Theresa lachte.
»Der jugendliche Liebhaber steht kurz vor der Rente und hat fünfzig Kilo Übergewicht!« Sie schmiegte sich im Gehen an mich.
»Das stimmt überhaupt nicht«, erwiderte ich nur leicht gekränkt. »Der junge Mann ist höchstens fünfundvierzig, und beim Gewicht hast du auch maßlos übertrieben.«
»Es ist eben doch immer das Gleiche mit den Opern.« Zärtlich ausgelassen rieb sie ihre Wange an meiner Schulter.
Wir kamen aus Verdis La Traviata und waren auf dem Weg in die Pfälzer Weinstuben in der Karlsruher Südstadt, nur wenige Schritte vom Badischen Staatstheater entfernt. Ich trug denselben Anzug, den ich in der Nacht getragen hatte, als Anita Bialas starb. Obwohl es ein wenig nieselte und die Straßen feucht glänzten, roch es nach Frühling.
Irina Durians Festnahme lag inzwischen anderthalb Wochen zurück. Seither hatten wir noch keine Gelegenheit gefunden, uns zu treffen, jedoch mehrere Male telefoniert. Auf diesem Weg hatte ich erfahren, was das für eine »kuriosen Sache« war, die ihr am Abend meines Verschwindens zugestoßen war. Dass die Perlenkette, mit der Durian mich damals so aus der Fassung gebracht hatte, ein mit Ketchup dekoriertes billiges Imitat war, hatte ich ja bereits vorher gewusst.
Theresa war in der Klinik gewesen und hatte auf dem Flur warten müssen, weil ihr Mann wieder einmal Besuch von irgendwelchen Ärzten hatte. Da war plötzlich ein magerer Kerl in einem billigen Mantel vorbeigerannt, natürlich Durian, und hatte ihr die Handtasche vom Schoß gerissen. Zunächst war sie so baff gewesen, dass sie erst anfing zu schreien, als er schon außer Sicht war. Dann war sie ihm hinterher, die Treppen hinab, hatte Zeter und Mordio gebrüllt und die Handtasche nur ein Stockwerk tiefer wiedergefunden. Dass das Handy daraus verschwunden war, hatte sie erst später bemerkt. Und wie sie am nächsten Morgen Anzeige erstatten wollte, da war es schon wiederaufgetaucht. Auf dem Parkplatz in Schriesheim, vor dem Edeka-Markt, wo Durian es offenbar hatte fallen lassen.
Wir erreichten das urige, laute und schon ziemlich volle Lokal. Ein wie für uns gemachter Zweiertisch in der hintersten Ecke war noch frei. Ich hängte die Mäntel auf, wir nahmen Platz, sahen uns an. Wir waren glücklich.
»Ich habe gehört, du bekommst nun doch keinen Haftbefehl?«, fragte meine Göttin strahlend. Sie trug ein dunkelblaues schlichtes Kleid, gefährlich hohe Schuhe und dazu ihre gute alte Perlenkette. Die echte Perlenkette.
Ich küsste sie auf den schön geschwungenen, jetzt einen Spalt offen stehenden Mund, der mir nie verlockender erschienen war, schmeckte Verlangen und Zärtlichkeit. Wir hatten ein Hotelzimmer in der Nähe und mussten erst morgen nach Heidelberg zurück. Die Nacht gehörte uns.
»Es ist wie verhext«, sagte ich. »Die Frau ist unglaublich clever. Ich habe jede Menge Indizien, aber nicht einen gerichtsverwertbaren Beweis.«
»Was sind das für Indizien?«, fragte sie, plötzlich ganz Gattin des Polizeichefs.
»Es fängt damit an, dass Durian seit Wochen mit seinem Handy immer wieder eine bestimmte Nummer angerufen hat. Das Handy, zu dem diese Nummer gehört, hat sich ganz zufällig immer in der Nähe seiner Frau befunden. Natürlich läuft es nicht auf ihren Namen, sondern auf einen koreanischen Studenten, der längst wieder in seiner Heimat ist, und natürlich haben wir es nicht bei ihr gefunden. Zufälligerweise wurde von diesem Handy auch Frau Heinemann angerufen, die Freundin von Anita Bialas, um deren Aufenthaltsort herauszufinden. Weiter: Die tote Rechtsanwältin ist in den Wochen vor ihrem Tod kein einziges Mal laufen gewesen. Trotzdem wusste Durian genau, welche Strecke sie regelmäßig genommen hat, wo er sie am besten abpassen konnte. Er hat auch gewusst, dass wir beide uns treffen und wer du bist. All das kann er unmöglich in den paar Wochen seit seiner Entlassung herausgefunden haben.«
»Das heißt, sie hat ihm zugearbeitet. Okay. Aber warum? Und warum die plötzliche Hektik? Die beiden hatten doch alle Zeit der Welt.«
»Hatten sie eben nicht. Irina Durian wollte Karenke beerben. Darum ging es. Das war das eigentliche Ziel ihres Plans. Es stimmt nicht, wie sie mir erzählt hat, dass sie ihn verlassen hat. Es war genau umgekehrt: Er hat sie vor die Tür gesetzt, weil sie ihn ständig betrogen hat. Er hatte sogar schon einen Termin beim Notar, um sein Testament zu ändern. Der erste ist dummerweise geplatzt, weil der Notar die Grippe hatte. Der zweite wäre gestern gewesen. Sie waren ziemlich unter Druck, unsere beiden Hübschen. Deshalb die Eile.«
»Wird sie ihn nun tatsächlich beerben?«
»Wenn ich ihr nichts nachweisen kann, und danach sieht es ja leider aus, dann lässt sich das wohl nicht verhindern. Aber sie würde auch sonst nicht hungern müssen. Sie hatte schon sein Konto geräumt und ein Wertpapierdepot aufgelöst, für das sie noch eine Vollmacht hat. Das hat eine knappe Viertelmillion gebracht. Eine Woche vor ihrem missglückten Abflug hat sie Schmuck im Wert von über hundertfünfzigtausend Euro verkauft, den Karenke ihr angeblich über die Jahre geschenkt hat. Außerdem hatte sie schon einen Anwalt mit der Wahrung ihrer Interessen und dem Verkauf des Hauses beauftragt. Inzwischen bin ich sogar davon überzeugt, dass sie es war, die Durian damals zu dem Bankraub angestiftet und ihm die Pistole organisiert hat. Ihr Vater war Waffensammler und hatte wohl auch das eine oder andere illegale Sammlerstück im Keller. Es gibt so unglaublich viele Indizien. Das Dumme ist nur: Nichts, aber auch gar nichts kann ich beweisen.«
»Was ist mit dem Lieferwagen?«
»Gestohlen, Anfang Dezember auf einem Autobahnparkplatz in der Nähe von Paris. Zu dem Zeitpunkt hat Durian noch im Gefängnis geschmort und sich auf seine baldige Freilassung gefreut. Kennzeichen und Papiere waren professionell gefälscht. Sie muss Monate vorher mit den Vorbereitungen begonnen haben. Damit ihr Mann gleich loslegen kann, sobald er frei ist.«
»Und sie war nicht beunruhigt, als du sagtest, ihr Mann sei noch am Leben? Sie musste doch fürchten, dass er gegen sie aussagen werde.«
»Absolut nicht. Mir ist erst später klar geworden: sie war sich seiner Loyalität vollkommen sicher. Er war ihr ergeben wie ein Hund.«
Unser Wein kam endlich. Die Bedienung schwitzte. Theresa hatte einen Dürkheimer Riesling gewählt, ich eine Grauburgunder-Spätlese.
Wir stießen an.
Wir sahen uns in die Augen wie zwei seit fünf Minuten verliebte Teenager.
Wir küssten uns, als wäre es das erste Mal seit Jahren.
»Sie waren die ganzen Jahre über in Kontakt. Sie hat sich nie wirklich von ihm getrennt. Das immerhin kann ich beweisen. Na ja, fast.«
»Wie das?«
Ich drehte mein Glas hin und her und freute mich an den goldenen Lichtreflexen.
»Es gibt kein Gefängnis mehr ohne Handys. Manche Gefangenen machen gute Geschäfte damit, ihr eingeschmuggeltes Handy an Mitgefangene zu vermieten. Durian hat alle zwei, drei Wochen telefoniert. Die Nummer, die er angerufen hat, war immer dieselbe – die des koreanischen Studenten. Das Handy dazu liegt jetzt vermutlich am Grund des Neckars. Die angebliche Trennung von Durian war reine Maskerade, um Karenke zu täuschen und zu beruhigen. Vielleicht hatte sie sogar von Anfang an geplant, ihn um sein Geld zu bringen, sobald Durian aus dem Gefängnis kommt.«
»Dann wären auch die anderen Morde nur Maskerade? Das ist ja entsetzlich!«
»Nicht ganz. Das war seine persönliche Abrechnung mit der bösen Welt. Sie hat davon gewusst und ihn einfach für ihre Zwecke eingespannt. Er war vermutlich leicht davon zu überzeugen, dass es auf einen Toten mehr nicht ankommt. Ich nehme an, sie hat ihm dafür die ewige Liebe versprochen. Dass sie wieder zusammenkommen, zusammenleben, irgendwo weit weg.«
Theresa streichelte nachdenklich meine Hand. Wie hatte sie bei einer ähnlichen Gelegenheit einmal gesagt? Liebe ist, wenn man die Finger nicht voneinander lassen kann. Wir hatten seit Wochen nicht mehr miteinander geschlafen.
»Ich bin so froh«, sagte sie leise.
»Ein Gutes hat das ganze Drama immerhin.«
»Und das wäre?«
»Ich habe dreieinhalb Kilo abgenommen.«
Eine Weile lauschten wir verträumt lächelnd der Musik. Leonhard Cohen sang von Suzanne.
»Was für eine Frau«, sagte Theresa schließlich. »Wie viel muss geschehen, damit ein Mensch so wird?«
»Nicht allzu viel. Sie hat alle Chancen gehabt, die man sich wünschen kann. Sie stammt aus wohlhabenden Verhältnissen. Der Vater hatte eine gut gehende Firma, die irgendwelche elektronischen Geräte für die Druckindustrie hergestellt hat. Nebenher hat er ein bisschen an der Börse spekuliert, wie so viele. Dabei muss er sich kräftig verhoben haben, lange vor der Dot-Com-Blase. Man hat damals von Insider-Geschäften gemunkelt, bei denen ein Insider den anderen übers Ohr gehauen hat. Von heute auf morgen war seine Firma überschuldet und die Familie mittellos. Der Vater hat sich bald darauf erschossen. Mit einer der Waffen aus seiner Sammlung übrigens. Die Mutter war schon vorher psychisch nicht allzu stabil gewesen, wurde depressiv und hat angefangen zu trinken. Damals war die kleine Irina neun. Jahrelang wurde sie von einer Tante zur anderen weitergereicht, während die verarmte Mutter in Kliniken und Entziehungsanstalten verkümmert ist. Ich nehme an, damals hat sie beschlossen, nie wieder arm zu sein.«
Wir tranken wieder. Küssten uns wieder. Leonhard Cohen hatte inzwischen Patricia Kaas das Feld überlassen. Ich stellte fest, dass ich Französisch zurzeit nicht allzu gerne hörte.
»Und am Montag werde ich sie wohl oder übel freilassen müssen«, sagte ich, als wir wieder voneinander abließen. »Sie wird ungestraft davonkommen, so sehr es mich auch wurmt.«
»Das denke ich nicht«, meinte Theresa mit gesenktem Blick.
»Was denkst du nicht?«
»Dass sie ungestraft davonkommen wird.« Sie sah auf. Ihr Blick wurde ernst und traurig. »Sie muss ein zutiefst unglücklicher Mensch sein, weil sie kein Vertrauen haben kann. Sie hat ihre Männer immer nur benutzt. Sie kann nicht lieben.«
»Das sind die gefährlichsten Frauen«, sagte ich nachdenklich. »Sie machen die Männer verrückt, weil sie immer neue Liebesbeweise fordern.«
»Trotzdem wäre es mir lieber, sie würde verurteilt.«
Theresa nahm meine Hände zwischen ihre, sah mir eine Weile konzentriert ins Gesicht, als wollte sie prüfen, ob ich noch der Alte war, und sagte dann: »Ich liebe dich, Alexander.«
Sie küsste mich mit vom Wein kühlen Lippen auf den Mund.
»Das hast du so noch nie so gesagt.«
»Was ein Fehler war, ist mir in den vergangenen Tagen und Wochen klar geworden.«
»Ich liebe dich auch.«
»Na endlich.«
Plötzlich mussten wir beide lachen. Wir stießen wieder an. Ein die meiste Zeit vor sich hin schweigendes Paar am Nachbartisch sah mit dezentem Kopfschütteln zu uns herüber.
Ich senkte den Blick. Räusperte mich. »Was ich dich schon immer mal fragen wollte.« Ich räusperte mich ein zweites Mal, aber der Kloß in meinem Hals wollte sich nicht lösen. »Was ist eigentlich mit deinem Mann?«
»Egonchen?« Sie lächelte friedlich. »Der ist in unserem Haus am Bodensee und erholt sich. War ja auch für ihn keine leichte Zeit.«
»Das habe ich eigentlich nicht gemeint.«
»Es geht ihm schon wieder viel besser.«
Ich schwieg. Theresa zögerte, schlug dann die Augen nieder. »Du meinst, wegen uns?«, fragte sie endlich.
Ich musste lange auf die Antwort warten. Patricia Kaas sang mit rauchiger Stimme von Hotel Normandy.
»Ich kann es dir nicht sagen, Alexander«, sagte Theresa schließlich leise. »Es geht einfach nicht, bitte glaube mir. Nur so viel: Du musst dir keine Gedanken machen. Nichts ist so, wie du denkst.«
Ich überlegte, was ich mit dieser rätselhaften Antwort nun anfangen sollte, und küsste Theresa schließlich auf die Nase.
»Na dann«, sagte ich. »Dann ist ja wohl alles gut.«
Sie kicherte wie ein sehr glückliches Mädchen und fiel mir mit Schwung um den Hals.