Am Freitag war Michael Durian immer noch auf freiem Fuß. Mein Zustand besserte sich allmählich, die Schockstarre löste sich, wie manche mir ungefragt bestätigten. Diejenigen, die Bescheid wussten, bewunderten mich für meine Kaltblütigkeit. Die anderen vermuteten einen Infekt. Eine harmlose Erkältung, die nicht einmal richtig zum Ausbruch gekommen war.
Ich glaubte nicht daran, dass meine Mädchen wirklich in Gefahr waren. Durian hatte seine bisherigen Morde alle nach demselben Schema begangen: Er hatte seinen Opfern in die Augen gesehen, als er sie tötete. Mit offenem Visier sozusagen. Vielleicht hatte er ihnen sogar erklärt, weshalb er gekommen war. Weshalb sie sterben mussten.
Auf der anderen Seite verstand ich natürlich Vangelis. An ihrer Stelle hätte ich ebenso gehandelt.
Inzwischen konnte ich mir sogar vorstellen, was Durians Plan war: warten, die einfachste Taktik der Welt.
Warten, bis meine Bewacher unaufmerksam wurden.
Warten, bis ich mich in Sicherheit wiegte.
Warten, bis niemand mehr mit irgendetwas rechnete.
Durian hatte so verflucht viel Zeit.
Um vier Uhr machte ich Feierabend, weil ich die Stille um mich herum keine Sekunde länger ertrug. Nichts tun konnte ich ebenso gut zu Hause, und da gab es wenigstens Musik und Rotwein und zwei Menschen, die hin und wieder mit mir sprachen. Vielleicht war es eine Lösung, sich zu betrinken? Vielleicht saß Durian hinter Gittern, wenn ich wieder nüchtern war? Vielleicht war meine aus den Fugen geratene Welt dann endlich wieder in Ordnung?
Sarah kam aus ihrem Zimmer, als ich die Wohnung betrat, musterte mich erschrocken.
»Hi, Paps«, begrüßte sie mich lahm. »Bist du jetzt doch krank?«
»Das nicht«, erwiderte ich. »Aber mir geht’s nicht besonders, und in der Direktion ist sowieso nichts los.«
Ich hängte meinen Mantel an die Garderobe.
Sarah stand immer noch in ihrer Tür und sah mich unsicher an. Ich musste an eine Szene in Loriots genialem Film »Pappa ante Portas« denken und sogar ein wenig lächeln. »Ich wohne hier«, sagt der Ehemann, als er – überraschend pensioniert – mitten am Tag nach Hause kommt. »Aber doch nicht jetzt!«, erwidert seine Frau.
Auf dem Schuhschränkchen lag, säuberlich gestapelt, die Post. Ich hatte keine Lust auf Post und ging in Richtung Wohnzimmer.
»Keine Angst.« Ich gab mich bemüht launig. »Ich werde euch nicht stören.«
Erst als ich schon nach einer zu meiner Stimmung passenden CD suchte, fiel mir etwas auf. Ich wandte mich um.
»Wo steckt eigentlich Louise?«
»Die … ähm …« Sarah senkte den Blick. »Sie ist mal ganz kurz weggegangen. Was besorgen, für die Schule. Sie wird aber bestimmt gleich wieder da sein.«
Eines beruhigte mich oft: Meine Töchter konnten nicht lügen. Ihre Erziehung schien zumindest in diesem Punkt kein Misserfolg gewesen zu sein. Natürlich schwindelten sie hin und wieder, aber das tun wir ja alle.
Mein Ton wurde ernst. »Raus mit der Sprache, wo ist sie?«
»Ich … weiß nicht so genau.«
»Einkaufen ist sie also nicht.«
Sarah sah immer noch zu Boden. »Sie hat da wen, glaub ich.«
»Du meinst, einen …« Wie nennt man das in ihrem Alter? »Einen Mann?« So bestimmt nicht. »Einen Freund oder so was?«
Betretenes Nicken.
»Wen?«
»Weiß nicht. Sie redet nicht drüber. Vielleicht Pit. Die gucken sich in letzter Zeit immer so an.«
»Pit, das ist euer Drummer, richtig?«
»Sie schielt dauernd zu ihm hin, wenn wir proben.«
»Ist es nicht normal, dass man als Sängerin den Schlagzeuger im Auge behält?«
»Wenn sie dabei nicht ständig den Takt verschlafen würde …«
»Und wo wohnt dieser Pit? Hast du eine Nummer von ihm?«
»Irgendwo in Mannheim. Ich glaub, sie fährt immer mit der Straßenbahn. Warte …« Sarah verschwand kurz und kam mit ihrem Handy in der Hand zurück.
Ich hatte inzwischen mein eigenes gezückt. Sie diktierte mir die Nummer von Louises Freund. Es tutete eine Weile, aber niemand nahm ab.
Sarah stand da, mit hängenden Armen, das Handy immer noch in der Hand.
»Na, die wird was erleben«, sagte ich und drückte wütend den roten Knopf. »Wie ist sie überhaupt ungesehen aus dem Haus gekommen?«
»Das ist total easy.« Sarah wischte sich mit der flachen Hand erst die eine, dann die andere Wange ab. »Hinten raus, durch den Garten, über den Zaun und dann einfach durch die Einfahrt von dem gelben Haus in der Wilhelmstraße.«
Louise erschien erst um kurz vor halb sechs und war sehr zerknirscht. Inzwischen hatte ich bereits mit Vangelis telefoniert, und Sarah hatte zwei kleine Koffer gepackt mit dem Nötigsten. Eine halbe Stunde später saßen meine Töchter in einem Streifenwagen auf dem Weg nach Heilbronn. Sönnchen hatte dort eine Nichte oder Cousine, die eine kleine Pension betrieb. Für meine Mädchen war ein Doppelzimmer reserviert und ein weiteres für zwei Beamte, die sie von nun an rund um die Uhr bewachen würden.
Später setzte ich mich mit einem Glas Wein vor den Fernseher und versuchte, über einen alten Film mit Louis de Funès zu lachen. Aber es gelang mir nicht. Ich fühlte mich so einsam wie noch nie, und mir wurde bewusst, dass die Zwillinge überhaupt nicht mehr stritten, seit mein Leben bedroht war.
Das Wochenende war das längste meines bisherigen Lebens. Die Minuten waren zäh und klebrig. Stunden wurden zu kleinen Ewigkeiten. Alles war zur Zeitlupe geronnen. Lesen machte mich nervös, Musik langweilte mich, Fernsehen machte mich zugleich müde und aggressiv. Madame Bovary hatte ich inzwischen ins Regal gestellt. Vielleicht würde ich es irgendwann noch einmal zu lesen versuchen, unter günstigeren Bedingungen.
Mittags hatte ich keinen Appetit. Der anschließende von zwei Streifenwagen im Schritttempo verfolgte Spaziergang geriet zur Farce. Nicht einmal einkaufen durfte ich, hieß es plötzlich. Die Lichtpunkte meines öden Lebens waren die Telefonate mit meinen Töchtern. Sie langweilten sich nicht weniger als ich. Immerhin hatten sie einen Fernseher, und der Mann von Sönnchens Nichte oder Cousine hatte ihnen seinen Breitbild-Laptop mit allen erdenklichen Extras aufs Zimmer gestellt. Ihre Bewacher bestätigten mir auf Nachfrage, dass die beiden keine Zicken machten und bisher keine Fluchtversuche unternommen hatten.
Ständig musste ich gähnen, aber wenn ich mich hinlegte, um ein Nickerchen zu machen, fand ich keine Ruhe.
Aber ich lebte noch. Wenn auch mit dem Gefühl, mitten im Zentrum eines vollkommen lautlosen Orkans zu sitzen.