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An die nächsten Stunden und die folgende Nacht habe ich nur lückenhafte Erinnerungen. Ich weiß noch, dass ich plötzlich in einem Krankenwagen mit fremdländisch jaulender Sirene lag, umsorgt von routinierten, gelassenen Menschen. Später fand ich mich in einem richtigen Bett wieder, einem Krankenhausbett, wurde von zwei quirligen, arabisch aussehenden Schwestern bemuttert und von einem behäbigen Arzt untersucht, dessen Namensschildchen verriet, dass er aus dem Osten stammte, Polen vielleicht, und der zum Glück ein paar Brocken kantiges Deutsch sprach. Ich hatte Kratzer, Abschürfungen, Beulen und kleinere Wunden, und der ständig grinsende Arzt war einfach nicht von seiner merkwürdigen Idee abzubringen, ich stände unter Schock.

Man piekste mich mit Spritzen, Infusionen wurden angelegt, und irgendwann muss ich mitten in dem ganzen Durcheinander eingeschlafen sein.

Klara Vangelis behauptete später, sie habe kurz vorbeigesehen, ich sei jedoch kaum ansprechbar gewesen, und das einzige halbwegs verständliche Wort, das sie von mir hörte, habe geklungen wie »Theresa«, worauf sich jedoch niemand einen Reim hatte machen können.

Am nächsten Morgen ging es mir blendend. Ich hatte dreizehn Stunden wie ein Stein geschlafen, wurde wieder oder immer noch umschwirrt von Personal, das kein Wort Deutsch verstand und kaum mehr Französisch sprach als ich. Das Frühstück schmeckte mir so gut wie seit Jahren nicht. Nun erfuhr ich auch endlich, wo ich mich befand: im Hôpital St. Charles in Saint Dié, einem Städtchen ungefähr im Zentrum der Vogesen. Es war Sonntag. In der Ferne läuteten Glocken.

Am späten Vormittag besuchte mich der französische Kollege, der bei meiner Befreiung die Verantwortung getragen hatte. Commissaire Divisionnaire Vincent Schwarzwälder stammte unverkennbar aus altem Bauerngeschlecht, war ein gemütlicher, nachdenklicher Kerl und sprach zu meiner Freude recht ordentlich Deutsch.

Meine Töchter waren bereits auf dem Weg zu mir. Michael Durian war noch am Leben, obwohl zwei Kugeln in seinem Kopf steckten. Die Ärzte hatten ihn die halbe Nacht hindurch operiert, waren jedoch nicht allzu optimistisch. Jetzt endlich erfuhr ich auch, was geschehen war in den letzten Tagen und warum man mit dem Zugriff so lange gewartet hatte.

Sie hatten den Lieferwagen bereits drei Stunden nachdem Durian auf die beiden Kollegen geschossen hatte, entdeckt. Der erste war sofort tot gewesen, der andere hatte überlebt und den Wagen beschreiben können. Das Kennzeichen des Lieferwagens hatten sie deshalb nicht über Funk durchgegeben, weil es sich in ihren Augen um eine Lappalie handelte.

Ich verdankte mein Leben einem Glühbirnchen im Wert von vielleicht zwanzig Cent. Einem defekten Glühbirnchen, um genau zu sein. Das linke Bremslicht des Lieferwagens hatte nicht funktioniert, und nur darauf hatten die beiden Schupos den Fahrer hinweisen wollen.

Als Polizist bekommt man im Lauf seines Dienstlebens eine nahezu untrügliche Nase für schlechtes Gewissen. Zöllner, die scheinbar im Halbschlaf Fahrzeuge über die Grenze winken, haben dennoch einen scharfen Instinkt dafür, ob einer der Fahrer etwas zu verbergen hat. Ebenso riechen auch Polizisten, ob jemand nur die übliche Unruhe im Blick hat, die jeden Menschen befällt, wenn er sich plötzlich mit Gesetzeshütern konfrontiert sieht, oder ob etwas nicht stimmt. Durian hatte eine Spur zu nervös reagiert, ein wenig zu laut gelacht, und nur deshalb hatten sie ihn gebeten, auszusteigen und einen Blick in sein Fahrzeug werfen zu dürfen.

»Er hat mir erzählt, er habe in Heidelberg eine Frau entführt«, unterbrach ich Schwarzwälders langatmigen Bericht.

»Eine Frau?«

»Er habe sie irgendwo versteckt. Möglicherweise ist sie in akuter Lebensgefahr.«

»Von einer Frau weiß ich nichts«, erwiderte er und sah mich ratlos an. »Ihre Kollegen haben nichts davon gesagt. Wie soll die Frau denn heißen?«

»Das weiß ich nicht.«

Schwarzwälder betrachtete mich noch zwei Sekunden lang besorgt, dann senkte er den Blick und sprach weiter.

Bald war den Franzosen klar gewesen, um wen es sich bei dem Todesschützen handelte und wer hinten in seinem klapprigen Lieferwagen saß. Von nun an waren wir nie mehr allein gewesen. Schwarzwälder hatte bald achtundzwanzig Zivilfahrzeuge auf der Straße und über hundertdreißig Polizistinnen und Polizisten im Einsatz gehabt. Von all diesen Fahrzeugen hatte Durian keines mehr als einmal zu Gesicht bekommen. Sobald wir standen, hatten Richtmikrofone auf uns gezielt, Vangelis und Balke wurden als Dolmetscher eingeflogen, und so hatten die Kollegen zum Glück sehr bald gewusst, dass sie den Wagen nicht einfach stoppen und stürmen durften.

Auf ein Krankenhaus hatte Schwarzwälder gewartet, über dreißig Stunden lang. Bei einem solchen Einsatz ist es wichtig, lebenswichtig, eine leistungsfähige Klinik in der Nähe zu haben mit bereitstehenden Operationsteams und alarmierter Notaufnahme.

Der gemütliche Commissaire hatte zwei Gruppen und einen Einzelkämpfer eingesetzt: Der Fahrer des Wagens mit defektem Auspuff – in seiner Freizeit passionierter Rallyefahrer – hatte die Aufgabe gehabt, Durian abzulenken, im richtigen Moment zu überholen, von einem zum exakt richtigen Zeitpunkt entgegenkommenden Kleinbus in die Klemme genommen zu werden, Durian zu rammen und so zum Stehen zu bringen. Gruppe eins saß in diesem Kleinbus, spielte nach der harmlosen Kollision einen angesäuselten Kegelverein und verwickelte Durian in ein launiges Gespräch, während Team zwei, von Durian möglichst lange unbemerkt, von hinten aus dem Wald stürmte. Team eins hatte die Aufgabe gehabt, Durian so lange wie irgend möglich im Glauben zu halten, es handle sich wirklich nur um einen dummen kleinen Verkehrsunfall, wobei jede Sekunde zählte, während Team zwei daran ging, die rückwärtigen Türen aufzusprengen.

In dem Augenblick, als die Haftladung explodierte, hatte Durian auf einmal in die Läufe zahlloser Waffen geblickt. Die Zeit, die blieb, bis er realisierte, was geschehen war und die Hand ausstreckte, um meine Pistole zu zücken, genügte, mich hinten aus dem Wagen zu zerren und in Sicherheit zu bringen. Sie hatten nur einen einzigen Versuch gehabt, das war jedem Beteiligten klar gewesen. Schwarzwälder selbst hatte eine Chance von fünfzig Prozent gesehen, dass es schiefgehen könnte. Dass ich meine Befreiung nicht überleben würde.

Er hatte mir einige Dinge mitgebracht, die sie im Lieferwagen gefunden hatten: meinen – sogar sauber gebürsteten – Mantel, Handy, Brille, Armbanduhr, das Portemonnaie. Immer noch in weißes Papier eingewickelt, kam auch Theresas blutbefleckte Perlenkette zum Vorschein. Schwarzwälder wollte wissen, ob ich mir einen Reim darauf machen könne, was ich vielleicht etwas zu hastig verneinte. Theresas erst wenige Wochen altes Hightech-Handy war nicht dabei.

Noch jemand war in der vergangenen Nacht ärztlich versorgt worden: Sven Balke. Er war an vorderster Front von Team eins gewesen und hatte einen Streifschuss abbekommen, die einzige Kugel, die Durian abgefeuert hatte. Vermutlich hatte er den Ehrgeiz gehabt, Durian aus dem Wagen zu zerren und zu verhaften. Seine Wunde war jedoch nicht allzu schlimm, und er würde bald wieder gesund sein.

Sowie der Commissaire gegangen war, bat ich eine der Schwestern, ein Ladegerät für mein prähistorisches Siemens-Handy aufzutreiben. Leider ohne Erfolg.

Nach dem für französische Verhältnisse kärglichen Mittagessen erschienen die Zwillinge. Sie waren ein wenig verlegen, wie es die meisten Menschen bei einem Krankenbesuch sind. Die Franzosen hatten ein Zimmer für die beiden organisiert, bei einer Sergeantin würden sie wohnen, solange ich in Saint Dié bleiben musste.

Aber ich wollte nicht bleiben. Ich wollte nach Hause. Schon am Nachmittag begann ich das Klinikpersonal zu nerven.

»Im Bett liegen kann ich genauso gut in Heidelberg«, erklärte ich dem Polen von gestern. »Was soll ich noch hier?«

»Sie sind schwächer, als Sie denken.«

»Mir fehlt nichts! Mir tut ja nicht einmal mehr etwas weh!«

»Weil Sie unter Medikamenten stehen. Ohne Schmerzmittel würden Sie ganz anders daliegen, glauben Sie mir.«

Am Ende gab er sich geschlagen.

»Morgen«, brummte er leicht gekränkt. »In Jesu Namen. Aber nicht, bevor ich Sie noch einmal gesehen und untersucht habe.«

Als ich später zur Toilette musste, stellte ich fest, wie recht er hatte. Ständig musste ich mich festhalten, weil mir schwindlig wurde, und als ich endlich wieder im Bett lag, war ich glücklich, es ohne Hilfe geschafft zu haben.

Der Arzt mit dem unaussprechlichen Namen hielt Wort. Schon am nächsten Vormittag wurde ich verlegt. Liegend, darauf hatte er bestanden. Die Zwillinge durften im Krankenwagen mitfahren und waren bester Laune. Aufgekratzt erzählten sie mir von ihrer überaus netten Gastgeberin, der Sergeantin, die fünf Kinder hatte und gar keinen Vater dazu. Zwei der Söhne, Jean und Pascal, waren etwa im Alter meiner Töchter, und man hatte beschlossen, sich Briefe zu schreiben. Natürlich würden meine Mädchen dabei ihr Französisch mächtig aufpolieren, was mich doch bestimmt freute, nicht wahr?

Ich freute mich tatsächlich, denn Französisch war ihr ewiges Sorgenfach, und ich tat so, als vermutete ich nicht etwas ganz anderes hinter ihrer plötzlichen Begeisterung für die Sprache unserer Nachbarn. Von einer in Heidelberg entführten Frau wussten auch meine Mädchen nichts. Was war nur mit Theresa? Wieso wurde sie offenbar nicht vermisst? Zwischendurch schlief ich, meine Töchter stritten, jedoch angemessen leise, und irgendwann waren wir zu Hause. Die Treppe bis zu unserer Wohnung hinauf schaffte ich auf eigenen Beinen, es ging besser als befürchtet. Ich beschloss, mich nicht, wie streng angewiesen, ins Bett, sondern auf die Couch im Wohnzimmer zu legen. Und zwar vollständig angekleidet und nicht im Schlafanzug. Meine Töchter kochten Kaffee und unter meiner Anleitung Tortellini mit Käsesauce.

Als die Aufregung sich gelegt hatte und die Tortellini vertilgt waren, fragte ich die beiden vorsichtig tastend, was genau geschehen war in den Tagen nach meiner Entführung. Heute war Montag, fast auf die Stunde genau vor einer Woche war ich in Durians Lieferwagen gestiegen. Balke und Vangelis hatten meine Töchter zunächst im Unklaren gelassen, erfuhr ich, um sie nicht mehr als nötig zu beunruhigen. Erst nach und nach war man mit der Wahrheit herausgerückt, hatte ihnen jedoch immer wieder versichert, man wisse längst, wo Durian mich festhalte, meine Befreiung stehe kurz bevor und man warte nur noch auf eine günstige Gelegenheit. Natürlich hatten sie dennoch Angst gehabt, grausame Angst. Es war kaum mehr als zwei Jahre her, dass sie ihre Mutter verloren hatten, von einem Tag auf den anderen. Natürlich hatten sie mit dem Schlimmsten gerechnet. Und jetzt waren sie sehr, sehr glücklich, dass ich wieder da war.

»Anfangs hat’s geheißen, du wärst dauernd unterwegs und hättest wahnsinnig viel zu tun«, sagte Sarah.

»Aber das haben wir gleich nicht geglaubt«, ergänzte Louise. »Auch wenn du total im Stress bist, normalerweise rufst du ja wenigstens mal an.«

Auch in den Zeitungen der letzten Woche fand ich kein Wort über eine verschwundene Frau. Das konnte doch nicht sein! Als die Zwillinge später vor ihren PCs saßen und ich sicher sein konnte, dass sie nicht überraschend hereinplatzten, betrachtete ich noch einmal die Perlenkette. Ein unpassender säuerlicher Geruch stieg mir in die Nase. Ich schnupperte, und tatsächlich: Die bräunlichen Flecken waren kein Blut, sondern Ketchup. Sollte Durian mich so zum Narren gehalten haben? Gleich nach unserer Ankunft hatte ich Louise gebeten, mein Handy ans Ladegerät zu hängen. Jetzt stand ich auf, holte es und schaltete es an. Es wollte gar nicht wieder aufhören zu brummen, so viele neue SMS gab es zu melden. Manche von meinen Töchtern, unzählige von Theresa.

Ihre erste Nachricht hatte sie am Dienstagvormittag geschrieben, vierzehn Stunden nachdem ich Durian getroffen hatte. Sie berichtete mir vom Gesundheitszustand ihres Mannes – noch immer wisse man nichts, aber demnächst solle nun endlich die Biopsie gemacht werden. Am Dienstagabend war die erlösende Nachricht gekommen: der Schatten im Röntgenbild von Liebekinds Lunge sei kein Krebs, sondern irgendetwas anderes, Gutartiges. Theresa klang zutiefst erleichtert und zugleich ein wenig irritiert, weil ich nicht antwortete. Außerdem sei ihr am vergangenen Abend eine kuriose Sache passiert, die sie mir bei Gelegenheit erzählen müsse. Am Mittwochmorgen hatte sie dann offenbar erfahren, warum ich nichts von mir hören ließ. Ihre nächste SMS hatte sie ins Leere geschrieben, mir viel, viel Glück gewünscht und mir versichert, sie sei in Gedanken jede Sekunde bei mir. Anschließend hatte sie mir jeden Tag zwei, drei Nachrichten geschrieben, in denen sie mir von ihrem Alltag berichtete, von ihrer Erleichterung wegen der nun zügig voranschreitenden Genesung Liebekinds, von ihren Gefühlen zu mir, die plötzlich anders, tiefer zu sein schienen als je zuvor. Die letzte Nachricht war von gestern, Sonntagabend. Sie gratulierte mir überschwänglich zum glimpflichen Ausgang meines Abenteuers und freute sich darauf, mich bald wiederzusehen und zu umarmen und so weiter.

Kein einziges Wort von Entführung. Nur diese kuriose Sache am Montagabend.

Hatte Durian nicht behauptet, er würde niemals lügen? Oder hatte er etwa gar nicht gelogen, sondern seine Sätze nur so formuliert, dass ich glauben musste, er habe Theresa in seiner Gewalt?

Gleichgültig jetzt. Glücklich schrieb ich zurück. Dass es mir schon wieder ganz gut gehe, dass ich mich auch im Nachhinein sehr über ihre Anteilnahme freue, dass ich seit Ewigkeiten – abgesehen von geschlechtslosen Krankenschwestern – keine Frau mehr aus der Nähe gesehen habe. Sie antwortete Sekunden später fröhlich und frech. Ganz die alte Theresa, wie ich sie liebte.

Plötzlich fühlte ich mich wieder angekommen in der Welt.

In meiner Welt.