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Am Mittwoch war ich gegen Sönnchens halb entsetzten, halb erfreuten Protest wieder im Büro. Ich führte einige Telefonate, und dann war ich mir meiner Sache sicher. Aus einer Vermutung war ein begründeter Verdacht geworden. Als letzte wählte ich die Nummer des Hotels Europäischer Hof.

»Frau Durian hat heute Morgen ausgecheckt, tut mir leid«, erklärte mir eine bestens gelaunte junge Frau.

»Hat sie gesagt, wohin sie wollte?«

»Einen Augenblick bitte …« Sie sprach kurz mit einem Kollegen, lachte. »Auf dem Weg nach Frankfurt ist sie«, sagte sie dann, »zum Flughafen. Sie hat vor einer guten Stunde das Haus verlassen.«

Es dauerte nicht einmal zehn Minuten, um herauszufinden, dass Irina Durian einen Flug zum Owen Roberts International Airport gebucht hatte, auf der Insel Grand Cayman. Ihre Maschine ging um halb zwölf. Mir blieben gerade noch anderthalb Stunden. Die anerkannt beste und schnellste Autofahrerin der Polizeidirektion Heidelberg hieß Klara Vangelis. Sie war sofort bereit, mich nach Frankfurt zu bringen.

Die Fahrt war die Hölle. Ich starb tausend Tode, aber wider Erwarten erreichten wir den Flughafen lebend. Die Hölle dauerte dreißig Minuten, und die Entfernung, die wir in dieser Zeit zurücklegten, betrug dreiundachtzig Kilometer. Inklusive drei Baustellen und einem Stau von vier Kilometern bei Zwingenberg, den Vangelis mit hundertzwanzig Stundenkilometern auf dem Standstreifen überholte.

Unterwegs telefonierte ich fast ununterbrochen. Irina Durian hatte bereits eingecheckt und saß im Wartebereich von Gate C6. Bislang hatte ihr Flug keine Verspätung. Als ich in Frankfurt benommen aus dem BMW kletterte, dessen Blaulicht noch immer zuckte, war es zehn Uhr einundvierzig. Mir blieb eine Dreiviertelstunde.

»Ihrem Mann geht es besser«, eröffnete ich das Gespräch mit einer Lüge und drückte ihr fest die Hand. »Die Ärzte gehen davon aus, dass er durchkommen wird.«

»Danke«, erwiderte sie mit einem schmalen, tapferen Lächeln. »Diese ganze Sache, die Morde, Ihre Entführung, all das hat mir sehr zugesetzt.«

Wir nahmen Platz. Die Kollegen von der Bundespolizei hatten mir ein helles, spartanisch eingerichtetes Büro zur Verfügung gestellt. Offensichtlich diente es ausschließlich dem Zweck, Gespräche zu führen, wie ich nun eines führen musste. Sogar Kaffee stand auf dem Tisch. Er schmeckte fast so schlecht wie der in Durians Lieferwagen.

Irina Durian war blass und erschöpft, aber gefasst. Sie nahm ihren Kaffee mit Milch und zwei Würfeln Zucker. Ruhig und ohne Erwartungen sah sie mir in die Augen, während sie einen ersten, vorsichtigen Schluck nahm. Heute trug sie eine sandfarbene Tuchhose zu einer schlichten, aber ebenfalls wie maßgeschneidert sitzenden weißen Bluse. Darüber einen legeren dunklen Blazer.

»Man sieht Ihnen an, was Sie durchgemacht haben«, sagte sie mitfühlend, als sie die Tasse abstellte. »Es tut mir so leid, was Michael getan hat.«

Ich faltete die Hände auf dem Tisch und bedankte mich für ihr Mitgefühl.

»Weshalb ich Sie noch einmal sprechen wollte«, begann ich dann. »Ich war ja notgedrungen eine ganze Weile mit Ihrem Mann zusammen und hatte viel Gelegenheit, mich mit ihm zu unterhalten. Und inzwischen wurde mir klar, dass ich manches trotzdem noch nicht verstanden habe.«

Hinter ihrem Rücken, über der Tür, tickte eine Bahnhofsuhr in Miniaturform. Fünf vor elf. Noch eine gute halbe Stunde, dann musste sie los.

Wie anfangen?

»Sie können vielleicht nachfühlen, wie wichtig es für mich ist, die Zusammenhänge zu verstehen. Zu begreifen, was Ihren Mann umgetrieben hat, wie alles kam, warum mir das zugestoßen ist. Zustoßen musste, vielleicht.«

»Sie glauben an Schicksal?«

Ich zuckte die Schultern. »Ich glaube an Logik.«

»Sie waren tagelang in ständiger Lebensgefahr.« Sie schlug die sehenswerten dunklen Augen nieder. »Ich stelle mir das schrecklich vor.«

»Ja, es war schrecklich. Und auch wieder nicht. Es war völlig anders, als man sich so etwas ausmalt. Viel weniger spektakulär. Man funktioniert einfach. Man ist reduziert auf seinen Überlebenswillen, auf Reflexe, Instinkte.«

Sie nickte in Gedanken. Den Blick hielt sie immer noch gesenkt. »Es versteht sich von selbst, dass ich helfe, wo ich kann. Fragen Sie nur. Ich werde antworten, soweit ich die Antworten kenne.«

Aber wo anfangen?

Mit Durians Buch. Ich hatte es mitgebracht, legte es auf den Tisch. Sie betrachtete es neugierig. Irina Durian hatte ein schönes Lächeln, das immer ein wenig geheimnisvoll blieb. Die Bluse stand gerade so weit offen, dass ich den Ansatz ihrer Brüste sehen konnte. Und ich war mir sicher, dass sie sich dessen bewusst war. Ich begann zu blättern und zu erzählen, was ich inzwischen fast auswendig wusste. Von Durians Plänen, ein Haus zu bauen, von Anita Bialas.

»Wir hatten uns beide so auf das Haus gefreut«, sagte sie leise. »Sonne, ein Garten, frische Luft und vielleicht wirklich Kinder. Ich weiß nicht, ob Sie das kennen: Wenn man ein Haus plant, dann scheint in unseren Träumen immer die Sonne. Nie stellt man sich sein neues Heim im Regen vor.«

»Sie sind im Sommer eingezogen.«

»Es war eine glückliche, turbulente Zeit. Ich hatte schon die Pille abgesetzt, Michaels Verlag brummte, der neue Autor schien sich tatsächlich zu verkaufen, auch die alten Titel liefen plötzlich wieder besser. Aber dann kam der Herbst …«

Sie nahm einen Schluck Kaffee, sah kurz auf ihre Armbanduhr. Eine Minute vor elf.

»Er hatte auf der Buchmesse einen kleinen Stand. Zum ersten Mal. Was soll ich sagen? Es war eine Pleite. Selten habe ich mich so gelangweilt und so gedemütigt gefühlt wie in diesen endlosen Tagen mitten in all dem Getue. Und wie wir restlos frustriert nach Hause kommen mit unserem gemieteten Lieferwägelchen, da finden wir einen Brief. Die Zinsen für unsere Hypotheken waren über Nacht um drei Prozent gestiegen.«

»Sie hatten variablen Zinssatz vereinbart?«

»Diesen Punkt hatte die Dame bei der Bank leider nur sehr am Rande behandelt. Wir hatten noch einige Reserven, aber im Frühjahr, da wurde es dann bitter. Der Verlag kam wieder ins Stottern, und wir konnten bald nicht einmal mehr die Zinsen aufbringen. Dann kam das, worüber man gerne schweigt. Wir mussten uns in aller Hast eine Wohnung suchen, ein Loch, noch finsterer als das, aus dem wir ein Jahr zuvor geflüchtet waren. Von Kindern war längst keine Rede mehr. Längst habe ich wieder die Pille genommen.«

»Ich kann mir vorstellen, wie Sie sich gefühlt haben müssen.«

»Nein, das glaube ich nicht.« Sie sah zur Decke. Zwischen ihren Brauen stand jetzt eine tiefe Falte. »Sie machen sich kein Bild, wie erniedrigend das ist. Plötzlich sind Sie ein Paria, den jeder herumschubsen darf. Natürlich hat das Drama auch unserer Beziehung nicht gutgetan. Am Ende haben wir nur noch gestritten. Es schmerzt mich bis heute, an diese Zeit auch nur zu denken.«

»Und dann sind Sie ausgezogen.«

»Genauer, ich bin zweimal ausgezogen. Das erste Mal wenige Wochen nach dem Umzug. Ich konnte bei einer Freundin unterschlüpfen. Es sollte nur für einige Tage sein, uns ein wenig Luft verschaffen, damit wir beide zur Ruhe kommen, wieder miteinander reden konnten, ohne uns gleich anzuschreien. Dann ging es auch wieder für ein Weilchen. Aber es war kein Leben mehr. Wenn wir nicht gestritten haben, dann haben wir uns angeschwiegen, uns unausgesprochene Vorwürfe gemacht. Die Luft war ständig zum Schneiden, und …«

Sie bedeckte kurz die Augen, unterdrückte einen Seufzer. Dann sah sie mich mit flammendem Blick an. »Dieses Jahr war das dunkelste Kapitel meines Lebens, glauben Sie mir. Nie werde ich das beglückende Gefühl vergessen, als ich es endlich über mich brachte, Michael wirklich zu verlassen. Endlich konnte ich wieder atmen, wieder lachen. Und zugleich …«

Irina Durian verstummte, starrte gedankenverloren auf den Tisch. Dann fuhr sie mit veränderter, leiserer Stimme fort: »Natürlich habe ich mir Vorwürfe gemacht. Ich mache sie mir noch. Es wäre nie so weit gekommen mit ihm, wenn ich zu ihm gehalten hätte. Tausendmal habe ich mir diese Gedanken gemacht in den letzten Jahren, Wochen, Tagen. Auf der anderen Seite – man muss doch auch an sich selbst denken. Es ist niemandem geholfen, wenn man auch noch selbst zugrunde geht.«

»Da haben Sie sicherlich recht.«

»Dennoch, ich habe ihn verraten. Da gibt es nichts zu deuteln.«

Durch die wandhohe Glasfront sah man auf die Start- und Landebahnen hinaus. Sie waren trocken. Es regnete nicht mehr, und hin und wieder blitzte sogar eine zaghafte Sonne durch, die ihr Glück offenbar noch nicht recht fassen konnte. Die Triebwerke eines Jumbojets, der unmittelbar vor unseren Fenstern stand, liefen an und begannen zu summen.

»Sie haben ihn später im Gefängnis besucht«, sagte ich.

»Nicht nur einmal.«

»Dreimal, wenn ich richtig informiert bin.« Fünf nach elf, die Zeit lief mir davon. »Und dann haben Sie John Karenke kennengelernt.«

Sie nickte, als müsste sie sich dessen schämen.

»Erst einmal hatte ich natürlich genug von Männern und Beziehungsstress. Ich habe mir eine Stellung gesucht, hatte Glück. Ich konnte Michael sogar hin und wieder ein wenig Geld überweisen. Ihm helfen, seine Schulden zu tilgen.« Sie schluckte. »Unsere Schulden.«

»Wenn ich richtig rechne, dann saß Ihr Mann schon zwei Jahre im Gefängnis, als Sie Herrn Karenke trafen …«

»Michael hat die Trennung nie wirklich akzeptiert. Irgendwie liebt er mich auf seine weltfremde Weise wohl immer noch.«

»Das stimmt. Sie bedeuten ihm immer noch sehr viel.«

Ich nahm Durians Buch zur Hand, blätterte die Seiten durch.

»Was ich mich die ganze Zeit frage: Warum hat er mich nicht getötet? Mehr als einmal habe ich geglaubt, jetzt ist es so weit. Aber er hat es nicht getan, sondern mich stattdessen tagelang spazierengefahren und sein Essen mit mir geteilt. Immer wieder hat er davon gesprochen, dass er mit mir zusammen sterben wird. Seltsamerweise hat er aber zu keinem Zeitpunkt den Eindruck eines Lebensmüden auf mich gemacht. Haben Sie vielleicht eine Erklärung dafür?«

Irina Durian sah mir mitfühlend ins Gesicht, lächelte wieder ihr warmes Lächeln, das unter anderen Umständen gutgetan hätte. Wie hatte Firlei gesagt, der Architekt? Sie war eine sehr weibliche Frau. Und sie war sich dessen sehr bewusst.

»Da kann ich leider nur raten. Seine ersten drei Opfer hat er einfach überfallen. Er hat nicht diskutiert, vermute ich, nicht argumentiert, sondern zugestochen. Bei Ihnen war es anders. Mit Ihnen hat er gesprochen. Deshalb waren Sie vielleicht kein anonymer Feind mehr für ihn, sondern ein Mensch. Das andere, seine angeblichen oder wirklichen Selbstmordpläne, dafür habe ich keine Erklärung.«

Immer noch lag Durians Manuskript vor mir. Sein Buch der Kränkungen. Das schriftliche Geständnis eines Mörders, abgeliefert, lange bevor er seine Taten begangen hatte. Ich nahm die Brille ab und sah hinaus.

Die Triebwerke des Jumbojets waren lauter geworden, begannen zu singen und zu brausen. Ein Ruck ging durch die Maschine, sie rollte rückwärts.

Zehn nach elf.

Noch eine Viertelstunde.