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»Wo ist sie?« Meine Stimme klang fremd und viel zu unsicher. Lass deinen Feind niemals spüren, dass du Angst vor ihm hast! »Wie geht es ihr?« Das klang schon besser. Aggressiv, selbstbewusst. Nicht zu aggressiv, hoffentlich.

»Das werden Sie früh genug erfahren«, erwiderte mein Todfeind und ließ den Diesel an. »Jetzt fahren wir erst einmal ein Stück zusammen. Entspannen Sie sich.«

Vielleicht hatte Balke meinen wortlosen Anruf richtig gedeutet. Vielleicht stand die Ringfahndung längst, und in wenigen Minuten würde Durian mit dem Gesicht nach unten im Dreck liegen, einen Pistolenlauf im Genick. Und ich würde vielleicht niemals erfahren, wo er Theresa versteckt hatte.

Vielleicht, vielleicht, vielleicht …

Durian bog auf die Bundesstraße in Richtung Norden und gab Gas.

Wieso, zur Hölle, hatte ich ihm nur die Pistole gegeben, einfach so? Der Schock. Ich war so erschrocken gewesen vom Anblick der Kette, des Bluts.

Das Handy! Das hatte er mir nicht abgenommen. Es steckte immer noch in meiner Manteltasche und war eingeschaltet. Balke konnte es orten lassen. Er konnte meine Spur verfolgen! Natürlich würde es seine Zeit dauern, bis die notwendigen Genehmigungen vorlagen, aber es war möglich. Und es war eine Chance. Aber Theresa? Was wurde aus Theresa, wenn …

Aber nirgendwo Blaulicht. Nirgendwo Stau vor einer Polizeisperre. Mir war so kalt. Meine Hände zitterten, Schweiß stand auf meiner regennassen Stirn.

Sollte ich jemals gefragt werden, ob ich das Zeug zum Helden hatte, würde die Antwort lauten: nein.

Der Lieferwagen war uralt und klapprig. Und er stank.

»Sie werden nun mein letztes Opfer sein«, sagte Durian ruhig. »Mit Ihrem Tod wird mein Plan vollendet sein.«

Er hatte die Stimme eines gebildeten, belesenen Mannes. Er war intelligent, das wusste ich längst. Und er war gefährlich. Viel gefährlicher, als ich mir vorgestellt hatte. Sein Plan war so perfide und so perfekt …

Die Art, wie er sich bewegte, wie er schaltete und lenkte, das nervöse Zucken seines rechten Auges, alles sprach dafür, dass er aufs Äußerste angespannt war und ich es nicht merken sollte.

»Ich weiß«, erwiderte ich. »Ich habe Ihr Buch gelesen.«

»Dieses Detail war nicht vorgesehen. Aber vielleicht ist es gut so. So brauche ich Ihnen nicht zu erklären, warum Sie hier sind und was Ihr Ziel ist.«

Im Licht der Scheinwerfer tauchte schon die Abzweigung zur Autobahn auf. Nirgendwo Polizei. Der Blinker begann zu ticken, die Ampel war und blieb grün, als gehörte selbst dieser Umstand zum Plan meines Mörders. Sie könnten auf der Autobahn einen Unfall simulieren, Durian zum Anhalten zwingen.

Aber Theresa …

Nein, keine Blaulichter, die Straße war so frei, wie sie am Abend eines Arbeitstages sein kann.

»Was ist denn mein Ziel?«, fragte ich. Reden. Bloß nicht schweigen. Schweigen war jetzt lebensgefährlich.

»Das andere Ufer des Styx.«

Hörte ich ein Lachen aus seiner Stimme?

»Der Fluss des Hasses.«

»Am anderen Ufer liegt das Reich der Toten. Charon wartet bereits auf Sie.«

»Werden Sie mir auch eine Münze unter die Zunge legen, wie es die Mythologie vorschreibt, als Lohn für den Fährmann?«

Sein überraschter Blick zu mir herüber war mir trotz der Dunkelheit nicht entgangen. Wir fuhren jetzt mit fast neunzig Stundenkilometern auf der A5. Mehr schien der klapprige Lieferwagen nicht herzugeben. Es war ein Renault, erkannte ich an der Schrift am Armaturenbrett. Das Radio war womöglich noch älter als der Wagen selbst. Es hing halb lose im Schacht, als könnte es jeden Moment herausfallen.

»Sind Sie denn nicht schon unglücklich genug?«, fragte ich. »Haben Sie nicht schon genug angerichtet?«

Reden, reden, reden. Es hatte schon einmal funktioniert, vor neun Jahren.

»Unglücklicher als ich kann ein Mensch nicht sein«, erwiderte er ruhig. »Aber hier geht es nicht um Glück. Hier geht es um Gerechtigkeit.«

»Gerechtigkeit?« Um ein Haar hätte ich gelacht. »Sie wagen es, dieses Wort in den Mund zu nehmen? Nachdem Sie drei Menschen ermordet haben?«

Der Scheibenwischer quietschte und ratterte und schaffte es nicht, die Scheibe wirklich klar zu bekommen. Es schneenieselte immer noch.

»Michael Durian ist schon vor Jahren gestorben, kurz nachdem Sie ihn ins Gefängnis gebracht haben. Das Einzige, was verhindert, dass mein Körper vermodert, ist mein brennender Wunsch nach Gerechtigkeit.«

»Das passende Wort wäre hier wohl eher Rache.«

»Nein.« Heftiges Kopfschütteln. »Rache hat mit Hass zu tun. Ich hasse Sie nicht. Ich hasse niemanden. Ich finde jedoch, wenn Menschen anderen Menschen unrecht tun, Schuld auf sich laden, dann sollte dies wenigstens ab und an Folgen haben.«

Eine Weile schwiegen wir. Der Diesel brummte jetzt gemütlich, hatte die Schwerarbeit der Beschleunigung überstanden. Aus den Lüftungsschlitzen drang endlich warme Luft, die mir nach der Kälte guttat. Ein blaues Schild am Straßenrand: Autobahnkreuz Heidelberg.

Wie unendlich weit entfernt das plötzlich war.

Ich musste etwas sagen.

»Niemand weiß, wo ich bin.« Meine Stimme klang schon wieder viel zu unsicher. »Ich habe mich exakt an jede Ihrer Anweisungen gehalten. Jetzt sind Sie am Zug.«

Im Licht der Fahrzeuge auf der Gegenfahrbahn sah ich ihn ein wenig lächeln. Aber er reagierte nicht.

»Wann werden Sie Frau Liebekind freilassen?«

Wieder keine Reaktion.

»Wie geht es jetzt weiter? Wollen wir die ganze Nacht spazieren fahren?«

»Sie werden beizeiten erfahren, wie es weitergeht.«

Seit einer Weile fuhr er in viel zu knappem Abstand hinter einem riesigen rumänischen Kühllastzug her, der uns fast vollständig einnebelte. Der Scheibenwischer lief auf höchster Stufe, bewirkte dennoch fast nichts. Vermutlich suchte er Deckung hinter diesem Ungetüm von Dreckschleuder.

Heidelberg blieb zurück, rechts die Hochhäuser Eppelheims, es ging weiter in Richtung Süden. Heidelberg, inzwischen und so überraschend schnell Heimat für mich geworden. Der Ort, wo ich zu Hause war, in Sicherheit. Seit ich in Durians Buch meinen Namen gelesen hatte, hatte das Wort Sicherheit einen fremden Klang für mich. Ein Wort, das man seit Ewigkeiten kennt und das einem mit einem Mal, vielleicht nachdem man es einige Male mit Bedacht ausgesprochen hat, fremd geworden ist.

»Sie müssen sie jetzt freilassen«, sagte ich eindringlich. »Ich habe meinen Teil der Abmachung erfüllt.«

»Nur Geduld, Herr Gerlach«, wiederholte Durian kalt. »Ich musste in den vergangenen Jahren auch viel Geduld haben.« In der Kunstledersitzbank des Lieferwagens klafften Risse, die Beifahrertür schloss nicht mehr richtig. Und es roch hier drin, als hätte man früher Tiere damit transportiert.

Plötzlich wurde mir klar, warum Durian meine Waffe in die linke Manteltasche gesteckt hatte: So konnte ich sie ihm nicht entreißen. Er musste monatelang über jedes Detail seines Plans nachgedacht haben.

»Sie hat Ihnen nichts getan!«, hörte ich mich rufen. »Sie hat nichts zu tun mit dieser Sache zwischen Ihnen und mir!«

Durian antwortete nicht. Er ignorierte mich einfach. Walldorfer Kreuz, Blinker nach rechts.

»Sie haben, was Sie wollen«, nahm ich einen neuen Anlauf, jetzt wieder ruhiger. »Töten Sie mich, in Gottes Namen, aber verschonen Sie sie!«

Nun waren wir auf der A6. Ludwigshafen, Mainz, Bingen, Koblenz – wo wollte er hin? Verhaftet wurde er damals im Pfälzer Wald, unweit von Bad Bergzabern. Sollte unsere Fahrt etwa dorthin gehen? Das würde passen. Durian hatte eine Ader fürs Theatralische, fürs Melodramatische. Und es würde bedeuten, dass ich noch mindestens eine Stunde zu leben hatte. Sechzig kostbare Minuten, in denen unendlich viel geschehen konnte.

Durian schwieg immer noch. Der Regen wurde allmählich schwächer.

»Woher wussten Sie, dass ich meine Dienstwaffe mitbringen würde?«

»Weil Sie ein Lügner sind«, erwiderte er knapp.

Wenn es mir nur gelingen würde, ihn in ein Gespräch zu verwickeln!

Nach quälend langen Minuten tauchte am Horizont die Rheinbrücke bei Speyer auf, über der Stadt ein blutroter Schein, als würde sie brennen. Die Silhouette des festlich angestrahlten uralten Doms mit seinen vier Türmen, der schon so unendlich viele kleine Menschenschicksale gesehen und wieder vergessen hatte. Festliche Taufen und stille Beerdigungen, Kaiser und Grafen und Bürgerliche. Glaube, Hoffnung, Verzweiflung und wieder neue Hoffnung. Wie schön musste es sein, glauben zu können. Der Trost, dass es nach dem Tod weiterging, besser vielleicht als zuvor.

»Glauben Sie an Gott?«, fragte Durian, als könne er Gedanken lesen.

»Kennen Sie die Kalendergeschichten von Brecht?«, fragte ich zurück.

Dieses Mal war sein Blick zu mir herüber deutlich länger.

»Natürlich kenne ich sie. Weshalb fragen Sie?«

»Eine davon hat mich so beeindruckt, dass ich sie bis heute nicht vergessen habe: Jemand fragt Herrn K., ob es einen Gott gibt. Herr K. antwortet sinngemäß ungefähr so: Überlegen Sie, ob sich Ihr Verhalten ändern würde, wenn es einen Gott gäbe. Lautet die Antwort ja, dann brauchen Sie einen Gott. Lautet sie nein, was soll dann die Frage?«

Wieder schwieg Durian lange. Aber etwas hatte sich verändert zwischen uns. Es war kein abweisendes Schweigen mehr, sondern ein nachdenkliches. Längst lag Speyer weit hinter uns. Jetzt waren wir auf der A68 in Richtung Süden. Vermutlich wollte er wirklich nach Bad Bergzabern. Dann blieb mir immer noch eine Dreiviertelstunde, um mein Leben zu reden.

Wie spät mochte es sein? Die Uhr am Armaturenbrett funktionierte nicht. Auf die an meinem Handgelenk wollte ich nicht sehen, um Durian nicht unnötig zu irritieren. In ihm nicht den Verdacht zu erwecken, ich warte auf etwas. Andererseits musste ihm natürlich klar sein, dass mein Verschwinden in Heidelberg nicht lange unbemerkt bleiben würde. Dass man dort in Kürze beginnen würde, nach mir zu suchen. Und nach Theresa natürlich auch. Was meine Untergebenen wohl dachten, über unser beider Verschwinden zur selben Zeit? Ob sie einen Zusammenhang herstellten, die richtigen Schlüsse zogen? Erst würden sie noch rätseln, aber bald würden die ersten Vermutungen laut werden. Erst noch zaghaft, halb im Spaß, dann plötzlich ernst. Wie es Liebekind wohl ging? Er wartete vielleicht immer noch auf die Punktierung seiner Lunge oder kannte längst ihr Ergebnis. Und seine Frau kam nicht, um sich mit ihm zu freuen oder ihn zu trösten.

Viel zu lange schon hatte ich mit Durian kein Wort mehr gewechselt, wurde mir plötzlich bewusst. Das war schlecht, sehr schlecht.

»Wann werden Sie sie freilassen?«, fragte ich.

Und erhielt keine Antwort.

Durian starrte auf die dunkle Straße und brütete über irgendwelchen finsteren Gedanken. Bei Edenkoben verließ er die Autobahn. Umfuhr den Ort in weitem Bogen, mied das Licht und die Menschen. Weiter ging es in Richtung Süden, dann plötzlich nach Westen. Es wurde bergig, einsam und gefährlich. Ich bemerkte, dass Durian jetzt immer öfter zu mir herübersah. Wir fuhren auch langsamer. Die Straße begann anzusteigen, er musste zurückschalten, wir wurden noch langsamer. Er verließ die Bundesstraße. Nach links, also wieder nach Süden. Es wurde immer wahrscheinlicher, dass er die Stelle im Wald suchte, wo er damals überwältigt und verhaftet wurde. Jetzt befanden wir uns auf einer kurvigen Nebenstraße, die wir fast für uns allein hatten. Nur selten kam uns ein Fahrzeug entgegen. Noch seltener wurden wir überholt. Ein rechteckiges blaues Schild kam in Sicht mit einem großen P darauf. Durian bremste, bog auf den Parkplatz.

Jetzt?

War es jetzt so weit?

Wir standen.

Durian sah nach vorn. Den Motor ließ er weiterlaufen, die Scheinwerfer blieben an. Er legte die Unterarme auf das Lenkrad, starrte mit verkniffener Miene in die Dunkelheit. Ich rührte mich nicht. Wagte kaum zu atmen.

Plötzlich ging ein Ruck durch ihn. Seine Hand fuhr in die rechte Manteltasche. Ich sah etwas blitzen im Zwielicht. Stahl in seiner Hand.

Jetzt!

Die Hand mit dem Messer stockte, bevor er es ganz aus der Tasche gezogen hatte. Sank zurück. Blieb lange in der Tasche. Schließlich ließ er los. Straffte sich.

»Geben Sie mir Ihr Handy«, sagte er rau. »Ich weiß, dass Ihre Kollegen es orten können.«

Was blieb mir übrig? Er nahm es, sagte sogar »danke«, schaltete es aus und steckte es in die Tasche zu dem Messer. Dann trat er das jämmerlich quietschende Kupplungspedal und legte den ersten Gang ein. Ein Ruck.

Wir fuhren wieder. Ich lebte noch.

Erneut Kurven, Steigungen, Gefälle. Manchmal ein Dorf, das, obwohl immer noch früher Abend war, ausgestorben wirkte. Irgendwann tauchte ein großes gelbes Schild im wackeligen Scheinwerferlicht auf. Die B427. Links ging es nach Bad Bergzabern, rechts tiefer in den Pfälzer Wald hinein. Durian fuhr geradeaus, in Richtung Frankreich. Ich atmete auf, als hätte ich schon gewonnen. Erlenbach, Niederschlettenbach, Bundenthal, Rumbach. Dörfer, deren Namen ich noch nie gehört hatte.

Wieder wurde der Lieferwagen langsamer. Wieder suchte Durian offensichtlich eine Möglichkeit zum Anhalten. Eine kleine Ausbuchtung kam in Sicht. Er bremste scharf, kam sogar ein wenig ins Rutschen. Dann standen wir.

Er wandte sich mir zu. »Drehen Sie mir den Rücken zu«, sagte er tonlos. »Sehen Sie aus dem Seitenfenster.«

Nun war es also so weit.

»Da gibt es aber nichts zu sehen!«, quetschte ich heraus, und es klang nicht annähernd so souverän, wie ich es mir gewünscht hatte.

Ich hörte Stoff rascheln. Spürte die Bewegung hinter mir. Presste die Augen zu, die Lippen zusammen. Ich wollte wenigstens sterben wie ein Mann. Ich wollte wenigstens nicht schreien.

Theresa, dachte ich, schade …