Gegen Abend erschien Sönnchen mit einem kolossalen Blumenstrauß, lieben Grüßen von der gesamten Direktion und einer Flasche Sekt, die wir zur Feier meiner Wiederkehr umgehend entkorkten und im Lauf ihres halbstündigen Krankenbesuchs zu einem guten Teil leerten.
Auch sie war über alle Maßen glücklich, dass alles gut ausgegangen war, versicherte sie mir wieder und wieder mit feuchten Augen. Ich hatte nicht gewusst, wie wohltuend Mitgefühl sein kann. Eine Weile umarmte sie mich sogar still, dann saß meine treue Sekretärin einige Zeit schweigend, mit gesenktem Blick und hin und wieder leise seufzend oder an ihrem Glas nippend neben mir, und schließlich kamen wir überein, noch ein letztes Gläschen Sekt zu uns zu nehmen und es dann mit der Gefühlsduselei gut sein zu lassen.
Michael Durian lag im künstlichen Koma, erfuhr ich, und noch immer war nicht sicher, ob und in welchem Zustand er überleben würde. Sven Balke hingegen ging es schon wieder ganz ordentlich, und auch er ließ mich grüßen. Er war ebenfalls wieder in Heidelberg, genauer: in seiner Wohnung in Schlierbach.
»Hat er denn jemanden, der sich ein wenig um ihn kümmert?«, fragte ich.
Sönnchen lächelte und schwieg. Da schien es etwas zu geben, was ich noch nicht wusste.
»Sagen Sie schon, wen? Ist er etwa wieder mit dieser Nicole zusammen?«
»Das erraten Sie nie. Es ist die Kollegin Krauss.«
»Evalina? Ich werd nicht mehr!«
»Seit der Arme so erkältet gewesen ist. Da sind sie irgendwie zusammengekommen, fragen Sie mich nicht, wie. Und seither sind sie ein Paar, ja.«
Sie hatten mein Handy tatsächlich geortet, erfuhr ich jetzt. Allerdings erst nach drei Tagen, und erst als Durian und ich längst hundert Kilometer entfernt waren. Am Tag darauf war dann der Alarmruf aus Frankreich gekommen, aber meine Leute hatten auch so gewusst, wo ungefähr ich mich befand.
Neben Blumen, Sekt und Neuigkeiten hatte Sönnchen auf meinen Wunsch noch etwas mitgebracht: Durians Buch. Schon in Saint Dié hatte ich mir vorgenommen, es noch einmal, und dieses Mal gründlich zu lesen.
Damit begann ich, sowie Sönnchen sich mit einem allerletzten Seufzer verabschiedet hatte. Im Lauf der folgenden Stunden las ich die knapp zweihundert Seiten aufmerksam, blätterte oft zurück und kam immer mehr ins Grübeln.
Am Dienstag war ich wieder auf den Beinen, ein wenig wackelig noch, aber es wurde mit jeder Stunde besser. Dies und jenes tat noch weh, aber es ging offenkundig aufwärts mit mir. Wir frühstückten gemeinsam, die Zwillinge freuten sich, dass unser Leben wieder war wie früher, und gingen sogar ohne Murren zur Schule. Den Vormittag über las ich Durians Buch ein drittes Mal.
Später ging ich ein wenig einkaufen, und es gelang mir, nicht dauernd über die Schulter zu blicken. Aber schon jetzt wusste ich: es würde lange dauern, bis ich die Erlebnisse der letzten Woche verarbeitet hatte. Zu Mittag gab es ein Festessen für die Zwillinge: Pfannkuchen mit Nutella. Für mich mit Schinken und Käse.
Später hatte Louise wieder einmal dringend etwas in der Stadt zu erledigen, und ich nutzte die Gelegenheit, um mit Sarah zu sprechen.
»Fährt sie wieder nach Mannheim?«
Sarah saß mir gegenüber in einem Sessel und fühlte sich unbehaglich.
»Du musst nicht petzen.«
»Das mit Pit ist vorbei, glaub ich«, murmelte sie und betrachtete eingehend ihre heute pinkfarbenen Fingernägel. »Keine Ahnung, was sie treibt. Sie verrät mir ja nichts.«
»Wie alt ist dieser Pit eigentlich?«
»Dreiundzwanzig.«
»Hätte sowieso nicht so recht gepasst, findest du nicht auch?«
»Hm.«
Offenbar war ich auf vermintes Terrain geraten. Ich ließ das Thema erst einmal auf sich beruhen.
»Hast du schon eine Mail nach Frankreich geschrieben?«
Jetzt strahlte sie. »Pascal ist sooo süß, Paps! Meinst du, wir könnten mal zusammen nach Saint Dié fahren, damit du ihn kennenlernst?«
»Du kannst ihn auch gerne mal für ein Wochenende einladen.«
»Echt? Das würdest du erlauben?«
»Ich werde aber nicht erlauben, dass ihr in einem Bett schlaft.«
Sie sah mich erst verdutzt, dann entsetzt an. »Das hast du gedacht? Dass wir die Betten brauchen, um …? Das hast du nicht wirklich gedacht, oder?«
Hoppla, schon wieder ein explosives Thema.
»Es …« Ich räusperte mich. »Was soll ich sagen – es lag irgendwie auf der Hand. Ihr seid fünfzehn. Ihr seid keine Kinder mehr, erklärt ihr mir jeden Tag fünfmal …«
»Aber Paps!« Sie war wirklich fassungslos. »Loui und ich … Wir werden erst mit einem Mann schlafen, wenn wir mit ihm verheiratet sind. Das haben wir uns ganz fest vorgenommen.«
Andere Zeiten, andere Sitten.
»Und wozu dann die breiten Betten?«
»Na, damit wir zusammen drin schlafen können, wenn wir Lust haben. Wenn Pascal mich besuchen kommt, dann kann er mein Bett haben, und ich schlafe bei Loui. Ist doch praktisch so, findest du nicht?«
Da saß ich nun und fühlte mich schlecht.
»Aber Louise und Pit?«, wagte ich schließlich doch zu fragen.
»Ich glaub nicht, dass da wirklich was war. Als du weg warst, hat sie mir gestanden, dass er bloß mit ihr geübt hat. Er hat ein Klavier daheim und hat ihr ein bisschen Unterricht gegeben. Sie ist auch tatsächlich besser geworden.«
»Aber du hast auch was anderes gedacht, gib’s zu.«
Sie nickte mit gesenktem Blick.
»Warst du ein bisschen eifersüchtig?«
»Gar nicht! Wie kommst du darauf?«
Es stimmte tatsächlich: Meine Töchter konnten einfach nicht lügen.