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Es war vollkommen dunkel und mörderisch kalt und betäubend laut. Die Welt bebte und dröhnte, schaukelte und krachte, dass mir schier der Kopf explodierte. Ich konnte mich nicht bewegen und kaum atmen. Meine Kopfschmerzen waren das Zentrum eines giftgelb glühenden Sonnensystems, weit, weit entfernt von unserer guten, warmen Erde.

Mir war übel. Rasend übel. Jeder einzelne Teil meines Körpers schien aus Schmerzen zu bestehen.

Und mir war so unvorstellbar kalt.

Immer noch war es dunkel. Ich musste wieder das Bewusstsein verloren haben. Vielleicht nur für Minuten. Oder Stunden? Tage? Immerhin war mir nicht mehr gar so übel. Auch die Kopfschmerzen schienen nachgelassen zu haben. Ich versuchte, mich zu bewegen, stieß in jeder Richtung auf harten Widerstand. Anscheinend befand ich mich in einer Art länglicher Kiste. Meine Hände waren auf dem Rücken zusammengebunden. Auch die Füße waren gefesselt. Die Luft schien kaum noch Sauerstoff zu enthalten.

Jetzt erst wurde mir bewusst, dass es still war.

Es war vollkommen still!

Sollte Durian mich …?

Ich hielt den Atem an, lauschte. Aber da war nichts zu hören als Rauschen in meinen Ohren und das Poltern meines Pulses. Das Atmen fiel so verteufelt schwer in der engen Kiste. Aber von irgendwoher schien doch ein wenig frische Luft zu kommen. Nicht viel, aber vielleicht genug zum Überleben. Hoffentlich genug zum Überleben.

Durian hatte mich nicht erstochen, sondern vermutlich bewusstlos geschlagen. Aus irgendeinem Grund war er der Ansicht gewesen, mich für eine Weile ruhigstellen zu müssen. Dann hatte er mich gefesselt und in diese Kiste gesperrt. Was hatte er mit mir vor?

Ich befahl mir, mich zu entspannen, ruhig zu atmen, suchte eine möglichst bequeme Lage. Die Fesseln an meinen Händen waren eng. Zu eng. An den Füßen, da ging es.

Geräusche! Stimmen, Schritte, sehr gedämpft, sehr weit weg. Aber sie kamen näher. Jetzt erst wurde mir bewusst, dass meine Kiste hin und wieder ein wenig schaukelte. Ich meinte auch, Windgeräusche zu hören. Sollte sich mein Sarg etwa in Durians Lieferwagen befinden? Hatte er mich also nicht lebendig begraben? Plötzlich schien das Atmen leichter zu fallen.

Theresa! Hoffentlich hatte Durian Wort gehalten. Hoffentlich hatte er dafür gesorgt, dass sie rechtzeitig gefunden wurde. Vermutlich lag sie in einer ähnlichen Kiste wie ich selbst. Wo steckte dieser Wahnsinnige überhaupt? Alleingelassen würde ich früher oder später unweigerlich sterben. Falls die Schritte draußen noch näher kamen, könnte ich vielleicht schreien, um Hilfe rufen …

Konnte ich?

Ich versuchte, ob meine Stimme funktionierte.

Ich bekam die Lippen nicht auseinander.

Er hatte an alles gedacht, der Schweinehund.

So blieb mir nur, still zu liegen und zu hoffen, dass mein Mörder irgendwann zurückkehrte, damit ich eine Chance hatte zu überleben.

Theresa. Schreckliche Bilder zuckten durch meinen Kopf. Bilder von zu spät gefundenen Entführungsopfern. Menschen, deren letzte Stunden ein Martyrium gewesen sein mussten. Menschen, die mitten in ihrem Kot verdurstet waren. Oder erstickt, weil Laub das einzige Luftloch verstopfte, das ihr Peiniger ihnen gegönnt hatte.

Ich musste das abstellen. Ich durfte jetzt nicht an so etwas denken. Ruhig bleiben. Keine Panik jetzt, nur keine Panik!

Durian war kein Perverser. Keines seiner Opfer hatte er bisher gequält. Bestimmt würde er Theresa retten. Vielleicht war sie längst wieder zu Hause oder saß im Krankenhaus, am Bett ihres Mannes, und sie tranken Sekt auf die gute Diagnose. Es passte einfach nicht in Durians Konzept, einen Menschen zu töten, der in seinen Augen unschuldig war. Das wäre ungerecht, und Gerechtigkeit war ja angeblich das, worum es ihm ging.

Wieder ein Geräusch! Erst nur eine Ahnung, dann erkannte ich es: ein Brummen. Und es kam rasch näher. Ein Lkw oder ein Bus dröhnte nah an meinem Verlies vorbei. So nah, dass meine Kiste ein wenig ins Schaukeln geriet. Mein Gefängnis befand sich also wirklich im Lieferwagen. Langsam entfernte sich das Geräusch. Es musste eine einsame Stelle sein, wo wir parkten.

Oder war Nacht und deshalb so wenig Verkehr?

Wieder Schritte, sie kamen rasch näher. Ein Schlüssel in einer Tür. Der Motor sprang an. Wir fuhren weiter, und die Schaukelei wurde bald ungemütlich. Die Verkehrsgeräusche nahmen zu, wir schienen uns belebtem Gebiet zu nähern.

Durian musste mehrfach halten, vielleicht an Kreuzungen, Ampeln.

Einmal, als wir wieder für längere Zeit standen, hörte ich erneut Stimmen. Ein Kind lachte. Eine gut gelaunte Frau sagte etwas. Das Kind antwortete aufgeregt und lachte wieder.

Das war kein Deutsch.

»Oui«, meinte ich einmal zu verstehen, und: »Ma petite Claire.«

Ein Mädchen. Es hieß Claire. Wir waren in Frankreich. Oder in Belgien? Hatte Durian mich deshalb in die Kiste gesperrt, damit er bei einer zufälligen Grenzkontrolle, die es ja trotz Schengener Abkommen immer noch gab, nicht entdeckt wurde?

Wenn es uns schlecht geht, dann ist der Schlaf oft die größte Gnade. In meiner Situation war er das in ganz besonderem Maße. Als ich das nächste Mal erwachte, tat alles weh. Aber mein Kopf schien klarer zu sein. Und ich sah Licht! Winzige Spuren von Licht schimmerten durch die Ritzen zwischen Sarg und Deckel. Wieder war es still. Wieder schienen wir irgendwo zu halten. Der Diesel war aus.

Etwas knackte in nächster Nähe. Ich erschrak, als der Deckel angehoben wurde. Durian sah auf mich herab wie ein Arzt auf einen Patienten, der ihm ernste Sorgen macht.

»Sie werden vernünftig sein?« Es klang fast mitfühlend, wie er das fragte. »Es gäbe Frühstück. Aber nur, wenn Sie versprechen, keine Heldentaten zu versuchen. Hier gibt es weder Helden noch Sieger. Hier gibt es nur Opfer.«

Ich nickte. Jede weitere Minute war eine Chance mehr. Eine unendlich winzige nur, aber eine Chance. Wir konnten gefunden werden, auch im Ausland. Vielleicht hatte eine gute Seele in Leutershausen den Lieferwagen beobachtet, sich das Kennzeichen gemerkt. Bestimmt hatten Balke und Vangelis mein Handy bis zu der Stelle orten können, wo Durian es ausgeschaltet hatte, und da lag die Vermutung ja nicht fern, dass er mit mir nach Frankreich wollte. Vielleicht waren wir längst umzingelt von Polizei, und meine Kollegen warteten nur noch auf den günstigen Moment?

Durian half mir sogar auf. Der schwere Deckel krachte von selbst auf die Kiste zurück. Ich konnte nicht stehen und fiel rückwärts. Saß unvermittelt auf meinem Gefängnis. Eine längliche Truhe aus grob bearbeitetem und unlackiertem Holz, die früher vielleicht einmal das Werkzeug von Bauarbeitern enthalten hatte. Ich war von oben bis unten voller Staub und Spinnweben. Meine Hände waren immer noch auf dem Rücken gefesselt. Wo war mein Mantel geblieben?

Durians Lieferwagen war in Wirklichkeit ein spartanisches Wohnmobil. Da war sogar ein Klappstuhl für ihn, eine pralle Luftmatratze, die jetzt an der gegenüberliegenden Wand lehnte, eine umgedrehte Holzkiste, die als Tisch diente und auf der allerhand Essbares lag. Der Raum, in dem wir uns befanden, war fensterlos, knapp zwei Meter breit, vier bis fünf Meter lang und so hoch, dass ein Mann gerade eben aufrecht stehen konnte. Rechts von mir befand sich das Heck mit einer zweiflügligen blechernen Tür. An der Decke baumelte ein Glühbirnchen und spendete trübes Licht.

Am Hinterkopf fühlte ich eine mächtige Beule. Durian hatte mich wirklich bewusstlos geschlagen. Vermutlich mit dem Knauf meiner eigenen Pistole. Hatte er nicht etwas von Frühstück gesagt? Dann war wohl Morgen.

Alles, alles tat weh, jeder Muskel meines Körpers schien verkrampft zu sein, jede Hautstelle ein Bluterguss.

Plötzlich hielt Durian wieder sein Messer in der Hand. Höflich bat er mich, ihm wieder den Rücken zuzuwenden, und noch bevor ich wieder Angst haben konnte, gab es einen Ruck, und meine Hände waren frei.

»Die Beine lassen wir erst einmal, wie sie sind«, meinte er mit leisem Lächeln und steckte das Messer in die Manteltasche zurück. »Wenn Sie bitte erlauben …«

Er langte mir ins Gesicht, ein Ruck, ein Schmerz, ich konnte meinen Mund wieder öffnen, atmen, tief atmen, welches Glück! Ich massierte meine Handgelenke, bewegte die Finger. Fühlte sie nicht. Das waren die Hände eines anderen, die sich vor mir bewegten. Nur sehr allmählich begann das Blut wieder zu fließen, das Gefühl zurückzukehren. Meine Zähne klapperten vor Kälte. An so etwas wie eine Heizung hatte Durian offenbar nicht gedacht. Er selbst hatte vermutlich in dem molligen Daunenschlafsack geschlafen, der jetzt zusammengerollt in der Ecke lag. Gegen die Kälte trug er mehrere Pullover übereinander und darüber immer noch seinen lappigen grauen Mantel. Seine Füße steckten in dick gefütterten Schneestiefeln, auf dem Kopf trug er eine kindisch bunte Pudelmütze.