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Ich wandte mich wieder Irina Durian zu. Ich hatte wirklich keine Zeit, Flugzeugen bei den Startvorbereitungen zuzusehen. Blätterte in dem Buch ihres Mannes, der in der vergangenen Nacht gestorben war, was sie nicht wusste.

»Beim Wiederlesen ist mir eine Kleinigkeit aufgefallen. Vielleicht ist es völlig nebensächlich, aber ich würde gerne Ihre Meinung dazu hören.«

Ich blätterte bis zu einer bestimmten Stelle etwa zehn Seiten vor dem Ende. Irina Durian beugte sich vor und betrachtete die Seiten aufmerksam.

»Mir fällt nichts auf, tut mir leid.« Sie sah mich verständnislos an. »Es ist eindeutig seine Handschrift, falls Sie das meinen.«

»Es ist nicht die Schrift, es ist die Tinte. Sehen Sie, hier: Mitten auf der Seite wird der Strich dünn und dann plötzlich wieder dicker. Danach hat die Tinte eine andere Farbe. Sie ist eine winzige Spur heller geworden.«

»Jetzt, wo Sie es sagen … Vielleicht war die dunkle zu Ende?«

»Das war auch mein erster Gedanke. Aber das Merkwürdige ist …« Ich blätterte zurück bis zum Beginn von Kapitel zwei. »Beim Kapitel John Karenke benutzt er auch schon die hellere Tinte. Beim dritten Kapitel wird die Schrift dann wieder dunkler, und erst auf den letzten Seiten wieder heller.«

»Und was könnte das bedeuten?«

Ich lehnte mich zurück, massierte meine müden Augen. Meine Kondition war bei Weitem noch nicht wieder die alte.

»Ich sehe nur eine Erklärung: Er hat das Kapitel John Karenke erst später geschrieben, als letztes, und dann zwischen die anderen geschoben. Leider hat er die Seiten nicht durchnummeriert.«

»Wenn es so wäre – was würde es bedeuten?«

»Ich hatte gehofft, Sie könnten mir das sagen.«

Ich setzte die Brille wieder auf, beobachtete ihre Miene. Sie blieb unbewegt, ratlos, fragend.

»Vielleicht ist er erst später auf den Gedanken gekommen, John auf … seine Liste zu setzen?«, rätselte sie. »Vielleicht hat er Johns Handeln zunächst nicht die Bedeutung beigemessen und hat sich erst nach und nach in seine Eifersucht hineingesteigert?«

»Und damit die Reihenfolge stimmt, hat er das Kapitel dann zwischen die anderen geschoben.« Ich nickte. »Das wäre eine Erklärung.«

Draußen war ein freundlicher Tag. Mitte Februar, zum ersten Mal in diesem Jahr konnte man den Frühling ahnen. Der Winter lag nun hoffentlich hinter uns, mit seiner Dunkelheit, der Kälte, dem unglaublichen Schnee.

Plötzlich hatte ich die Nacht wieder vor Augen, in der Anita Bialas starb. Stellte mir vor, wie Durian durch die Dunkelheit fuhr, durch dieses eiskalte Schweigen einer sternenlosen Winternacht, das Messer vielleicht griffbereit auf dem Beifahrersitz seines klapprigen Lieferwagens, voller Adrenalin, halb verrückt vor Angst und Wut. Zugleich zernagt von Zweifeln, gegen die er unentwegt ankämpfen musste. Kaum ein anderes Auto begegnete ihm. Die Straßen waren leer in jener Nacht. Wer nicht unbedingt fahren musste und auch nur halbwegs bei Trost war, blieb zu Hause. Die Scheinwerfer irrten durch die Nacht, durch die unentwegt wirbelnden Schneeflocken, als würde es nie, nie, nie wieder aufhören zu schneien …

»Herr Gerlach?«, hörte ich die Stimme von Durians Frau sagen. »Haben Sie noch mehr Fragen? Es wird nämlich langsam Zeit …«

Fünf Minuten blieben mir noch. Im Notfall, hatten mir die hilfsbereiten Kollegen von der Bundespolizei versichert, würde die Maschine auf die Caymans auch ein paar Minuten warten.

»Wie hat Ihr Mann eigentlich von Ihrer Beziehung zu John Karenke erfahren, wo Sie doch nicht mehr in Kontakt waren?«

Sie musterte mich irritiert. Senkte den Blick. Nickte schließlich. »Sie haben recht. Das ist seltsam.«

»Haben Sie ihm nicht doch Briefe geschrieben? Mit ihm telefoniert?«

»Nein. Jemand muss ihm wohl von John erzählt haben.«

»Vielleicht hat er einen vor der Entlassung stehenden Mithäftling gebeten zu sehen, wie es Ihnen geht.«

»So muss es wohl gewesen sein.«

»Anschließend hätte er dann das Kapitel Karenke geschrieben und nachträglich in sein Manuskript eingefügt.«

»Das klingt logisch, nicht wahr?«

Sie wurde nun mit jeder Minute unruhiger, rutschte auf ihrem Stuhl herum, sah immer häufiger auf die Uhr.

»Eine weitere Frage, die mich nicht loslässt«, fuhr ich hartnäckig fort. »Wie hat er das alles organisiert? Ich habe inzwischen erfahren, dass er erst kurz vor Weihnachten aus der Haft entlassen wurde. Gerade mal vier Wochen vor dem ersten Mord. Wie konnte er sich all die Informationen beschaffen, über die er offenbar verfügte? Woher hatte er den Lieferwagen? Das Handy, das wir bei ihm gefunden haben, die Luftmatratze, den Schlafsack? All das fällt ja nicht vom Himmel.«

Ihre Miene veränderte sich kaum merklich. »Sie denken«, sagte sie sehr langsam, »Michael muss einen Helfer gehabt haben?«

»Anders wäre das alles kaum möglich gewesen.«

Nun war sie es, die nach draußen sah, auf den Jumbojet, der inzwischen eine Neunzig-Grad-Wendung vollzogen hatte und wieder zum Stehen gekommen war, um sich dann in Bewegung zu setzen, auf eine Reise nach weit, weit fort. In ein Land ohne Winter vielleicht. In den ewigen Frühling.

Irina Durian schwieg immer noch.

»Ihr Mann ist hin und wieder spazieren gegangen«, setzte ich nach. »Erst dachte ich, um frische Luft zu schnappen und zu rauchen. Aber dann habe ich in der Ferne seine Stimme gehört. Damals dachte ich noch, er führt Selbstgespräche. Jetzt vermute ich eher, er hat telefoniert. Die ganze Zeit hatte ich das Gefühl, er wartet auf etwas.«

»Aber worauf?« Sie hatte sich gefangen und sah mir wieder in die Augen. »Worauf könnte er gewartet haben?«

Die Tür in ihrem Rücken öffnete sich lautlos. Endlich! Klara Vangelis sah herein, lächelte, reckte den Daumen, schloss die Tür wieder.

»Auf die erlösende Nachricht von Ihnen«, sagte ich und atmete auf. Seit einer Sekunde wusste ich, was ich bisher nur vermutet hatte: dass seine Frau die Person war, mit der Durian telefoniert hatte.

»Wie bitte?«, fragte sie in perfekt gespieltem Unverständnis. Und sah wieder auf die Uhr. »Ich verstehe nicht, und ich muss jetzt leider wirklich …«

»Sie müssen gar nichts, Frau Durian«, versetzte ich und erhob mich. »Ihr Flugzeug wird leider ohne Sie starten. Ich nehme Sie fest wegen des dringenden Tatverdachts auf Anstiftung und Beihilfe zum Mord.«