah häufig auf die Uhr mit der unausgesprochenen Frage, ob man in dieser Nacht wohl noch eine Mütze voll Schlaf erwischen würde. Durian hatte abends Essen und Getränke in die Bankfiliale bringen lassen, vermutlich sogar ein wenig geschlafen, war dennoch natürlich ein Nervenbündel, aber im Grunde sah es wirklich gut aus.
Nur eine Kleinigkeit war bisher schiefgegangen. Durian hatte rasch begriffen, dass der für solche Fälle geschulte Kollege vom LKA ihn mit seinen psychologischen Tricks mürbe reden wollte. So hatte er sich bald quergestellt und einen anderen Gesprächspartner verlangt. Jemanden, dem er vertrauen konnte. Man hatte es zunächst mit unserem damaligen Dezernatsleiter versucht, aber auch dem hatte er bald nicht mehr geglaubt.
Und dann kam ich.
Wir verstanden uns auf Anhieb, Durian begann mir zu vertrauen, verlangte schließlich das Übliche und längst Erwartete: einen großen, schnellen Wagen, mehr Geld als die zwanzigoder dreißigtausend, die seine Beute ausmachten, freien Abzug. Ich willigte in alles ein. Hielt ihn mit den üblichen Ausflüchten hin, um auf Tageslicht zu warten. Und im Lauf dieser Stunden entstand diese merkwürdige, fast freundschaftliche Stimmung zwischen uns, die sich einstellt, wenn es gut läuft bei einer solchen Geschichte.
Durian würde wegfahren, war der Plan, begleitet von einer jungen Bankangestellten. Wir würden ihn ziehen lassen und keinesfalls verfolgen. Letzteres war selbstverständlich eine Lüge gewesen, aber in seiner weltfremden Art hatte er mir auch in diesem Punkt geglaubt. Natürlich planten wir zuzuschlagen, sowie die Geisel außer Gefahr war. Natürlich dachten wir keine Sekunde daran, ihn entkommen zu lassen. Es wäre gegen jede Vorschrift gewesen.
Michael Durian, dessen Namen ich erst viel später erfahren und bald darauf wieder vergessen sollte, war müde, sehnte sich nach Ruhe, einer freundlichen Stimme, Geborgenheit, ein klein wenig Sicherheit. All das bot ich ihm.
Bis zum Ende hatte er geglaubt, er würde davonkommen.
Ich hatte ihn in diesem Glauben bestärkt.
Und das war es, was er mir vorwarf.
Was mich nun, nach über neun Jahren, das Leben kosten sollte.