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Am Montagmorgen war ich froh, wieder in die Direktion zu dürfen. Ich floh aus meiner Wohnung, wie ich am Freitag aus dem Büro geflohen war. Dort fand ich alles unverändert.

Drei Männer hatte man im Lauf der vergangenen zwei Tage festgenommen, erfuhr ich von Sönnchen, nur um sie kurze Zeit später wieder freizulassen. Vier Wohnungen, elf allein stehende Häuser und eine Menge Gartenlauben hatten meine Leute ergebnislos durchsucht. Immerhin war ihnen dabei ein lange gesuchter italienischer Drogendealer ins Netz gegangen, und sie hatten eine verwahrloste Zweizimmerwohnung entdeckt, in der ein alter Mann zusammen mit siebenunddreißig halb verhungerten Katzen hauste.

Durian blieb verschwunden.

Den Vormittag verbrachte ich im Wesentlichen damit, Sönnchen von meinem ereignislosen Wochenende zu erzählen und mir ihren wütenden Bericht von einem restlos missglückten Auftritt ihres Kirchenchors anzuhören. Ich glaube, sie langweilte sich bei unseren mühsamen Gesprächen nicht weniger als ich. Zum Mittagessen musste ich mich zwingen. Meine Sekretärin hatte mich ausdrücklich ermahnt. Der Kaffee danach schmeckte nach angesengtem Stroh.

Sicherheitshalber rief ich hin und wieder in Heilbronn an. Meine Töchter schienen nach wie vor brav zu sein und sich an alle Abmachungen zu halten. Der Fernseher war allerdings zu klein, und der Laptop funktionierte auch nicht richtig.

Durian war immer noch frei.

So still es in meinem Büro war, so hektisch ging es eine Etage tiefer zu. Das wusste ich allerdings nur aus Sönnchens Berichten. Runkel habe Flaubert nun wirklich mit nach Hause genommen, da er mit seinem Geschrei die Leute verrückt machte. Von Theresa kam hin und wieder eine SMS mit sorgenvollen Fragen, die ich in schnoddrigem Ton beantwortete. Richtige Männer kennen keine Angst, war einer der Sprüche. Sie nannte mich zärtlich einen Dummkopf.

Meine Telefonleitung schien jemand zerschnitten zu haben. Als ich versuchsweise den Hörer ans Ohr hielt, tutete es allerdings vorschriftsmäßig.

Inzwischen fühlte ich mich schon fast wieder zuversichtlich. Der Mensch gewöhnt sich offenbar an alles. Selbst an Todesangst. Wäre nur diese elende, zermürbende Langeweile nicht gewesen.

Balke und Vangelis bekam ich nur einmal kurz zu Gesicht. Auf Balkes Stirn standen Schweißperlen, er schien abgemagert zu sein in den letzten Tagen. Vermutlich die Grippe, die ihm immer noch zu schaffen machte. Vangelis kam mir blasser vor als sonst, verschlossener und noch ernster. Hastig gingen sie mit mir die Liste ihrer nächsten Maßnahmen durch. Dann verschwanden sie, und ich war wieder allein.

Selbst auf dem Flur war es an diesem Montagnachmittag stiller als sonst. Oder kam es mir nur so vor? Irgendwann wurde mir bewusst: Es wurde nicht mehr gelacht in meiner Gegenwart, in meiner Nähe wurden keine Witze mehr gerissen. Man mied mich, weil man fürchtete, das Unglück könnte überspringen. Vielleicht ein uralter Instinkt, der in jedem von uns steckt: Geht es jemandem schlecht, dann halte lieber Abstand. Du kannst nicht wissen, wie böse die Geister sind, die sich in seine Waden verbissen haben.

Als Sönnchen zum hundertsten Mal fragte, ob sie etwas für mich tun könne, warf ich sie hinaus, und dieses Mal entschuldigte ich mich nicht.

Ich versuchte, meinen Aktenstapel wenigstens ein kleines bisschen abzuarbeiten, aber es gelang mir nicht, mich zu konzentrieren. Meine Sekretärin war irgendwohin verschwunden, vermutlich, um sich über mich zu beklagen, ihren undankbaren Chef, der einen anpöbelte, wo man doch nur ein wenig freundlich sein wollte. Plötzlich schämte ich mich. Ich war eine Zumutung für meine Umwelt. Man sollte es halten wie die Tiere: Wenn es einem schlecht geht, dann sollte man Gesellschaft meiden. Andere nicht belästigen mit seinem Elend.

Irgendwann, draußen begann es schon wieder zu dunkeln, stellte ich fest, dass ich keine Angst mehr in mir spürte, sondern nur noch Wut. Ich war so wütend auf Durian, dass ich ihm vermutlich an die Gurgel gesprungen wäre, wäre er jetzt zur Tür hereingekommen.