35

Es geschah nichts.

Die Straße war längst wieder kurvig, steil und holperig. Selten hörte ich die Geräusche eines anderen Autos, das uns entgegenkam oder überholte.

Und es geschah nichts.

Allmählich wurden die Ritzen der hinteren Türen dunkel.

Meine dritte Nacht in Gefangenschaft brach herein. Oder die vierte? Die fünfte? Wir fuhren immer noch.

Es geschah einfach nichts.

In dieser Nacht schlief ich überraschenderweise besser. Die Abschnitte, an die ich mich am nächsten Morgen nicht erinnern konnte, waren länger, die wachen Phasen kürzer. Dafür hatte Durian sich viel auf seiner quietschenden und knarrenden Luftmatratze herumgewälzt, hatte im Schlaf gemurmelt und geschmatzt und natürlich wieder geschnarcht.

Die toten oder zumindest schwer verletzten Polizisten machten ihm zu schaffen. Es ist keine Kleinigkeit, Menschen zu töten. Auch wenn es nicht das erste Mal ist.

Unsere Verpflegung wurde karg. Durian wagte sich offenbar nicht mehr in bewohntes Gebiet. Zum Frühstück servierte er Zwieback und Knäckebrot. Dazu Marmelade aus kleinen Portionspackungen. Das Wasser war alle. Er füllte zwei Flaschen draußen, an irgendeinem Bach. Der Kaffee war heute nicht einmal richtig warm. Durian war wortkarg und sehr schlechter Laune. Hin und wieder betrachtete er mich aus den Augenwinkeln. Bis auf ein gelegentliches leises »Bitte« oder »Danke« wurde nichts gesprochen.

Später ging er wieder hinaus, um sich die Beine zu vertreten, vielleicht auch flüchtig zu waschen oder auch nur durchzuatmen, ein wenig Gymnastik zu machen, seine Morgenzigarette zu rauchen.

Jetzt wäre eine gute Gelegenheit zum Zugriff gewesen. Genau jetzt, die perfekte Gelegenheit.

Aber es geschah nichts. Alles blieb ruhig. Einmal meinte ich, in der Ferne eine aufgeregte Stimme zu hören. Eine Männerstimme vielleicht. Aber bevor ich die Ohren spitzen und die Luft anhalten konnte, war es schon vorbei.

Dieses Mal dauerte es sehr lange, bis er zurückkam.

Das Wetter schien dasselbe zu sein wie gestern, wie immer. Trüber Himmel, manchmal hörte ich den Scheibenwischer quietschen, manchmal nicht.

Wir fuhren. Kurven, Steigungen, Gefälle.

Nichts geschah. Zum Glück, dachte ich.

Mir wurde bewusst, dass ich längst mit meinem Entführer fieberte. Mich um seine Sicherheit sorgte, statt seinen Tod zu wünschen.

Ich fürchtete mich längst mehr vor dem Zugriff der Kollegen als vor dem Andauern dieser Erniedrigung. In Durians Gewalt war es nicht angenehm, aber ich durfte leben. Ich durfte essen und trinken.

Er wollte sterben. Aber, das wurde mir plötzlich bewusst, er wirkte nicht so. Anfangs war er manchmal, wenn er von seinen Spaziergängen zurückkam, regelrecht ausgelassen gewesen, optimistisch. Jetzt nicht mehr. Seine Stimmung schien mit jeder Stunde schlechter statt besser zu werden. Immer öfter hörte ich ihn vorne Verwünschungen ausstoßen.

Beim Mittagessen wagte ich die Frage: »Wo wollen Sie eigentlich hin? Warum fahren wir ständig in der Gegend herum, wenn Sie offenbar kein Ziel haben?«

»Moving Target«, murmelte er abwesend. Sein Gesicht war grau, die Bewegungen müde und fahrig. »Ein bewegliches Ziel wird nicht so leicht getroffen.«

Kurz meinte ich, in der Ferne einen Hubschrauber zu hören. Aber schon in der nächsten Sekunde war das Geräusch wieder verschwunden, so sehr ich auch den Hals reckte und die Ohren spitzte. Es war jedoch keine Einbildung gewesen, auch Durian sah für kurze Zeit wachsam zur Decke.

»Was sollten eigentlich diese merkwürdigen Karten, die Sie mir geschickt haben?«

Durian sah auf seine Hände und schien eine Weile über die Antwort nachdenken zu müssen.

»Sie sind sozusagen der Dreh- und Angelpunkt meines ganzen Plans. Des Plans, über den ich jahrelang nachgedacht habe. Den ich so gründlich vorbereitet habe wie noch nichts zuvor. Auf Sie lief alles zu. Sie sind der Kulminationspunkt. Das Ende. Das Ziel. Der Höhepunkt.«

»All das wäre ich auch, wenn ich keine Post von Ihnen gekriegt hätte.«

Er sah auf und blickte mir direkt in die Augen, was er sonst gerne vermied.

»Es geht hier nicht nur um Tod, sondern auch um Schönheit, Herr Gerlach. Um Ästhetik, verstehen Sie?«

Es gelang mir, nicht zu lachen.

»Sie durften natürlich nicht wissen, was auf Sie zukam. Aber Sie sollten es wenigstens ahnen, verstehen Sie das?«

Er war wirklich verrückt geworden in den Jahren im Gefängnis.

»Wie sind Sie eigentlich in die Wohnung von Frau Bialas und ins Haus von Herrn Karenke gekommen?«, fragte ich, um das Thema zu wechseln.

»Immer noch Polizist, Herr Gerlach?« Er lächelte traurig, aber verständnisvoll. »Für Erstere hatte ich ein Werkzeug. Es war ein billiges Schloss, es ging ganz einfach. Bei Karenke habe ich geläutet und mich als Paketbote ausgegeben. Das war morgens um halb zehn. Nur mit dem Hund hatte ich nicht gerechnet. Den hatte er wohl erst seit kurzer Zeit. Der Hund tut mir leid.«

Die Spaghetti Bolognese, aus der Dose wie alles, schmeckten göttlich. Ich aß mit Appetit. Mein Lebenswille kehrte zurück, während Durian immer tiefer in seiner Depression versank. Sollte ich ihn aufheitern? Vermeiden, dass er auf falsche Gedanken kam?

Ich versuchte, wieder ein Gespräch in Gang zu bringen, fragte ihn nach seiner Frau, die ihn verlassen hatte. Anfangs reagierte er gar nicht. Als ich weiterfragte, explodierte er.

»Halten Sie den Mund!«, schrie er mich an. »Kein Wort mehr von Irina!«

»Sie hassen sie. Ich verstehe das. Auch sie hat Sie schließlich verraten.«

»Ich hasse sie nicht! Und das geht Sie überhaupt nichts an!« Jetzt war er schon wieder ruhiger. »Halten Sie endlich den Mund!«

»Warum haben Sie sie nicht auch umgebracht? Wäre das nicht logisch gewesen?«

»Sie sollen den Mund halten!« Wütend sprang er auf, begann, hektisch unseren sogenannten Tisch abzuräumen, die verschmierten Teller abzuwischen und zu verstauen. Dann setzte er Wasser auf für den Nachmittagskaffee. Während der Topf auf dem Kocher zu summen begann, nickte er ein. Als ich mich bewegte, um eine bequemere Sitzposition zu finden, schrak er hoch und warf um ein Haar den Topf um.

Ich ließ mir viel Zucker in den Kaffee tun.

Gierig saugte mein Körper die Kalorien auf.

Wieder hörte ich in der Ferne für Sekunden den Hubschrauber. Durian hörte ihn diesmal nicht.

»Sie halten das nicht durch«, sagte ich eindringlich. »Früher oder später wird man Sie finden. Oder ich werde Sie überwältigen.«

Was redete ich da? War ich von allen guten Geistern verlassen?

»Natürlich nur rein hypothetisch«, versuchte ich, die Situation irgendwie zu retten, meinen letzten Satz zu relativieren.

Durian starrte mich an, als hätte ich den Verstand verloren.

»Seien Sie sehr vorsichtig, Herr Gerlach«, erwiderte er langsam. Ich konnte geradezu sehen, wie die Gedanken durch sein Gehirn rasten, wie er versuchte zu begreifen, wozu ich gesagt hatte, was ich nun einmal gesagt hatte, welche List dahinterstecken mochte.

»Entschuldigen Sie«, ich fuhr mir mit dem Rücken der rechten Hand über die Stirn. »Natürlich habe ich nicht die leiseste Chance gegen Sie, bei Ihrer Bewaffnung.«

Durian sah mir immer noch ins Gesicht, nahm zögernd einen Schluck aus seinem Becher. Diesmal hatte auch er Kaffee genommen. Und er hatte doppelt so viel Pulver in seinen Becher getan wie in meinen.

Nachdem der Kaffee getrunken war, blieb er noch eine Weile sitzen, grübelte vor sich hin. Schließlich stemmte er sich hoch, ächzte und ging nach vorn mit dem schweren Schritt eines Mannes, der noch eine mühselige Aufgabe zu erledigen hatte. Der Diesel sprang an.

Kurven, Steigungen, Gefälle, Kurven. Die Gegend schien immer noch einsamer zu werden. Einmal bremste Durian scharf, und ich flog polternd von meiner Kiste. Er fluchte lauthals, umfuhr ein Hindernis, gab wieder Gas, schimpfte noch eine Weile vor sich hin. Ich kletterte wieder an meinen Platz. Dann saß ich wieder, wo ich hingehörte, schlang meine Decken um mich, was mit gefesselten Händen eine mühselige Prozedur war.