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Durian hatte darauf verzichtet, mich wieder in den Sarg zu sperren. Ich hockte darauf, die Hände frei, die Beine gefesselt mit Nylonkabelbindern, die sich ohne scharfes Werkzeug nicht zerstören ließen, wurde hin und her geschaukelt und dachte lange Zeit nichts. Das Licht hatte er ausgeschaltet, den Vorhang im Durchgang zur Fahrerkabine jedoch ein wenig offen gelassen, sodass es nicht völlig dunkel war. Mit einem Mal spürte ich Dankbarkeit in mir. Dankbarkeit für diese Freundlichkeit, die Rücksichtnahme, das kleine Zeichen von Zuneigung, das er mir schenkte. Er hätte mich ja ebenso gut hungern lassen können. Mich zwingen, ihm zuzusehen, wie er sich den Bauch vollschlug, mich anschließend wieder in meine enge Kiste zwingen. All das hatte er nicht getan. Vielleicht begann er sogar, mich ein wenig zu mögen? Zu verstehen? Vielleicht gelang es mir, ihn von seinem irrsinnigen Plan abzubringen, wenn ich gleichfalls freundlich zu ihm war, nett und fügsam?

Oder waren das bereits die ersten Anzeichen eines beginnenden Stockholm-Syndroms? Kurz wurde mir bewusst, dass ich nicht angeschnallt war, was im Fall eines Unfalls gefährlich war, und um ein Haar hätte ich gelacht. Ich versuchte, mich zu konzentrieren, und plötzlich ging es überraschend leicht.

Im Grunde gab es nur zwei denkbare Auswege, sollte von außen keine Hilfe kommen: Ich konnte versuchen, zu fliehen oder Durian zu überwältigen.

Fliehen war nicht leicht. Die Griffe an den hinteren Türen fehlten auf der Innenseite, das hatte ich längst gesehen. Die ließen sich nur mit Hilfe einer kräftigen Zange öffnen, wenn überhaupt. Nach vorne musste ich an Durian vorbei, und das würde nicht ohne Kampf abgehen. Er war bewaffnet. Er war skrupellos. Und ein dritter Ausgang existierte nicht. Ohnehin musste ich zuallererst die Fesseln an meinen Beinen loswerden. Vielleicht konnte ich ihm irgendwann sein Messer entreißen? Oder die Pistole, und ihn zwingen, die Kabelbinder durchzuschneiden?

Von vorne hörte ich leise Radiostimmen. Wieder war es Französisch. Nach der Menge der Kurven und Steigungen zu schließen, fuhren wir durch ein Gebirge. Vermutlich befanden wir uns in einer gottverlassenen Ecke der Vogesen. Die Vogesen sind anders als der Schwarzwald. Schroffer, unzugänglicher, einsamer. Sehr viel einsamer. Aber schön war es dort. Man konnte tagelang wandern, ohne einen einzigen Menschen …

Konzentrieren, konzentrieren!, ermahnte ich mich.

Ich rutschte von der Kiste, kroch am Boden herum in der unsinnigen Hoffnung, vielleicht eine Luke zu finden. Natürlich fand ich nichts. So etwas gibt es nur in Filmen, damit der Held herein-oder hinauskommt, je nach Drehbuch. Im wirklichen Leben ist es sehr viel einfacher, sehr viel grausamer: Es gibt keine übersehenen Luken, keine unsichtbaren Türen. Man sitzt fest, und man wird sterben, und das ist alles.

Der Boden bestand aus dickem, gewelltem Blech, dem auf weiten Flächen der Lack fehlte. Der Lieferwagen war wirklich schon sehr alt und abgenutzt.

Die Bremsen quietschten, die Räder rumpelten, der Motor erstarb.

Ich sah zu, dass ich wieder auf meine Kiste kam.

Der Vorhang wurde zur Seite geschoben, Durian streckte seinen Kopf herein.

»Ich brauche ein wenig frische Luft«, erklärte er. »Die Fahrerei macht einen ganz benommen.«

Jetzt hieß es, leise sein. Das Auto durfte auf keinen Fall schwanken. Sobald ich seine Schritte nicht mehr hörte, krabbelte ich zum Vorhang, spähte durch die Ritze. Das Licht blendete mich, und es dauerte einige Zeit, bis ich etwas erkennen konnte.

Der Lieferwagen war wirklich eine Schrottkarre. Nach dem Anblick, der sich mir bot, hatte er früher vielleicht einer Gipserfirma gehört. Das trostlos schmutzige Radio war noch an. Zwei gut gelaunte Franzosen plauderten in einem Tempo, dass ich kaum etwas verstand. Offenbar ging es wieder einmal um die Frage, wo man heute sein Geld noch zugleich sicher und gewinnbringend anlegen konnte.

Wenn ich versuchte, an eine der Türen zu gelangen? Das wäre eigentlich kein Problem, würde jedoch nichts helfen, solange meine Beine gefesselt waren und ich mich nur auf allen Vieren fortbewegen konnte.

Außerdem war da ja immer noch Theresa …

Das Radio konnte ich erreichen, ohne mich allzu weit aus der Deckung zu wagen. Ich streckte die Hand aus, suchte einen anderen Sender in der Hoffnung auf irgendeinen Hinweis darauf, wo wir uns befanden. Aber entweder taugte das Radio nichts, oder in der bergigen, bewaldeten Landschaft, die ich durch die Windschutzscheibe erblickte, war nur dieser eine Sender zu empfangen. Eben begannen die Nachrichten, es war zehn Uhr. Jetzt verstand ich mehr. Die Exporte Frankreichs waren um weitere fünf Prozent eingebrochen, die Inflation lag inzwischen bei null. Vor Indien waren dreihundert Menschen ertrunken, als eine überladene Fähre im Sturm kenterte. Der amerikanische Präsident suchte wieder einmal das Gespräch mit Nordkorea. Von einem entführten deutschen Kripobeamten oder der vermissten Frau seines Chefs kein Wort. Dann kam der Wetterbericht. Es sollte sonnig werden und wärmer. Der Frühling kam. Nur die Nächte, die würden noch für eine Weile kalt bleiben.

Ich wagte mich ein wenig weiter vor, erreichte das Handschuhfach. Der Deckel klappte auf, ich sah meine Brille, die Armbanduhr und – das Handy! Es gelang mir, es in die Hand zu bekommen, ohne dass er mich von außen sehen konnte, auf dem Beifahrersitz liegend schaltete ich es an. Das Display wurde hell. Wie ewig das immer dauerte. Der PIN-Code. Natürlich musste ich mich vertippen in der Eile. Noch ein Versuch, dann eine zweite Ewigkeit, Netzsuche – kein Empfang. Ich ließ es eingeschaltet und legte es unter den Beifahrersitz in der Hoffnung, dass Durian irgendwann wieder in eine Gegend fahren werde, wo Handys Empfang hatten. Hoffentlich war der Akku bis dahin nicht leer. Hoffentlich kamen meine Kollegen in Heidelberg auf die Idee, mein Handy orten zu lassen …

Als Durian von seinem Morgenspaziergang zurückkehrte, saß ich längst wieder an meinem Platz und überlegte weiter, wie ich diese verfluchten Fesseln an meinen Knöcheln loswerden konnte.

Die Frühstücksutensilien hatte Durian zusammen mit allem anderen in einer abgewetzten rosafarbenen Sporttasche verstaut, die in einer Ecke stand. Aber das Messer war so stumpf gewesen, dass er kaum das Brot damit hatte schneiden können.

Er sah kurz zu mir herein, nickte zerstreut, zog den Vorhang ganz zu. Nun saß ich im Dunkeln. Durian rumorte vorne herum, sprach manchmal mit sich selbst, kommentierte Dinge, die er im Radio hörte. Später stieg er wieder aus. Kurz darauf knallten draußen zwei Schüsse, und ich saß senkrecht auf meiner harten Kiste.

Kam endlich Rettung?

Aber nein, nichts geschah. Durian stieg wieder ein, blieb vorne, hörte Radio und rauchte. Vermutlich hatte er nur meine Pistole ausprobiert. Wie kam es eigentlich, dass er damit umgehen konnte? Schon damals in der Bank hatte er geschossen, auf die Glastür.

Irgendwann, nach Stunden, sprang der Diesel wieder an. Draußen schien es allmählich dunkel zu werden. Aber das war doch unmöglich! Hatten wir nicht eben erst gefrühstückt? Nein, das war wohl schon eine Weile her. Ich war schon wieder hungrig.

Die Straße, die wir fuhren, war schlecht und kurvig und einsam. Anderen Verkehr schien es nicht zu geben.

Flucht war unmöglich, hatte ich inzwischen begriffen. Also musste ich Durian überwältigen, kampfunfähig machen. Ihn zwingen, mir Theresas Versteck zu verraten. Angesichts seiner Körpergröße und Verfassung dürfte das nicht allzu schwierig sein. Aber ich musste die Sache sehr gut vorbereiten. Ich hatte nur einen Versuch.

Sollte ich vielleicht jetzt, während der Fahrt …? Unsinn! Unsinn! Wir würden von der Straße abkommen, einen Abhang hinabstürzen. Vielleicht, wenn es wieder einmal einen Berg hinaufging und er langsam fahren musste? Nein. Meine einzige Option hieß, so lange am Leben zu bleiben, bis sich mir eine Chance bot. Eine echte Chance.