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Der Fahrer des Streifenwagens, der mich nach Hause gebracht hatte, hob die Hand zum Gruß und fuhr an. Einer der beiden Kollegen, die sich in einem zweiten Wagen vor meiner Tür langweilten, stieg aus, begrüßte mich mit ernstem Nicken und begleitete mich zur Haustür.

»Neue Anweisung, entschuldigen Sie«, murmelte er unbehaglich, als er meinen verwunderten Blick bemerkte. »Ich muss Sie hochbegleiten und erst die Wohnung durchsehen, bevor ich Sie reinlassen darf.«

Das Wetter war trüb. Es nieselte. Gab es überhaupt noch anderes Wetter?

Ich schloss auf.

»Übrigens, Ihr Briefkasten, Herr Kriminaloberrat …«, sagte der kleinlaute Schupo.

Offenbar hatte ich schon am Samstag vergessen, die Post zu holen. Das meiste, was ich zutage förderte, war die übliche Werbung. Immerhin kein neuer Brief von Durian. Mein Leibwächter bestand darauf, als Erster die Wohnung zu betreten, bedeutete mir zu warten, kam eine halbe Minute später wieder heraus, nickte mir verlegen zu und verschwand.

Ich warf den kleinen Papierstapel auf das Schuhschränkchen, hängte meinen Mantel auf, rieb mir die Hände. Die Wohnung war gut geheizt, dennoch war mir kalt. Ich ging herum und schaltete in allen Räumen das Licht ein. Ich setzte mich an den Küchentisch, sprang wieder auf. Ich zückte mein Handy und drückte die Wahlwiederholung.

»Ja, Paps«, ich sah Sarahs Augenrollen vor mir, »es ist immer noch alles in Ordnung. Stell dir vor, die haben hier nicht mal Kabelfernsehen! Der Fernseher ist gar nicht kaputt, die haben bloß keinen Kabelanschluss!«

Ich öffnete den Kühlschrank, fand nichts, worauf ich Lust hatte, schloss ihn wieder, setzte Wasser auf, um mir einen Tee zu kochen. Vielleicht wurde mir davon wärmer.

Mein Handy brummte auf dem Tisch. »Theresa«, las ich auf dem Display und drückte erfreut und erstaunt zugleich den grünen Knopf. Es war noch nie vorgekommen, dass sie mich einfach so anrief.

Hoffentlich war nichts mit Liebekind …

Es war nicht Theresa.

Ich erkannte seine Stimme beim zweiten Wort.

»Es ist mir keine Freude, Ihre Stimme zu hören, Herr Gerlach.«

»Was wollen Sie?«, fragte ich heiser. Wie kam er an Theresas Handy?

»Erinnern Sie sich an die Nacht, als wir zum ersten Mal miteinander zu tun hatten?«

Plötzlich waren meine Hände feucht. Das Teewasser auf dem Herd begann zu summen. Mein Hals wurde eng. Ich räusperte mich. Es half nichts.

»Selbstverständlich erinnere ich mich.«

»Heute möchte ich auf Ihr damaliges Angebot zurückkommen.«

»Welches Angebot?«

»Sie hatten mir damals einen Geiselaustausch angeboten. Sie gegen die anderen …«

»Sie … haben eine … Geisel?« Was war bloß mit meiner Stimme? Ich schaltete die Herdplatte aus. Meine Hand zitterte. »Was verlangen Sie?«

»Wir beide treffen uns, und Ihrer Geliebten wird nichts geschehen. Im Moment geht es ihr leider Gottes nicht allzu gut.«

»Sie sind ein …« Ich unterdrückte meine aufkochende Wut. »Ich will sie sprechen.«

»Das geht leider nicht. Tut mir leid.«

»Dann beende ich jetzt das Gespräch.«

»Wie Sie meinen.«

Ich ließ das Handy sinken.

Ich nahm es wieder ans Ohr.

»Okay«, sagte ich. »Was soll ich tun?«

»Hören Sie mir genau zu. Unterbrechen Sie mich nicht. Was ich nun sagen werde, sage ich nur ein einziges Mal.«

Seine Stimme klang jetzt gepresst. Wie die Stimme eines Menschen, der unter höchster Anspannung steht. Aber sein Atem ging weiterhin völlig ruhig.

»Wo treffen wir uns?«

»Sie sollen mich nicht unterbrechen. Ich werde Sie zu gegebener Zeit kontaktieren und Ihnen mitteilen, wo und wie Sie mich finden. Und vergessen Sie nicht: Ihre Geliebte macht sich zurzeit große Sorgen …«

»Es wird alles glatt gehen. Ist sie verletzt?«

»Sie kommen allein. Sie werden keinen Sender und keine Waffe bei sich führen. Nur Ihr Handy nehmen Sie bitte mit. Sie sollten aber besser keine Telefonate führen. Wenn Sie dann später in meiner Obhut sind und ich zur Überzeugung gekommen bin, dass Sie Ihren Teil der Abmachung erfüllt haben, dann werde ich auch den meinen erfüllen. Anderenfalls kann ich leider für nichts garantieren.«

»Ich werde mich an jede Ihrer Anweisungen halten.«

»Es ist jetzt nach meiner Uhr sechzehn Uhr vierunddreißig. Es bleibt Ihnen nicht viel Zeit. Begeben Sie sich zum Bismarckplatz, und steigen Sie dort in die Straßenbahn der Linie fünf, die um sechzehn Uhr vierundfünfzig in Richtung Weinheim fährt. Noch einmal: Vergessen Sie Ihr Handy nicht. Ich werde Sie dann zu gegebener Zeit anrufen. Und bevor Sie jetzt in Ihrer verständlichen Aufregung etwas Unüberlegtes tun, denken Sie bitte an Ihre schöne und leider im Augenblick nicht übermäßig glückliche Geliebte.«

Zwanzig Minuten. Mindestens fünfzehn davon würde ich brauchen, um zur Haltestelle zu laufen. Sein Plan war selbst in diesem Punkt perfekt: Ich sollte keine Zeit haben nachzudenken, Möglichkeiten durchzuspielen. Hastig zog ich den feuchten Mantel wieder an, erstarrte, als ich die Klinke der Wohnungstür schon in der Hand hielt. Wie sollte ich ungesehen aus dem Haus kommen? Benutzte ich die Vordertür, dann würden meine Bewacher darauf bestehen, mich zu begleiten. Sollte ich mir das verbitten, würden sie umgehend die Polizeidirektion in Großalarm versetzen. Wie hatte Sarah gesagt? Hinten raus, über den Zaun, das gelbe Haus …

Ich griff unter die Achsel. Die Pistole war an ihrem Platz. Sollte das Schwein auch nur Theresas Frisur in Unordnung bringen, ich würde ihn erschießen.