Mittwochmorgen, vierter Februar.
Schnee, wieder einmal.
Ich lebte noch.
Meine Töchter hatten sich ein wenig über meinen zerstreuten Zustand gewundert. Ich hatte ihnen erzählt, ich fühle mich krank und werde erst später ins Büro gehen.
Nun stand ich am Küchenfenster und sah hinaus. Unten parkte ein Streifenwagen, in dem zwei Beamte mein Leben bewachten. Zwei weitere drehten Runde um Runde durch die Weststadt.
Hatte ich Angst? Ich war benommen, betäubt, gelähmt. So wie ich musste sich jemand fühlen, der unvermittelt von einer Krankheit erfahren hatte, die ihn in Kürze ins Grab bringen wird.
An die Rückfahrt nach Heidelberg erinnerte ich mich nicht mehr. Natürlich war Vangelis gefahren. Eines allerdings wusste ich noch: Schon da, schon zu diesem Zeitpunkt, hatte ich den ständigen Drang verspürt, mich umzusehen.
Sönnchen war hell entsetzt gewesen, hatte wohl auch heimlich ein bisschen geweint. Obwohl er immer noch fieberte, war Balke schon in der Direktion gewesen, als wir ankamen, hatte seine Soko zusammengetrommelt und gemeinsam mit Vangelis eine Krisensitzung veranstaltet, zu der ich nicht zugelassen war. Ergebnis waren unter anderem der Streifenwagen dort unten und ständige Begleitung für meine Töchter.
Morgens um halb sieben hatte damals der Wagen vor dem Eingang der Bank gestanden, ein viertüriger Opel Vectra mit fast zweihundert PS. Wie verlangt, mit laufendem Motor und offen stehenden Türen. Unsere Truppen zogen sich zurück, machten sich unsichtbar. Durian kam heraus, gedeckt von seiner erstaunlich gefassten Geisel. Die beiden stiegen ein, die Wagentüren fielen zu, und er machte seine Sache nicht einmal schlecht für einen Anfänger. Die Frau fuhr, der silbergraue Opel bog um eine Ecke, und Augenblicke später waren sie nicht mehr zu sehen.
Den Hubschrauber, der Durian mit weitem Abstand folgte, bemerkte er zu keinem Zeitpunkt. Auch nicht die unzähligen zivilen Einsatzfahrzeuge, die ihm folgten, die meiste Zeit außer Sichtweite, ihn in ständigem Wechsel überholten, sogar vor ihm herfuhren. Aus seiner Perspektive war alles ruhig, lief alles perfekt. Er ließ sich über die Rheinbrücke in die Pfalz chauffieren, bei Kandel wechselte der Opel auf die Bundesstraße nach Bad Bergzabern, in Richtung Westen. Dort gab es Berge und teilweise undurchdringliche Wälder. Bald wähnte Durian sich in Sicherheit, ließ die Fahrerin noch ein paar Haken schlagen, einmal sogar wenden und ein Stück zurückfahren. Aber wir hatten ihn ständig unter Kontrolle und verloren ihn nicht eine Sekunde aus den Augen. Nie waren unsere Leute weiter als zwei-, dreihundert Meter von ihm entfernt.
Dann, eine Stunde nach der Abfahrt und knapp zehn Kilometer westlich von Bad Bergzabern, bog der Opel in einen dunklen Waldweg ein.
Und fünf Minuten später trug Michael Durian Handschellen.
All das war mir in den letzten Stunden nach und nach wieder eingefallen. Im Grunde war ich nur eine Randfigur gewesen. Ich hatte nichts entschieden, ich hatte nichts befohlen, ich hatte nur mit Durian telefoniert und seine Wünsche weitergeleitet. Ich hatte die ganze Angelegenheit längst vergessen gehabt, und selbst als vorgestern zum ersten Mal sein Name fiel, hatte ich keinen Zusammenhang hergestellt. Nicht einmal zu Durians Gerichtsverhandlung hatte man mich geladen, da ich nichts zur Aufklärung des sonnenklaren Sachverhalts hätte beitragen können. Ein Ersatz war ich gewesen, für den unfähigen Psychologen des LKA, nichts weiter.
Und dafür sollte ich nun also sterben.
Was Durian mir übel nahm, war nicht, dass ich ihn um seine letzte Hoffnung und ins Gefängnis gebracht hatte. Er warf mir vor, dass ich sein Vertrauen missbraucht, dass ich ihn belogen hatte. Er hatte mir tatsächlich Wort für Wort geglaubt, was ich ihm in jenen Stunden am Telefon erzählt hatte.
Dass wir ihn nicht verfolgen würden.
Dass wir an seinem Fluchtfahrzeug keinen Sender anbringen würden.
Durian hatte bis zu seiner Verhaftung an das Gute im Menschen geglaubt, an das Gute in mir.
Es läutete an der Tür. Ich hatte ihn natürlich schon gesehen: den Briefträger.
Um irgendetwas zu tun, um mich zu bewegen, ging ich hinunter. Ein einziger Umschlag lag im Kasten, mit der mir inzwischen so vertrauten runden Handschrift. Im Hinaufgehen riss ich ihn auf. Wieder eine Karte, wieder eine dieser gruseligen Radierungen. Dieses Mal gab es keine Lebenden mehr, sondern nur noch einen Haufen entsetzlich zugerichteter Leichen zu sehen. Und diesmal gab es auch keinen Bibelspruch:
Willkommen am Ufer des Styx.
Offenbar wusste Durian bereits, dass ich sein Buch entdeckt hatte. Woher? Wie konnte das sein?
»Du sollst nicht falsch Zeugnis reden«, hatte ich an einer Stelle in seinem Buch gelesen, »das achte Gebot, ohne dessen Beachtung keine Kultur möglich ist, keine Zivilisation, kein menschliches Zusammenleben, das diese Bezeichnung verdient.«
Er beobachtete mich. Er musste gesehen haben, wie wir die JVA betreten und später mit dem braunen Umschlag wieder verlassen hatten. War es vielleicht sogar Teil seines perversen Plans, dass ich meinen Namen entdeckte in seinem Buch der Kränkungen? Wer konnte wissen, was in seinem kranken Hirn vorging? Beobachtete er mich auch jetzt, in dieser Sekunde? In der ich wieder an mein Küchenfenster trat, die Karte noch in der Hand?
Auch die Lebensumstände seiner ersten drei Opfer hatte er penibel studiert. Er hatte genau gewusst, wann er sie wo antreffen würde. Durian handelte nicht spontan, sondern planvoll. Jeden seiner Schritte hatte er genau überlegt, vermutlich hundertfach durchdacht.
Die meisten Verbrecher, mit denen ich im Lauf meines Polizeidienstes zu tun hatte, waren eher unterbelichtet. Hier war das Gegenteil der Fall. Durian war überdurchschnittlich intelligent. Er hatte Jahre Zeit gehabt, Pläne zu schmieden, Möglichkeiten durchzuspielen, Eventualitäten abzuwägen. Und selbst jetzt hatte er Zeit.
Mein Mörder hatte so verflucht viel Zeit.
Natürlich wurde seit gestern mit allem nach ihm gefahndet, was wir aufzubieten hatten. Balke hatte endlich brauchbare Fotos organisiert, aufgenommen anlässlich einer Weihnachtsfeier in der JVA, und mit seinen digitalen Tricks verschiedene Versionen davon angefertigt: Durian mit Glatze, mit kurzen und mit langen Haaren, blond und dunkel, mit und ohne Brille. Jedes Hotel, jede Pension im Umkreis von hundert Kilometern hatte in den letzten Stunden Besuch von der Polizei bekommen. Jeder Streifenbeamte wusste, wie mein Mörder aussah. Wie er aussehen könnte.
Die ersten drei Karten an mich waren inzwischen in unserem Labor untersucht worden. Durian hatte sich nicht einmal die Mühe gemacht, Handschuhe zu tragen, als er sie schrieb und in den Briefkasten warf. Er hatte gewusst, dass das nicht nötig sein würde, weil ich zu dem Zeitpunkt, wo ich mich dafür zu interessieren begann, seinen Namen ohnehin schon kennen würde.
Natürlich hatte ich Angst. Wenn man diese merkwürdige, benommene Dumpfheit in meinem Kopf Angst nennen wollte.
Was hatte ich erwartet?
Was hätte ich geantwortet, hätte man mich vor einer Woche gefragt, wie ich auf eine solche Situation reagieren würde? Gelassen, hätte ich geantwortet, entschlossen, energisch, überlegt. Mutig vielleicht sogar.
Und nun stand ich da und starrte aus diesem blöden Fenster, ohne etwas zu sehen. Unter meiner linken Achsel drückte die ungewohnte Pistole.
Es stimmte ja nicht, es war keine Angst. Angst hat man vor einer realen Gefahr. Wenn es darum geht, entweder zu flüchten oder zu kämpfen. Dann schüttet unser Körper Hormone aus, die unser Herz schneller schlagen lassen, unsere Aufmerksamkeit aufs Äußerste schärfen, unsere Hände feucht werden lassen, damit uns die Keule, die wir zu unserer Verteidigung so dringend brauchen, nicht aus der Hand gleitet.
Dies hier war etwas vollkommen anderes. Etwas Körperloses. Etwas unsäglich Gemeines und Banales. Mein Puls schlug völlig umsonst zu schnell. Meine Hände waren ganz sinnlos feucht. Es gab ja nichts zu tun. Nirgendwo war ein Feind in Sicht. Und ich hatte nicht einmal eine Keule.
Mein Handy summte in der Hosentasche.
Balke.
»Alles okay?«, fragte er heiser.
»Mir geht’s prima«, log ich – wie ich fand – nicht einmal schlecht. »Ich komme dann bald ins Büro.«
»Die Streife wird Sie fahren.«
»Das ist nicht nötig. Ich kann selbst auf mich aufpassen.«
»Die Streife wird Sie fahren.«
Kaum hatte ich aufgelegt, meldete sich das Handy erneut. »Theresa« stand auf dem Display. Jetzt hatte mein Herz immerhin einen Grund, stärker zu klopfen. Wie lange hatte ich nichts mehr von ihr gehört?
»Was machst du nur für Sachen?« Ihre Stimme klang voller Sorge, und das tat mir unendlich gut.
»Wir werden ihn bald haben, keine Angst. Vermutlich heute noch. Spätestens morgen. Er hat nicht die geringste Chance.«
Selbst die gespielte Zuversicht, die ich in meiner Stimme hörte, tat mir gut.
»Können wir uns sehen?«
»Wann?«
»Jetzt?«
»Ich weiß nicht …« Brachte ich sie dadurch in Gefahr? Unsinn. Durian konnte ja nicht überall sein, und ich war ja kein Anfänger. »Bin schon unterwegs«, hörte ich mich sagen.
Ich ließ mich von den Kollegen nach Neuenheim kutschieren, erzählte etwas von einem Zahnarzttermin. Dort bat ich den Fahrer, kurz hinter der Neckarbrücke rechts abzubiegen und gleich darauf anzuhalten. Ich murmelte ein Dankeschön, lief zurück und verschwand in der schmalen Ladenburger Straße. In diesen Sekunden liebte ich das Heidelberger Einbahnstraßen-Wirrwarr, das es den armen Schupos jetzt völlig unmöglich machte, mir zu folgen. Ich lief schnell, sah immer wieder zurück. Zur Sicherheit machte ich noch einige Umwege durch das zu jeder Tageszeit vollgeparkte Neuenheim. Endlich war ich überzeugt, unbeobachtet zu sein, und eine Minute später stand ich atemlos in der Wohnung. Theresa kam nur wenige Augenblicke nach mir. Heute trug sie wieder die Perlenkette, die sie an dem Abend getragen hatte, als ich sie zum ersten Mal sah.
Wortlos nahm sie mich in die Arme und drückte mich an sich.
Sie wusste, hier gab es nichts zu reden. Es gibt Dinge, denen sind Worte nicht gewachsen. Da braucht es Älteres: Berührungen, Wärme, Gehaltenwerden.
Es fehlte wirklich nicht viel, und ich hätte geweint.
Lange blieben wir stumm.
Sie wusste alles, was es zu wissen gab, woher auch immer. Streichelte meinen Rücken, küsste mich. Wie man ein Kind küsst, das Mitleid braucht und verdient.
»Ich bin nicht krank«, sagte ich schließlich und löste mich von ihr. »Verstehst du, es ist nur … ein wenig ungewohnt für mich, meinen Namen auf einer Todesliste zu lesen.«
Sie lächelte, küsste mich auf die Nase.
»Setzen wir uns«, sagte sie. »Magst du etwas trinken?«
»Keinen Alkohol, bitte.«
Schon am gestrigen Abend hatte ich nur Wasser und Saft getrunken. Ich bildete mir ein, es würde helfen, nüchtern zu bleiben, einen klaren Kopf zu behalten. Geschlafen hatte ich nicht einmal schlecht. Viel geträumt, allerdings. Irres Zeug von schwindelerregend hohen Brücken, von deren Geländer ich baumelte in der Gewissheit, dass ich mich nicht mehr lange würde halten können. Einstürzende Häuser, deren mächtige Staubwolken mich selbst im Schlaf noch an die Bilder vom elften September zweitausendeins erinnerten.
»Ich mache Tee«, sagte Theresa mit wohltuender Souveränität.
»Was du willst.«
Dann saß sie neben mir und hielt meine Hand. Das machte das Teetrinken ein wenig umständlich, aber ich fand es in Ordnung so.
»Es ist wegen Egon«, begann sie, nachdem wir an unseren Tassen genippt hatten.
»Was ist mit ihm?«
»Er ist sehr krank.« Sie stellte ihre Tasse mit übertriebener Vorsicht ab. »Was du nicht weiß, was fast niemand weiß: Egon hatte vor Jahren Lungenkrebs. Er wurde durch einen glücklichen Zufall sehr früh entdeckt, die Operation war erfolgreich. Seither raucht er übrigens nicht mehr. Früher hat er ja geraucht wie ein Schlot.«
Endlich verstand ich, was er an seiner Sammlung kostbarer und niemals angesteckter Zigarren so interessant fand.
»Seither darf er nur noch an seinen Zigarren schnuppern.« Theresa lächelte kurz, räusperte sich.
Mein Handy summte. Balke, las ich auf dem Display. Er würde wütend auf mich sein. Nichts ist ärgerlicher für einen Polizisten, als für die Sicherheit eines Menschen die Verantwortung zu tragen, der nicht kooperiert. Ich ließ es summen.
»Und jetzt ist der Krebs wieder ausgebrochen?«
»Es ist noch nicht ganz sicher. Erst war es nur eine Grippe, die einfach nicht besser wurde, und der ewige Husten. Vor zwei Wochen haben sie im Röntgenbild die Schatten entdeckt. Aber für die weiteren Untersuchungen muss er erst wieder ganz gesund werden. Seither liegt er in der Klinik. Ich verstehe nicht viel von Medizin. Aber eines habe ich verstanden: Wenn es wieder Krebs ist, dann wird es schlimm.«
»Und deshalb wolltest du mich nicht mehr sehen?«
»Versteh doch …« Sie bedeckte die Augen mit der einen Hand und drückte mit der anderen die meine.
»Klar, verstehe ich«, sagte ich lahm. »Vermutlich hätte ich in deiner Situation genauso gehandelt.«
Der Tee und seine Wärme taten mir gut. Es fühlte sich an, als würde tief in meinem Bauch das Leben von Neuem beginnen.
Theresa hielt immer noch meine Hand.
Ich war es einfach noch nicht gewohnt, der Leidtragende zu sein. Der, um den man sich Sorgen macht. Bisher war immer ich es gewesen, der sich sorgte. »Sobald es überstanden ist, kann alles wieder so sein wie früher«, sagte Theresa.
»Das ist gut.«
»Alexander, es zerreißt mich!«
»Das kann ich mir vorstellen.«
»Ich muss doch zu ihm halten. Und ich will zu dir halten. Beides zugleich geht nicht, verstehst du nicht?«
Plötzlich lagen wir uns wieder in den Armen und hielten uns ganz fest.