In der Nacht schlief ich so gut wie gar nicht.
Durian hatte mir erlaubt, nicht in der Kiste, sondern darauf zu liegen. Aber die Fläche war zu schmal, zu hart. Ständig verrutschten meine Decken, verknäulten sich, wollten einfach nicht wärmen. Bald tat mir wieder jeder einzelne Muskel weh. Durch meinen Kopf wirbelten unentwegt Gedanken. Was würde ich tun, wäre ich an Balkes und Vangelis’ Stelle? Wie würde ich Durians Überwältigung organisieren? Den Lieferwagen stoppen, auf die Gefahr hin, dass er die Nerven verlor? Oder warten, bis sich eine günstige Gelegenheit zum Zugriff bot? Wenn er sich wieder einmal draußen die Beine vertrat, rauchte oder Schießübungen machte? Früher oder später würden sie uns aufspüren, so viel war sicher.
Die Frage war: Würde ich dann noch leben?
Und war das wirklich so sicher?
Durians Plan war so einfach wie schlau. Wer würde ihn und mich in einem harmlosen Lieferwagen vermuten, der durch irgendeine gottverlassene Gegend Ostfrankreichs kurvte? Durian achtete sicherlich darauf, keine Geschwindigkeitsbegrenzung zu übertreten, nicht mehr Menschen zu begegnen als unvermeidlich. Er hatte sein Aussehen so sehr verändert, dass nicht einmal seine Frau ihn ohne Weiteres erkannt hätte.
Ich versuchte, mich an die Minuten zu erinnern von Durians Anruf bis zu dem Moment, als ich in seinen Wagen kletterte. Hatte mich jemand gesehen? War mir jemand begegnet auf dem Weg dorthin? Der Dicke in der Straßenbahn, der mein Gesicht aus dem Fernsehen kannte. Mehr fiel mir nicht ein. Es war dunkel gewesen, es hatte geregnet. Der Dicke war also Vangelis’ einziger Zeuge. Und mein Handy natürlich, das hoffentlich noch Strom hatte. Damit ließ sich doch etwas anfangen. Das war doch eine Spur.
Aber nein, Frankreich ist groß, und es war alles andere als sicher, dass sie mich rechtzeitig fanden. Es hatte mehr als genug Fälle gegeben, wo man das Opfer einer Entführung erst nach Monaten oder Jahren fand. Und am Ende noch Mühe hatte, seine sterblichen Überreste zu identifizieren.
Im Gegensatz zu mir schlief Durian in seinem gemütlichen Schlafsack, auf einer weichen Luftmatratze. Hin und wieder schnarchte er. Manchmal machte er schmatzende Geräusche, wälzte sich im Schlaf, murmelte Worte, die ich nicht verstand.
Mein linker Arm war eingeschlafen. Mühsam drehte ich mich auf die andere Seite, worauf innerhalb von Minuten der andere Arm einschlief, während der linke zu jucken begann, als gingen alle Ameisen dieser Welt darauf spazieren. Es kam der Punkt, wo ich schreien wollte, um mich schlagen, Durian würgen und schütteln. Schließlich setzte ich mich auf, starrte Ewigkeiten in die undurchdringliche Dunkelheit.
»Sehen Sie?«, hörte ich plötzlich Durians Stimme. »Jetzt bekommen Sie eine ungefähre Vorstellung davon, wie sich das Leben in einer Zelle anfühlt. Einer schnarcht, und der andere liegt wach und grübelt. Nacht um Nacht, Woche um Woche, Jahr für Jahr. Irgendwann verlieren Sie den Überblick, wissen Sie nicht mehr, sind es zwei Jahre oder drei oder fünf.«
Mein Mund war trocken. Ich hätte alles Mögliche für einen Schluck Wasser gegeben. Wie spät mochte es sein? Drei Uhr? Vier? Ich hatte nicht erst nach Jahren, sondern bereits nach Stunden das Zeitgefühl verloren.
Draußen war es vollkommen still. Nicht einmal die Bäume rauschten mehr.
Ich musste im Sitzen eingenickt sein. Immer noch war mir kalt, trotz der Decken. Durch die Ritzen der Hecktür schimmerte ein erster Hauch von Licht. Durian schnarchte wieder. Jetzt wäre eine gute Gelegenheit gewesen, ihn zu überwältigen. Bis er zu sich kam, hätte ich ihm längst die Pistole entrissen, das Messer …
Nein, es war zu dunkel. Noch war es zu dunkel.
Sollte ich mich freiwillig in die verfluchte Kiste legen, nur um nicht zu erfrieren? Dann doch lieber frieren. Ich zog die Beine hoch, schlang die Arme um die Unterschenkel, zupfte die Decken zurecht, machte mich klein. Als ich mich zurücklehnte, stellte ich fest, dass das Blech in meinem Rücken nass war vom Schweiß und kondensierten Atem zweier Männer und von der Kocherei.
Durian schmatzte und murmelte wieder. Einmal klang es, als würde er um sich schlagen. Draußen war immer noch alles still. Was hätte ich gegeben für den Klang einer fernen Kirchturmuhr, für ein Kinderlachen, ein Männerfluchen, für irgendein Zeichen, dass es dort draußen Menschen gab!
Ich schrak hoch. Wieder musste ich eingenickt sein. Etwas raschelte in nächster Nähe. Gelenke knackten, dann ertönte ein tiefer Seufzer.
»Guten Morgen«, sagte Durian und hustete. Er schaltete das Licht ein, und das ganze Elend war wieder da.
»Sparen Sie sich Ihre blöden Witze!«, fuhr ich ihn an.
»So üble Laune schon am frühen Morgen?«, fragte er gutmütig lächelnd. »Sollten wir etwa nicht gut geschlafen haben?«
»Was denken Sie denn, Sie …?«
»Ich habe ganz vorzüglich geschlafen«, stellte er zufrieden fest und reckte sich.
»Nun reden Sie endlich: Wie geht es ihr?«
»Wie es Ihrer Geliebten momentan geht, entzieht sich leider meiner Kenntnis«, erwiderte Durian, und ich meinte einen zynischen Unterton herauszuhören.
Schon Minuten später hätte ich nicht sagen können, was über mich gekommen war. Ich muss wohl einen Schrei ausgestoßen haben, und im nächsten Augenblick lag ich auf meinem Entführer und drosch im wahrsten Sinn des Wortes blind auf ihn ein. Ich sah nichts, ich fühlte nichts, und es tat mir unendlich gut, ihm wehzutun. Er schlug zurück, stieß mir ein Knie in die Genitalien, der Schmerz schoss durch meinen Unterleib, ich war behindert, meine Füße waren ja immer noch gefesselt, und plötzlich lag ich quer auf der Luftmatratze, schlug mit dem Kopf hart auf den Boden.
Durian stand breitbeinig über mir und hielt das Messer in der knochigen Hand. Das Messer, mit dem er bereits drei Menschen getötet hatte. Schwer atmend sah er auf mich herab, zielte mit der Spitze der Klinge auf meinen Hals. An der Klinge waren Flecken. Blut. In seinem Blick flackerte Hass.
»Versuchen Sie das nicht noch einmal!«, keuchte er endlich, die Hand mit dem Messer sank herab, er betastete sein Gesicht. Gerötete Flecken markierten die Stellen, wo ich ihn getroffen hatte. »Setzen Sie sich wieder an Ihren Platz!«
Beschämt, gedemütigt, wütend auf mich selbst und meine Unbeherrschtheit kroch ich zu meiner Kiste zurück. Unser Tisch war umgefallen. Besteck lag am Boden verstreut, unsere Plastikbecher. »Unsere Becher«, wie das klang! Sich aufzurichten und hinzusetzen, war mit gefesselten Füßen komplizierter als gedacht.
»Entschuldigen Sie«, hörte ich mich krächzen. »Ich weiß gar nicht, was in mich gefahren ist. Bitte entschuldigen Sie.«
»Ich muss Sie leider bitten, Ihre Hände wieder zu fesseln«, sagte er kalt. »Die kleine Freiheit, die Ich Ihnen gegönnt habe, haben Sie mir schlecht gedankt.«
Er warf mir einen seiner verfluchten Kabelbinder zu. Ich fing ihn unwillkürlich auf. Das Messer hielt er immer noch in der Hand.
»Wie soll das gehen? Selbst meine Hände fesseln?«
»Mit dem Mund«, herrschte er mich an. »Sie machen eine Schleife, stecken die Hände durch und ziehen sie mit dem Mund zu.«
Ich achtete darauf, nicht zu viel Kraft aufzuwenden, um mir das Blut in den Händen nicht abzuschnüren. Mit undurchsichtigem Blick beobachtete er mich, überprüfte den Sitz meiner Fesseln. Wie ein Zoowärter, dachte ich. Er sah mich an wie ein Zoowärter ein krankes, todgeweihtes Tier.
Und so fühlte ich mich auch: wie ein krankes Tier. Ich war von oben bis unten feucht, schweißgebadet. Inzwischen musste ich auch stinken wie ein Tier. Mein Atem roch vermutlich nach Verwesung. Ich sehnte mich nach warmem Wasser, einem Bad, nach Seife, einer Zahnbürste, einer Rasur.
Durian wandte sich abrupt um und ging nach vorn. Über Nacht hatte er nur einen Pullover und seine Hose getragen, das Messer hatte vermutlich unter der Luftmatratze gelegen. Ich hörte, wie er sich ankleidete.
Später stieg er aus, um irgendwo in der Wildnis seine Morgentoilette zu verrichten oder eine erste Zigarette zu rauchen. Jetzt hätte ich wieder nach vorne kriechen können, Radio hören, nach einem Fluchtweg suchen, einem scharfen Gegenstand, mit dem ich meine Fußfesseln durchtrennen konnte.
Aber ich tat nichts. Ich fühlte mich ausgebrannt, leer und blöde. Mein letztes bisschen Energie hatte ich vorhin in diesem absurden Tobsuchtsanfall verschleudert. Zusammengesunken hockte ich auf meiner Kiste, apathisch, schmutzig, wehrlos.
Mein Unterleib schmerzte von Durians Tritt, an meiner linken Schläfe schien sich eine zweite Beule zu entwickeln. Ich ärgerte mich über die Idiotie meines Angriffs. Es war einfach über mich gekommen, mit einer Macht, gegen die kein Wille half und kein Verstand.
Durian kam zurück. Keine Ahnung, wie lange er fort gewesen war. Vielleicht hatte ich in der Zwischenzeit wieder geschlafen. Er wirkte erfrischt und machte sich daran, unser Frühstück vorzubereiten. Er schien mir nichts nachzutragen. Wieder roch er nach Zigarettenrauch.
»Heute gibt es leider nur altes Brot«, erklärte er so aufgeräumt, als hätten wir nicht vor Minuten um Leben und Tod gekämpft.
Mir kam der Verdacht, dass mein sinnloser Überfall Teil seines perversen Plans gewesen sein könnte.
»Hauptsache, Kaffee«, murmelte ich.
»Bei mir hat es vier Wochen gedauert, bis ich zum ersten Mal die Kontrolle verlor«, sagte er später, als ich den wohltuend heißen Kaffee schlürfte und er seinen Tee. »Sie erleben im Zeitraffer, was ich durchstehen musste.«
»Und was ist die nächste Phase?«, fragte ich erschöpft. Meine Augen brannten. Ich war sterbensmüde. »Was kommt jetzt?«
»Die Hoffnungslosigkeit«, erwiderte er ungerührt. »Sie werden keinen Appetit mehr haben, keine Gefühle. Sie werden mich nicht einmal mehr hassen können. Und Sie werden Ihre letzten Hoffnungen verlieren.«
Ich hatte schon jetzt keinen Appetit. Das alte Weißbrot kaute sich wie Gummi und schmeckte wie feucht gewordene Pappe. Ich würgte ein paar Bissen hinunter, dann ließ ich es bleiben. Wozu essen? Wozu weiterleben? Was war der Tod gegen dieses schmutzige, verschwitzte Elend?
Immerhin gab es frische Luft. Der Vorhang stand heute weit offen, Durian hatte vorne beide Fenster heruntergekurbelt. Der Himmel war grau und trüb, aber es ging ein leichter, freundlicher Wind, der hin und wieder bis in mein Blechgefängnis drang.