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Wir fuhren wieder. Ich hockte auf meiner Kiste wie immer, schaukelte hin und her und vor und zurück, hielt meine Decken am Hals zusammen und starrte vor mich hin. Ich konnte nicht mehr denken und wollte auch nicht mehr. Irgendwann wurde mir bewusst, dass mein Kopf auf meinem Hals herumwackelte wie bei einem dieser künstlichen Hunde, die manche Leute früher auf ihren Hutablagen spazieren gefahren hatten. Wann waren die eigentlich aus der Mode gekommen? Mein Vater hatte auch einen gehabt, einen schwarzen Pudel. Das musste in der Zeit gewesen sein, als wir den hellblauen Ford hatten. Später, im Passat, hatte ich den Hund nicht mehr gesehen. Aber das war ja auch ein Kombi gewesen, wenn ich mich richtig erinnerte, und …

Halt! Ich musste mich zusammennehmen!

Es konnte doch nicht sein, dass ich schon nach Tagen – wie vielen eigentlich? – alle Hoffnung fahren ließ, jede Kontrolle über mich verlor!

Vorne tickte der Blinker, Durian bog ab, und plötzlich wurde das Geschaukel schwächer, die Straße schien jetzt glatter und gerader zu sein. Ich hörte auch Geräusche von entgegenkommendem Verkehr. Eine Weile fuhren wir langsamer, dann überholte Durian, nach dem Klang zu schließen, einen Traktor.

Plötzlich bremste er, hielt. Ich hörte ihn aussteigen, mit jemandem Französisch sprechen und sogar lachen. Sekunden später klang es blechern von der Beifahrerseite. Wir tankten. Durian tankte. Sogar Leichenwagen brauchen hin und wieder Benzin. Obwohl der Lieferwagen ja ein Diesel …

Als der Motor wieder ansprang, schrak ich hoch. Immer öfter dämmerte ich jetzt für Sekunden weg. Und ich wusste schon jetzt, dass ich auch in der kommenden Nacht schlecht schlafen würde.

Zu Mittag gab es irgendeinen ekligen Gemüseeintopf, wieder aus der Dose. Wieder brachte ich fast nichts herunter. Durian hingegen löffelte seinen Teller schweigend leer, bot frisches Baguette an, das er an der Tankstelle gekauft hatte. Ich zwang mich, wenigstens davon zu essen. Ich musste bei Kräften bleiben, unbedingt.

Dazu tranken wir Wasser aus großen Kunststoffflaschen.

»Es ist ganz schön gewagt, was Sie und Ihre verheiratete Geliebte treiben«, sagte Durian in das Schweigen hinein mit einem kleinen, listigen Lächeln.

Er genoss meine Überraschung sichtlich, und ich hasste ihn dafür.

»Sie haben mich beobachtet?«

»Was denken Sie denn?«, erwiderte er, immer noch lächelnd. »Man muss wissen, mit wem man es zu tun hat. Man muss seinen Gegner kennen, seine schwachen Stellen. Und vergessen Sie nicht, ich hatte schon einmal die Ehre, Sie zum Gegner zu haben. Damals habe ich Sie leider noch nicht gekannt.«

Theresa. Wie es ihr wohl ging? Und Liebekind, ihrem Mann und meinem Chef? Ob er wirklich Krebs hatte? Wie unendlich fern all das auf einmal war, wie fremd. Eine schwache Erinnerung an eine schöne, so lange vergangene Zeit. Mein Leben, mein Alltag, meine Töchter, mein Büro, meine Wohnung, all das lag auf einem anderen Stern.

Plötzlich war Durian ernst. »Die Wollust ist eine der sieben Todsünden!«

»Ich bin mit achtzehn Jahren aus der Kirche ausgetreten«, erwiderte ich müde. »Und das Mittelalter ist zum Glück Vergangenheit.«

»Luxuria ist die dritte«, fuhr er fort, als hätte er mich nicht gehört. Gedankenverloren spielte er an seinem noch halbvollen Teebecher herum. »Ebenso wie Superbia, Ira oder Gula. Der Hochmut, der Zorn, die Völlerei.«

»Ira lässt sich auch mit Rachsucht übersetzen«, versetzte ich wütend. »Fällt Ihnen etwas auf?«

Jetzt lächelte er wieder.

Es war gut, den Gebildeten zu geben. Das mochte er. Das kitzelte seine Eitelkeit. Wenn ich nur nicht so verflucht müde gewesen wäre.

»Wie Sie habe auch ich den Verein verlassen, als ich alt genug dafür war. Das bedeutet aber nicht, dass ich nicht gläubig wäre. Im Gegenteil. Meine Eltern waren sehr gläubig, müssen Sie wissen. Und so ganz und gar werden wir diese Erblast wohl niemals los.«

Beim Essen war mir aufgefallen, dass er die linke Hand ungern benutzte. Vermutlich hatte Karenkes Hund ihn dort gebissen. Einen Verband konnte ich jedoch nicht entdecken unter dem Ärmel der dicken Jacke, die er jetzt anstelle seines alten Columbo-Mantels trug. Der Griff seines Messers lugte ein wenig aus der rechten Tasche. Wenn ich mich jetzt auf ihn stürzte, dann würde es mir trotz gefesselter Hände vielleicht gelingen, es ihm zu entreißen. Aber was, wenn er sich im falschen Moment bewegte, wenn ich danebengriff? Es würde neue Schmerzen geben, neue Demütigungen. Vielleicht würde er meine Handfesseln strammer anziehen, mich an die Kiste ketten, mir nichts mehr zu essen und zu trinken geben.

Nein, besser reden. Ich musste ihn bei Laune halten, mich ihm sympathisch machen. Was mir mehr und mehr zu gelingen schien.

Immer noch konnte alles viel, viel schlechter werden.

Stimmen!

Ganz nah!

Männerstimmen! Franzosen.

Wieder musste ich eingenickt sein. Ich dämmerte jetzt ohnehin die meiste Zeit in einem Schwebezustand zwischen Halbschlaf und Traum dahin, hätte nicht mehr zu sagen gewusst, ob Morgen war oder Abend oder Nacht. Und jetzt waren eindeutig Männerstimmen draußen, zwei. Sie sprachen Französisch und klangen heiter. Der Diesel lief im Leerlauf. Vorne quietschte es leise, Durian kurbelte das Fenster herunter, fragte etwas in launigem Ton.

Mein Puls hämmerte. Ich konnte nicht verstehen, was gesprochen wurde, hörte Durian antworten, entspannt und fröhlich. Er war ein verdammt guter Schauspieler.

»Steigen Sie aus«, verstand ich mit meinen lückenhaften Französischkenntnissen. Was war das? Wieso konnten die Männer dort draußen Durian Befehle erteilen? Es mussten Polizisten sein! Sollte es jetzt so weit sein …? Aber weshalb wehrte Durian sich nicht gegen seine Verhaftung?

Der Lieferwagen schaukelte, als er die Tür öffnete und gehorsam hinauskletterte. Er schaukelte wieder, als jemand anders einstieg. Der Vorhang wurde zur Seite geschoben, und das breite, dunkle Gesicht eines Kollegen in französischer Uniform starrte mich erst verblüfft, dann ratlos an.

Er verstand nichts, natürlich, wie sollte er.

Sie hatten nicht nach mir und Durian gesucht, verstand ich in Sekundenbruchteilen. Hier ging es um etwas völlig anderes.

Der Idiot begriff einfach nicht, was er sah. Ich öffnete den Mund, um ihn aufzuklären, formulierte im Stillen den Satz, den ich radebrechen würde.

Draußen ein Warnruf, ein Schuss. Der Flic, der mich eben noch dämlich angeglotzt hatte, fuhr herum, ein zweiter Schuss fiel, diesmal lauter, traf ihn noch in der Drehung.

Mein Herz schlug, dass ich dachte, es müsse zerplatzen. Durian fluchte lauthals und mit überkippender Stimme. Schnelle Schritte. Ich hörte, wie er die Beifahrertür aufriss und immer weiter fluchend und zeternd versuchte, den toten oder schwer verletzten Polizisten hinauszuzerren. Erst nach einer Weile und vielen Verwünschungen gelang es ihm.

Er wusste so gut wie ich, dass sich unsere Situation dramatisch verändert hatte. Jetzt wurde es gefährlich. Streifenpolizisten geben immer erst per Funk die Daten eines Fahrzeugs durch, das sie kontrollieren werden. Immer. Oder meistens. Falls sie Funkverbindung zu ihrem Revier haben, natürlich. Was hier, mitten im Gebirge, möglicherweise nicht überall der Fall war.

Mein Puls beruhigte sich allmählich. Durian stieg wieder ein, der Diesel lief immer noch.

Irgendwo dort draußen brach jetzt Hektik aus. Mit zunehmender Ungeduld wurde in Mikrofone gerufen, wurden Hörer abgenommen, Berichte erstattet, Alarme ausgelöst, Funksprüche abgesetzt, Befehle gebrüllt. Streifenwagen wendeten und jagten mit Blaulicht und Sirene in die entgegengesetzte Fahrtrichtung davon. Helikopter stiegen auf, Horden bewaffneter Kollegen enterten, von scharfen Kommandos gehetzt, Mannschaftstransporter. Waffen wurden überprüft, Ersatzmagazine zurechtgerückt, Funkverbindungen getestet. In wenigen Minuten würden Hunderte von Polizisten auf dem Weg zu mir sein.

Und all das war überhaupt nicht gut.

Durian würde sich nicht ergeben. Wenn es eng wurde, würde er erst mich erschießen und dann sich selbst. Die Franzosen hatten ja nicht die geringste Ahnung, worum es hier ging. Sie würden den Lieferwagen stoppen in der Meinung, vielleicht einen kleinen Autodieb zu stellen. Von mir wussten sie nichts.