Mein Sarg war zu einer primitiven und alles andere als bequemen Sitzgelegenheit geworden. Durian wies mit einer linkischen Geste auf eine Stelle links neben mir.
»Dort liegen Decken«, sagte er. »Falls Ihnen kalt ist.«
Es waren drei Decken. Ich wickelte alle um mich. Wärmer wurde mir dadurch nicht. Nach wie vor zitterte ich am ganzen Körper. Ich musste meine Zähne fest zusammenbeißen, damit sie nicht aufeinanderschlugen.
»Was ist nun mit Frau Liebekind?«, presste ich hervor. Wie sich das anhörte, wenn ich meine Theresa Frau Liebekind nannte!
Er hob die Achseln, lächelte breit und fies. Wie schon gestern zuckte hin und wieder sein rechtes Augenlid. Seine Brillengläser waren fettig und gehörten dringend geputzt.
»Sie haben eine schöne Geliebte, Herr Gerlach«, sagte er immer noch grinsend. »Mein Kompliment.«
Es gelang mir, ruhig zu bleiben. Nicht loszubrüllen. Mich nicht auf ihn zu stürzen. Auf dem provisorischem Tisch lagen Papiertüten mit französischer Beschriftung. Daneben ein Baguette, nur in der Mitte mit einer weißen Papierserviette umwickelt. Auf einem Campingkocher summte ein Topf mit Wasser.
»Kaffee oder Tee?« Fast hätte ich bei Durians offenbar ernst gemeinter Frage aufgelacht. »Der Kaffee wird allerdings nicht besonders sein, ich muss Sie warnen. Ich selbst bevorzuge Tee.«
Jetzt? Ich hatte die Hände frei. Er war abgelenkt, mit seinem Wasserkocher beschäftigt. Obwohl meine Füße noch zusammengebunden waren, hätte ich mich auf ihn stürzen können. Andererseits – er war bewaffnet. In seiner einen Manteltasche steckte meine Dienstwaffe, in der anderen das Messer. Das Messer, mit dem er bereits drei Menschen getötet hatte. Ich beschloss, mich erst einmal ruhig und kooperativ zu verhalten. Ich musste Kräfte sammeln, auf die richtige Gelegenheit warten. Ich war noch nicht wieder in der Verfassung für einen Kampf. Und ich brauchte Zeit, um die Lücke in seinem Plan zu entdecken. Den Fehler, der mich hoffentlich überleben ließ.
Offenbar hatte er nicht vor, mich demnächst zu töten. Er machte ja sogar Frühstück für mich. Das Weißbrot duftete.
»Tee oder Kaffee?«, wiederholte Durian seine Frage ungeduldig.
»Kaffee.«
Folgsam brühte er einen Schnellkaffee auf. Vermutlich eine bittere Plörre, aber sie roch göttlich. Ich war hungrig, wurde mir bewusst. Meine Zunge klebte am trockenen Gaumen. Hunger war gut, denn ich musste essen. Ich musste bei Kräften bleiben. Aber nicht zu schnell. Nicht zu auffällig. Nichts überstürzen jetzt, bloß nichts überstürzen.
»Was ist mit ihr?«, fragte ich wieder, als er auf seinem Klappstuhl saß und das Baguette mit nervösen Bewegungen in große Stücke mehr riss als schnitt.
»Das ist ein Punkt, über den ich vorerst schweigen möchte.«
Ungeschickt strich er Butter auf ein Stück Brot, das er der Länge nach aufgebrochen hatte. Das Messer schien vollkommen stumpf zu sein. Blechbesteck, wie es in Kantinen benutzt wird.
Ich schluckte eine scharfe Antwort hinunter. Er war zurzeit der Boss. Es hatte keinen Sinn, ihn zu verärgern. Jetzt gab es erst einmal Frühstück, und später würde man sehen. Jede Minute, die mir blieb, war eine Minute für mich. Eine Chance, den entscheidenden Fehler in seinem Plan zu finden.
»Das heißt, sie ist immer noch eingesperrt?«, bohrte ich weiter, als wir beide satt und auf merkwürdige Weise entspannt nebeneinandersaßen und ich die letzten Schlucke des nicht einmal so üblen Kaffees schlürfte. »Das ist gegen unsere Abmachung!«
Allmählich wurde mir wärmer. Das Zittern war fast verschwunden, und ich konnte den Mund öffnen, ohne dass meine Zähne sofort zu klappern begannen.
»Es gibt Momente im Leben, da müssen wir alle Opfer bringen«, erwiderte Durian ernst.
»Was heißt das?«, brauste ich auf, mäßigte aber sofort wieder meine Stimme. »Sie haben Ihr Wort nicht gehalten? Sie haben gelogen?«
»Ich lüge niemals«, versetzte er und sah mich wieder mit seinem Ärzteblick an. »Bleiben Sie bitte ruhig.« Das Augenlid hinter dem schmutzigen Brillenglas zuckte. »Es ist niemandem geholfen, wenn wir uns anschreien. Am allerwenigsten Ihrer Geliebten. Ob sie lebt oder nicht, ändert nichts an Ihrer Situation.«
»Oh doch, das tut es«, keuchte ich. »Wenn sie tot ist, dann …«
»Was dann?«, fragte er kalt. »Sie werden in Kürze sterben, Herr Gerlach. Es gibt kein ›dann‹ mehr für Sie. Wir werden gemeinsam sterben, falls das ein Trost für Sie ist.«
»Wann?«
»Sie hat nichts mit der Sache zwischen Ihnen und mir zu tun! Sie ist unschuldig! Verstehen Sie das Wort: un-schul-dig?«
Er atmete tief ein und betrachtete eine Weile nachdenklich seinen leeren Teebecher. Schließlich sagte er: »Ihre Geliebte wird überleben, wenn alles nach meinem Plan verläuft. Falls Sie irgendetwas versuchen, etwas Unvernünftiges, Unüberlegtes, dann kann ich für nichts garantieren.« Jetzt sah er mir wieder ins Gesicht. »Die ersten drei Menschen auf meiner Liste wussten nichts von mir. Sie hatten mich ins Unglück gestürzt und meinen Namen schon am nächsten Tag vergessen. Bei Ihnen wird es anders sein. Sie, Herr Gerlach, haben mich nicht nur ins Unglück gestürzt, Sie haben mich getötet. Und deshalb muss Ihre Strafe härter ausfallen. Viel härter.«
»Wie Sie hier sitzen und Tee trinken, wirken Sie eigentlich ganz lebendig.«
»Sie wollen mich nicht verstehen.« Er lächelte traurig. »Was Sie hier sehen, das bin ja nicht ich. Das sind meine kläglichen Überreste. Das, was nach acht Jahren Hölle von mir übrig blieb. Michael Durian ist in den ersten vier Wochen hinter vergitterten Fenstern und Stahltüren gestorben. Und Sie …«, plötzlich war sein Blick wieder ausdruckslos und kalt, »… Sie sind sein Mörder.«
Ich rieb mir das Gesicht. Fühlte, dass ich eine Rasur nötig hatte.
»Sehen Sie, Herr Gerlach«, fuhr Durian fort, nachdem er einige Sekunden geschwiegen hatte, »ich habe durch Sie acht Jahre Verzweiflung ertragen müssen. Ein schneller Tod, wie bei den anderen, ist für Sie deshalb nicht angemessen. Aber Sie werden nicht acht Jahre leiden müssen. Sie werden diese bodenlose Leere, die Unendlichkeit der Zeit nicht erleben müssen, die zu nichts, nichts, nichts nütze ist. Die Enge, mit einem fremden Menschen zusammen, Stunde um Stunde, Tag um Tag. Aber eine kleine Kostprobe davon sollen Sie bekommen.«
»Ich habe keine Lust, mit Ihnen über unser Strafrecht zu philosophieren, obwohl ich Ihnen manches zu diesem Punkt sagen könnte. Jedenfalls sind Sie nicht auf Grund eines Justizirrtums eingesperrt worden.«
»Philosophieren Sie nur. Es ist mein Wunsch, dass Sie verstehen. Dass Sie begreifen, warum ich tun muss, was ich tue. Und noch haben wir ja Zeit.«
Er lächelte. Mein Mörder lächelte mich tatsächlich an.
»Könnten wir vielleicht die Tür ein wenig …?« Ich wies mit dem Kopf nach rechts. »Man erstickt ja hier drin.«
»Leider nein.« Ernst schüttelte er den schmalen Kopf. »Sie könnten auf dumme Gedanken kommen. Jemand könnte Sie sehen und die falschen Schlüsse ziehen, obwohl es hier sehr einsam ist. Ich kann vorne ein Fenster öffnen, wenn Sie versprechen, sich ruhig zu verhalten. Obwohl Sie ohnehin niemand hören würde.«
Er ging nach vorn, musste zu diesem Zweck einen speckigen Vorhang zur Seite schieben, blendende Helligkeit flutete herein. Nach Sekunden kam er zurück, und tatsächlich schien mit ihm frische Luft hereinzuströmen. Den Vorhang ließ er einen Spalt offen.
»Später, wenn Sie gezeigt haben, dass Sie vernünftig sind, können wir auch über bequemere Lösungen nachdenken«, sagte er, als sei ihm die Situation peinlich. »Aber im Moment, Sie werden verstehen …«
Sogar an eine Toilette hatte er gedacht. In der Ecke neben den Türen stand ein hellblaues Camping-Plumpsklo, und leider verspürte ich bei seinem Anblick sofort den unwiderstehlichen Drang, es zu benutzen. Durian bemerkte meinen Blick und erhob sich.
»Ich lasse Sie allein«, sagte er und verschwand wieder nach vorne. Ich hörte, wie er ausstieg, fühlte wieder das Schwanken des Wagens.
Es kostete mich eine Menge Überwindung, die Hose herunterzulassen und zu tun, was unvermeidlich war. Es war peinlich, ekelerregend, zutiefst entwürdigend.
Neben dem Klo entdeckte ich meinen Mantel am staubigen Blechboden. Die Taschen waren leer. Wo der Dreckskerl wohl mein Handy versteckt hatte?
»Ein nicht zu verachtender Unterschied zum Leben in einer Zelle«, sagte Durian, als er vielleicht zehn, vielleicht zwanzig Minuten später zurückkam. »Dort sind Sie niemals allein. Nicht einmal, wenn Sie Ihre urmenschlichsten Bedürfnisse verrichten.«
Er wirkte wacher als vorhin, energischer. Seine Gesichtsfarbe war frischer. Der Morgenspaziergang schien ihm gutgetan zu haben. Er roch, als hätte er draußen geraucht.
Hier drin würde es bald stinken wie in einem Viehstall. Falls es das nicht längst tat. Ich erinnerte mich an den muffigen Geruch, der mir gleich zu Beginn in die Nase gestiegen war. Vermutlich hauste Durian schon längere Zeit in seinem schäbigen Wohnmobil. Keine schlechte Taktik übrigens, wenn man sich verstecken muss.
Längst saß ich wieder auf meiner Kiste, in meine Decken gewickelt, war immer noch benommen und schon wieder erschöpft. Sollte er mir etwas in den Kaffee getan haben? Durian räumte auf, faltete die leeren Tüten sorgfältig zusammen, wischte Krümel mit der Hand zusammen, warf sie vorne aus dem Fenster.
Dann fuhren wir weiter.