Die Diskussionen darüber, wie die Blockchain neue Transaktionsdaten verarbeitet und wie sich die Knoten des Systems auf die »wahre« Transaktionshistorie einigen, haben die wichtige Rolle des Hashpuzzles hervorgehoben. Das Lösen des Hashpuzzles ist für das Erreichen und Erhalten der Integrität des Systems ein wesentlicher Faktor – doch für diese Lösung müssen Berechnungsressourcen eingesetzt werden, die Geld kosten. Daher müssen die Knoten, die zur Integrität des Systems beitragen, für ihre Leistung entschädigt werden. Im Laufe der Betrachtung sind wir davon ausgegangen, dass diese Kompensation bei den Knoten ankommt, ohne jedoch über die Art oder Form, also das Zahlungsmittel, zu sprechen. In diesem Schritt geht es ausschließlich darum, wie die Knoten für ihren Beitrag zur Systemintegrität kompensiert werden.
Stellen Sie sich vor Sie besitzen eine Backstube. Eines Tages kommt Ihnen ein großartiger Gedanke zur Gewinnsteigerung. Sie wissen, dass Geld ein knappes Gut ist. Aber es geschieht häufig, dass am Abend noch jede Menge Brot in den Regalen liegt. Deshalb entscheiden Sie sich, Ihren Angestellten den Lohn in Brot und nicht mehr in Geld zu zahlen. So schlagen Sie zwei Fliegen mit einer Klappe: Sie müssen kein Geld aufbringen, um Ihre Angestellten zu bezahlen, und auch kein Brot mehr wegschmeißen. Ihre Mitarbeiter sind nicht wirklich begeistert, aber schon bald kopieren weitere Unternehmen Ihr Konzept: Automobilhersteller bezahlen ihre Belegschaft mit Autos, Bauunternehmen errichten Häuser für die Angestellten usw. Irgendwann beschweren sich Ihre Freunde über diese unpraktische Entlohnung – bis auf den einen, der weiterhin Geld für seine Arbeit erhält. Für welches Unternehmen oder welche Einrichtung arbeitet dieser Freund wohl? Es stellt sich heraus, dass er für eine Zentralbank arbeitet, deren Zweck ja unter anderem darin besteht, Geld zu erschaffen!
Dieses Gedankenexperiment spielt mit der Abhängigkeit zwischen den Waren, die wir mit unserer Arbeitskraft erzeugen, und den Waren, die wir als Gegenleistung dafür erhalten. In diesem Schritt übertragen wir diese Metapher auf die Blockchain. Sie erfahren, dass es unter gewissen Umständen erstrebenswert für die Blockchain ist, sich wie eine Zentralbank zu verhalten, die ihre Angestellten mit den Banknoten bezahlt, die dort gedruckt werden. Doch bevor ich auf diesen Sonderfall eingehe, betrachten wir die Rolle der Gebühren und die Wichtigkeit einer Kompensation innerhalb der Blockchain einmal genauer.
In Schritt 18 haben Sie erfahren, dass in der Blockchain das Prinzip Zuckerbrot und Peitsche verwendet wird, damit die Peers im System einander kontrollieren. Der Wettlauf um die Belohnung und die Gefahr einer Bestrafung sind die beiden Kräfte, die für eine ordnungsgemäße Überprüfung der Transaktionen im System durch die Peers sorgen. Gleichzeitig wird dadurch auch erreicht, dass die Transaktionshistorie, in der die größten kollektiven Anstrengungen versammelt sind, als maßgebliche Historie ausgewählt wird. Belohnung und Bestrafung sind mithilfe von Gegenleistungen auf der Basis von Transaktionsgebühren und Hashpuzzles implementiert.[1] Dieser Effekt ist in allen Blockchain-Anwendungen ungeachtet des spezifischen Ziels vorzufinden, allerdings ist die Auswahl für ein bestimmtes Zahlungsmittel, mit dem die Unterstützer des Systems kompensiert werden, nicht in allen Blockchain-Anwendungen identisch. Das Definieren und Verwenden eines Zahlungsmittels, das die Peers für das Überprüfen und Eintragen neuer Blöcke in die Blockchain erhalten, gehören zu den größten Herausforderungen bei der Konzeption einer Blockchain-Anwendung. Aus der Entscheidung für ein Zahlungsmittel ergeben sich die folgenden Konsequenzen:
Auswirkung auf die Integrität des Systems
Auswirkung auf die Offenheit des Systems
Auswirkung auf die verteilte Natur des Systems
Auswirkung auf die Philosophie des Systems
Die Kräfte der Belohnung und der Bestrafung bilden die Grundlage für das Erreichen und Erhalten von Integrität in der Blockchain. Das funktioniert, weil die Peers im System eine wertvolle Kompensation für das Erhalten der Systemintegrität bekommen. Aber woher wissen wir, dass die Peers tatsächlich eine wertvolle Kompensation für ihre Arbeit erhalten? Das ist des Pudels Kern. Welches Zahlungsmittel gilt als wertvoll und ist der Erhaltungsarbeit am System angemessen? Was geschieht, wenn von diesem Zahlungsmittel bekannt ist, dass es seinen Wert einbüßt oder dass es nicht vertrauenswürdig ist? Können wir davon ausgehen, dass die Peers, die zum Erhalt der Blockchain beitragen, dies auch dann noch tun, wenn sie als Kompensation ein nicht vertrauenswürdiges und wertloses Zahlungsmittel erhalten? Sicher nicht. Ein Mangel an Vertrauen in das Zahlungsmittel für die Kompensation der Peers vergiftet das gesamte System. Die Vertrauenswürdigkeit des Zahlungsmittels, mit dem die Unterstützer des Systems kompensiert werden, wirkt sich direkt auf die Vertrauenswürdigkeit der Blockchain aus.
Die Blockchain ist als offenes Peer-to-Peer-System konzipiert. Jeder Mensch kann seinen Computer mit dem System verbinden und wird für Beiträge zum Erhalt der Integrität belohnt. Doch was geschieht, wenn das Zahlungsmittel für die Kompensation der Peers nicht so offen ist wie das System selbst? Was, wenn für die Kompensation ein Zahlungsmittel verwendet wird, das nur in bestimmten Ländern verfügbar ist oder akzeptiert wird? Was, wenn es Zahlungsverkehrsbeschränkungen unterliegt? In all diesen Fällen stellt das Zahlungsmittel ein Hindernis dar, denn es läuft der technischen Offenheit des Systems durch die Errichtung wirtschaftlicher Hürden entgegen.
Die Blockchain ist ein rein verteiltes Peer-to-Peer-System ohne ein Element der zentralen Kontrolle oder Koordinierung. Doch was geschieht, wenn das Zahlungsmittel für die Kompensation der Peers durch eine zentrale Einrichtung kontrolliert und geregelt wird? Ganz klar: Über diese Hintertür könnte Zentralität Einzug in das System halten. Das würde der verteilten Natur des Systems widersprechen.
Die bisherige Diskussion hat gezeigt, dass die Eigenschaften des Zahlungsmittels, mit dem die Peers für ihre Unterstützung des Systems kompensiert werden, das Potenzial haben, den wesentlichen Merkmalen der Blockchain entgegenzulaufen. Das führt uns zu einer fundamentalen Frage: Wie kann ein rein verteiltes Peer-to-Peer-System, das mit dem Ziel der Freiheit von einer zentralisierten Kontrolle konstruiert wurde, als glaubwürdig gelten, wenn es zur Kompensation seiner Peers ein Zahlungsmittel einsetzt, das den zentralen Werten des Systems widerspricht? Jede Blockchain, die von sich behauptet, vollständig offen und rein verteilt zu sein, muss diese Frage zufriedenstellend beantworten können.
Um möglichst wenig Reibungspunkte mit den Zielen und Werten der Blockchain zu bieten, muss das Zahlungsmittel für die Kompensation von Peers folgenden Anforderungen genügen:
Es muss in digitaler Form verfügbar sein, denn andernfalls könnte es nicht Teil der Blockchain sein.
Es muss in der Realität als Zahlungsmittel akzeptiert werden, denn andernfalls könnten die Peers ihr aus der Unterstützung des Systems erzieltes Einkommen nicht nutzen, um Rechnungen im Alltag zu begleichen.
Es muss sich um ein in allen Ländern akzeptiertes Zahlungsmittel handeln, denn andernfalls ist eine Unterstützung für Peers in Ländern, in denen es nicht als Zahlungsmittel akzeptiert wird, nicht lohnenswert.
Es darf keinen Zahlungsverkehrsbeschränkungen unterliegen, denn andernfalls gäbe es Einschränkungen bei der Übertragung an die Peers.
Es muss wertstabil sein, denn andernfalls würden die Peers dem wirtschaftlichen Risiko eines Kaufkraftverlustes unterliegen.
Es muss vertrauenswürdig sein, denn andernfalls würde es die Fähigkeit der Blockchain untergraben, Vertrauen zu schaffen.
Es darf nicht durch eine einzelne zentrale Organisation oder einen Staat kontrolliert werden, denn andernfalls würde es einen ernsthaften Konflikt zur verteilten Natur der Blockchain darstellen.
Diese Liste liest sich wie eine Wunschliste für eine perfekte Weltwährung. Es überrascht wenig, dass keine der vorhandenen Fiat- oder Papierwährungen diese wünschenswerten Eigenschaften erfüllt.
Gerade haben Sie die Wunschliste für ein Zahlungsmittel zur Kompensation von Peers in einer Blockchain gelesen. Sie haben auch erfahren, dass keine der heutigen Papierwährungen diese Wünsche erfüllt. Das ist recht ernüchternd, denn jeder einzelne Punkt auf der Liste ist für sich genommen schon wertvoll. Eine Währung oder ein Zahlungsmittel mit diesen Eigenschaften wäre nicht nur zur Kompensation von Peers in einem verteilten System, sondern auch in vielen anderen Fällen nützlich. Und tatsächlich haben sich schon viele kluge Köpfe mit diesem Problem befasst. Die erste und bekannteste Blockchain-Anwendung wurde als Lösung für genau diese Herausforderungen entwickelt. Die Idee dieser Blockchain ist brillant: Es ist ein rein verteiltes Peer-to-Peer-System zur Verwaltung von Eigentum an einer neuen Art von digitalem Geld, das wiederum zur Kompensation der Peers im System für das Überprüfen und das Eintragen neuer Blöcke in die Blockchain-Datenstruktur verwendet wird. Diese besondere Art von neuem Geld verbindet das Anwendungsziel – das Verwalten oder Regeln von Eigentum an einer neuen Art von Geld – mit dem Bedürfnis nach einem vertrauenswürdigen Zahlungsmittel zur Kompensation der Unterstützer. Die Rede ist natürlich von Bitcoin. Das Bitcoin-System regelt nicht nur das Eigentum an dem neuen digitalen Geld in einem rein verteilten Peer-to-Peer-System, sondern es kompensiert außerdem die Peers mit genau dem Geld, zu dessen Integrität diese beitragen. Da die Blockchain in hohem Maße von der Kryptographie abhängig ist, wird eine solche Art von Geld auch als kryptographisches Geld oder kurz als Kryptowährung bezeichnet. Verallgemeinert lässt sich sagen, dass Bitcoin und viele andere Kryptowährungen den Backstuben aus der Metapher ähneln: Sie bezahlen ihre Angestellten mit dem »Brot«, das sie produzieren (also der neuen digitalen Währung).
In diesem Schritt haben wir die Wichtigkeit des Zahlungsmittels behandelt, das als Kompensation für die Peers der Blockchain dient. Damit haben wir die Schrittfolge abgeschlossen, in der die Grundprinzipien der Blockchain nacheinander betrachtet werden. Im nächsten Schritt werden die einzelnen Teile zusammengefügt. Gleichzeitig stellt er eine Zusammenfassung des bisher Gelernten dar.
Die Blockchain nutzt Gebühren, um Peers für ihren Beitrag zur Systemintegrität zu kompensieren.
Das Zahlungsmittel für die Kompensation der Peers wirkt sich auf viele wesentliche Merkmale der Blockchain aus:
Integrität
Offenheit
Verteilte Natur
Philosophie des Systems
Die wünschenswerten Merkmale eines Zahlungsmittels für die Kompensation von Peers sind folgende:
Verfügbarkeit in digitaler Form
Akzeptanz in der Realität
Akzeptanz in allen Ländern
Keine Zahlungsverkehrsbeschränkungen
Vertrauenswürdigkeit
Keine Kontrolle durch eine zentrale Organisation oder einen Staat
Eine Kryptowährung ist eine unabhängige Digitalwährung, deren Eigentum mithilfe einer Blockchain geregelt wird, die diese Währung auch als Zahlungsmittel für die Kompensation von Peers verwendet, die zum Erhalt der Systemintegrität beitragen.
[1] Nakamoto, Satoshi. Bitcoin: A peer-to-peer electronic cash system. 2008. https://bitcoin.org/bitcoin.pdf.