Den Rest des Vormittags verbrachte ich im Büro mit Routinekram, bei dem man nichts falsch machen konnte. Sönnchen umsorgte mich, als läge ich im Sterben. Ihre Stimme klang merkwürdig hohl, ihre Augen glitzerten oft verdächtig.
In der Direktion war ich in Sicherheit, sagten wir uns. Sicherer als an jedem anderen Ort der Welt. Meine Dienstwaffe lag griffbereit und durchgeladen auf dem Schreibtisch.
Balke und Vangelis hatten wegen meines vorübergehenden Verschwindens kein Wort verloren. Natürlich waren sie stocksauer. Da ich aber ihr Vorgesetzter war, konnten sie schlecht mit mir schimpfen. Meine Töchter wussten bisher nichts von der Bedrohung. Sie wurden diskret beobachtet und bewacht, seit sie heute Morgen das Haus verlassen hatten.
Gegen Mittag erschienen Klara Vangelis und Sven Balke bei mir. Ihre Mienen waren ernst, ihre Absichten offensichtlich.
»Wir haben alles noch einmal durchdiskutiert«, begann Vangelis kategorisch. »Wir sehen nur eine Möglichkeit: Sie müssen untertauchen und Ihre Töchter mit Ihnen. Wir können für Ihre Sicherheit nicht garantieren.«
»Kommt überhaupt nicht in Frage«, versetzte ich eine Spur schärfer als angemessen. »Ich verkrieche mich nicht.«
»Chef«, sagte Balke. »Der Typ ist echt gefährlich! Er kalkuliert seinen eigenen Tod ein als Teil der Show. Dagegen hilft nichts außer Verstecken. Klara hat völlig recht, sorry, aber so ist es nun mal.«
Vangelis musterte mich mit geschäftsmäßigem Blick. Für sie zählten nicht Gefühle. Für sie zählten Fakten und Wahrscheinlichkeiten.
»Ich werde ungefähr so gut bewacht wie der amerikanische Präsident«, sagte ich. »Seine ersten drei Opfer waren zwei Frauen, die nichts von der Gefahr wussten, und ein alter, halb blinder Mann. Ich weiß genau, was er vorhat, ich bin bewaffnet, ich kann mich meiner Haut wehren.«
»Wir wissen eben nicht, was er vorhat«, korrigierte mich Vangelis kühl. »Wir wissen nichts über die Taktik, die er sich zurechtgelegt hat. Wir wissen nur, dass er intelligent ist und Sie tot sehen will.«
»Nein und abermals nein.« Ich schlug auf den Tisch, um mir selbst Mut zu machen. »Verstecken kommt nicht in Frage.«
»Es ist Ihre Entscheidung.« Vangelis klang plötzlich sehr amtlich. »Wir können Sie zu nichts zwingen.«
»Sie trifft keine Schuld, sollte etwas schiefgehen. Wenn Sie sich dann besser fühlen, können Sie das gerne zu den Akten nehmen.«
»Daran wäre mir in der Tat gelegen.«
Mit halb verstockten, halb besorgten Mienen wandten sie sich zum Gehen.
»Eines noch.« Vangelis machte noch einmal kehrt. »In diesem Fall möchte ich wenigstens Ihren Töchtern Personenschutz geben. Sie aus der Ferne im Auge zu behalten, reicht einfach nicht. Die beiden sollten in den nächsten Tagen besser nicht zur Schule gehen. Melden Sie sie krank.«
»Muss das wirklich sein?«
»Sonst lehne ich jede Verantwortung ab.«
»Gut. Sie werden sich freuen, dass sie schulfrei haben.«
Dann waren sie weg.
Ich war wieder allein.
Später kam Sönnchen und wollte wissen, ob sie noch etwas für mich tun könne, ob ich etwas brauche. Ich raunzte sie an und entschuldigte mich in der nächsten Sekunde. Sie lächelte nachsichtig, war aber dennoch gekränkt.
Mein Telefon blieb still.
Niemand kam und bat mich um einen Rat oder eine Entscheidung.
Nicht einmal die Staatsanwaltschaft hatte heute etwas an mir auszusetzen. Ich dachte viel an Theresa und ihren möglicherweise todkranken Mann, meinen Chef, den ich vielleicht nie wieder hinter seinem Beichtstuhl-Schreibtisch sehen würde und der sich in diesem Moment vielleicht ganz ähnlich fühlte wie ich. Vielleicht hätte ich am Vormittag mehr Mitgefühl zeigen sollen? Vielleicht hätte ich mehr Anteil nehmen müssen? Ich war zu so etwas wie Gefühlen im Augenblick einfach nicht fähig.
In der Zwischenzeit lief die Fahndung nach Michael Durian auf Hochtouren. Bundesweit. Europaweit. Tausende Fahrzeuge wurden an diesem Tag angehalten und kontrolliert. Jeder auf den Straßen Heidelbergs, der auch nur im falschen Augenblick zwinkerte, wurde höflich nach seinen Papieren gefragt. Die Medien terrorisierten unsere Pressestelle mit Anfragen, und natürlich erfuhren sie nicht die Wahrheit. Wir fahndeten nach einem dreifachen Mörder. Das musste als Erklärung für den plötzlichen Wirbel reichen.
Es wurde Abend. Es wurde dunkel. Sönnchen fragte, ob sie Feierabend machen dürfe.
Allmählich wurde es still im Haus.
Ich lebte immer noch.
Später ließ ich mich standesgemäß nach Hause fahren. Meine Töchter saßen vor ihren PCs, sahen kaum auf, als ich kam. Ich setzte mich mit einer Kanne Wasser und einem Käsebrot vor den Fernseher und versuchte, mir einen Film anzusehen. Es gelang mir nicht. Ich begriff nicht, warum dieses Paar ständig stritt. Warum sie nicht in Frieden miteinander leben konnten. Warum sie ihn am Ende tötete.
Gegen elf erschienen meine Töchter, um mir eine gute Nacht zu wünschen und zu fragen, ob es mir besser gehe. Ich verstand ihre Frage nicht.
»Du bist krank, hast du heut Morgen gesagt«, erinnerte mich Sarah.
»Oh, ja, es geht mir viel besser, danke. Ja, es geht mir besser, wirklich.«
»Du siehst aber nicht so aus, Paps«, sagte Louise mit unsicherem Blick. »Willst du nicht vielleicht mal zum Arzt gehen?«
Ich versprach, es mir zu überlegen und ebenfalls bald schlafen zu gehen.
In der Nacht schlief ich wie ein Stein. Ohne Träume. Aber als ich am Morgen erwachte, war die Erinnerung sofort da, in der ersten Sekunde. Und diese innere Kälte, die man wohl doch Angst nennen musste.
Der Wecker zeigte elf Minuten nach sieben.
Im Flur waren Geräusche.
Davon war ich aufgewacht.
Jemand schlich vor meiner Tür herum. Ich hörte Rascheln, fast unhörbar leise Schritte. Mein Puls tobte, ich griff unters Kopfkissen nach der Pistole, entsicherte sie. Durchgeladen war sie bereits seit Dienstagabend. Heute war Donnerstag, wenn ich nicht irrte.
Jemand flüsterte, und ich begriff: es waren meine Mädchen, die vor meiner Tür herumschlichen. Sie waren aus Rücksicht auf mich so leise.
Ich blieb im Bett sitzen, bis mein Puls sich wieder normalisiert hatte, sicherte die Heckler & Koch, schalt mich einen Idioten und Angsthasen.
Wie hätte Durian hereinkommen sollen?
Vor der Haustür stand ein Streifenwagen. Um den Block kreisten zwei weitere. Niemals war die Heidelberger Weststadt sicherer gewesen als in diesen Tagen.
Erst als die Wohnungstür ins Schloss fiel, wurde mir bewusst, dass sie zur Schule gingen, obwohl ich sie hatte zu Hause behalten wollen. Ich griff zum Handy, legte es wieder weg. Ich musste es ihnen schonend beibringen, heute Nachmittag würde ich mit ihnen reden, nahm ich mir vor. Auge in Auge, damit sie sich nicht mehr fürchteten als nötig.
Als ich meinen Töchtern eröffnete, dass sie ab sofort schulfrei und außerdem Ausgehverbot hatten, freuten sie sich verständlicherweise nur über den ersten Teil der Nachricht. Vor allem Louise war ganz und gar nicht einverstanden.
»Aber wieso denn?«, wollte sie wissen. »Was ist denn los?«
»Es gibt einen Verrückten, der mich bedroht«, gestand ich. »Es ist aber nicht so schlimm, wie es sich anhört. Nur eine Vorsichtsmaßnahme.«
»Steht darum die ganze Zeit ein Polizeiauto vor unserem Haus?«
»Ja.«
»Und jetzt sollen wir also wochenlang hier rumhängen und uns anöden?«
»Von wochenlang ist nicht die Rede. Ihr habt Internet. Es gibt Telefon und Fernsehen und Bücher. Ihr könnt von mir aus Freundinnen einladen …«
»Da können wir uns ja gleich umbringen lassen. Das geht wenigstens schneller, als sich zu Tode zu langweilen.«
»Euch will er ja nichts«, seufzte ich. »Und von umbringen hat niemand was gesagt. Der Mann ist nur ein Verrückter, ein Spinner, aber im Grunde völlig harmlos. Er gehört in die Klapsmühle und nicht ins Gefängnis.«
»Na super!«, stöhnte Sarah. »Da bin ich aber echt beruhigt!«
»Ich muss aber dringend in die Stadt, ein paar Sachen für die Schule kaufen«, quengelte Louise.
»Daraus wird heute leider nichts.«
»Jetzt sag schon, wie lang soll das so gehen?«
»So lange, bis er gefasst ist. Mir macht das Ganze auch keinen Spaß, das könnt ihr mir glauben.«
Die beiden starrten eine Weile ratlos vor sich hin. Louise schien beunruhigter zu sein als Sarah. Aber das wunderte mich nicht. Sie war immer schon die Empfindsamere gewesen, die Ängstlichere, die Vorsichtigere.
»Ich kann mich darauf verlassen, dass ihr keinen Unsinn anstellt?«
»Klar.« Sie nickten ergeben. »Und was ist mit der Probe am Samstag?«
»Da begleite ich euch. Das ist kein Problem.«